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Bruder Rausch

Wilhelm Hertz: Bruder Rausch - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
booktitleBruder Rausch
authorWilhelm Hertz
year1882
firstpub1882
publisherGebrüder Kröber
addressStuttgart
titleBruder Rausch
pages101
created20151129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Abenteuer.

            Er kam, des Bauernlebens satt,
In eine hochgetürmte Stadt.
Da strömt das Volk im Abendschein
Durch Thor und Brücke aus und ein:
Altherrn mit weißen Haaren,
In farbigen Talaren;
Studenten ziehn in Schwärmen
Mit Lachen und mit Lärmen.
Aus blumgen Kähnen schallt Gesang
Zu Bechergruß und Lautenklang.
Sie riefen Heil der hohen Schule
Und sangen von der liebsten Buhle.

    Rausch, als es dunkelt, folgt von fern
Durchs Stadtthor zwei gelehrten Herrn.
Die priesen einen weisen Mann,
Der heut den Doktorhut gewann: 79
Der sei vor allen andern Meistern
Vertraut mit Göttern und mit Geistern. –
Den, dachte Rausch, den muß ich sehn!
Der eine Mann wird mich verstehn.
Ihm werd' ich nicht zum Spotte
Vor diesem neuen Gotte.
Zwar der ist Sieger, ist im Recht;
Doch ich bin werter von Geschlecht.
Mir brachte Blumenopfer dar
Ein adlich Volk in goldnem Haar,
Da seine krummgenasten Väter
Ein Kalb umsprangen mit Gezeter.
Das weiß der Mann; der ist gelehrt.
Wie mich das Bauernvolk entehrt,
Dem weisen Meister will ich's klagen:
Der wird manch tröstlich Wort mir sagen. –

    Er sucht das höchste Giebeldach,
Dort war des Herrn Studiergemach,
Pocht an die Thüre zart und fein;
Da schallt ein mürrisches Herein!
Und drin am Fensterpulte stand
Ein Mann in langem Hausgewand.
Der, rings umschanzt vom Bücherhauf,
Liest ruhig fort und blickt nicht auf.
Doch nickt er flüchtig im Studieren 80
Und brummt: Ihr wollt Euch inskribieren.
Dort liegt das Merkbuch, tragt Euch ein!
Ihr sollt den Cursus benedein:
Was Ihr bis heut von Göttern wißt,
Das ist des Augias alter Mist. –
Dann kramt er fort in seinen Bänden.
Rausch dreht sein Hütlein in den Händen:
Verzeiht, daß ich Euch plage,
Und gönnet mir die Frage:
Hat einer von der Götter Art
Sich Euch schon leibhaft offenbart? –
Pah, lacht er, eitel Phantasie!
Die gibt es nicht und gab es nie. –
Oho, sprach Bruder Rausch gekränkt,
Das geht so glatt nicht, wie Ihr denkt!
Und wollt Ihr nur vom Buche sehn,
So habt Ihr einen vor Euch stehn. –

    Was? schrie empört der weise Mann,
Sprang vor und starrt ihn grimmig an,
Ein Ammenspuk! Was will der hier?
Wagt solch ein Popanz sich zu mir?
Fürwahr, ein Puck, ein Poltergeist,
Ein Kerl, der Rumpelstilzchen heißt!
Welch ein Phantast hat Euch vexiert,
Zu glauben, daß Ihr existiert? 81
Das haben wohl die Philologen
Euch armem Schlucker vorgelogen.
Jedoch gemach! Sie sind gerichtet.
Ich habe gründlich sie vernichtet;
Sie sterben aus, habt nur Geduld! –
Und damit warf auf seinen Pult
Er einen schweren Folianten,
In Holz gefaßt, mit Eisenkanten.
Das knallte wie ein Donnerschlag,
Daß Bruder Rausch zu Tod erschrak. –
Hier ist der Schule Wust und Wahn
Für alle Zeiten abgethan.
Von all den himmlischen Gestalten,
Mir hat nicht eine standgehalten.
Wer ist noch, was er scheint, geblieben?
Zum Urbrei hab' ich sie zerrieben.
Doch gar mit Herren Eures Wesens,
Da macht man wenig Federlesens.
Ich weiß, Ihr bildet Euch wohl ein,
Ein deutsch Original zu sein,
Und seid im Nilschlamm doch gezeugt
Mit allem, was da kreucht und fleugt!
Ihr seid, wenn nicht ein Renegat,
Ein nachgepfuschtes Plagiat,
Ein Faselhans nach fremder Norm,
Kurz, eine schlechte Typhonform! 82
Das merkt Euch wohl, und nun hinaus!
Für Larven bin ich nicht zu Haus. –
So schob der Mann mit Ungebühr
Den Kleinen unsanft vor die Thür. 83

 


 

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