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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Dreizehntes Kapitel

(Bruder wundert und freut sich über etwas, das er einmal Liebe nennen gehört)

Alles dessen erinnre ich mich wieder, wenn sich das Wetter ändert und meine Narbe schmerzt.

Weder Lord, Herrn Harald, noch Herrn Gerstenrot sah ich wieder.

Die dicke Lina hörte ich sagen, daß die Nasen der Herren wieder aufs neu fassonniert worden wären. Auf Kosten des Herrn Senators. Geld könne alles.

Aber man behandelte auch mich mit Respekt. Die schmale Elvira hielt sich stets die Hand vors Gesicht, wenn sie mit mir scherzte. Jeder war gut zu mir.

Wärme umfächelte meine Schnauze. Wärme und Wohlgeruch. Sonnenstrahlen durchschrägten wohlig meinen Leib. Die schönste Jahreszeit war da.

Tagelang wanderte mein geliebter Herr mit mir durchs Grün.

Am Rand des schäumenden Flusses. Wo die Böschung voll Blumen hing, hob ich jedesmal den Kopf. Ich wußte, hier flog der Stein ins Wasser, dem ich nachzuspringen hatte. Wollte mein geliebter Herr es einmal vergessen, erinnerte ich ihn durch Gebell. Dieser Sprung ins Wasser war Freude. Nicht oft genug hätt' ich ihn wiederholen mögen. Doch fügte ich mich, wurde es meinem geliebten Herrn genug des Spaßes.

Manchmal begegneten wir Richard. Er hatte jetzt eine Hete an der Hand. Anfangs lief ich stets auf ihn zu.

Stets sagte seine Hete: Da ist ein Hund.

Stets antwortete Richard, daß ich wirklich ein richtiger Hund zu sein scheine.

Mir schien trotzdem, als sähen sie mich nicht. Ich unterließ die Begrüßung.

Jeder unsrer Wege führte zu der Stelle, wo ich Achim und Hete gefunden, als mir der Herr Senator befohlen, meinen geliebten Herrn zu suchen.

Hier mußte ich mich neben meinen geliebten Herrn setzen, die Ohren spitzen und zuhören. Es wurde mir von Hete erzählt. Hete wisse alles, was wir täten. Achim sähe überall Hete vor sich, und Hete überall Achim. Das war so sicher, wie daß sich die Blumen nach der Sonne drehten.

Oft warf Achim eine Blume ins Wasser und sagte: Schwimme zu ihr.

Jedesmal sprang ich ihr nach, dachte, daß es mir gälte und ich sie herausholen sollte.

Mein geliebter Herr lachte mich aus. Klopfte mir den Hals und sagte, auch die besten Freunde könnten sich nicht immer verstehen.

Das war wahr. Ich muß zugeben, daß ich nicht immer verstand, was alles er von Hete sprach.

Von Hete, wie sie aussehen würde, in einem weißen Schleier und einem grünen Kranz. Einen Schleier bis zu den Füßen. Für jedermann verhüllt. Nur nicht für einen. Von einem Haus, sommers im hellen Grün, winters im leuchtenden Schnee. Nur zweien gehörig. Ich aber müßte das Ganze bewachen.

Von kleinen Buben und Mädchen, die auf mir reiten sollten. Mich tüchtig zausen, aber mir doch nie Böses zufügen würden. Denn sie würden gar nicht erzogen sein. Sie brauchten weder ihrem Papa, noch ihrem Großpapa, noch dessen Großpapa zu gleichen. Ihrer eignen Natur sollten sie gehorchen und sonst niemandem. Und damit so weise sein dürfen, wie jedes Tier.

Dann wieder konnte mein geliebter Herr nichts weiter sagen, als: Hete, Hete, Hete, Hete. Viel häufiger, als ich zu zählen vermochte.

Es kribbelte mich in allen vier Pfoten. Auch des Gähnens konnte ich mich nicht erwehren.

Ich wills gestehen, ich betrog damals meinen geliebten Herrn. Ich rückte langsam von ihm ab, wenn ich merkte, daß ihn seine Blicke weit übers Wasser getragen hatten. Ich ließ ihn reden und schlich mich davon.

Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft mit Amy. Sie hatte ein Glöckchen am Hals und duftete appetitlich. Sie war jung, schön, seidenweich. Sie hatte nicht so viel eigne Meinungen wie Lord. Wir debattierten überhaupt nicht miteinander. Wir verstanden uns gleich. Wir erwiesen uns die kleinen süßen Gefälligkeiten, die ich, wenn ich nicht irre, Liebe nennen gehört.

Ich muß es gestehen, zu jener Zeit vergaß ich oftmals meinen geliebten Herrn. Obwohl es nicht einmal immer Amys wegen geschah.

Es konnte geschehn, daß ich nächtelang vor einem fremden Hause saß. Anstatt die Schachtel der Geborgenheit zu bewachen. Daß ich, ein echter Dobermann, Spott und Hohn aus fremden Fenstern duldete. Daß ich nicht nur nicht davonschlich, sondern alles über mich ergehen ließ ... Geduldig wie ein Hammel. Daß ich durch Roheit ein wenig verscheucht, doch schamlos wiederkehrte.

Ich weiß nicht, wo ich damals Ehrgefühl, Erziehung, Anstand und Treue gelassen hatte. Heute, wo ich grau um Schnauze und Brust, vermag ich nicht mehr zu verstehen, wie das geschehen konnte.

Nur weiß ich, daß Onkel Tom damals, als man mir mit der Peitsche drohen wollte, lächelnd gesagt hatte: Auch das gehöre dazu ...

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