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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

(Bruder vermißt bitter seinen geliebten Herrn und manches andre. Bleibt aber treu Tradition und Pflicht)

Mein geliebter Herr war fort. Hete blieb gut zu mir. Eine ganze Zeit lang noch.

Manche helle und dunkle Stunden waren vergangen, bis ich den ersten Tritt gegen die Schnauze erhielt. Hete bedauerte ihn sofort. Sie warf mir ein Stück Schokolade zu. Es blieb auf dem Boden liegen.

Hete hatte ein Briefblatt in der Hand gehabt. Ich witterte daraus den Hauch meines geliebten Herrn. Ich hatte es ihr entreißen wollen.

Hete saß Herrn Konstantin gegenüber. Sie hatte ihm erzählt, Achim schriebe, daß er ihr alle Steine aus dem Wege räumen wolle. Sie aber hätte gar nichts gegen Steine einzuwenden, wenn sie echt wären. Dann lachte sie und Herr Konstantin stimmte ein.

Hier war es, wo meine ungeschickte Schnauze auf das Blatt in ihrer Hand schnaufte, weil der Hauch meines geliebten Herrn mich fortgerissen hatte.

Herr Konstantin sagte, Hunde wären etwas für Studenten oder Landstreicher, aber nicht für schöne Frauen.

Hete erwiderte, daß ein Hund sehr kleidsam sein könne.

Ich würde auf der Bühne eine famose Dekoration abgeben können. Wäre ich nur weniger musikalisch.

Sie sprang auf, setzte ihren Fuß auf mein Fell und sang, in Tönen, als sänge ich es selber, daß auch das Tier eine Seele habe, man müsse nur nicht fragen wo.

Herr Konstantin lachte schallend.

Ich verkroch mich unter das Sofa.

Herr Konstantin sagte, die ganze Wohnung rieche nach Hundehütte.

Hete schlug nach ihm, mit einem Schleier, den sie gerade hatte umlegen wollen.

Konstantin schlug mit der andern Seite des Schleiers zurück. Plötzlich klammerte er einen Arm um Hete.

Ich warf mich zwischen sie. Stand auf den Hinterbeinen und stellte Herrn Konstantin. Ich wandte den Kopf nach Hete. Ich wartete auf das Packan.

Herr Konstantin begann nach Schweiß zu riechen. Er rührte sich nicht. Ich auch nicht. Meine Beine zitterten und schmerzten. Ich keuchte.

Hete lachte schallend. Endlich rief sie nicht: »Pack an,« sondern »Kusch dich.«

Ich setzte mich.

Herr Konstantin wischte sich Tropfen von der Stirn und zündete sich eine Zigarette an.

Nicht viel später war meine liebe Decke verschwunden. Sie lag nicht mehr unter Hetes Bett. Ich hatte keine Schlafstätte mehr. Ich durchsuchte die Wohnung vergebens. Ich winselte. Man faßte mein Winseln falsch auf. Man ließ mich auf die Straße hinaus.

Als ich wieder zurückkehren wollte, öffnete niemand die Tür. Ich bellte lange. Immer heftiger. Man öffnete mir erst, als sich alle Hausbewohner zusammengefunden hatten.

Man war sehr lustig. Ich begann wieder nach meiner lieben Decke zu suchen. Hete rief: »Hier, Bruder.« Aber sie hatte nur ein Weinglas in der Hand. Sie lachte und schwankte, nur Weindunst war zu wittern.

Ich sollte trinken. Es war Wein. Herr Konstantin schüttete lachend die volle Aschenschale darin aus. Ich wendete meine Schnauze weit davon ab.

Die Glocke läutete.

Ich bellte heftig. Ich roch Maxl und seinen Herrn, den alten Bettler.

Hete hielt mein Gebell für Freude. Sie rief: »Das ist Achim.«

Lachend riß sie weit die Flurtür auf. Der alte Bettler stand davor, mit vorgestreckter, krummer Hand. Hinter ihm saß der blinde Maxl. Er kroch hervor, um mich rückwärtig zu begrüßen.

Hete prallte zurück.

»Pfui Deixel,« rief sie.

Herr Konstantin lachte. Er reichte dem Bettler das Glas mit Wein und Asche, das ich verschmäht hatte.

Der Alte trank es aus, er schnalzte mit der Zunge und sagte, ein guter Trunk mache Alte jung.

Hete lachte wieder.

Sie mischte mit Herrn Konstantin allerhand zusammen, was sie dem Alten zu trinken gab. Ein Glas nach dem andern. Er begann zu singen, von drei Burschen, die über den Rhein gezogen waren.

Hete wälzte sich auf dem Boden vor Lachen.

Plötzlich brach der Bettler seinen Gesang ab. Es war ihm übel geworden. Er mußte schleunigst hinaus. Der blinde Maxl lahmte ihm nach. Er hatte inzwischen meinen Futternapf leer gefressen.

Hete spritzte den Flur mit Parfüm aus. Sie lachte wie Taubengegurr, ohne Unterlaß.

Mit eins hörte sie auf mit Lachen und begann zu weinen. Sie fragte, wenn der alte Mann nun der liebe Gott gewesen wäre? Als Kind habe sie einmal etwas Ähnliches gelesen. Sie weinte sehr. Ich leckte ihren Schuh.

Konstantins Stimme ließ mich die Ohren spitzen. Der Klang war böse.

Er sagte, es wäre ekelhaft, daß Estella immer zu heulen begänne, wenn sie betrunken wäre. Das solle sie sich abgewöhnen. In vino veritas. Sie verrate damit kümmerliche Abstammung.

Hete weinte wieder.

»Wenn es nun aber doch der liebe Gott gewesen?« sagte sie immer wieder, immer wieder.

Dann war sie plötzlich eingeschlafen, auf dem Teppich vor dem Sofa.

Ich legte mich zu ihren Füßen.

Herr Konstantin pfiff mir.

Ich blieb an meinem Platz. Man muß wissen, daß man sich nicht von jedem befehlen lassen darf.

Herr Konstantin holte Fleisch und Wurst vom Tisch, füllte damit meinen Futternapf und stellte ihn in das Nebenzimmer.

Ich rührte mich nicht. Ein Dobermann frißt nicht außer der Zeit.

Nach einer Weile hörte ich Herrn Konstantin die Flurtür von außen zuschlagen.

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