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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Achtzehntes Kapitel

(Bruder macht neue Bekanntschaften, die den Menschen wichtiger scheinen als ihm. Entdeckt Wunderlichkeiten an seinem geliebten Herrn. Gerät aus Liebeseifer in eine wenig angenehme Situation)

Der Boden begann, sich abzukühlen. Unter dem Apfelbaum lagen an jedem Morgen Äpfel, die die schmale Elvira zusammenlas, während ich sie umsprang. In mancher Frühstunde weckte mich der Besen des Gärtners, der sich beeilte, die von den Bäumen niedergefallenen bunten Blätter fortzufegen, bevor die Hausbewohner erwachten.

Hähne krähten nicht mehr. Sie waren abgeschafft worden. Sie hatten Frau Alwine nervös gemacht und in der Morgenruhe gestört. Die gnädige Frau nannte sie impertinente Geschöpfe.

Ich habe darüber kein Urteil. Onkel Tom hörte ich einmal sagen, kein musikalisches Genie würde die inbrünstige Freude über den neuerblickten Tag so herrlich einfach und verständnisvoll auszudrücken vermögen, wie dieser scharfe, durch nichts zu unterdrückende viertönige Trompetenstoß des Gockels. –

Am Tage war es noch warm. Die Veranda blieb noch der Sammelpunkt am Nachmittag. Dort machte ich die Bekanntschaft des Scharmanten und des Feudalen. Beide gefielen mir. Da war kein Katzendunst. Sie waren beide von der Art, die niemand anzubellen brauchte. Der Scharmante roch nach Blumen und Tabak. Der Feudale nach Pferden und Tabak. Sie verstanden beide etwas von Tieren. Sie hielten sich in achtungsvoller Ferne von mir. Sie wußten, daß wer von Rasse, sich nicht von jedermann krauen läßt. Daß dies Tradition wäre und nichts mit persönlicher Abneigung zu tun habe.

Fräulein Angelika liebte es damals, mich als Fußschemel zu benutzen. Der Scharmante hatte gefunden, daß sich die Silhouette ihres schmalen Fußes entzückend von meinem Fell abhebe.

Der Feudale machte wenig Worte. Er rauchte meist, wobei er Fräulein Angelika anblickte.

Der Scharmante sprach viel. Meist von Schiller und Goethe, die er auswendig wußte. Er sagte, jeder Beruf habe seine Schwächen.

Frau Alwine antwortete, daß dies keiner Entschuldigung bedürfe. Nur hätte Sie, während sie den Herren Tee einschenkte, gern gewußt, wer nun eigentlich größer wäre, Schiller oder Goethe. Sie hielt es für unbegreiflich, daß man dies immer noch nicht mit Bestimmtheit wisse, obwohl beide Geistesheroen ein Jahrhundert dahin wären.

Der Scharmante sagte, daß sich Schiller leichter auswendig lernen lasse.

Frau Alwine meinte, daß man sich dies gut vorstellen könne. Daß Goethe aber immerhin Minister gewesen. Und zwar in einer Zeit, wo noch nicht Krethi und Plethi Minister werden konnten.

Der Feudale sagte, daß er in solchen Dingen gar keine Meinung habe. Man solle doch mich fragen. Dabei sah er auf die schmalen Füße, die in meinem Fell ruhten.

Ich gähnte. Ich wünschte nichts, als neben meinem geliebten Herrn springen zu dürfen. Aber dieser kümmerte sich wieder wenig um mich. Er war gut zu mir, er streichelte mich, aber er fühlte mich nicht.

So blieb ich weiter Schemel, Fragen und Antworten mit anhörend.

Frau Alwine fragte den Scharmanten, ob auch er glaube, daß Shakespeare eigentlich gar nicht gelebt hätte. In der Zeitung hätte neulich eine sehr interessante Notiz darüber gestanden.

Der Scharmante strich aus seinem Schnurrbart ein schmales Lächeln beiseite und gestand der gnädigen Frau, daß er nichts darüber wisse. Ihm sei die Hauptsache, daß der Mann gedichtet habe. Seine Hamletrolle hätte er nicht missen mögen.

Der Feudale lachte und kam sogar ins Sprechen. Er sagte, daß er einmal ein Rennpferd besessen, das Hamlet geheißen und ihm viel eingebracht hätte. –

Wenn die Besucher fortgegangen, tauschten Fräulein Angelika und die Frau Mama ihre Meinungen aus. Oft sagte die gnädige Frau, daß man sich nach solcher Unterhaltung über Dinge aus höheren Regionen ganz gehoben fühle. Fräulein Angelika widersprach nicht.

Manchmal jedoch waren sie nicht der gleichen Ansicht.

Ich erinnere mich daran, weil ich einmal aus diesem Grunde einen tüchtigen Fußtritt von dem hohen Absatz der schmalen Stiefel erhielt, dessen Silhouette der Scharmante so bewunderte. Nicht aus böser Absicht. Fräulein Angelika hatte nur vergessen, daß ihr Schemel lebendig war. Sie war ärgerlich geworden, weil Frau Alwine gesagt hatte, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flechte. Ein Wappenschild und der Titel Freifrau von Rumperlitz-Ippensitz dagegen würden ewig imponierende Würden bleiben. Wenigstens für Gebildete. Wie sich auch sonst die Welt zu ändern belieben würde.

Ich leckte mein Fell an der geschürften Stelle. Alles andre war mir gleichgültig. Ein Hund gehört zu seinem Herrn und zu sonst nichts auf der Welt.

Nur wenn man von Hamlet sprach, konnte ich kaum ein Winseln unterdrücken. Ich wurde an meinen geliebten Herrn gemahnt und an sein wunderliches Tun, das mir noch neu war. In den Stunden, wo er sonst zu mir von Hete gesprochen, schnallte er sich jetzt einen Degen um die Hüfte, setzte sich seine Schwimmkappe auf, an der er einen Federschmuck befestigt, der früher auf einem Hut der gnädigen Frau gesessen hatte, und ging laut sprechend auf und ab. Sich nannte er Hamlet und mich Ophelia. Er schrie mir zu, ich solle in ein Kloster gehen und niemandem von ihnen trauen, denn sie wären alle ausgemachte Schurken. Oft sprach er so lange und laut allein mit sich und mit so heftigen Bewegungen, daß ich Kranksein und Schmerzen bei ihm fürchtete und leise zu winseln begann. Aber in solchen Augenblicken bemerkte er nichts als sich.

Ich fühlte mich ängstlich und fremd. Ich fürchtete, er mochte mich nicht mehr. Ich begriff nicht, womit ich dies verursacht haben konnte. Ich umwedelte ihn, sobald ich glaubte, daß er mich ansah. Aber er sah mich gar nicht, wenn er mich anblickte.

Jeden Abend ging mein geliebter Herr fort.

»Ins Theater, Bruder, um zu studieren,« sagte er und gab mir einen Schnauzenstüber.

Ich hatte an vielen seiner Studien teilgenommen. Eines Abends wagte ich, ihm zu folgen. Ich schlich hinter ihm her. Ich konnte mich nicht bezwingen im Gefühl meiner Verstoßenheit.

Ich fürchtete mich sonst, nach Sonnenuntergang durch erleuchtete Straßen zu gehen. Die wenigen Mal, die mich mein geliebter Herr in den Stunden der Dunkelheit mitgenommen, hatte er mich an der Leine vorwärtsziehen müssen. Nur seine Nähe hatte mich mein Grauen überwinden lassen. Mich ängstigten die Lichter der Straße. Sie schienen mir Katzenaugen. Die vielen Schatten zwischen Hell und Dunkel waren mir Geheimnisse, die ich nicht verstand.

Mein geliebter Herr ging schnell. Er murmelte manchmal Worte, wie wenn er die Schwimmkappe mit der Feder und dem Degen trüge.

Plötzlich hatte ich seine Spur verloren. Ich hatte mich zu lange an einer Laterne aufgehalten. Ich geriet in einen Kreis blendender Lampenaugen, in den Wagen nach Wagen hineinfuhr. Dumm vor Schreck umraste ich die Räder. Die Demütigung eines fremden Peitschenhiebes brachte mich zu Verstand und rettete mich vor Unglück. Ich kroch beiseite.

Nach einer Weile begann ich das große Gebäude zu umschnüffeln. Ein Garten umgrenzte es auf der Rückseite. Der feuchte Erdgeruch behagte mir. Hier war es dunkel. Ich konnte in schnellem Hin und Her meiner Erregung Genüge tun.

Bis mich eine schmale Tür anlockte. Ich strich durch sie hindurch. Ein angenehmer Geruch von Moder zog mich weiter. Viele Leute liefen durcheinander, ohne mich zu bemerken.

Ich spitzte die Ohren. Ich hatte die Stimme des Scharmanten vernommen.

Er schalt, genau wie mein geliebter Herr zu einer Ophelia, sie möge in ein Kloster gehen.

Mit lautem Freudengebell klemmte ich mich durch einen schmalen Spalt dorthin, wo ich die Stimme des Scharmanten hörte, wo ich ihn gleich darauf begrüßen konnte, gerade als er sich ärgerlich von einer weinenden Dame fortwandte.

Darauf polterte ein Geräusch auf, furchtbarer als jeder Donner, den ich je gehört. Es bestand aus Gelächter, Gekreisch, Gefluch. Ich jagte nach vorn und starrte in einen schwarzen Abgrund, aus dem mich aufgerissene Menschenaugen anstarrten. Irgendwo dazwischen spürte ich meinen geliebten Herrn. Ich blieb stehen, mit gesträubtem Fell.

Da traf mich ein eisiger Wasserstrahl von der Seite. Ich versuchte, mich zu retten, quetschte mich durch einen Spalt, Schnauze und Pfoten bluteten. Endlich war ich wieder in dem feuchten Garten.

Ich fror und glühte, hütete mich aber, einen Laut von mir zu geben. Mit langen Sprüngen jagte ich nach Haus.

Ich wagte mich weder zur Schwelle meines geliebten Herrn, noch in meine vornehme Hütte. Ich kroch unter einen Holzhaufen, im äußersten Winkel des Gartens.

Ich zitterte und fand keinen Schlaf.

Nach einiger Zeit hörte ich meinen geliebten Herrn nach mir pfeifen. Ich bohrte meine blutige Schnauze in das nasse Gras. Ich wagte mich nicht vor. Er war nicht allein.

Ich hörte Karl sagen, daß die verdammte Canaille schon wiederkommen werde. Unkraut vergehe nicht.

Es wurde sehr finster. Der Wind heulte, als wäre ich es selbst. Ich fror.

Plötzlich hörte ich wieder meinen geliebten Herrn pfeifen. Hin und her spazierte er durch Nässe und Wind, pfiff und rief meinen Namen. Ich horchte. Kein Schritt weit und breit außer dem seinen. Ich schlich hervor. Ich leckte seine Hand. Ich wußte, daß Schlimmem Schlimmes folgen mußte.

»Schafskopf, elendiger,« sagte mein geliebter Herr. »Schafskopf.«

Er seilte mich an. Über die Gesindetreppe führte er mich in sein Zimmer.

Ich rutschte vor seine Füße, sah ihn an und wedelte. Jede Strafe war mir recht, wenn ich nur bei ihm bleiben durfte.

»Schafskopf, Esel, Hund,« sagte er und begann, mich mit einem dicken Tuch abzureiben. Er tupfte mir das geronnene Blut von Schnauze und Pfoten, lachte, schalt. Aus seinen Augenlichtern tropften dabei warme Tropfen ...

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