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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Fünfzehntes Kapitel

(Bruder kommt auf die Hundeausstellung. Seine Beurteilung dieser Angelegenheit scheint die eines Beleidigten zu sein. Nicht die eines Sachverständigen)

Der Weg zur Auszeichnung ist dornenvoll. Mein geliebter Herr mußte einmal einen Aufsatz über diese Worte machen. Er aß drei große Schüsseln voll Kirschen darüber leer. Dazwischen kaute er den Federhalter. Er sagte zu mir, das wäre ein verteufelt langweiliges Geschäft, das er da vorhabe. Ich sollte ihm helfen. Ich sprang über den Tisch und riß das Tintenfaß um. Doch war damit meinem geliebten Herrn nicht geholfen. Es gab Tinte genug im Haus. Sie wurde nachgefüllt. Ob die Arbeit deshalb zustande kam, erinnre ich mich nicht mehr.

Doch besann ich mich dieses Vorfalls wieder, als ich Zeit zum Grübeln hatte. Nämlich auf der Hundeausstellung, wo ich mich eines Tages befand, um meiner Rasse und meinen Besitzern Ehre zu machen.

Es war in den heißesten Tagen, wo schon die erste Fäule aus Boden und Blättern zwischen den vielen süßen Düften quillt.

Mein geliebter Herr hatte sich überreden lassen, auf einige Tage an die Nordsee zu fahren. Er besprach mit mir seine Freude auf die große glitzernde Flut, in die er tauchen wollte, wo er weit hinaus zu rudern und zu segeln wünschte. Er bat mich, ihm nicht übelzunehmen, wenn er mich nicht mitnähme.

Frau Alwine hatte geschrieben, daß in der vornehmen Villa, wo sie Aufenthalt genommen hatte, Hunde so wenig geduldet würden, wie kleine Kinder. Es wäre ein Haus, wo man etwas von heutiger Kultur spüre.

Ich hätte meinem geliebten Herrn nie etwas übelgenommen. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, ihn anders zu wünschen als er war. Was er tat, war gut. Das war selbstverständlich. Und auch heute denke ich noch nicht anders, wo ich in der Verlassenheit des Alters nur die Erinnerung an ihn habe.

Wie gut war es gemeint, daß er beschlossen, während jener drei Tage zu reisen, wo ich mir auf der Ausstellung eine Auszeichnung holen sollte.

»Ehre, wem Ehre gebührt,« sagte er und kraute mich lachend hinter den Ohren.

Auch damals noch kam immer wieder sein Übermut zum Vorschein. Besonders, wenn er etwas vor sich hatte, auf das er sich freute.

Er reiste auch nicht früher, als bis er mich selbst auf die Ausstellung gebracht hatte. Sich genau meinen Käfig angesehen, dem Wärter Zigarren und Münzen in die Hand gedrückt und mich ihm besonders anempfohlen hatte.

Ich bellte und knurrte heftig. Ich bemühte mich wieder einmal, meinen geliebten Herrn darauf aufmerksam zu machen, seine Mitmenschen nicht nach Worten und Mienen zu beurteilen. Ich hatte sofort gewittert, daß dieser Mann ein Robert war. Ich hatte mich nicht geirrt. Obwohl er meinem geliebten Herrn wiederholt versicherte, mein heißwerdendes Trinkwasser oft zu erneuern, vergaß er sogar mehrmals den Napf überhaupt zu füllen. In dem Eifer, mit dem er Zuschauern unnütze Erklärungen über uns gab, mit halbgeöffneter Hand.

Als sich mein geliebter Herr entfernen wollte, sprang ich gegen das Gitter und winselte haltlos.

Mein geliebter Herr kehrte beunruhigt um.

Der Wärter versicherte ihm, daß alle meine Gefährten dies so gemacht hätten. Sobald mein geliebter Herr mir aus den Augen gekommen, würde ich mich beruhigen.

Mein geliebter Herr griff nochmals in die Tasche. Die Hand des Wärters bog sich schon zur Schale. Ich kläffte so rasend auf, daß mein geliebter Herr die Hand zurückzog und davonging. Um, wie er sagte, mich nicht noch heftiger zu erregen.

Als auch der geringste Windhauch nichts mehr von seiner Spur um meine Schnauze brachte, warf ich mich auf den Boden und machte das Maul überhaupt nicht mehr auf. Weder zum Bellen, noch zum Fressen, Einen ganzen Tag lang. Ich blickte nicht einmal hinüber nach dem Futternapf.

Ich wünschte nur, daß der Wärter versuchen würde, mich zu streicheln. Da hätte ich ein Recht zu dem gehabt, was ich brennend wünschte. Doch er kam mir nicht nahe. Er wußte Bescheid in seinem Fach. Das muß zugegeben werden.

Bis in die Nacht hinein wiederholte sich das Öffnen und Zuklappen der Käfigtüren, das Winseln der Zurückbleibenden. Besonders einer jungen Dackelin fehlte jede Beherrschung. Sie klagte wie eine Katze die ganze Nacht hindurch. Ich kümmerte mich nicht darum. Es hätte Jette sein können, ohne daß es mich erregt hätte. Möglich, daß mich Jettes Anblick hinter Gittern sogar nur noch mehr geärgert hätte. Ich empfand nichts als Wut.

Es gab keine Ruhe ringsum. Das Schnuppern und Springen ängstlicher Ungeduld hörte nicht auf. Es war heiß und schwül. Draußen hörte man Kröten und Käuzchen. Wenn einer endlich einschlief, knurrte und winselte er im Traum.

Der andre Morgen begann mit Geldgeklapper. Die Zuschauer zeigten sich uns vor den Gittern.

Wir mußten viel mit anhören.

Ich muß eingestehen, verschiedne Mal hörte ich von mir sagen: »Rasse, kernige Rasse.« Wahrheit muß nicht als Schmeichelei aufgefaßt werden.

Die meisten buchstabierten zuerst das Schild am Gitter, ehe sie sich zu einer Ansicht entschlossen. Wenn sie gelesen hatten, daß ich aus dem Besitz des Herrn Senators stammte, meinten sie, daß ich etwas Kostbares sein müsse und sagten: »Sieh einer an.«

Alle fanden es sehr komisch, daß ich Bruder genannt war.

Eine elegante Dame sagte, daß sie solche Blasphemie niemals in ihrem Familienleben dulden würde. Ein Hund habe Prinz oder Cäsar zu heißen, so wie ein Diener Karl oder Johann.

Manche junge Damen sagten: »Diese Augen. Zum Verlieben.«

Ich pflegte darauf den Zuschauern meine entgegengesetzte Seite zuzuwenden.

Dann gab es wieder solche, die längere Gespräche über mich wechselten. Ohne nur einen Blick auf mich zu werfen.

Eine junge Dame fragte ihren Begleiter, ob wir wohl denken könnten. Diese Möglichkeit schien ihr unangenehm.

Der Herr antwortete nichts, er pustete der Sprechenden nur sanft die Löckchen hinter ihren Ohren durcheinander.

Sie sagte: »Ungeheuer.« Dann gingen sie weiter.

Ein kleiner Herr, dessen Kneifer von der heißen Luft so behaucht war, daß wir uns gegenseitig nicht in die Augen sehen konnten, sagte zu einem andern mit ebensolchen Augengläsern, daß er überzeugt sei, daß wir Religion hätten. Im primitiveren Sinne natürlich. Wir brauchten einen sichtbaren Gott. Vermutlich halten wir unseren Herrn für einen solchen. Und was dem naiven Menschen die Kirche sei, bedeute uns wahrscheinlich der Wurstladen. Man müsse sich bei solchen Definitionen vor allen Dingen vollständig in die fremde Materie hineinversetzen können.

Der andre gab ihm vollkommen recht, riet ihm dringend, diese Ideen in einem Buch festzulegen.

Im lebhaften Gespräch gingen sie auf und nieder und hin und her. Und schließlich hinaus. Angesehen hatten sie niemanden von uns.

Bisher hatte ich mich nicht um meine Nachbarn gekümmert. Jetzt war mir der zur Rechten aufgefallen. Es war ihm gelungen, dem kleinen Herrn einen nassen Streifen über den hellen Sommerhut rieseln zu lassen. Der Sprechende hatte zu viel gesprochen, um dies bemerken zu können.

Wenn ich mich nicht irre, knurrte mein Nachbar während seiner Unternehmung, daß diesen Zweifüßlern unsre Auffassung vom Dasein ewig unbegreiflich bleiben werde.

Sein Äußeres erinnerte mich an Lord. Doch glaube ich nicht, daß sich dieser von seiner Verachtung zu ähnlichen Ausschreitungen hätte hinreißen lassen ...

Unter den Zuschauern bemerkte ich auch Richards Eltern. Die gnädige Frau meinte, daß in der Rosenausstellung die Luft besser gewesen wäre. Der Herr Gemahl gab dies zu. Er bemerkte sehr richtig, jeder rieche, wie er könne. Jedenfalls müsse man die eine Ausstellung ebensogut gesehen haben, wie die andre. Da es sich um die feinsten Rassetiere aus den Häusern der besten Gesellschaft handle. Er meinte, daß sie versuchen sollten, die Angelegenheit möglichst schnell zu erledigen. Sich die Vorstellung jedenfalls ersparen wollten.

Diese Vorstellung sollte ein Schandfleck für mich werden. Es muß dies eingestanden werden. Ich benahm mich nicht wie ein Dobermann, sondern wie ein störriger Esel. Ich sprang über keinen Stock. Fand ich einen Gegenstand, der versteckt worden war, um von mir aufgefunden und zurückgebracht zu werden, behielt ich ihn im Maul und ließ ihn mir nur mit Gewalt entreißen. Als die stinkende Strohpuppe aufgestellt worden und das Packan ertönte, fühlte ich meine frische Narbe schmerzen und setzte mich auf die Hinterbeine, statt den Nasenbiß zu vollziehen.

Man lachte schallend. Jemand aus der Menge schrie, daß ich wohl den dummen August vorstellen sollte. Ich bellte wie rasend und wünschte, mich auf den Sprechenden stürzen zu können. Der Ton seiner Stimme mißfiel mir. Ich wußte damals noch nicht, daß der dumme August ein ehrlicher Beruf, wie viele andere, war. Daß es einen Menschenstand gab, der für sich und seine Familie Brot damit verdiente, daß er sich Abend für Abend von Tausenden auslachen ließ. Später führte mich mein Weg auch mit ihm zusammen. Wie man erfahren wird, wenn mir die Zeit dazu gegeben.

Jemand spritzte Wasser auf mich. Meine Wut steigerte sich. Die Zuschauer gerieten in Unruhe. Man suchte sie mit Scherzen zu beruhigen. Sagte, wer belle, beiße nicht. Und Ähnliches mehr. Einige Damen schrien, daß die Hitze vielleicht Tollwut bei mir hervorgerufen haben könnte. Alles kam in Aufregung.

Da wurde ich meiner Wut plötzlich überdrüssig. Ich gehorchte den Pfiffen, sprang in meinen Käfig und warf mich nieder, schweißgebadet. Die Zunge zu trocken, um sie ins Maul ziehen zu mögen.

Erregung verschönt selten. Man fand mich schauderhaft aussehend. Nun ich wieder hinter Gitter war, kam alles, um sein Urteil über mich abzugeben.

Ich hatte die Augen geschlossen. Ich roch sie alle. Das genügte mir. Es war der Dunst, der immer zu spüren ist, wo viel Fleisch in heißer Sonne beisammen. Meine Mutter fand ihn appetiterregend. Mich ekelte heute alles.

Ich übergrübelte, was alle diese berechtigte, so große Ansprüche an uns Hunde zu stellen. Wir alle mußten von reiner Rasse sein, wohlgebaut, nicht um ein Gramm zu fett oder zu mager. Ich sah sie mir selber daraufhin an. Ich möchte nichts weiter darüber hinzufügen.

Wenn man nichts gegessen hat, kommt man auf unfreundliche Gedanken ...

Aus den Händen am Gitter schaukelte eine Pfauenfeder und umfuhr meine Schnauze.

Ich sprang auf. Ich knurrte nur. Aber deutlich.

Die Direktion ließ den Tierarzt rufen.

Er war ein runder Herr, mit einer roten, kompakten Knolle inmitten des Gesichts. Dressur ist Dressur. Man schüttelt nicht ab, was man in der Jugend eingebläut bekommen. Auch heute noch sehe ich zuerst auf die Nase.

Auf meinen Blick hin blieb der kleine Herr am Eingang des Käfigs stehen.

Er sagte, seine Spezialität wären eigentlich Pferde.

Er hörte mit Bedenken, daß ich meine Mahlzeiten nicht eingenommen hatte. Dies könnte allerdings auf Tollwut schließen lassen. Wiederum die Ursache auch in Unlust und Mißvergnügen an dem unfreiwilligen fremden Aufenthalt hier zu suchen sein könnte. Möglicherweise auch ein verdorbener Magen zufällig diese Erscheinungen hervorgerufen haben mochte. Eventuell sogar nur Zahnschmerzen. Dieses Leiden, das Mensch und Tier gleich mache.

Ich hatte unterdessen auf drei Füßen gezeigt, was ich von dieser Angelegenheit hielt.

Die Zuschauer lachten. Sie wurden gebeten, sich zu entfernen.

Der Spezialist für Pferde sagte zu mir: »Nun komm mal her, Bruder.«

Ich legte mich nieder. In Angriffsstellung.

Der Spezialist für Pferde murmelte darauf, daß ich wieder ganz ruhig scheine und ging wieder ganz zurück bis zur Eingangstür.

»Bist ein braves Hündchen,« flüsterte er. Und dann bückte er sich und war hinaus zur schmalen Tür.

Hier steckte er sich eine Zigarre an, reichte auch dem Wärter eine und sagte, man könne immerhin mit dem Herrn Senator telephonieren, daß man mich früher abholen möge. Eventuell mich auch einer Hundestation zur Beobachtung übergeben könne.

Dann verbeugte er sich vor mir. Hinter dem Gitter. Und sagte, daß es ihn gefreut, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Wenn dies Gefallen auch nicht gegenseitig scheine.

Ich rührte mich nicht. Ich hatte die Zunge noch weit aus dem Maul hängen. Er konnte dies auffassen, wie er wollte ...

Hunger und Aufregung hatten mich müde gemacht. Ich wünschte, zu schlafen. Die Fliegen ließen es nicht zu. Ich fing sie hartnäckig. Aber so ist es mit den Fliegen, man kann hundert fangen, es wird einen doch wieder eine wecken.

Ich stand wieder auf. Beschnupperte das Gitter. Die Tür öffnete sich. Die Zigarre des Spezialisten für Pferde hatte den Wärter vergessen lassen, den Schlüssel im Schloß umzudrehen.

Ein Satz und ich war hinaus. Die Dackelin heulte, ich sollte sie mitnehmen. Aber nicht Jette hätte mich zu einer Verzögerung verlocken können. Ich stürzte fort. Es war immer noch hell. Es mag einer der längsten Tage des Jahres gewesen sein. Ich schnüffelte zur einen Seite, zur andern, geradeaus, ich hatte die Spur. Meine Kräfte waren wieder da. Im Galopp sauste ich durch Straßen und Alleen und durchs Gittertor hinein in den Garten der Geborgenheit.

Ich wünschte nichts, als mich in meiner Hütte verbergen zu dürfen. Ich kam nicht dazu. Aus einem Grund, den ich sofort berichten will.

Ich möchte nur, meines Hangs zur Vergeßlichkeit halber, hier zuvor vermerken, daß ich trotzalledem eine fachwissenschaftliche Auszeichnung erhielt. Eine Medaille, worauf ein Hundekopf geprägt war und die Worte toujours fidel.

Es hätte mir dies überraschend kommen können. Doch hatte ich nach der Vorstellung, hinter meinem Gitter mit angehört, wie zwei Herren, auf dem Kopf den Zylinderhut, in der Hand den Bleistift, übereinkamen, daß es trotz allem Vorgefallenen einfachste Rücksicht auf eine Persönlichkeit wie der Herr Senator verlange, daß sein einziger Hund eine Auszeichnung davontrage ...

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