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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/berend/brudersb/brudersb.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Neunzehntes Kapitel

(Bruder will schlau sein, aber wieder zwingt ihn Pflichttreue dazu, sich in ein falsches Licht zu setzen)

In den nächsten Tagen sorgte ich dafür, daß man möglichst wenig an mich erinnert wurde.

Seit mein geliebter Herr mir den Weg über die Gesindetreppe gezeigt hatte, bevorzugte ich diese, wenn ich zu ihm gelangen wollte.

Draußen strichen Feuchtigkeit und Wind über mein Fell. Aber auch im Haus glitt durch alle Ofenwärme stets ein kühler Streifen, wie wenn immer irgendwo ein Fenster oder ein Türspalt geöffnet wäre. Unruhe ging von jedem Bewohner aus. Es geschah unaufhörlich etwas. Ein Meinungsaustausch folgte dem andern. Ich duckte mich vor jedem beiseite, dem ich begegnete.

Ich hörte, daß man mich hatte abschaffen wollen. Es hatte in der Zeitung gestanden, daß ich meinen geliebten Herrn an falscher Stelle im Theater gesucht hatte. Mein Bild war auch in einem illustrierten Blatt zu sehen gewesen. Die schmale Elvira hatte es an der Innenwand meiner vornehmen Hütte befestigt.

Die gnädige Frau war empört über dieses Bild. Das mich auf der vornehmsten Bühne der Stadt zeigte. Mich wunderte dies. Ich erinnerte mich, daß die gnädige Frau sehr zufrieden gewesen war, als sie selber in einem solchen Blatt abgebildet worden, damals, als die ganze Familie das Findelhaus besucht hatte. Ich gehörte doch auch zum Haus. Sogar meine Medaille: toujours fidel, war deutlich auf dem Bild zu erkennen.

Die gnädige Frau jedoch nannte das Bild den Tropfen, der das Faß überfließen lasse. Sie hätte genug von mir. Ich müsse fort.

Mein geliebter Herr sagte, daß seine Mutter dann auch ihn aus dem Haus jagen solle.

Die gnädige Frau erwiderte, daß sie darauf keine Antwort habe.

Zu meiner Beschämung nahm mich der Herr Senator selbst in Schutz.

Er sagte, in seiner leisen Art, der niemand zu widersprechen wagte, er wünsche, daß ich im Haus bleibe. Für die nächste Zeit. Jedenfalls solang Onkel Tom noch unter ihnen wäre.

Die gnädige Frau sagte, sie begriffe nicht, in welchem Zusammenhang ich mit Onkel Tom stände. Sie wisse nur eins, daß auf jeden hier im Hause mehr Rücksicht genommen werde, als auf sie. Damit ging sie hinaus.

Der Herr Senator blickte auf seine Fingernägel und schritt langsam zur entgegengesetzten Tür hinaus.

Mir pfiff mein geliebter Herr. Er befahl mir, mich auf die Hinterbeine zu stellen und riet mir ernstlich, nun einige Zeit keine Dummheiten zu machen, mich ein wenig diskret zu benehmen.

Ich versprach es ihm mit Blicken und mit Wedeln.

Aber man kann nicht immer, wie man will. Man muß tun, was man soll.

In einer der nächsten Nächte war ich genötigt, das ganze Haus aus dem Schlaf zu bellen.

Ich hatte wieder einmal in meiner vornehmen Hütte gelegen. Es war mir nicht gelungen, zur Zimmertür meines geliebten Herrn zu schleichen. Die schmale Elvira hatte mich an die Kette gelegt. Zuvor hatte Karl das gleiche versucht. Aber ihn hatte ich dies nicht gelingen lassen. Von der schmalen Elvira hatte ich nichts Arges erwartet, obwohl mich Erinnerung hätte warnen können. Aber man wird nie gescheit unter den Menschen. Ihre Schliche sind zu tausendfältig. Kein Instinkt reicht da aus. Wenigstens mir scheint es, daß dem so ist.

Es war spät dunkel geworden im Haus. Nachdem in den Herrschaftszimmern, wie in der Gesindestube die Luft von Unruhe und Erregung tagsüber ungleichmäßig bewegt gewesen war.

In jenem Zimmer, das ich auch in jenen Tagen, wo ich noch beliebt war bei jedermann, nicht betreten durfte, der vielen zierlichen Figürchen wegen, spürte ich von der Schwelle aus stets die Fährte das Feudalen.

Einmal schlich ich mich hinein. Auf dem Sofa, dessen Seide wie der Himmel im Sommer gefärbt war, saß der Feudale neben Fräulein Angelika. Er hielt ihre Hand. Wie ich dies schon öfters beobachtet hatte bei Herrn Harald, Herrn Assessor Gerstenroth, auch beim Scharmanten. Es war kein Grund, Vorsicht zu bellen. Unbemerkt strich ich wieder hinaus.

In der Gesindestube sprach man davon, daß Fräulein Angelikas echtgoldene Locken wieder das Wappenschild des Feudalen vergolden würden, was ihm not täte.

Karl behauptete, daß beinah um ein Haar, und zwar um kein goldenes, die ganze Herrlichkeit hier versunken wäre. In den Kaffeeimport hätte ein großes Unwetter geschlagen und der Herr Senator habe sich nur in letzter Stunde an einem Strohhalm gerettet. Wie man munkelte, wäre dieser Strohhalm nichts anderes gewesen, als ein Testament des Onkel Tom.

Karl hatte dies an der Börse gehört. Er verriet, daß er selber auch ein wenig spekuliere. Das müsse man wohl in einer Stadt, wo die Börse goldene Türme habe. Auch wäre man zu gut gewöhnt, um in alten Tagen trocken Brot und Schnupftabak kauen zu wollen. Es hieße sich also beizeiten vorsehen.

Er lachte, rieb sich die Hände und zündete sich eine Zigarre an. Er rauchte immer die gleichen großen Zigarren, wie der Herr Senator. Was mich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit beinah irregeführt hätte.

Wenn Karl hinaus war, sagte die dicke Lina, man müsse zugeben, daß Karl Bildung besäße. Man erfahre immer etwas Neues von ihm. Wenn man auch nicht wisse, wieviel daran Wahrheit wäre.

Allzuviel schwatzte sie damals nicht. Sie war, wie alle andern, stets in Bewegung. Es wurde damals viel gekocht und gegessen.

Auch an jenem Abend, von dem ich sprechen will, war die Küche voll Dampf. Ich hatte mich nicht darin aufhalten wollen. Appetit hatte ich nicht. Speckrinden, Fleischknorpel und andre gute Sachen waren mir in Unmengen zugeworfen worden. Man bereitete ein großes Essen vor. Für den kommenden Tag, der Verlobung feiern sollte, mit vielen Gästen.

In dem großen Speisezimmer hatte es bis lange in die Dunkelheit hineingeklirrt. Alle Schrankschlüssel hatten geknackt in ihren Schlössern.

Dann und wann tönte die Stimme der gnädigen Frau zu mir hinaus. Sie rief eine hohe Ziffer nach der andern. Die Gnädige erklärte der schmalen Elvira den hohen Wert jedes einzelnen Stückes.

Fräulein Angelika hatte helfend dabei sein wollen. Aber die gnädige Frau hatte es nicht gestattet. Sie sagte, Fräulein Angelika müsse an ihrem Ehrentag von allem überrascht werden, wie eine Prinzessin im Märchen.

Es gab auch eine Überraschung. Doch schien sie nicht von der Art, wie die gnädige Frau sie gewünscht hatte. Ich hätte sie verhindern können, hätte ich nicht an der Kette gelegen und wäre die gnädige Frau weniger nervös gewesen. Ich hätte dazu beitragen können, sie zum Teil wieder gut zu machen, wären die Menschen weniger schwer von Verständnis.

Ich lag also an der Kette. Ich hatte aus Verdruß darüber noch keinen Schlaf gefunden, als ich spürte, daß sich durch die Stille Füße bewegten. Bald wußte ich, daß es niemand anders waren, als Karl und die schmale Elvira. Es war schon oft geschehen, daß sie die Ruhe der Nacht störten. Ich dehnte mich und gähnte. Aber mein aufgerissenes Maul schnappte schnell wieder zu. Meine Ohren spitzten sich so spitz sie konnten. Ein fremder Schritt, eine unbekannte Spur strömte zu mir durch das Dunkel. Keine Stimme war zu hören. Ganz leise klirrte ein Fenster. Ich spürte die Körper von Karl und der schmalen Elvira, sie neigten sich dem Fremden zu, reichten ihm etwas hinaus. Ich witterte den Schweißgeruch der Eile, Angst, Erregung.

Ich begann, wie rasend zu bellen. Ich hörte die fremden Schritte davonspringen, sah einen Schatten mit aufgetürmten Rücken dem Gittertor zujagen.

Ich riß verzweifelt an meiner Kette. Meine ganze Kraft aber reichte nicht weiter aus, als meine vornehme Hütte ein Stückchen hinter mir her zu schleifen. Zu sonst nichts.

Dazu verwirrte es mich sehr, daß man mir aus allen Fenstern der Schlafzimmer fortwährend »Kusch« zuschrie.

Frau Alwine war in ebensolcher Wut wie ich.

Sie schrie, daß man Ruhe brauche für den kommenden Tag, ich ruiniere das ganze Haus.

Auch der Herr Senator rief mit seiner harten, immer ruhigen Stimme: »Kusch, kusch.«

Auch Fräulein Angelika zischte: »Kusch, kusch, kusch.«

Was sollte ich tun?

Mein geliebter Herr war der einzige, der nicht zu hören war. Ich wußte, wenn er schlief, dann schlief er. Fest, wie ein blinder, neugeborner Hund. Und doppelt wachte ich darum.

Karl und die schmale Elvira waren verschwunden.

Ich bellte weiter, bis ich heiser wurde. Dann bellte ich heiser weiter.

Die gnädige Frau klingelte, klingelte, klingelte.

Nach langer Zeit kam die schmale Elvira wieder zum Vorschein. Sie rief zur gnädigen Frau hinauf, daß sie fest geschlafen und nichts gehört hätte. Kein Wunder das, nach solchem Arbeitstag. Sie wolle Karl wecken und mit ihm das Haus ableuchten. Vielleicht, daß sich jemand Fremdes eingeschlichen habe.

»Unsinn,« rief die gnädige Frau zurück. »Wer sollte sich denn eingeschlichen haben? Es ist doch noch nie etwas Derartiges vorgekommen.«

Nach einer Weile hörte ich Rufen, Geschrei.

Das ganze Haus wurde hell, wie sonst nur bei Festgesellschaften.

Alle stürzten aus ihren Zimmern.

Ich hörte Frau Alwine aufkreischen, wie schon einmal, als ihr im Garten eine Maus zwischen die Füße gelaufen war.

So viel wie ich verstehen konnte, war alles Silber gestohlen worden, das für den morgigen Tag bereitgelegt worden war.

Der Dieb mußte durch ein Fenster eingestiegen sein, das man offen gefunden hatte.

Irgendeine Hand hatte mich plötzlich von meiner Kette befreit. Schaumbespritzt, schweißnaß, immer noch bellend, bemerkte ich es erst, als ich mich vorwärts jagen fühlte.

Ich raste der fremden Spur nach. Sie führte zum Gittertor. Von hier führte sie zurück in die Gesindestube.

»Wozu hat man nun einen Hund?« schrie Frau Alwine. »Hinterdrein bellt er. Hinterdrein kann jeder bellen.«

Ich stürzte mich auf die schmale Elvira, trotzdem sie mir unter der Schürze Wurst zustecken wollte. Ich raste mit ganzer Wut auf Karl. Ich brachte beiden Bißwunden bei.

Beide kündigten sofort den Dienst. Solche Behandlung ließen sie sich nicht gefallen.

Frau Alwine beschwor beide, wenigstens noch während des nun anbrechenden Festtages ihren Dienst zu tun. Sie nicht so grausam im Stich zu lassen. Wäre sie nicht schon geprüft genug? Sie brach in Tränen aus. Sie verlangte meine sofortige Erschießung.

Der Herr Senator sagte wieder bestimmen Tones, ich habe in der Familie zu bleiben, bis zu dem Termin, den er schon neulich der gnädigen Frau angegeben hätte.

Dabei küßte er der gnädigen Frau die Hand und führte sie in ihr Zimmer zurück.

Ich war zu keiner Beherrschung imstande. Ich raste auf Karl und die schmale Elvira, sobald ich ihrer ansichtig wurde. Auf Augenblicke überfiel mich kurzer Schlaf. Aber jedes Erwachen weckte auch meine Wut wieder.

Mein geliebter Herr war ganz von sich selbst in Anspruch genommen. Er sollte am Festabend etwas Theatralisches vortragen. Er prüfte Perücken und fremde Röcke. Er fuhr aus dem Haus, kam wieder heim, fuhr wieder fort, ohne irgend etwas zu beachten.

Endlich gegen Mittag bemerkte er mein Bellen. Ich zog ihn am Ärmel und zerrte ihn zu der schmalen Elvira.

Er wurde gebeten, mich einzusperren. Mein Bellen wäre unerträglich. Aber niemand wage, mich anzurühren. Die schmale Elvira nahm an, daß ich irgendwo Wein genascht haben müsse und im Rausch wäre. Auch Karl war dieser Ansicht.

Ich sprang an meinem geliebten Herrn auf und blickte ihm in die Augen. Wollte er diesen Leuten glauben?

Er lachte, ich spürte, er war gar nicht bei mir. Ich ließ ab von ihm. Ich ließ mich ruhig von ihm an die Kette legen und in den entfernten Vorratskeller führen. Wo niemand mein Bellen störte.

Dort ließ ich mich verleiten, die Mäuse zu jagen, die sich dort wichtig machten. Obwohl dies eine Katzenangelegenheit gewesen wäre. Ungerechte Behandlung erniedrigt den Charakter.

Karl warf mir eine Wurst zu, durch das vergitterte Fenster. Ich beroch sie. Es stieg etwas Brennendes daraus in meine Schnauze. Ich ließ sie liegen. Die Mäuse, die daran fraßen, fielen bald tot auf den Rücken. Ohne daß ich meine Zähne an ihnen probiert hatte.

Ich hungerte. Ich fror. Ich war unglücklich, allein, ängstlich. Ich winselte.

Erst am Mittag des nächsten Tages befreite mich mein geliebter Herr.

Karl und die schmale Elvira suchte ich vergebens.

Die dicke Lina murrte, sie würde sich nun wieder an neue Gesichter gewöhnen müssen.

Ich hörte, daß die gnädige Frau Karl und die schmale Elvira sehr gebeten hatte, im Hause zu bleiben. Sie hatte ihnen auch eine tüchtige Gehaltszulage versprochen. Aber beide hatten sich nicht überreden lassen. Sie waren beleidigt worden. In diesem Haus. Von Tier und Mensch.

Die Polizei hatte sich nämlich gewundert, daß ich so heftig auf beide losgegangen war. Aber die gnädige Frau hatte sich für beide verbürgt. Sie hatte mit eignen Augen gesehn, wie schlaftrunken Elvira aus ihrer Kammer gekommen wäre. Lange nach dem Vorfall. Und Karl hatte erst von Elvira geweckt werden müssen. Die gnädige Frau hatte noch nie anständigere, tüchtigere Dienstboten gehabt, als diese. Ein wenig Menschenkennerin wäre sie auch. Ohne daß es ihr Beruf war.

Die Polizisten wagten nicht, zu widersprechen. Schließlich waren es nicht ihre Dienstboten, sondern die der gnädigen Frau. Und das gestohlene Silber war auch das der gnädigen Frau gewesen.

Dagegen richtete sich ihr Diensteifer gegen mich. Sie meinten, daß ich anscheinend zu den bissigen Individuen gehöre und mit Maulkorb zu versehen wäre.

Der Herr Senator erwiderte, daß man mich von Geburt an aufgezogen hätte und mich im Haus behielt, weil ich ihrem jungen Sohn teuer wäre. Ihm gehorche ich aufs Wort. Er halte mich für ganz ungefährlich.

Dabei bot er jedem der Uniformierten eine seiner großen Zigarren an. –

Alles dies hörte ich verschiedne Mal erzählen. In der Gesindestube, wie im Haus. Es brannten schon die Öfen. Ich liebte die Wärme. Ich schlich mich ein, wo es nur unbemerkt gelingen wollte.

Das Silber blieb verschwunden.

Aber neues Gesinde kam.

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