Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/berend/brudersb/brudersb.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
Schließen

Navigation:

Siebzehntes Kapitel

(Bruder würfelt aus seiner Erinnerung ein Intermezzo ohne besondre Abenteuer)

Als ich erwachte, suchte ich meinen geliebten Herrn. Vergeblich durchschnüffelte ich alles nach ihm. Ich glaubte, es wäre Strafe für mein gestriges Verhalten, daß er sich versteckt vor mir hielt.

An meine kunstvolle Hütte wurde eine Postkarte gesteckt. Der Briefträger brachte sie, las sie erst dem Gesinde vor und ließ sie rundum gehen, bevor er sie an ihrem Platz befestigte. Mein geliebter Herr hatte sich selbst darauf abgezeichnet. Wie er im Begriff war, in der Schwimmhose, schräg, mit dem Kopf zuerst, ins Wasser zu springen. Darunter hatte er geschrieben: Verzeih mir, Bruder, ich konnte noch nicht zurückkehren, wie ich dir versprochen hatte. Das Meer ist groß wie die Freundschaft. Bleib treu deinem treuen Freund Achim.

Alle lachten, außer mir.

Die dicke Lina fragte den Briefträger, warum Tiere eigentlich nicht lachen könnten.

Er antwortete, das zu wissen, gehöre so wenig zu seinem Beruf, wie zu dem ihren. Dagegen wisse sie vielleicht, wer hier ein Assessor Thomas Eberhaus wäre? Er hätte an solchen einen Brief zu bestellen.

Nach einigem Überlegen einigte man sich dahin, daß dies nur Onkel Tom sein könne.

Man drehte den Brief nach allen Seiten. Hielt ihn gegen das Licht. Die schmale Elvira roch sogar daran.

Ich knurrte. Ich mochte den Briefträger nicht. Es war ein Widerspruch zwischen seinem Geruch und dem Befehl, ihn nicht anbellen zu dürfen.

Sie wurden sich einig, daß dies kein Brief wäre, wie sie an Bettler gerichtet zu werden pflegten.

Die dicke Lina übernahm es, ihn Onkel Tom zu überbringen. Sie war auch entschlossen, Onkel Tom wieder einmal eine besonders kräftige Suppe zu kochen. Er sollte wissen, daß ihn die dicke Lina nicht vergäße.

Man sprach von da an wieder häufiger von Onkel Tom. Der sich jetzt nur um die Heilung einer lahmgewordenen Taube kümmerte und sonst meist schlief.

Die schmale Elvira wollte gehört haben, daß der Herr Senator Onkel Tom zugeredet habe, in das große Wohnhaus überzusiedeln. Der aber habe auf alle die vielen Worte nur den Kopf geschüttelt.

Die dicke Lina sagte, sie würde sich schämen, so erbzuschleichen. Sie rührte während dieser Worte gerade wieder eine besonders gute Suppe für Onkel Tom.

Die schmale Elvira meinte, sie hätte gern Frau Alwinas Gesicht gesehen, wenn Onkel Tom die Einladung angenommen hätte.

Die schmale Elvira war jetzt immer in Hupf und Sprung und Gelächter. Nicht allein, sondern mit dem neuen Diener Karl, der in jenen Tagen ins Haus gekommen war. Meine Schnauze warnte mich vor ihm, obwohl er wie ein Herr aussah. Er begriff bald, daß er nicht in meine Nähe zu kommen hatte. Er gab es bald auf, den Versuch zu wiederholen, ob ich trotz aller unversteckten Abneigung doch bereit wäre, eine gute Wurst aus seiner Hand zu fressen. Er hatte gemeint, Liebe gehe durch den Magen. Das mochte wohl manchmal zutreffen. Ein Dobermann setzt sich solcher Gefahr nicht aus.

Den Menschen gefiel Karl. Auch er schien sich am rechten Ort zu fühlen. Als er sich der schmalen Elvira vorstellte, hörte ich ihn sagen, daß dies wirklich ein Haus mit allem Komfort zu sein scheine.

Man erwartete nun Frau Alwine zurück. Der Briefträger brachte jeden Tag einen Brief von ihr an den Herrn Senator. Die dicke Lina wunderte sich darüber. Sie meinte, wenn man mehr als zwanzig Jahre zusammen gealtert wäre, müsse man sich alles Wissenswerte schon gesagt haben. Und wenn man die Herrschaften hier im Garten beieinander sähe, habe es auch allen Anschein, daß dem so wäre.

Der Herr Senator ließ manchmal einen dieser Briefe geöffnet auf dem Frühstückstisch liegen. Der Briefträger kam meist, wenn sich der Herr Senator schon die große Zigarre angezündet hatte und draußen das Automobil bereitstand.

Solch ein Brief wurde dann von der schmalen Elvira in der Küche vorgelesen. Die gnädige Frau erzählte stets von zwei neuen Bekannten. Einem berühmten Schauspieler und einem Herrn von Rumperlitz-Ippensitz. Letzten erwähnte ich schon, weil sein Stammbaum weiter reichte, als der meine und weil er der Gatte Fräulein Angelikas wurde.

Frau Alwine nannte den Schauspieler stets scharmant und den Herrn von Rumperlitz-Ippensitz stets feudal. In der Küche sprach man der Einfachheit halber nur vom Scharmanten oder vom Feudalen. Man wollte wetten, wer von beiden der Schwiegersohn werden würde.

Die dicke Lina aber sagte, sie prophezeie jetzt nichts mehr im voraus, sondern nur hinterher.

Die schmale Elvira murrte: »Immer müssen es gleich zwei sein.«

Karl fragte, ob sie es bedaure, daß sich gewöhnliche Sterbliche nur mit einem begnügen müssen?

Er vergaß dabei, wie gefährlich nah er mir kam, als er sich zu der schmalen Elvira beugte. Ich sprang auf und knurrte wütend.

Man lachte schallend. Man rief, ob ich wieder genäschig auf Nasenspitzen wäre? Etwa schon den Braten röche?

Dabei wedelte mir die schmale Elvira den Brief der gnädigen Frau um die Schnauze.

Ich war in den Tagen, wo ich meinen geliebten Herrn vermißte und mich mit der Gesellschaft des Gesindes begnügen mußte, sehr reizbar. Ich packte den Brief und riß ihn in Fetzen.

Man war erschrocken. Man fürchtete, daß der Herr Senator den Brief vermissen und scharfe Nachfrage halten würde. Nur die dicke Lina behielt ihre Ruhe. Sie sagte, da es sich um keinen Geschäftsbrief handele, würde der Herr Senator sein Fehlen nicht bemerken. Und sie hatte recht damit.

Eines Tages war mein geliebter Herr wieder da. Er war braun gebrannt und roch nach Salz, was mir gefiel.

Mein geliebter Herr war fröhlich und laut. Sehr fröhlich und sehr laut. Ich umsprang ihn von allen Seiten. Es ging Unruhe von ihm aus.

Er schmückte mich mit meiner Medaille, toujours fidel. Von niemandem hatte ich sie mir umbinden lassen wollen. Mein Knurren hatte jedem, der es versuchen wollte, geraten, seine zehn Finger vor Unglück zu behüten.

Meinem geliebten Herrn konnte ich es nicht wehren. Aber die runde Münze drückte mich. Ihr Klappern erinnerte mich an die Hundeausstellung. An das Geldgeklirr dort an der Kasse. Ehe die Vorstellung begonnen hatte.

Ich zerrte und riß an meinem Halsband. Knurrte, bellte und drehte mich im Kreis.

Alle amüsierte dies. Nur Frau Alwine, die von der Reise sehr ermüdet war, sagte, daß man wieder einmal deutlich die Unvernunft des Tieres sähe. Wieviel Menschen wären dankbar, könnten sie sich mit einer solchen Auszeichnung ihrer Verdienste, öffentlich und ehrenvoll, schmücken –

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.