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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Einundzwanzigstes Kapitel

(Bruder und sein geliebter Herr sind in der Hauptstadt. Frischen alte Bekanntschaften auf und machen neue)

Von der Zeit, die nun verging, erinnre ich erst wieder, daß wir in der Hauptstadt waren. Mein geliebter Herr und ich promenierten durch belebte Straßen.

Ich mußte dicht neben meinem geliebten Herrn gehen. Auch wenn ich andern Hunden begegnete, selbst weiblichen, durfte ich keinen Seitensprung machen.

»Bruder,« grunzte mein geliebter Herr lachend, schon wenn ich die Ohren spitzte, und ich verstand und gehorchte.

Mir erscheint es heute, als wären mein geliebter Herr und ich damals immer zusammen gewesen. Als hätte er in jenen Tagen immer nur mit mir gesprochen.

Doch weiß ich gleichzeitig, daß es nicht so gewesen sein kann. Ich erinnere mich ebenso genau, daß, wenn das Licht aus dem Finstern stieg, wenn draußen Schritte zu klappen begannen, erst vereinzelte und dann viele schnelle Füße unter den Fenstern zu hören waren, sich auch bald die Schritte meines geliebten Herrn in das Getrapp der Eile draußen mischten. Daß es wieder dunkel werden mußte, bis ich seine Schritte wieder näherkommen spürte. Er arbeitete bei einem Geschäftsfreunde des Herrn Senators. Wenn er mich verließ, sagte er, daß er nun in die Geheimnisse des Kaffeeimports tauchen müsse. Ich solle gescheit sein und mich ebenfalls in das Unvermeidliche finden.

Ich blieb zurück. Auch um meine Schnauze wehte hier Kaffeedunst. Wir wohnten bei der alten Witwe Schaumlöffel, die immer Kaffee trank, sobald sie vor einem Tisch saß. So wie ich die Karnickel immer Kohlblätter knabbern sah, wenn man sie in ihrem Kasten in Ruhe ließ.

Die Witwe Schaumlöffel stellte auch mir stets eine Schale Kaffee zurecht, mit eingeweichten Brotbrocken darin, genau wie für sich selbst. Nach einigen Tagen vermochte ich das Zeug nicht mehr zu schlucken. Ich ließ es stehen.

Die Witwe Schaumlöffel meinte, daß ich wohl ebenso verwöhnt mit Kaffee wäre, wie mein geliebter Herr. Aus Kostarika, Jamaika und wo sonst noch so die Schwarzen wohnten, sei ihr Kaffee nicht. Er wäre nicht einmal Primamischung, sondern nur Mischung Nummer drei. Das wäre ihr ganzes Leben gewesen: Mischung Nummer drei. Wäre ihr aber doch ganz gut bekommen.

Mein geliebter Herr sagte, er und mancher, der ebenso dächte, werde dafür sorgen, daß bald alle Primaqualität trinken würden oder niemand mehr.

Die Witwe Schaumlöffel setzte erschreckt die Kaffeetasse aus der Hand.

»Gott behüte,« sagte sie. »Gehören auch Sie zu solchen? Und haben es doch gar nicht nötig. Jung, hübsch, gesund und reich.«

Einige Zeit später ließ ihr mein geliebter Herr einen ganzen Sack Kaffee, Primaqualität, in die Küche setzen.

»Gott behüte,« sagte die Witwe Schaumlöffel wieder. Sie glaubte, der Sack wäre für mich bestimmt, weil ich so herrschaftlich verwöhnt wäre. Mein geliebter Herr nahm seine Mahlzeiten nicht im Haus ein. Aber er brachte mir stets ein Paket vorzüglicher Knochen. Im übrigen sorgte die Witwe Schaumlöffel für mich.

Knochen fielen da allerdings wenig ab. Wenn die Witwe Schaumlöffel einen Pfennig übrig hatte, kaufte sie nicht, wie ich es einst bei Robert erlebt hatte, Fleisch zur Suppe dafür, sondern sie schickte ihn an eins ihrer Kinder.

Diese Kinder standen in Photographien um uns herum. Die Witwe Schaumlöffel sprach mit ihnen so viel, wie mit mir. Ich kannte alle bei Namen. Den Hans und die Annalene, den Friedrich und die dicke Marie. Die Marie nannte sie ihr Nesthäkchen. Zu ihr sprach sie am häufigsten. Sie war auf dem Bild eine dicke Dame, von sieben Kindern umkränzt. Die Witwe Schaumlöffel freute sich, daß ich alle Namen genau auseinander zu halten verstand. Sie machte oft die Probe. Sie rief: »Wo ist mein Hänschen, wo mein Friedrich, wo mein Nesthäkchen?« Ich sprang zu dem betreffenden Bild und bellte es an.

Das machte ihr große Freude. Sie sagte, eine schönere Zerstreuung könne sie sich gar nicht denken. Sie nannte mich gescheiter, als ihre Nachbarin, die nie die Namen ihrer Kinder auseinander halten konnte.

Mein geliebter Herr erklärte der Witwe Schaumlöffel, daß der Sack Primaqulität ganz für sie allein bestimmt wäre. Denn sie selbst wäre auch Primaqualität. Mehr als manche vornehme Dame.

Die Witwe Schaumlöffel wollte nichts davon hören. Sie hielt sich die Ohren zu, um die schon ein Tuch gewickelt war. Sie meinte, mein geliebter Herr solle die Welt nehmen, wie sie wäre. Es käme schon alles von selbst zurecht. Unterschied zwischen den Menschen müsse sein. Sie glaube nicht daran, daß der Erde Alltagskleid etwas anderes sein könne, als Arbeit und Sorge. Wäre alles nur Freude, woraus sollte das Feierkleid geschnitten sein?

Mein geliebter Herr antwortete, alte Leute fürchteten nur den Staub, den das Kampfgewühl in ihre Gewohnheiten wirbeln könnte.

So stritten sie hin und her. Aber ohne Katzendunst und Stimmenschärfe. Während mein geliebter Herr der Witwe Schaumlöffel das Holz in der Küche spaltete, das ich im Maul zum Winkel trug, in den es gehörte.

Die Witwe Schaumlöffel meinte, dies wäre keine Beschäftigung für uns feine Herren.

Mein geliebter Herr fragte, ob es besser eine Tätigkeit für eine Siebzigjährige wäre? Die Witwe Schaumlöffel lachte und sagte, daß sie das alles ihren Kindern schreiben müsse. Ich trug ihr damals manchen Brief zur Post.

Ich sagte schon, daß sie viel zu mir redete. So meinte sie oft nachdenklich, daß Geld gewiß nicht viel bedeute für jemanden, der schon sein Grab dicht vor der Nase sähe. Aber sie müsse doch bewundern, daß ich mehr wert wäre, als ihr Seliger in zwei Jahren hatte verdienen können. Für sie würde wohl keiner einen Pfennig zahlen. Es wäre recht falsch, wenn man behauptete, daß die Menschen mehr wert wären, als die Tiere. Dann lachte sie.

Oft kam dann die Nachbarin hineingehumpelt, sah sich überall um und humpelte wieder hinaus. Nachdem sie gemurrt hatte, warum sich die Witwe Schaumlöffel so anstelle, als habe sie interessanten Besuch.

Wieviel Tage so dahingelaufen sein mochten, weiß ich nicht mehr. Eine unerwartete Begegnung änderte unsere Lebensordnung.

Ich selbst war daran beteiligt. Es war an dem Kreuzpunkt zweier lärmender Straßen. Kreuz und quer jagten Räder, Schienen, Füße, plötzlich witterte ich etwas. Ich jagte unter einem Pferd hindurch auf die andre Seite der Straße. Der Hauch, der mich anlockte, aus Schnee gemischt und Schokolade, führte mich vorwärts. Ich sprang an einem Pelz empor, der eine schlanke Dame einhüllte. Ich zerrte an einem weichem Ärmelaufschlag.

Die Dame schrie und lachte durcheinander. Ich wußte nun genau, daß ich mich nicht geirrt hatte. Ich bellte tüchtige Freude.

Der Herr zur Seite der Dame, schlank, mit einem Glasscherben in einem Augenwinkel, schlug mit seinem dünnen Spazierstock kraftlos auf mein dickes Winterfell.

Ich bellte umso vergnügter. Ich zerrte an dem großen weichen Muff. Ich spürte darin ein Schokoladentütchen. Gerade wie damals.

Ein Fußtritt unter den Schwanz machte sich fühlbarer. Er rührte aus dem Kreis der vielen, die uns plötzlich umstanden. Die Pfiffe meines geliebten Herrn schrillten. Es war ihm nun auch gelungen, durch das Wagengewirr hindurchzukommen. Er riß mich am Halsband zurück.

Ich bellte in zwei kurzen Anschlägen. Mein geliebter Herr wußte, daß sie in Menschensprache »Schafskopf« heißen würden. Daß ich dann etwas gewittert, was er noch nicht bemerkt hatte. Er stutzte.

Das Fräulein lachte und hob den dichten Schleier, die Flocken des feuchten Herbstschnees wirbelten auf ihr rosiges Gesicht.

Nun begriff mein geliebter Herr endlich, daß es Hete war, die zwischen uns und den vielen fremden Menschen stand.

Wir kehrten alle gemeinsam um. Der Herr mit dem Glasscherben vor dem Blick und mein geliebter Herr hatten sich ihren Namen zugemurmelt und sich gegeneinander verbeugt. Sie schritten links und rechts von Hete.

Der Schnee umwirbelte uns. Hete lachte immerfort und schob mitten im Straßengewühl ein Stückchen Schokolade, auf das sich schnell eine Schneeflocke gesetzt hatte, zwischen die Lippen meines geliebten Herrn.

Auf mich achtete man nicht. Ich benutzte dies. Ich war damals in dem Alter, wo man mitnimmt, was sich bietet. Ich spreche solchem Leichtsinn nicht das Wort. Beinahe hätte es damals die Foxterrierin, weil sie mich an Jette erinnerte, dahin gebracht, daß ich die Spur meines geliebten Herrn verloren hätte.

Er ging einen neuen Weg. Nach Hetes Heim. Gerade ehe eine schwere Tür ins Schloß fallen wollte, klemmte ich mich schweißgebadet von Schreck und Eillauf hinter meinem geliebten Herrn hinein ...

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