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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Zehntes Kapitel

(Bruder tut, was Pflicht und Instinkt ihn gelehrt. Nicht begreifend, daß auch das Richtige falsch sein kann)

Vom menschlichen Standpunkt aus hatte Onkel Tom gewiß recht gehabt. Jedoch nicht für jemand, der für alle wachen muß. Kaum, daß mein eines Ohr eingeschlafen war, mußte ich alle beide spitzen. Ein Geräusch war da. Aus dem Gesindehaus schlüpfte jemand heraus. Bevor ich halte anschlagen können, war Elvira, die schmale Zofe der gnädigen Frau, bei mir. Sie balancierte eine Wurst vor meiner Schnauze, während sie mich mit raschem Griff an die Kette gelegt hatte. Im gleichen Augenblick huschte ein Mann aus ihrer Kammertür ... Hinaus und fort durchs Gittertor. Ich bellte auf und zerrte an meiner Kette.

»Kusch,« schrie irgend jemand im Haus mit verschlafener Stimme.

Elvira lachte leise auf, löste meine Kette und war schon wieder im Haus, ehe ich mir klar geworden, ob ich berechtigt wäre, zuzubeißen. Ich knurrte eine Weile. Ich war geärgert und beunruhigt.

Eingeschlafen mußte ich schließlich doch sein. Denn der Hahn weckte mich. Morgennebel kitzelte um meine Schnauze. Ich streckte mich und reckte mich auf. Ich fühlte wieder nichts als Freude.

Allem Getier ging es ebenso. Die Hennen platzten beinah vor Eierstolz. Die Gänse schnatterten erregt. Sie kümmern sich um alles, was sie nichts angeht. Die Tauben girrten einfältig. Sie sahen nur sich. Genau wie die Katzen. Diese beleckten im Morgensonnenstrahl jedes Härchen ihres Fells. Sie schnurrten in tiefster Zufriedenheit.

Das war in der Küche nicht der Fall. Trotzdem es hier wärmer war als in der Frühsonne draußen. Und schon der Duft von gewärmtem Kaffee und süßer Milch die Schnauze umstrich.

Dazwischen roch es allerdings, als habe man einer Gans die Federn versengt. Es war jedoch die dicke Lina. Sie hatte sich die Haare verschönern wollen und sich dabei einen Teil davon verbrannt.

Sie brummte »lieber gar kein Morgen, als solch ein Morgen« und schlug fortwährend Fliegen tot.

Das ärgerte mich. Das war eine Zerstreuung, die ich besser verstand. Darum auch mehr Vergnügen daran hatte. Nichts ist behaglicher, als ausgestreckt zu liegen und dann und wann eine Fliege zu schnappen, die aus Vorwitz jede Vorsicht vergessen. Mir scheint, daß die Menschen ähnliche Empfindungen spüren, wenn sie rauchen oder Zeitung lesen.

Die schmale Elvira kam mit einem Krug und ließ Wasser hineinprasseln, daß die Ohren brausten. Auch sie war geärgert. Die gnädige Frau hatte sie gefragt, woher sie blaß unter den Augen ausschaue? Wer gab der gnädigen Frau das Recht dazu? Mensch ist Mensch. Durfte man nicht einmal schlecht träumen, ohne daß es im Gesindebuch vermerkt würde?

Ich umschnupperte Elvira. Ich erinnerte mich der nächtlichen Wurst. Sie war vorzüglich gewesen.

Elvira lachte auf. Als erinnre sie sich bei meinem Anblick auch an etwas Angenehmes. Sie bespritzte mich mit Wasser. Ich bellte. Sie lachte wieder und lief davon. Ich jagte ihr nach. Wir sprangen über die Wege des Gartens, bis die Klingel der Gnädigen geplatzt zu sein schien von ununterbrochenem Läuten.

Die Zunge hing mir weit zum Hals heraus, als ich plötzlich meinem geliebten Herrn zwischen die Beine lief.

Meine Freude ging wieder ins Übermaß. Ich sprang ihm bis zur Schulter.

Er fand mich abscheulich aussehend. Er rief, ein junges Mädchen könne sterben vor Schreck, wenn sie meiner plötzlich ansichtig würde.

Er wehrte ab. Erst lachend, dann böse. Er war besorgt, daß ich ihn beschmutzen könne. Unter dem einen Arm hatte er seine Bücher. Er nahm den Unterricht nicht mehr im Haus. In der rechten Hand hielt er eine langgestielte Rose in dünnem Papier. Ich witterte Hetes Hauch, der ihn umhüllte. Schnee und Kälte kamen meiner Schnauze in Erinnerung. Und der Geschmack von Schokolade.

Ich umsprang meinen geliebten Herrn. Bellte, um ihm dies begreiflich zu machen. Beleckte seine Stiefel, da ich nicht hochspringen durfte. Er lächelte wieder weit geradeaus. Er stieß mich erst zurück, als ich ihm auf die Straße folgen wollte ...

Viele Morgen wiederholte sich dies. Unverändert. Nur der Erdboden wurde jedentags wärmer, würmerreicher, würziger. Lebendiges wollte hinaufsteigen. Die Schnauze wurde nicht fertig mit Schnüffeln.

Solchentags pfiff mir der Herr Senator. Verließ mit mir den Garten und befahl: »Herrchen suchen.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich stürmte vorwärts. Direkten Wegs zu einem großen Steinhaus, aus dem das Gemurmel des Unterrichts heraussurrte.

Die Spur führte weiter. Die Steine unter den Füßen hörten auf. Es ging am Fluß entlang. Glicht lange und ich ließ die Erde unter meinen Füßen stieben, als wäre ich ein Roß. Auf dem Balken der Böschung saß mein geliebter Herr. Dicht neben ihm Hete. Ich sauste zwischen sie. Mit vollstem Freudengebell.

Hete schrie auf. Mein geliebter Herr schalt. Er war besorgt, daß ich Hete zu sehr erschreckt hätte.

Hete lachte nur. Sie streichelte mich und fragte, ob ich Dummer denn den Achim etwa lieb hätte?

Mein geliebter Herr rief dazwischen, ich solle Fräulein Hete fragen, ob es ihr unglaublich erscheine, daß ihn jemand lieb haben könne?

Ich bellte dröhnend. Umsprang beide. Um zu beweisen, daß sie mir beide gefielen.

Mein geliebter Herr packte mich am Halsband und sagte, nun solle ich eine junge Dame höflich fragen, ob es möglich wäre, daß eine Jemandin immerfort an einen Jemand denke. So wie er an sie?

Hete zog mich an sich und flüsterte in mein Ohr, daß wer viel frage, viel Antwort erhalte. Besonders über Dinge, die sich von selbst verständen.

Sie drückte ihre Lippen in mein Fell, dicht hinter dem Ohr.

»Hoho,« rief mein geliebter Herr und drückte seine Lippen dicht hinter mein Ohr, wo ich noch Hetes Mund fühlte.

Da schüttelte ich beide ab und richtete mich auf.

Der Herr Senator hatte mich eingeholt. Er stand vor uns und sagte: »Guten Morgen, mein Söhnchen.«

Er lächelte, aber ich spürte einen Katzengeruch, daß sich mein Fell sträubte.

»Pardon, Papa,« murmelte mein geliebter Herr.

Hete lief schon weit unten auf dem Wege.

Ich spitzte die Ohren und wendete den Kopf nach ihr. Wollten mein geliebter Herr und ich nicht hinterdrein springen? Fort aus dem Katzendunst. Ins frische Freie?

Der Herr Senator pfiff. Es ging den Weg zurück. Schweigend schritt mein geliebter Herr. Ebenso der Herr Senator. Ich hinter ihnen. Eingezogen den Schwanz. Die Ohren gesenkt. Niemand hatte mich geprügelt. Aber mir war genau so zumut.

Der Weg war lang. Er endete im Arbeitszimmer des Herrn Senators, inmitten des Kaffeeimports. Ich beschnüffelte Taback, Leder, Teppich: Katzengeruch.

Der Herr Senator setzte sich an den Schreibtisch. Mein geliebter Herr blieb stehen. Ich legte mich zwischen beide.

Mein geliebter Herr sagte etwas, was mir nicht neu war. Er sagte: »Sie ist das reinste, feinste, gütigste, klügste Mädchen.«

Der Herr Senator antwortete, daß er das wisse.

Mein geliebter Herr machte einen raschen Schritt zum Schreibtisch.

»Du kennst sie, Papa?« fragte er.

Der Herr Senator öffnete Briefe, während er antwortete, daß auch er einmal diese letzte Kinderkrankheit durchgemacht habe. Er kenne also ihre Symptome.

»Ich werde sie heiraten,« rief mein geliebter Herr.

Der Herr Senator antwortete, daß es sich um die Tochter eines Mannes handelte, der sich später Achim, seinem Vorgesetzten, nur mit dem Hut in der Hand zu nähern erlauben werde.

Mein geliebter Herr rief, daß er später einmal keine solchen Unterschiede gelten lassen werde. Es werde anders in diesem Arbeitsreich aussehn, wenn er einmal der Herr würde.

Der Herr Senator zündete sich eine große Zigarre an. Er sagte, wenn ihn seine Schulkenntnisse nicht täuschten, hätte schon Cyrus zu seinem Vater gesagt, daß er das Unterste nach oben kehren wolle.

Cyrus, Gründer des Perserreichs, besiegte Krösus 529. Ich kannte ihn aus den Unterrichtsstunden. Ich bellte auf. Die Sprechenden zuckten zusammen.

»Kusch,« rief der Herr Senator streng.

Mein geliebter Herr schien mich gar nicht gehört zu haben. Er sagte sich schnell folgende Worte, ohne Atem zu holen.

Er sagte, daß des Vaters Worte nur bewiesen, daß die Welt immer jung und immer alt gewesen wäre. Jetzt aber sei er jung. Er habe noch kein Kassenbuch an Stelle des Herzens. Er fragte den Herrn Senator, ob dieser je gewünscht hatte, alle Rosen der Welt auf einmal duften zu fühlen, alle Jahreszeiten im gleichen Augenblick über dem Garten zu spüren, sich verwandelt zu finden in einen Frosch, einen Hund, einen Bettler, einen Esel, einen Käfer, einen Gott? Er fragte, ob der Herr Senator jemals ersehnt, daß der Mond am Tage, die Sonne des Nachts leuchten möge?

Ich weiß nicht, was alles er noch herausrief. Das Gähnen überfiel mich wieder.

Der Herr Senator rauchte seine Zigarre langsam, aber mit scharfem, beißendem Rauch.

Ich behielt ihn trotzdem im Auge. Der Katzenbuckel seiner buschigen Augen glättete sich. Er begann zu lächeln.

Mein geliebter Herr hatte gerufen: »Und ich heirate sie doch.«

Der Herr Senator antwortete ruhig, Achim könne später einmal tun, was er wolle. Heute wünsche er nur das Versprechen, daß sich Hete und Achim ein Jahr lang weder sehen noch schreiben sollten.

Mein geliebter Herr lachte. Er sagte, daß Zeit und Raum keine Bedeutung für sie und ihn haben könnten.

Er drückte heftig die Hand seines Vaters. Ich sprang auf. Wollte dazwischen springen. Ich wußte, wenn der Buckel schwindet, werden die Krallen vorgestreckt. Mein geliebter Herr brauchte Schutz.

Nichts geschah.

Mein geliebter Herr sagte: »Ich danke dir, Vater.«

In ein Lächeln gehüllt, eilte er hinaus. Dicht vor meiner Schnauze schlug er die Tür zu ...

Auch der Herr Senator achtete meiner nicht. Ich legte mich unter den Schreibtisch. Stand jedoch wieder auf. Die Stiefel des Herrn Senators waren mit unangenehm.

Bevor ich einen geeigneten Platz gefunden hatte, öffnete sich die Tür.

Ich nahm Angriffsstellung ein. Der Mann, der eintrat, den Hut in der Hand, roch nach Teer und Schweiß. Ich erwartete das »Pack an«. Ich wäre in der rechten Laune dazu gewesen.

Der Herr Senator befahl: Ruhe. Dem Manne versicherte er, daß ich nicht zu fürchten wäre.

Ich hatte inzwischen Hetes Hauch am Rock des Mannes gespürt. Da, wo der Flicken aufgesetzt war. Ich knurrte besänftigt.

Der Mann beugte sich zu mir nieder, um mich zu krauen. Aber er tat nur so. Seine Augenbrauen lächelten Katzenbuckel. Gut, daß er mich nicht wirklich anrührte. Es hätte mir leid getan, aber meine Erziehung verbot mir, vertrauliche Annäherung Fremder zu dulden.

Die Unterredung, die stattfand, beachtete ich erst, als ich Achims und Hetes Namen häufig wiederholen hörte. Hete sollte fort. Der Herr Senator versprach dem Manne Gutes dafür. Hete wollte, sollte, konnte in einer andern, größeren Stadt singen lernen. Der Herr Senator wollte das alles bezahlen. Beide lächelten beständig. Doch blieb ich aufgerichtet. Der Katzengeruch verstärkte sich ins Fürchterliche. Mir wurde unbehaglich. Unruhe um meinen geliebten Herrn juckte mich plötzlich. Ich winselte.

Mein Benehmen machte den Herrn Senator nervös.

Er fragte, was ich wolle. Ich merkte, daß er mich zu schlagen wünschte. Es aber nicht wagte. Ich fuhr fort, zu winseln.

Der Mann mit dem Schweißgeruch sagte, daß mancher manchmal nicht wisse, was sich solch stummseinmüssendes Luder für Gedanken mache. Es wäre doch der Hund des jungen Herrn, wenn er sich nicht irre. Hete, sein Kind, habe ihm oft von ihm vorgeplappert. Mehr als von dem jungen Herrn.

Der Herr Senator öffnete die Tür. Ich sauste hinaus. Der Mann mit dem Schweißgeruch verschwand an einer Biegung des Ganges. Der Herr Senator und ich machten einen Rundgang durch die Arbeitsräume. Mich juckte es noch. Ich bellte überall dazwischen. Böse Blicke begegneten uns. Ich zeigte meine Zähne. Der Herr Senator schien guter Laune zu sein. Er ließ mich gewähren.

Er ging meinetwegen zu Fuß nach Haus.

Durch die Pflastersteine hindurch roch ich neue Keime, schwellende Wurzeln.

Ich machte Sprünge um jedes Baumskelett, in dem ich es knacken hörte.

Im Garten spürte auch der Herr Senator etwas davon. Er wurde noch besserer Laune. Er holte sich eine Büchse, um zu sehen, ob er noch Spatzen abzuschießen verstände. Die überall die neuen Keime zerzupften. Er warf sie mir noch warm ins Maul. Jeder Tag hat auch sein Gutes.

Aber aus dem Haus kam die gnädige Frau geeilt. Beide Hände vor den Ohren.

Sie rief, die Schachtel der Geborgenheit sei doch kein Schlachtfeld. Als sie mich mit einem blutenden Spatz im Maul sah, mußte sie zum Riechfläschchen greifen.

Sie nannte mich fürchterlich. Begriff nicht, daß man solches Raubtier den besten Gefährten des Menschen nennen könne.

Der Herr Senator stellte die Büchse fort und küßte der gnädigen Frau die Hand.

Frau Alwine erholte sich wieder.

Arm in Arm mit dem Herrn Senator ging sie ins Haus zurück.

»Der Frühling liegt in der Luft,« sagte sie.

Als sie am Küchenfenster vorüberging, machte sie ihren Arm frei und sagte: »Pflicht, Liebster, ist Pflicht.«

Sie ging zu der dicken Lina, um ihr noch einmal einzuschärfen, daß die Krammetsvögel ganz knusprig zu braten wären ...

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