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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 8
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Die wenigen Tage, die wir nach der Heerschau noch in Gevries zubrachten, vermied ich das Hoflager und vermied Mons; ich suchte die äußersten Posten der Luxembourgschen Armee auf und trieb mich früh und spät unter savoyardischen und korsischen Söldlingen umher, deren Sprache ich nicht verstand, deren wildes und prahlerisches Wesen meiner Weltverachtung aber willkommene Nahrung bot. Ich war in dem Alter, wo die Natur nach allen Seiten hin übertreibt; und war ich von Paris bis Mons auf Flügeln der Begeisterung gezogen, so schleppte ich mich von Mons bis Namur, wie ein wundes Tier, im tiefsten Staube vollständigster Ernüchterung und Hoffnungslosigkeit.

Die Damen waren nach Dinant geschickt worden, und ich beneidete die Ritter nicht mehr, die sie dahin begleiten durften. Wir hatten einen Marsch von fünf Tagen bis Namur zurückzulegen, und es folgten zehn weitere der Untätigkeit und der Langeweile. Es mag sein, daß es nur mir so schien. Es gab Knaben meines Alters in der Armee, die von den kleinen Angriffen unsrerseits, von den erfolglosen Ausfällen der Besatzung von Namur, bei denen kaum ein Mann verloren ging, in solchem Tone sprachen, als wären es gewaltige Aktionen voll unerhörter Heldentaten gewesen. Ich war in einem Zustande, wo man die Dinge nicht sieht, wie sie wirklich sind, sondern weit unter ihrem Werte. Ich will daher von der Belagerung von Namur, die mir nur wie eine alberne Katz- und Mauskomödie mit einem ganz unwürdigen Gegner vorkam, nichts erzählen; ich würde zu viel entstellen; ich will nur das sagen, daß mir die trunkenen Prahlereien meiner Kameraden, die von einer Schanze zur andern täglich eine Odyssee erlebten, so in Grund und Boden zuwider waren, daß ich mich von meinen Posten, von Zelt, Mahl und Würfelspiel, ja selbst von Rapport und Parole-Verteilung hinwegschlich, so oft ich konnte, um außerhalb des Lagers die Einsamkeit zu suchen, die ich brauchte, um meine wirren und trüben Gedanken zu Ende zu denken.

Ich geriet am vierten oder fünften Tage der Belagerung, da ich in der eben beschriebenen Stimmung nach dunkeln Wegen suchte, in ein Waldsträßlein, das hügelauf aus dem goldenen Glast der sommerlichen Ebene in ein schönes Reich alter und dickstämmiger Bäume führte. Bald gewahrte ich, daß ich nicht in eine Republik, sondern in einen säuberlich geordneten Staat geraten war, wo eine vorherrschende Aristokratie prächtiger Gewächse, worunter auch exotische waren, das niedrige Gesindel plebejischer Wildlinge ganz und gar ausgerottet oder wenigstens unsichtbar gemacht hatte, wie es in einem rechten Staate sein muß, trotz Brutus und Cato. Ich hatte mich, weiß nicht durch welche Wunderpforte, in den Park des Klosters Marlaigne verirrt, und wandelte nun, etwas erstaunt, aber mit einem wohligen Gefühle des Behagens an der reinlichen Zierlichkeit, die mich umgab, durch die schönen Laubgänge dahin.

Mir ward stiller und besser zumute, da ich Menschen und Menschenbehausung nicht mehr sah, nur die klaren, feingezeichneten Baumgruppen auf dem hellgrünen Rasen, den schwärzlichen Teich unter Weidenschleiern oder einen leise plätschernden Wasserstrahl, der wie ein gefangener Sonnenfunke irgendwo im Dämmer aufblitzte. Es gab Ausschnitte im Gehölz, durch welche man auf Stadt und Schloß Namur hinüberblicken, von Hügel zu Hügel grüßen konnte; trat man da oder dort aus den Gebüschen, so konnte man auch die Ebene mit dem Lager sehen, das jetzt keinen Vogel mit träge ruhenden Schwingen mehr darstellte, sondern kompakte und seltsame Figuren, die nur jene verstanden, welche die Aufstellung angeordnet hatten: Vauban und Luxembourg. Aber alles war durch die Ferne verzaubert, ins Artige und Reinliche umgewandelt und gleichsam seiner wirklichen Bedeutung entwendet, so daß Stadt und Lager nur ein anmutiges und ganz und gar friedliches Bild boten, das man durch die Lichtungen des vornehmen Parkes gern betrachtete. Neue Aussichtspunkte lockten mich weiter und weiter, bis plötzlich der Ton eines Glöckleins in meiner nächsten Nähe mich erschreckte, meine Aufmerksamkeit von der Landschaft ab- und dem Dickicht eines Gehölzes zulenkte, zwischen dessen roten Fichtenstämmen jetzt ein kleines weißes Häuschen aufleuchtete, dessen Dach ein winziges Glockentürmchen trug, und das ich alsbald als eine Mönchszelle erkannte.

Ich wagte nicht, mich der frommen Behausung zu nähern, sondern wandte mich in entgegengesetzter Richtung neuen Waldpartien zu, die sich am Ende einer jener herrlichen Wiesen, an denen der Park so reich war, eröffneten. Aber bereits rief ein zweites Glöckchen mich an, und weitereilend, vernahm ich auch noch ein drittes, alle von demselben überaus süßen und kindlichen Tone. Ich stieß alle hundert Schritte weit auf solch ein Einsiedlerhäuschen und war bald am sechsten oder siebenten vorbeigeschritten, als mir plötzlich der Gedanke kam, in einer jener Wohnungen der Buße einzukehren und mein eignes anklagendes Herz zu erleichtern.

Der Eingebung des Augenblicks folgend, lenkte ich unverweilt den Schritt zurück nach einer der Eremitagen, wo ich mich erinnerte, im Vorbeieilen den Bewohner im Gemüsegärtchen tätig gesehen zu haben. Ich fand ihn daselbst auch wieder, mit gekrümmtem Rücken einen Spaten handhabend und so streng mit Blick und Geist von allem außer seiner Arbeit abgekehrt, daß ich eine ganze Weile zusehend neben ihm stehen konnte, ohne daß er meiner gewahr wurde. Das war mir lieb; denn es war mir beim Anblick seines durchaus nicht anziehenden, harten Gesichtes plötzlich ein Bedenken gekommen, meine Beichte vor diesem Manne abzulegen, und ich bedurfte einiger Minuten, um meinen Mut zu sammeln und zu erwägen, was ich eigentlich wollte. Er blickte auf, während ich noch in diesem inneren Kampfe begriffen war. Wunderbarerweise erinnerte mich etwas in seinen kalten Augen an Germaine, wie ich sie das erstemal auf dem Pont de la Tournelle gesehen, als sie mich mit so gerechter Verachtung behandelt hatte; und da ich ohnedies in diesen Tagen der Zerknirschung viel an sie gedacht und ihr eine gewisse Richterschaft über mich zugestanden hatte, so gewann mich der Blick des Mönchs, daß ich in einer raschen und warmen Empfindung an ihn herantrat und seine Hand zu küssen suchte.

Der Barfüßer indes duldete diese Begrüßung, die ich einem Träger seines Kleides schuldig zu sein geglaubt hatte, keineswegs, sondern trat zurück und fragte mich in einer rauhen und bäuerlichen Sprache, was ich wolle. Meine Antwort, obgleich dem ehrlichsten inneren Empfinden entsprungen, mag etwas theatralisch geklungen haben, denn er lächelte, ganz wie Germaine, äußerst höhnisch und antwortete, für Sünder meines Schlages seien die Jesuiten da, der Buße, die sein Orden verhängte, würde ich mich wohl kaum unterziehen wollen. Leider fühlte ich, daß der Mann recht hatte: denn während mein Auge die dürftige Behausung, das grobe Kleid und die schwieligen Hände des Bruders betrachteten, hatte ich mich bereits mit einem heimlichen Schauder gefragt, was denn an einem solchen Leben überhaupt noch lebenswert wäre. Bei den Worten meines Richters fuhr mir mit unheimlicher Klarheit die Erkenntnis in die Seele, um welchen Preis einzig und allein Reinheit in dieser Welt zu erkaufen wäre, und daß ich nie imstande sein würde, diesen Preis zu bezahlen. Ich schwieg in äußerster Bestürzung und wagte nicht mehr dem Mönche ins Gesicht zu blicken; dennoch blieb ich vor ihm stehen, von einer dunkeln Sehnsucht gebannt, noch ein gütiges Wort von diesen allzu gerechten Lippen zu vernehmen.

Dieses erfolgte denn auch, nachdem der Mann eine geraume Zeit seiner Spatenarbeit gepflogen hatte, ohne mehr auf mich zu achten; es schien, als ob mein Schweigen ihn gerührt habe, denn er begann mich zu loben, daß ich mich phrasenhafter Beteuerungen enthalten habe. »Am Ende ist es dir doch ernst,« sagte er, mich mit festen Blicken gleichsam durchdringend. »Laß einmal hören, was du Gelbschnabel schon verbrochen hast.«

Ich begann meine Liebesgeschichte, die er geduldig anhörte, aber öfters durch ein kurzes und hartes Lachen unterbrach, das mich stutzig machte. Es dünkte mich immer wieder, als ob er meinen Gram nicht für berechtigt nehmen wollte, als ob er die ganze Sache, die so vernichtend auf mir lag, als eine höchst lächerliche und verächtliche Albernheit betrachtete – und zu meinem Verdrusse und Erstaunen schien sie nun auch mir so, je weiter ich in meiner Erzählung gelangte. Ich mußte zum ersten Male die Erfahrung machen, wie seelische Vorgänge zusammenschrumpfen, sobald man sie in Worte zu fassen sucht, und daß die Qual eines Gedankens oft nichts weiter ist als eine große Brummfliege, die, in der hohlen Trommel eines unbeschäftigten Kopfes eingeschlossen, ein so wahnsinniges Getöse vollführt, daß wir darüber zu bersten glauben. Oeffne den Mund, und die Fliege entschlüpft! So ging es mir auch an jenem Tage im Kloster zu Marlaigne. Als ich geendet hatte, kam ich mir wie ein großer Esel vor und stand feuerrot und verlegen vor dem Barfüßer, dessen derbes Gesicht jetzt ein entschiedener Ausdruck von Wohlwollen, gepaart mit einer feinen Heiterkeit, verschönte.

»Ich breche mein Gelübde ewigen Schweigens nicht oft,« sagte er endlich mit freundlicherem Tone, als ich zu erwarten gewagt hätte; »aber wenn ich es tue, so nehme ich an, daß Gott es mir geboten habe, um durch meine Stimme, die er mir nur zu diesem Zwecke wiedergibt, irgendeinen armen Toren auf den rechten Weg zu weisen. Das ist nun heute sicherlich der Fall. Ich will dir eine Buße auferlegen, du Schlingel, an der du gesund werden sollst. Willst du mir in die Hand hinein versprechen, daß du sie getreulich vollziehen wirst?«

Ich hatte solches Vertrauen zu dem Mönche gefaßt und fühlte mich durch den Ton seiner Worte seiner Vergebung so sicher, daß ich bereit war, ihm sogar aufs Kruzifix zu versprechen, was immer er von mir verlangte. Ich sprach dies rasch aus; er aber wehrte mich mit einer leichten Bewegung des Unwillens ab.

»Die Hand tut's auch,« sagte er ernst. »Das Kruzifix wollen wir für Sünder deiner Art nicht mißbrauchen. Hier schlage ein, und wenn du ein Mann bist, so muß dir das gelten wie Kruzifix und Bibel.«

Ich ergriff seine Rechte und schaute ihm mit leichtem Herzklopfen erwartungsvoll ins Gesicht. »Gib genau acht, was ich dir sage,« fuhr er fort. »Deine Buße soll darin bestehen, daß du nie mehr eine Frau oder Jungfrau küssest, die dir beim Kusse mit den Lippen entgegenkommt oder gar dieselben dir unaufgefordert darbietet. Dieses hast du mir zu geloben, und es entbindet dich von diesem Gelübde einzig der erste Kuß deiner rechtlich angetrauten Frau; von diesem Tage an sollst du frei sein, und für sie gilt dein Versprechen nicht. Hast du mich verstanden, und willst du die Buße auf dich nehmen?«

Verstanden habe ich den guten Mann nun freilich erst viele Jahre später; aber das Versprechen, das mir nicht allzu schwer zu erfüllen schien, gab ich unverweilt, wenn auch in begreiflicher Verwirrung über diese höchst seltsame Art einer Kirchenstrafe. Der Mönch schüttelte mir noch einmal kräftig die Hand, klopfte mir dann einige Male herzhaft den Rücken und entließ mich, indem er mir noch einen Richtweg nach dem Lager hinab wies, auf welchem ich den Klosterpark verlassen konnte mit Vermeidung der Hauptgebäude, was bei der Gesinnung der flämischen Mönche gegen unsre Armee keine überflüssige Vorsicht war.

Während ich nun durch das krause Buchengehölz hinabstieg, begann ich über das Gelübde nachzudenken, das ich dem guten Bruder soeben gegeben hatte, und frug mich, welchen Zweck er dabei wohl im Auge gehabt haben mochte. Denn daß eine List dahinter steckte, schien mir gar nicht ausgeschlossen, wiewohl ich ohne weiteres geneigt war zu glauben, daß es nur eine wohlwollende sein konnte. Ich machte mich also daran, meine annoch spärlichen Kußerfahrungen durchzugehen und zu sichten – und blieb mitten in dieser löblichen Beschäftigung plötzlich wie angewurzelt stehen, siedendheiß vom Wirbel bis zur Sohle und mit jenem eigentümlichen, höchst peinlichen Gefühl machtloser Wut, das den Menschen befällt, wenn er sieht, daß man ihn zum besten gehabt. Das Resultat meiner innerlichen Kußrevision war nämlich nichts Geringeres gewesen als die beschämende Erkenntnis, daß ich bisher überhaupt nur geküßt worden war, niemals eigentlich selbst geküßt hatte, wenigstens was den Anfang jedes derartigen Unternehmens betrifft; ist man einmal im Zuge, so verwischt sich freilich die Grenze zwischen Aktivität und Passivität ein wenig, und ich könnte keinen Eid ablegen über das Verhältnis derselben. Aber, Zofe hinter der Türe oder Edelfräulein beim Pfänderspiel – alle, die mein verliebtes Knabenherz umschlossen hatte, alle hatten mich zuerst geküßt. Ich erinnerte mich noch deutlich der tage- oder wochenlangen Sehnsucht, mit welcher ich diesen Moment erfleht hatte, und des leisen Bebens seliger Ueberraschung, das ich jedesmal empfunden hatte, wenn die begehrten Lippen langsam sich näherten. Und ganz unmöglich war es mir, einen derartigen Vorgang in andrer Abwicklung, als die bisher stattgehabte, mir vorzustellen. Wie um alles in der Welt sollte ein Mann wissen, ob er eine Frau küssen darf, wenn sie ihm nicht den Mund bietet? Der Gedanke aber, eine Zurechtweisung oder Abwehr erleiden zu müssen, erschien mir so furchtbar, so unausdenkbar und vernichtend, daß ich lieber freiwillig auf jeden Kuß verzichtet hätte, als mich solch einer Beschämung auszusetzen. Kurz – es war klar, daß der perfide Mönch mit seiner harmlos scheinenden Buße mir eine tückische Falle gelegt hatte, in die ich Tölpel auch richtig gegangen war, und daß ich fortan mein Leben in schauderhafter Kußlosigkeit würde verbringen müssen. Mit sehr gedrückten Gefühlen und ganz kleinlaut vor Beschämung langte ich endlich im Lager an, und diesen Abend betete ich wirklich vor dem Schlafengehen ein verwirrtes und frevelhaftes Gebet, es möchte doch eine englische Kugel meinem ganz und gar verfahrenen Leben ein gnädiges Ende bereiten.

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