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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Sechzehntes Kapitel

(Warum Bruder auch nach diesen Vorfällen der Erregung erst spät zur Ruhe kommt. Der letzte Wille Onkel Toms kommt zwischen seine Zähne. Wie wenn Bruder ahnte, daß sein eignes Geschick damit verbunden)

Man muß springen, solange man springen kann. Die Ruhe kommt später. Meine Mutter hatte dies einmal einer Kröte zugeknurrt, die dick aufgepulstert sich ihre Krone von der Sonne vergolden ließ. Doch tüchtig ins Hüpfen geriet, als meiner Mutter Schnauze blies.

Jenes Abends konnte ich mich daran erinnern. Ich hatte keine Zeit zur Ruhe. Meine vornehme Hütte fand ich auf den Kopf gestellt. Man hatte meine Abwesenheit dazu benutzt, um sie gründlich zu reinigen und mich noch nicht zurückerwartet.

Auch sonst hätte ich nicht Zeit gehabt, sie in Anspruch zu nehmen. Ich spürte, daß im Garten noch Füße unterwegs waren. Von der Veranda surrte das leise Geldklirren, das den unruhigen Schritt des Herrn Senators kenntlich machte.

Meine Lage war schwierig. Das schlechte Gewissen klebte mir an jedem meiner schweißnassen Haare. Es riet mir, mich wohlweislich versteckt zu halten. Die Pflicht jedoch gebot, vor allem wachsam zu sein. Ich versuchte, beides zu vereinigen. Die Dunkelheit war nun da und erleichterte mein Vorhaben.

Ich spürte Onkel Toms Schritte. Ich spitzte die Ohren.

Sie näherten sich den Oleandern und dem Hauseingang, wo ich sie noch nie vernommen hatte. Ich bezwang mich und sprang dem guten Manne nicht entgegen.

Im gleichen Augenblick kam auch der Herr Senator aus dem Haus. Ich duckte mich hinter meine umgestülpte Hütte.

Der Herr Senator begrüßte Onkel Tom mit einer Verbeugung, wie sie andre vor ihm selber machten. Er fragte, ob Onkel Tom ins Haus zu kommen wünschte. Es wäre niemand anwesend.

Onkel Tom lächelte und dankte für diese Ehre. Er wünschte wohl, den Herrn Senator zu sprechen, doch bäte er den Jüngeren, ihm, dem Älteren, in sein Reich zu folgen.

Sie gingen zu dem großen Apfelbaum am andern Ende des Gartens. Unter dessen Zweigen ich geboren worden. Sie setzten sich auf die Bank, die ich einmal für Onkel Toms Thron gehalten hatte.

Ich war hinterdrein gekrochen. Solange sich zwei im Dunkel noch gegenüber, schläft kein Dobermann, war eine Lehre, die meine Mutter mir ins Blut gegeben.

Ich legte mich auf die andre Seite des breiten Stammes, die Schnauze den Sprechenden zugewandt.

Onkel Tom sagte, daß er viel von den Tieren gelernt hätte. Doch gefiel es ihm nicht, daß er nun, wie diese, alle paar Stunden in Schlaf fallen müsse. Vergeßlich, wie er geworden, könne er dabei einmal vergessen, wieder aufzuwachen.

Aus diesem Grunde wünschte er dem Herrn Senator etwas zu sagen.

Er unterbrach sich und wendete den Kopf.

Er sagte, es wäre ihm genau so, als fühle er Bruder in nächster Nähe.

Der Herr Senator wendete ein, daß ich mich auf der Hundeausstellung befände. Seine Stimme war sehr sanft. Doch spürte ich, wie immer, daraus einen kühlen Strich durch den warmen Abend streifen.

Onkel Tom antwortete, daß es vielleicht sein schlechtes Gewissen wäre, das ihm meine Nähe vortäusche. Weil er im Begriff stände, mich zu enterben.

Der Herr Senator rückte ein wenig von Onkel Tom fort. Er fragte, ob sich Onkel Tom sehr müde fühle? Im Kopf?

Onkel Tom lachte leise auf. Er antwortete, wie leicht man doch einander für ohne Verstand halten könnte. Er wäre doch froh, daß er seine juridische Laufbahn beizeiten aufgegeben hätte. Wenn er auch sonst noch genug Dummheiten aufgeladen. Deren größte wohl die wäre, daß er noch Herr seines Vermögens geblieben. Das sich, ein Ungeheuer von Amphibie, beständig aus sich selbst heraus vermehrt habe.

Ich fühlte, daß der Herr Senator zitterte, wie Gras vor dem Gewitter. Ich rückte näher durchs Dunkle.

Onkel Tom sprach weiter. Leise und langsam. Wort für Wort. Wie ich es von meinem geliebten Herrn kannte, wenn er sich einmal besonders gut für eine Prüfungsstunde vorbereitete.

Er sagte, eigentlich habe er das ganze Geld mir zu hinterlassen gewünscht. Ohne, daß dies jemandem bei meinen Lebzeiten hätte bekannt werden dürfen. Derjenige, der mich ahnungslos bis zuletzt pflegen würde, auch wenn ich blind, räudig, stinkend, unappetitlich geworden, hätte nach meinem Tode als mein Erbe das ganze Vermögen erhalten sollen. Auf diese Weise wäre es wahrscheinlich einem Bettler zugefallen. Oder einem Kind.

Der Herr Senator rief, es wäre doch Selbstverstand, daß ein Mitglied seiner Familie mir die letzte Pflege angedeihen lassen würde.

Onkel Tom antwortete, daß er sich keines Hundes erinnre, an dem man hier diese letzte Geduld geübt hätte. Erwähnte auch meine Mutter. Die er verschwinden habe sehen, sobald Frau Alwine der Ansicht gewesen, daß sie außer Fasson gekommen wäre.

Der Herr Senator räusperte sich und schwieg. Er sah auf seine Fingernägel. Um sich darin zu spiegeln aber war es zu dunkel.

Onkel Tom sprach weiter. Er sagte, wie dem auch sein möge, er selbst wäre von dieser Absicht abgekommen. Er hätte eingesehen, daß solches Testament eine verächtliche Zumutung gewesen wäre.

»Sehr richtig,« rief der Herr Senator mit solcher Festigkeit, daß Onkel Tom zusammenzuckte und ich mit ihm.

»Zu verächtlich für einen Hund, meine ich,« sprach Onkel Tom weiter. »Es schien mir nicht richtig, ein Geschöpf, das, solang es lebendig und bei Kräften gewesen, nie an sich selbst und den eignen Vorteil gedacht, nie Vorrat beiseite zu schaffen gesucht hatte, nun als toten Hund mit den Paragraphen und Schnörkeleien menschlicher Gesetze zu behaften. Ihn nach ehrenwertem, freiem Leben durch so und so viel verstaubte Bureaus und Amtsräume schleifen zu lassen.«

»Und also wer nun?« unterbrach der Herr Senator.

Onkel Tom sagte leise, daß es der Herr Senator nicht übelnehmen solle, wenn ...

»Du gedenkst, uns zu übergehen?« stieß der Herr Senator hervor.

Ich kroch unter Onkel Toms Platz. Ich fühlte, dies wagen zu können.

Onkel Tom hatte den Kopf geschüttelt. »Im Gegenteil,« sagte er, »ich wollte dich zu entschuldigen bitten, daß ich dir selbst etwas zuzumuten gedenke, was ich keinem Hund antun möchte.«

Der Herr Senator erwiderte schnell, daß man verschiedene Ansichten über gleiche Dinge haben könne.

Onkel Tom schwieg. Er schien eingeschlafen zu sein.

Nach einer Weile fragte der Herr Senator, ob ihm Onkel Tom noch etwas zu sagen wünsche.

Onkel Tom gähnte und antwortete, daß die Hühner schon lange schliefen und auch er sich nun beeilen wolle. In geschwinden leisen Worten bat er den Herrn Senator, sein Erbe zu sein, bis mein geliebter Herr das einundzwanzigste Jahr erreicht haben würde. Dann sollte Achim mit dem Gelde machen können, was er wolle.

Der Herr Senator nannte einundzwanzig Jahre ein sehr jugendliches Stadium. Zumal Achim schnellen, heftigen Temperamentes wäre.

Onkel Tom meinte darauf, er glaube, daß Leidenschaft und Gefühl menschliche Güter weniger zerstörten, als die kalte Überlegung.

Des Herrn Senators Aufmerksamkeit war auf Onkel Toms zitternde Finger gerichtet, in denen ein Briefumschlag schwankte. Auch des Herrn Senators Finger hatten in diesem Augenblick keinen festen Griff. Das Papier fiel zu Boden.

Gewohnheit rennt alle Schlauheit über den Haufen. Ich vergaß, daß ich im Versteck und schuldbewußt war. Ich bellte schallend auf und sprang vor, um meine Pflicht des Apportierens zu erfüllen.

Ein Satz und ich hatte das Briefblatt im Maul. Unschlüssig stand ich zwischen den beiden, nicht wissend, an wen es auszuliefern sei.

Der Herr Senator rief, daß es ausgeschlossen wäre, daß ich das sein könne.

Onkel Tom murmelte, daß er also doch falsch gehandelt zu haben scheine. Ich wolle mein Recht, wie man sähe.

»Her damit, Bruder,« herrschte mich der Herr Senator an.

Ich knurrte. Meine scharfen Zähne schnitten noch fester durch das Papier. Denn ich hörte schnelle Schritte sich uns nähern.

In der Nähe flammte eine Lampe auf. Der Gärtner rief von weitem den Herren zu, mich nicht zu berühren.

Der Herr Senator verbat sich diese Einmischung.

Der Gärtner schrie, man habe telephoniert, daß der Hund möglicherweise toll wäre.

Der Herr Senator sprang hinter die Bank und den Baumstamm. Mit einer Schnelligkeit, wie ich sie sonst nur von meinem geliebten Herrn kannte.

Ich hatte mich gesetzt, das Briefblatt im Maul. Ich kannte mich nicht aus. Ich sah sich des Herrn Senators Augen im Kreis drehn. Ich roch Furcht, Wut, Schreck, Haß, Ärger, zusammengeballt in furchtbarem Katzengeruch.

Höchste Feigheit befiel mich. Inmitten alles Durcheinanders apportierte ich dem Herrn Senator mit Devotion das Briefblatt.

Aller Schreck löste sich in Lachen.

Onkel Tom streichelte mich. Er sagte, ich hätte also selbst die Entscheidung gebracht. Aus dumpfem Instinkt. Besseres könne auch den besten Menschen nicht bei seinen Handlungen leiten.

Man stellte Essen vor mich. Als Prüfung meines Gesundheitszustandes.

Ich bestand die Probe. Ich fraß, wie man frißt, wenn man zwei Tage nichts andres genossen, als Aufregung und Ärger. Alle Umstehenden wurden überzeugt von meinem Wohlbefinden. Meine Hütte wurde in Ordnung gebracht.

Allmählich wurde alles bis weit ringsum ruhig. Ich schlief, bis des Bodens Morgendampf meine Schnauze beizte.

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