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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/berend/brudersb/brudersb.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Zwölftes Kapitel

(Bruder erhält eine Narbe fürs Leben. Weil das Herz eines Fräuleins nicht so will, wie es sollte. Bruders Pflichteifer bringt zwei Liebhaber um ihre Nasenspitze)

Luft und Boden füllten sich mit mehr Wärme bei jedem Sonnengang. Es regte sich im Erdreich, am Tag wie in der Nacht. Ich fühlte mich nicht mehr einsam draußen.

Auch war mein geliebter Herr gut zu mir. Ging er in die Lehrstunde, durfte ich ihn ein Stück Weges begleiten. Kehrte er zurück, erwartete ich ihn. Ich spürte, daß ihn das freute. Daß er ausschaute, ob ich da war oder nicht. Ich durchsprang die Stunden des Wartens.

In jener Zeit jedoch war es, daß ich die Narbe erhielt, die ich heut noch fühle. Aus Gründen, die mir damals unbegreiflich waren. Heute weiß ich, daß nichts andres die Ursache dazu gewesen, als daß sich normaler Ärger an den Hilflosen auszutoben liebt.

Es war um die Stunde der Fledermäuse. Es war still in der Schachtel der Geborgenheit und rings um sie herum.

Achim war mit Richard fortgegangen. Der Herr Senator und die gnädige Frau waren im Wagen davongefahren.

Fräulein Angelika hatte ihnen vom Fenster aus zugewinkt.

»Gute Besserung, blonder Engel,« hatte Frau Alwine hinaufgerufen, ehe die Pferde anzogen.

Aus der Küche stieg bald ein angenehmer Duft. Die dicke Lina verfertigte gute Dinge fürs Gesinde. Als ich meine Schnauze hineinsteckte, warf sie mir einen fetten Bissen zu. Sie rief dabei, ich sollte daraus lernen, daß die Mäuse tanzten, wenn die Katze aus dem Haus.

Alle lachten schmetternd auf.

Lachen war und blieb mir unheimlich. Ich erlernte nie, mich darin auszukennen. Ich hielt es zuerst für das Zeichen der Freude. Bis ich begriff, daß es auch Bosheit, Arger, Zorn, Spott bedeuten konnte.

Mehr Vertrauen gewann ich zum Lächeln. Bis ich auch hier herausgewittert hatte, daß es keine Sicherheit bot. Sie vermochten auch aus Zorn zu lächeln. Auch aus Furcht. Dann sträubte sich mir das Fell. Wahrscheinlich aus eigener Unvollkommenheit. Ich hörte die Menschen oft genug rühmen, daß nur sie zu lachen und zu lächeln vermögen. Aber kein Tier. Sie waren stolz darauf ...

Unter Gelächter beschnupperte ich also den fetten Bissen. Er war noch zu heiß. Es hieß warten auf den Genuß.

Man schalt mich ein verwöhntes Luder. Während einer nach dem andern ausfluchte, weil er sich das Maul verbrannte an dem heißen, fettropfenden Kuchen. Es waren dies nur gewöhnliche Leute. Aber ich sah im Lauf meines langen Lebens sogar Gelehrte zu heiße Bissen in den Mund stecken und sich die Zunge verbrennen. Ein Irrtum, der dem kleinsten Hund nicht unterlaufen konnte. Ich bedauerte sie ...

Fett hält Wärme. Es dauerte, ehe ich den ersten Bissen wagen konnte. Da spitzte ich die Ohren und mußte fortjagen von der vollen Schüssel.

Bis draußen hörte ich sie mir Schimpfworte nachschreien. Auch ein Holzpantoffel flog hinter mir her.

Ich hatte andres zu tun, als mich darum zu kümmern.

Ich hatte fremde Schritte vernommen.

Ein Mann stand im Garten. Ich stürzte auf ihn zu. Erkannte Herrn Harald, stutzte, umkreiste ihn in Ungewißheit.

Er rief mit wackliger Stimme: »Bärchen, kennst du nicht mehr deinen alten Freund?«

Ich war nicht mehr Bärchen. Ich wußte nicht was tun. War anzugreifen oder nicht?

Fräulein Angelika kam aus dem Haus geeilt. Gehüllt in Schleier.

»Kusch, Bruder,« rief sie. »Kusch, mein lieber, kleiner Bruder.«

Dann sagte sie zu Herrn Harald, daß sie es hier draußen gar nicht so kühl fände, wie sie geglaubt hätte.

Herr Harald erwiderte, daß der Frühling der Verbündete der Liebe wäre.

Er griff nach des Fräuleins Hand. Ich knurrte und stellte mich auf.

»Kusch, Bruder,« rief Fräulein Angelika.

Dann wandte sie sich wieder zu Herrn Harald und sagte, daß es doch eigentlich erst Vorfrühling wäre.

Herr Harald antwortete, in seinem Herzen wäre es Hochsommer.

Sie gingen tiefer in das Dunkel des Gartens. Ich folgte ihnen.

Herr Harald fragte nach Herrn Assessor Gerstenrot.

Fräulein Angelika seufzte, wenn der Vater befehle, müsse ein Kind gehorchen.

Herr Harald rief, daß nur das Herz zu befehlen habe. Herrn Assessor Gerstenrot nannte er einen Lump.

Diese Bezeichnung hatte ich auf Herrn Harald selbst anwenden hören. Von der dicken Lina. Auch von dem Herrn Senator. Der ihn allerdings auch einmal einen Glücksritter nannte ... Soviel ich weiß, sind Ritter etwas Vornehmes. Fräulein Angelikas späterer Gatte, der Herr von Rumperlitz-Ippensitz stammte noch von den Raubrittern ab. Das hieß, vom ältesten und vornehmsten Adel sein, wie ich von Frau Alwine hörte.

Von Herrn Assessor Gerstenrot wußte ich nur, daß ihn Frau Alwine einen entzückenden Gesellschafter genannt hatte. Und Lord ihn gutmütig wie einen Frosch geheißen. Was mir das Maßgebendste war.

Ich zupfte Fräulein Angelika am Arm.

Herr Harald flüsterte, daß es Wege gäbe, auch Väter gehorsam zumachen. »Bär und Prinzessin,« röchelte er.

Er hatte Fräulein Angelika fest an sich gerissen.

Ich wartete auf das »Pack an«. Ich keuchte nicht weniger als Herr Harald.

Fräulein Angelika aber flüsterte zu mir nur: »Kusch dich,« und zu Herrn Harald: »Unendlich Geliebter«.

Wir waren an der Schwelle des Gartenhauses. Hierher kam sonst niemand. Ich wußte das. Denn auf dem breiten, weichen Sofa dort hatte ich mir manchen heimlichen Schlaf geleistet.

Ein Geräusch hinter uns lenkte mich ab. Ich witterte Herrn Gerstenrot uns im Rücken. Er näherte sich uns durch das Dunkel. Ohne Lord.

Ich lief ihm entgegen. Er bemerkte mich nicht, obwohl ich laut bellte. Er stolperte über mich im schnellen Lauf.

Fräulein Angelika sprang plötzlich zum Haus zurück. Ich lief neben ihr, bis sie die Tür erreicht hatte.

Dann jagte ich zurück. Die beiden Herren hielten sich gegenseitig am Kragen und nannten sich: Schuft.

Ich wußte keinen Rat. Ich war schweißgebadet.

Herr Harald keuchte: »Pack an.«

Herr Gerstenrot schrie: »Pack an.«

Seit Wochen hatte ich darauf gewartet, das Wort einmal zu hören.

Ich tat meine Pflicht. Glaubte, sie zu tun. Ich biß jedem der Herren die Nasenspitze ab.

Mein Zweck war erreicht. Sie ließen voneinander.

Doch plötzlich war der Herr Senator da, das ganze Gesinde. Die Gartenlampen flammten auf.

Herr und Frau Senator hatten sich im Theater gelangweilt. Sie waren vorzeitig zurückgekehrt.

Die dicke Lina meinte, sie hätten wohl geahnt, daß sie hier das schönste Schauspiel der Welt erwartete.

Der Herr Senator begriff nicht, was geschehen.

Die gnädige Frau schrie: »Welche Blamage. Alles muß vertuscht werden.« Und wurde ohnmächtig fortgetragen.

Herr Harald stöhnte, daß sich eine fehlende Nasenspitze schwer vertuschen lassen werde.

Herr Assessor Gerstenrot preßte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, man werde einen Verein der Nasenspitzlosen gründen. Um Fräulein Angelikas Ehrsamkeit ein Denkmal zu setzen.

Herrn Senator packte die Wut. Er griff nach einem Spaten, der in seiner Nähe stand und stieß ihn mir, ich hatte mich hilfbereit an sein Knie gelehnt, mit voller Kraft durch Fell und Haut.

Ich heulte auf und schleppte mich davon.

Onkel Tom war es, der mich fand und mich verband. Wie aus dem Boden gewachsen stand er neben mir. Seine Augen tropften.

Er flüsterte vieles. Er sagte, daß es nicht nur die Tiere wären, die sie nicht verständen. Auch voneinander wüßten sie alle nichts. Sie brauchten Mitleid alle miteinander. Nur ein Hund vermochte sie wahrhaft zu lieben. Aber das wäre eine Wahrheit, an der man sterben könne.

So ähnlich flüsterte Onkel Tom. Während seine alten behutsamen Finger meine Wunde kühlten. Mit jenem Balsam, den ich ihn oft zubereiten gesehn hatte.

Plötzlich war mein geliebter Herr da. Er stürzte sich über mich und küßte mich. Er küßte Onkel Tom, weil er mir geholfen hatte. Er schrie, wer mir das angetan.

Onkel Tom streichelte ihn über das wirre Blondhaar. Bat ihn, nach Mäßigung seiner Gefühle zu suchen. Damit er ohne allzu großes Unglück durchs Leben kommen möge.

Achim schrie nur, wer mir das angetan hätte.

Ich blickte Onkel Tom fest in die Augen. Er war so anständig, wie ich erwartete. Er verriet den Herrn Senator nicht. Er bat Achim, nicht nachzuforschen. Geschehen sei geschehen. Und meine Wunden würden wieder heilen.

An jenem Abend nahm mich mein geliebter Herr wieder mit sich. Ich schlief wieder vor der Schwelle seines Zimmers. Und dabei blieb es. Obwohl wir wußten, daß es verbotene Sache war.

Begegnete ich dem Herrn Senator auf der Treppe, duckte ich mich.

Aber auch der Herr Senator sah zur Seite ...

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