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Bruder Rausch

Wilhelm Hertz: Bruder Rausch - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
booktitleBruder Rausch
authorWilhelm Hertz
year1882
firstpub1882
publisherGebrüder Kröber
addressStuttgart
titleBruder Rausch
pages101
created20151129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Abenteuer.

                    Der Arme stand noch lange
Verblüfft im finstern Gange.
Dann schlich er sachte wieder
Die Wendeltreppe nieder.
Von unten lärmt ein lustig Mahl:
Dort saß gedrängt im Erkersaal
Ein Heervolk alter Studiosen
Im Harnisch, mit zerflammten Hosen,
Die Federhauben schief im Nacken,
Mit roten Schrammen auf den Backen.
Sie waren durch des Schwertes Kraft
Die Meister der Studentenschaft,
In fremden Flüchen hochgelehrt,
Im jus potandi vielbewährt.
Aus ihren bunten Reihen starrten
Spitzhämmer, Stangen, Hellebarden. 84
Sie schrieen all aus einem Munde,
Und ruhelos ging in der Runde
Ein Humpen wuchtig, mörsergleich;
Den hießen sie das römsche Reich.

    Rausch horchte auf der Schwelle;
Der Gang war lampenhelle.
Da sah ihn einer, kam geschwind,
Nahm auf den Arm ihn wie ein Kind
Und rief mit Lachen: Sehet hier!
Ein rotes Füchslein fing ich mir! –
Verwundert hob der Zecher Hauf
Die schweren Augendeckel auf:
Halloh! Wer bist du, schmucker Fant? –
Der Bruder Rausch bin ich genannt. –

    Rausch? rief ein Trunkner überquer,
Rausch, alter Freund, wo kommst du her?
Potz Velten, wirst mich doch noch kennen:
Brauch' ich den Suffian zu nennen?
Nun sind so manches liebe Jahr
Wir zwei ein unzertrennlich Paar
Und haben uns, so kann es gehn,
Mit keinem Auge noch gesehn.
Wie stellst du dich pygmäenhaft
Und hast doch Siebenmännerkraft! 85
Ach, denkst du noch? Das war ein Prassen
Einst auf Tubingas krummen Gassen!
Mußt' ich auch meist die Zeche zahlen,
Wenn wir am Wört die Gänse stahlen,
Der Jubel brauste Tag und Nacht.
Noch rühmt man unsre letzte Schlacht:
Wir stürmten erst ein Hochzeithaus
Und trieben Wirt und Gäste aus,
Rottierten uns in gleichem Schritt –
Die Musikanten mußten mit –
So zogen wir, der Welt zum Staunen,
Bei Nacht mit Pauken und Posaunen,
Dazu das Hundehetzen,
Das Wüten und das Wetzen,
Das übermenschliche Geschrei!
Da lief der Untervogt herbei
Und fiel uns an. Doch ich entwand
Den Bratspieß seiner tapfern Hand,
Zerdrosch ihn damit windelweich,
So daß er pfiff bei jedem Streich,
Und stach ihn schäkernd noch zum Schluß
In den glutaeus maximus.
Als dies Magnifikus vernahm,
Da ward er mir von Herzen gram
Und relegiert mich – der Barbar –
Auf runde neunundneunzig Jahr. 86
O sieh, seitdem bin ich verbannt
Und suche dich von Land zu Land. –
Er stiert ihn an; ihm fehlt das Wort,
Und thränenschluckend fährt er fort:
Nun rührt mich's wie ein Herzeleid,
Daß wir uns nach so schöner Zeit
In diesem Nest hier finden müssen!
Schmollis, Herr Bruder! Laß dich küssen! –

    Dies Wiedersehn voll Freud und Schmerz
Fiel den Betrunknen schwer aufs Herz.
Sie schluchzten all in tiefem Harm.
Der Kleine ging von Arm zu Arm
Und ward bewirtet und liebkost.
Er dachte: Sieh, hier find' ich Trost!
Ich bin zur rechten Thüre kommen;
Hier werd' ich ehrlich aufgenommen. –

    Da platzt mit Klirren und Gekrach
Ein dicker Raufbold ins Gemach.
Den Rock zum Reiterwams gekürzt,
Das Schwert soldatenhaft gestürzt,
Steht er gespreizt nach Bärenart
Und faucht in den gesträubten Bart.
Der Häuptling war's der Nation;
Sein Ruf erscholl wie Horneston: 87
Ihr Herrn, was soll mir der Skandal?
Was thut der Säugling hier im Saal? –
Sie schwiegen all vor seinem Grimme;
Nur einer sprach mit weicher Stimme:
Es ist ein mannlicher Kumpan,
Der beste Freund des Suffian. –
Der Senior frug: Ist er Student,
Den ihr voreilig Bruder nennt? –
Der Kleine sprach mit Angstgebärden:
Noch bin ich's nicht; doch möcht' ich's werden. –
Da seht ihr's! Euer Trautkumpan,
Ein Spulwurm ist es, ein Bean!
Wie mögt ihr euch schimpfieren,
Mit ihm zu bankettieren? –
Hei, riefen sie, wir bringen's ein:
Man muß ihn rasch zum Burschen weihn! –

    Da wurden alle wach im Nu.
Sie winkten sich mit Lachen zu
Und sahn auf ihn mit lustger Wut.
Dem Kleinen war nicht wohl zu Mut:
Was habt ihr vor, ihr edlen Herrn?
Der Reden Sinn erführ' ich gern. –
Da schwang der lange Hildebrand
Ein Tischtuch um als Meßgewand
Und sprach in salbungsvollem Ton: 88
Vernimm der Weisheit Wort, mein Sohn!
Wem nicht der freie Burschenorden
Nach Musenbrauch verliehen worden,
Der bleibt in seiner schönsten Zier
Doch nur ein unvernünftig Tier.
Man muß ihn fangen erst und zähmen
Und ihm der Bosheit Gift benehmen;
Man muß an Hörnern ihn und Klaun
Wie einen groben Klotz behaun;
Man muß ihn kneten, muß ihn putzen
Und ihm die langen Ohren stutzen.
So wird er fein und wohlgelitten
In aufrecht ehrenfesten Sitten;
So lernt er Praktika und Schliff
Und den heroisch sichern Griff,
Und so wird aus dem borstgen Thoren
Ein Akademikus geboren.
Das sollst an Haut und Haaren
Du selber gleich erfahren! –

    Der Kleine sah sie mit Entsetzen
Grausame Instrumente wetzen,
Sprang auf – doch war er schon gepackt
Und ward gehudelt und gezwackt,
In einen Schraubstock eingeklemmt,
Gefegt, gestriegelt und geschwemmt; 89
Er ward gemeißelt und gekeilt,
Gebohrt, gehobelt und gefeilt,
Mit einem Ziegelstein balbiert
Und mit dem Küchenbeil rasiert.
Zuletzt kam Suffian gerannt
Mit einer Bettscher' in der Hand
Und zwickt ihn grinsend in die Nase.
Da schrie er wie ein wunder Hase,
Brach durch die runden Scheiben aus
Und räumt mit Hilferuf das Haus.
Es stürzt mit Lachen und mit Schrein
Die tolle Meute hinterdrein,
Indes vom Turme vorwurfsvoll
Das heisre Narrenglöcklein scholl. 90

 


 

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