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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/berend/brudersb/brudersb.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Neuntes Kapitel

(Bruder ist traurig über etwas ganz Natürliches. Nämlich, daß man ihn als Hund behandelt)

Wieder zu Haus. Neugierde und Übermut rissen mich fort. Ich jagte die Hühner. Nur um ihnen zu zeigen, daß ich wieder da war. Ich bellte zu den Tauben hinauf. Aus dem gleichen Grund. Ich riß den Mägden die Besen aus der Hand, um sie neben ihnen höflich im Maul zu tragen. Daß alles unzufrieden mit mir war, merkte ich nicht. Wie das leicht geschieht, wenn man selber allzusehr zufrieden ist.

Ich fand Onkel Tom wieder. Er schnitzte eine lange Stange, auf der das Starenhaus in der Luft schweben sollte. Unerreichbar jeder Katze.

Er sagte, daß die Welt für alle Raum habe. Es müsse nur jeder den rechten Platz finden.

Ich leckte ihm über die schnitzelnde Hand. Damit er mich bemerke. Er lobte mich. Er fand mich gewachsen und wohlgebildet. In meinen scharfen, glänzenden Augen das Feuer und die Aufrichtigkeit des Jünglings. Der rechte Kamerad für Achim.

Sein Lob machte mich stolz. Ich bellte eingebildet. Wie ein Huhn, das sein Ei umkräht. Man lachte mich aus und ich zog den Schwanz ein.

Die dicke Lina hatte eine Henne auf dem Schoß. Sie träufelte ihr Rizinusöl ein, weil sie Magenbeschwerden bei ihr vermutete.

Sie rief mir zu, ich solle ihr nicht die Nasenspitze abbeißen, weil sie nicht aufziehe, um meiner neuen Bildung die gebührende Ehrfurcht zu bezeigen.

Ich sprang an ihr hoch, um ihr meine unveränderte Zuneigung zu zeigen. Lina verstand mich. Das Huhn jedoch faßte es anders auf. Fast hätte sich sein Hals um sich selbst geknotet. Alles schrie durcheinander.

Man pfiff mir scharf. Man zeigte mir, daß die Peitsche an Ort und Stelle war.

Müdigkeit befiel mich. Traurigkeit. Nicht der Peitsche wegen. Körperlicher Schmerz ist nur im Augenblick des Duldens fühlbar. Es grämte mich, daß mich mein geliebter Herr mit Nichtachtung schlug. Ich hatte ihm folgen wollen. Um meinen Platz vor seiner Tür wieder zu erobern. Man hatte mich zurückgejagt. Ich wäre kein Zimmerhund mehr.

Ein Urwaldtier, klagte Frau Alwine.

Ich dachte, wartet nur, bis sich Achim umwendet. Und wedelte vertrauensvoll.

Mein geliebter Herr aber bemerkte gar nichts. Er lächelte in die Ferne. Die Hand in der Tasche, wo ein Briefblatt knisterte, aus dem ich Hetes Hauch längst erschnuppert hatte ...

Das Haus wurde geschlossen. Ich hörte Angelika ein Lied summen, ehe das Licht hinter ihrem Fenster verlosch. Ich bemerkte Frau Alwines Schatten hinter einer Gardine. Er krümmte, beugte sich und reckte sich wieder hoch. Ich wurde unruhig und begann leise zu winseln.

Ich wußte damals noch nicht, daß Frau Angelika jeden Abend turnte. Um, wie ich sie später sagen hörte, nicht in vulgäre Fülle zu geraten. Ich verstand dies erst, als die gnädige Frau mit ihrer Masseurin einmal meinem Mittagsmahl ein wenig zusah und mit ihr über dick und dünn sprach. Sie bewunderte damals, daß wir Dobermanns rasseschlank blieben, trotzdem wir alles durcheinanderfraßen ...

Frau Alwines Schatten verschwand. Ich strich an der Hausmauer entlang und stellte mich vor das Fenster meines geliebten Herrn. Es war dunkel. Ich wußte, Hetes Zettelchen konnte er auch im Dunkeln lesen. Aber wem würde er erzählen, daß sie das schönste, das strahlendste, das fröhlichste kleine Mädchen?

Ich wartete. Ich bellte kurz auf. Vorsichtig. Nicht allzulaut. Wiederholte dies nach einiger Zeit.

Endlich erhorchte ich etwas. Geldgeklapper. Also war der Herr Senator noch auf. Es klapperte immer Geld in seinen Taschen, wenn er in seinem Zimmer nachdenklich auf und ab ging.

Ich verhielt mich still. Die Schritte verloren sich. Es wurde dunkel und schweigend hinter allen Fenstern und Türen. Kühl stand die Nacht über Garten und Haus. Ich fühlte mich bitter allein und kroch in meine Hütte.

Es war die vornehme Hütte meiner Mutter, die ich bewohnte. Meine Mutter war nun fort. Sie bewachte, wie ich sagen hörte, jetzt ein Kaffeelager am Hafen. Ich schnupperte ihre Spur noch überall im Stroh. Entsann mich wieder mancher ihrer Lehren. Erinnerte mich, wie verächtlich sie vom Heulen und Winseln gedacht hatte.

Jedes nach seiner Art. Menschen jammern. Tiere klagen nicht hörbar, war ihre Ansicht gewesen.

Meine Mutter wußte wohl, was sie bellte. Sie war gescheit. Sie hatte inzwischen wieder eine Medaille erhalten.

Aber hatte sie alle Lebenslagen im voraus kennen können, in die ich geriet? Hatte sie ahnen können, daß ein geliebter Herr einen plötzlich nicht mehr rufen, hören, sehen würde? War das überhaupt schon einem Dobermann widerfahren?

So grübelte ich. In der Jugend glaubt man, daß alles, was einem widerfährt, noch niemandem anders geschehn. Ein Irrtum, der manche krumme Folge hat.

Als ich am nächsten Abend wieder allein war mit der Nacht, winselte ich. Erst leise. Dann lauter.

Ich muß eingestehn, mein Winseln gefiel mir. Es hallte weit in der großen Stille. Immer lauter und länger zog ich die einzelnen Töne .. Wie Fräulein Angelika am Klavier.

Sie war es auch, die zuerst ihr Fenster öffnete.

Sie glaubte, man hätte mich vergiftet.

Ich heulte schauerlich zurück.

Frau Alwines Fenster klirrte.

Die gnädige Frau rief Angelika zu, daß sie sich einen Schal umlegen solle, am geöffneten Fenster, um sich um Himmelswillen nicht zu erkälten. Dann sagte sie, daß man mich Bestie morgen erschießen sollte. Hieß es nicht, es bedeute Unglück, wenn ein Hund des Nachts heule? Man sollte überhaupt keine Hunde halten.

Ich heulte schauerlich.

Was kümmerten mich die Damen. Mein geliebter Herr sollte kommen.

Frau Alwine rief nach dem Herrn Senator.

»Wo bist du denn, Hermann,« rief sie. »Schläfst du etwa bei diesem Höllenlärm?« Und die gnädige Frau verlangte, daß mich der Herr Senator zum Schweigen bringe.

Der Herr Senator fragte zurück, wozu man Dienstpersonal habe? Er hätte morgen eine geschäftliche Besprechung von Wichtigkeit. Er brauche seine Nachtruhe.

Frau Alwine seufzte laut durch die Nacht. »So war es immer. Erst der Kaffee. Dann noch einmal der Kaffee. Und dann erst wir,« klagte sie.

Das Fenster schloß sich.

Von neuem begann ich zu heulen.

Nun hörte ich Schritte. Ich wurde vorsichtig. Bald spürte ich Onkel Tom. Ich sprang ihm entgegen.

Er kraute mich hinter den Ohren und fragte, ob ich schlecht geträumt hätte? Er kroch in meine Hütte, untersuchte das Stroh, ob vielleicht ein Igel oder sonst ein unangenehmer Nachbar meine Ruhe gestört.

Er schüttelte den Kopf.

»Launenhaftigkeit, Unruh um nichts, Bruder, das gewöhn dir ab, wenn dir dein Rücken lieb.«

Er klopfte mir zart das Fell.

Ich sprang gegen die Mauer. Da, wo das Fenster meines geliebten Herrn von der Nacht verschluckt war. Und winselte.

»Steht es so,« murmelte Onkel Tom und kraute mich hinter den gesenkten Ohren und unter dem breiten Halsband.

Er machte einen Rundgang durch den schlafenden Garten. Dabei sprach er zu mir.

»Ohren steif halten, Bruder. Das gehört dazu. Nichts von andern verlangen. Alles nur von sich selbst. Froh sein, daß unser kleiner Achim dich nicht braucht. Das sind nicht die schlechtesten Tage, wo wir niemanden benötigen, weil das Herz im Überfluß. Wird schon die Stunde kommen, wo er sich wieder seines besten Freundes erinnert.«

Das Gemurmel der alten Stimme schläferte mich ein. Ich gähnte laut.

Onkel Tom lachte und nannte das Gähnen die ewige Musikbegleitung guter Lehren. Also wohl die richtige.

»Hast recht, Bruder, kriechen wir unter. Der kleine Gang durchs Dunkel wird jedem auf seine Weise gut getan haben. Wirst sehn, es schläft sich vorzüglich mit einem kleinen Kummer.«

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