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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 7
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authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
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correctorreuters@abc.de
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6

Es schien, als ob die Dinge sich zum Bessern wenden sollten, als nach fünfjähriger Ehe Germaine ihr erstes Kind gebar, ein Mägdlein, dem sie ihre dunkeln und klugen Augen, Regnard sein wehendes Goldhaar mitgegeben. Eine Veränderung in tausend Lebensgewohnheiten bringt die Ankunft solch kleinen Geschöpfes immer mit sich, und für Germaine war es wichtig und gut, daß sie nun nicht mehr allein über grüblerischen Gedanken saß, sondern vollauf beschäftigt war in süßestem Tun. Regnard, der in seiner weichen Seele jeden Naturvorgang in einen Kunstgedanken umbildete, schuf Marienbilder in holdester Art, in denen er die tiefe Schönheit Germaines so ganz und gar zur Geltung brachte, daß man die kleinen Wunderwerke nicht ohne innige Rührung ansehen konnte. Und hier eiferte auch die Calvinistin nicht gegen die Darstellung des Göttlichen in Menschengestalt. Vielleicht begriff sie, daß in der Tat keine Lästerung darin lag, das Menschliche anzubeten in der Gestalt, wo es sich der Gottvollendung bis auf einen Schritt nähert: im Bilde der Mütterlichkeit.

Sie nannten das Kind Benedikte. Es war ein Geschöpfchen, wie aus einer Lämmerwolke herabgeschneit, ein Engelsköpfchen, ein Blumenknöspchen, wie zarteres nie geträumt war. Regnard liebte es, wie nur ein so warmes, liebefrohes Herz ein Kind lieben kann, und ich brauche nicht zu sagen, daß er eine geraume Zeit die Tanzböden der Champs Elysees und sogar sein unentbehrliches Theater ganz vergaß und vernachlässigte. Es tut mir heute weh, die entzückenden Stunden zu schildern, die der beglückte Vater mit seinem erstgeborenen Kinde verlebte: diese Abende unter der kleinen Linde im engen Hofe hinter dem Hause, wo Germaine mit träumerischem Ausdrucke ihr ernstes Haupt an den Stamm des Baumes lehnte, während das Kind in ihrem Schoße und der Mann zu ihren Füßen mit lärmendem Jubel die Vögel im Geäste beschämten. Das goldene Haar des Vaters war Benediktens erstes Spielzeug; da krallten die kleinen Händchen in erstem Besitzgefühl sich fest, da kosten sie in erster unbewußter Zärtlichkeit. Und nicht selten wühlte sich das ganze rosige Gesichtchen des Kindes in dies goldene Bett hinein, so daß zwei schimmernde Köpfe in einem aufzugehen schienen, denn Benediktens Haar war nur um weniges Heller und fast ebenso lang und lockig wie das des Goldschmiedes. Dann lachten Vater und Kind in Glückesübermut; Germaine aber strich über das Lockengemisch und zog leise die Brauen zusammen wie jemand, der angestrengten Blickes in die Ferne sieht. Was tauchte da auf vor ihren bösen, hellseherischen Blicken?

Ich weiß nicht, durch welche Verhältnisse es geschah, welche Zufälligkeiten mitspielen mußten, welche Härte auf der einen, welche Schwäche auf der andern Seite den Ausschlag gegeben haben mag, daß der schöne Friede wieder in Bitterkeit und Hader unterging. Miterlebt habe ich die Wandlung nicht, nicht als Augenzeuge kann ich die Gradleiter des wachsenden Verderbens markieren; denn der flandrische Feldzug rief mich um jene Zeit zum ersten Male von Paris hinweg zu neuem Erleben, und als ich heimkehrte, fand ich die Dinge im Goldschmiedehaus bereits arg im wüsten liegen. Da aber der Zug nach Namur von einiger Bedeutung für die weiteren Lebensschicksale Germaines, Benediktens und nicht zum mindesten für meine eignen war, so muß ich, ehe ich in der Geschichte Regnards fortfahre, von diesen glorreichen Tagen ein Mehreres vermelden. Es ist auch eine Erinnerung, bei der ich gerne verweile. Man weiß, mit welcher Bedeutung in diesem Jahre 1692 der flandrische Feldzug geführt wurde, und daß alles, was eine Waffe gebrauchen konnte, mit in die Reihen mußte. So kam auch meine Jugend zur unverhofften Ehre eines Leutnantpatents bei den Royal Roussillon, dem einen Regiments unter allen Regimentern der Welt, in welchem auch mein Kindheitsgespiele Philipp von Chartres, kaum älter als ich, sein militärisches Alphabet lernte, freilich in einer dem Titel nach höheren Rangstufe als ich. Mir sprang das Herz, als ich die Bestallung erhielt. Ich hatte Philipp seit jener Nacht in den Porcherons nicht mehr gesehen, es sei denn aus demütiger Ferne, aber ich hielt den feinen, stolzen Knaben mit der mächtigen Phantasie noch in teurem Andenken, und ich nahm es als eine besonders gnädige Fügung hin, daß ich unter seinen dunkeln und immer noch zwingenden Augen sollte kämpfen dürfen. Während des Zuges und auch während der ersten Tage im Lager von Mons bekam ich nun freilich meinen jungen Gebieter kaum zu Gesicht; ein rasches Aufleuchten seiner Blicke grüßte mich über die Reihen höherer Offiziere weg, wenn wir uns zur Meldung oder Empfangnahme des Tagesbefehles stellten; aber auch dieses karge Zeichen unveränderter Gesinnung freute mich, und ich dachte mir, daß die Gelegenheit, sich die Hand zu drücken, wohl kommen würde, dann, wenn jeder aussieht nach solchen, die er trotz Tod und Teufel treu nennen darf. Diese Gelegenheit kam freilich lange nicht.

Denn es war, wie jeder Mitbeteiligte mir zugestehen wird, dieser Feldzug zu Anfang durchaus nicht so geartet, als ob es sich dabei um etwas Ernsthaftes handeln sollte; vielmehr – und das war die feine Taktik des Sonnenkönigs – schien es nur einem fröhlichen Turnier mit Sang und Klang zu gelten und etwa eine Fortsetzung der festlichen Revue zu sein, die wir ein Jahr vorher in Compiègne abgehalten hatten. Wie dort, so zogen auch hier die Damen des Hofes mit, denen der König in spöttischer Gefälligkeit den Anblick einer großen Truppenentfaltung versprochen hatte; und da der Gewaltige, wie man wohl weiß, auch auf Reisen und unter den ungünstigsten Verhältnissen eine vollkommene Pflege der Erscheinung und tadellose Hoftracht verlangte, so glich dieser Zug weit eher einem Triumphzuge des Eros als einer militärischen Expedition. Noch will ich ganz in Abrede stellen, daß es wirklich einer war. Niemand wird glauben wollen, daß Franzosen kalten Herzens unter den Augen schöner Frauen gewandelt seien, und wie tief wir uns der außerordentlichen Gunst einer solchen Fügung bewußt waren, und wie sehr wir suchten, ihrer wert zu sein, das bewies am besten die Haltung der Truppen während des Marsches. In Wetter und Unwetter zogen wir in geschlossenen Reihen einher, Sonnenbrand oder Regennässe entlockten uns keinen Seufzer, und ich glaube, es fiel nicht einmal der Bedeckungsmannschaft der Munitions- und Proviantzüge ein, ihre Musketen an die Fouragekarren zu hängen, so sehr fühlte sich jeder einzelne bis zum letzten Troßknechte hinab der Ehre teilhaftig, dem Feldzuge der Damen anzugehören. Dabei bekamen wir die letzteren oft tagelang nicht zu Gesicht, oder höchstens von ferne die bunten Reihen ihrer Karossen. Glaubwürdigen Berichten zufolge aber äußerte sich der gleiche Zauber auch rückwirkend auf die, so ihn ausgeübt. Ich habe bereits gesagt, daß der König auf Reisen strenge Hoftracht und gute Haltung verlangte: nie soll er zufriedener gewesen sein! Geputzt, geschnürt, gemalt saßen die niedlichen Wesen in ihren gläsernen Käfigen, lächelnd unter Hitze wie unter Ermüdung, eine mit der andern wetteifernd in fröhlichem Ertragen ungewohnter Anstrengungen. Sie hatten es freilich besser wie wir: denn sie konnten von den Wagen aus die schimmernden Reihen unsrer Truppen verfolgen, konnten die Farben der Regimenter unterscheiden und wer weiß, ob sie nicht genugsam über Stellung der Glieder und Folge des Aufmarsches unterrichtet waren, um innerhalb der einzelnen Gruppen wenigstens annähernd die Stelle zu finden, wo ein gewisser Mann stehen mußte; während wir Armen nicht einmal ahnen konnten, in welchem der blitzenden Glaskästen die eine, besonders Verehrte sich barg.

Es befand sich unter den Ehrenfräulein, welche die Prinzessinnen begleiteten, auch jene immer noch schöne Hofdame, die ich bereits einmal respektlos als meine Liebste bezeichnet hatte. Sie war es noch immer, und ach! immer noch im gleichen Sinne! Sie war eine lachende Schönheit voll Uebermut und Siegesgewißheit, welche die Huldigungen des Jünglings hinnahm, wie sie die Schwärmerei des Knaben hingenommen hatte, fröhlich und freundlich, aber ohne etwas zu gewähren. Ja, ich war in diesem Punkte noch übler dran als vordem; da ich noch mit ungebrochener Knabenstimme meine kecken Grüße zu ihr hinaufgesandt hatte, war es doch manchmal geschehen, daß sie mich beim Schopf nahm und auf die Lippen küßte; aber in dem Maße, wie mein Kopf über ihre Schultern wuchs, wurde sie spröder und ich scheuer, und seit langem schon gab es für mich nichts Gutes mehr in ihrem überlegenen Gesichtchen. Ich dagegen ward mehr und mehr ihr Sklave und hatte nun auf diesen Feldzug allerlei Hoffnungen gesetzt, die ich während des ganzen Marsches mit glühender Phantasie nährte. Sobald wir uns der Grenze näherten, träumte ich von nichts anderm mehr als von räuberischen Ueberfällen feindlicher Soldaten auf die Wagen der Hofgesellschaft und von glorreicher Abwehr solcher Attacken durch – natürlich das Regiment, welchem ich zugehörte! Mir selbst hatte ich die beliebte Rolle des Führers und Retters in diesem Drama ausersehen, träumte mich in einen rasenden Kampf hinein, sah mich mit äußerster Not die Angebetete den Armen eines Entführers entreißen und empfing zehnmal in einer Stunde und jedesmal mit neuer, phantasievoller Detailmalerei den Todesstoß ins treue Herz – natürlich vor ihren Augen! Es war himmlisch! Ich starb mit solchem Entzücken und schwelgte sterbend in einer so unerschöpflichen Flut schöner Opernphrasen, daß die Wirklichkeit, die nicht immer gerade poetisch war, glatt über mich wegging, und ich von der Länge des Marsches, von Staub, Sonnenglut, Regen, Hunger oder wundgelaufenen Füßen auch nicht das geringste spürte. Ich war neunzehn Jahre alt! Und war wohl gewiß nicht der einzige, der so träumte, noch vielleicht der Kühnste.

Endlich erreichten wir Mons, und ein Hundertteil unsrer Träume sollte sich erfüllen. Nun, ein Hundertteil von dem, was ein neunzehnjähriges Herz ersehnt, ist recht viel; und diese drei Tage der Revue von Mons waren eine goldene Zeit.

Dem hübschen Städtchen sah man es nicht mehr an, daß nur wenige Monde zuvor hunderttausend Mann im blutigsten Kampfe um seine Mauern gerast hatten; unter dem maifrischen Grün der rankenden Zweige waren die Schäden unsichtbar geworden, die französische Mitraillen da und dort in das Gemäuer geschlagen; holländischer Fleiß und Ordnungssinn hatte an die Stelle brandgeschwärzter Ruinen wieder blanke Häuschen gezaubert, in denen die Damen des Hofes nun reinliche und behagliche Quartiere fanden, und über die Felder, die unsrer Rosse Huf zerwühlt und unsrer Männer Blut gedüngt, wogte leise rauschend eine neue Saat, die freilich nur zu schnell wieder dem Verderben verfiel, wenn auch keinem so mörderischen.

Denn auf dem Schlachtfelde des vergangenen Jahres sollte sich nun ein Schauspiel entfalten, wie solches nur der größte Fürst aller Zeiten, und dieser nur in den glorreichsten Tagen seines Lebens, in Szene zu setzen vermochte; nie zuvor ist etwas Aehnliches gesehen worden, wird nie später wieder gesehen werden. Man denke sich vor allen Dingen einen weißen Riesenvogel, der mit ausgebreiteten Schwingen auf dem grünen Lande liegt; das Gefieder dieses Monstertieres besteht aus reinlichen Reihen schimmernder Zelte, bunter Fahnen, blitzender Waffen, und die Spannung der Flügel, die in schönem Bogen lässig über der Erde zu ruhen scheinen, beträgt über drei Meilen. So erschien, von der Stadtmauer von Mons oder von dem Giebelfenster irgendeiner Windmühle aus gesehen, die Aufstellung des Lagers, dessen rechten Flügel die Armee des Königs, dessen linken die nicht minder prächtige und zahlreiche des Marschalls Luxembourg darstellte. Den Kopf des Ungeheuers etwa bildete das Dorf Gevries, dessen spitzer Kirchturm wie ein klagend gen Himmel gerichteter Schnabel in die helle, goldige Juniluft emporragte.

Wie aber flimmerte und funkelte das Gefieder des Gigantenvogels, wie schien er sich zu schütteln und farbige Tautropfen wie Edelsteine von seinen Schwingen zu regnen am Morgen jenes Tages, von welchem ich jetzt erzählen will! Im flachen Talgrunde, auf dem smaragdenen Teller der Saatfelder rollte der Edelsteinregen zusammen, sammelten sich die vielerlei bunten Bächlein zu einem Strome von brausender Flut, tausendfarbig und leuchtend, wie nie ein Meer bei Sonnenuntergang geprangt hat. Leise erhob sich aus den zerstampften Feldern ein feiner Staub, goldflimmernd, wie ihn die Sonne durchschien, und wallte wie ein zarter Schleier über dem Bilde, alle Einzelheiten in einer sanften Verschmelzung auflösend. Wo die Bewegung der Massen diesen Schleier durchriß, da flammte jählings eine Farbengarbe auf, der Goldschmuck eines königlichen Regimentes, eine glänzende Woge gedrängter Pferdeleiber mit wehenden Schweifen und Mähnen, ein Wald blitzender Lanzen mit flatternden Fähnlein dran, eine Schaumwelle weißer Federbüsche oder auch ein tieferer Farbton dunkler gekleideter schottischer oder korsischer Regimenter. Gleich aber schloß sich der helle Duft wieder, und still und stet zog unter ihm der leuchtende Strom dahin – wißt ihr, wie lang? und wißt ihr, wie breit? Acht Meilen war die herrliche Linie lang, und in ununterbrochener Bewegung rollte sie sich ab die ganze Dauer eines Junitages durch, dort auf den Feldern von Gevries. Erst als Land und Himmel in der violetten Tiefe der Sommernacht versanken und das Gefieder des Riesenvogels von tausend Feuerlein hell wurde, als hätte er alle Glühwürmchen der Welt auf seine Schwingen geladen – erst als hinter den schwarzen Mauern von Mons, das in der Ferne schlummerte, die silberne Mondscheibe aufstieg, war König Ludwigs herrlichste Heerschau zu Ende.

Es war ein heißer Tag gewesen für uns, die wir in dieser Vorstellung mitgewirkt; die Waffen waren schwer, die Sonne warm, der Ackerboden schollenreich gewesen. Aber so müde war kein französischer Edelmann, daß er es sich hätte nehmen lassen, die Damen, die zur Betrachtung der gebotenen Herrlichkeit nach dem Lager des Königs gekommen waren, nach ihren Quartieren in Mons zurückzugeleiten. Zwei Meilen im Mondschein mit einer geliebten Frau am Arme: so lächerlich kurz war mir noch kein Weg erschienen! Auch die Damen mochten müde sein. Es gab keinen Schatten zwischen den Zeltreihen, und wie es innerhalb eines Zeltes aussieht, wenn die Sonne auf die Leinwand brennt, weiß jeder. Mit seidenen Stöckelschuhen hatten sie, die armen Dinger, Stunde um Stunde auf dem zerwühlten Boden des Lagers umhertrippeln müssen. Aber so müde waren wenige von ihnen, daß sie den Weg nach Mons in den Hofkarrossen hätten zurücklegen wollen. Ich weiß nicht, wie viele und wer von ihnen es getan haben; die eine, die für mich alle bedeutete, ging jedenfalls zu Fuße und in meiner Begleitung.

Ich weiß nicht, warum ich bei dieser Nachtwanderung plötzlich an eine ähnliche, Jahre zurückliegende denke: an die verbotene nach den Porcherons. Hat sich der Vergleich erst später in mir festgesetzt, weil beide Wege zu einer kleinen Schicksalswendung geführt haben? Ich weiß es nicht mehr genau, aber mich dünkt doch, er sei schon in jener Nacht in mir aufgetaucht. Eine kleine äußerliche Aehnlichkeit war ja vorhanden. Die flache holländische Gegend glich ein wenig dem Marschlande vor den Toren von Paris, da und dort gemahnte ein Hügel an den Montmartre mit seinen Windmühlen, der weiße Mondnebel in der Ferne deutete einen Flußlauf an, und ein bretternes Brückchen über irgendeinen Bach hätte Pont d'Arcans sein mögen. Der dunkle Schattenriß von Mons mit seinen paar Türmchen war freilich nicht mit dem gewaltigen Nachtbilde von Paris zu vergleichen; und wenn ich rückwärts gewendet das Dorf der Porcherons mit seinen matten Lichtlein suchte und erblickte statt dessen die rotdurchglühte Rauchdecke, die über dem ungeheuern Lager stand, so konnte ich den Vergleich nicht weiterführen. Dagegen war dann die Stimmung doch wieder ein bißchen dieselbe wie damals: wir begegneten häufigen Liebespärchen im buschigen Gelände, und in mir selbst war, ganz wie in jener Nacht, ein unbeschreibliches Gefühl süßen Schuldbewußtseins, seliger Angst lebendig, das mich wie in einem Traume befangen neben meiner Schönen dahinschreiten ließ und Geister erwarten, die aus den hellen Dünsten der Mondnacht allenthalben auftauchen konnten.

Wir wandelten langsamen Schrittes, den ich noch zu verzögern suchte durch häufiges Stehenbleiben, indem ich meiner Angebeteten noch einmal alle Einzelheiten der Heerschau darlegte und zu erklären bemüht war. Die Talfläche, in welcher die Revue abgehalten worden war, lag schneeweiß beleuchtet vor uns, so daß man sich mühelos die ganze Aufstellung gegenwärtig halten und jede Bewegung rekonstruieren konnte. Die Dame, die vielleicht, wie manche ihres Geschlechtes, dem großen Schauspiele nur beigewohnt hatte, um selbst gesehen und bewundert zu werden, und nicht um mit eignen Augen etwas Verständiges zu sehen, legte eine rührende Unwissenheit in bezug auf militärische Wissenschaft an den Tag und gab mir Gelegenheit, sie in allerlei Dingen zu unterweisen; wobei ich denn zum ersten Male das süße Gefühl männlicher Ueberlegenheit ihr gegenüber genießen durfte. Dieses brachte meine Stimmung schon auf eine gewisse Höhe, und eine beträchtliche Steigerung trat noch ein, als das Fräulein nun ihrerseits den Eindruck zu schildern begann, den der Anblick der gewaltigen Heermassen auf sie gemacht, wobei ich mir denn nicht anders vorkam, als verkörpere ich allein die ganze Kraft dieser Hunderttausende in mir und als gälte die Bewunderung, die in diesem Augenblicke das Weib dem Bilde der tüchtigsten Männlichkeit zollte, einzig meiner schmächtigen Person. Ganz gefährlich aber wurde die Sache nun, als wir beide anfingen, über das voraussichtliche Schicksal all dieser blühenden Jugend in Rührung zu geraten. Wir wußten ja, daß uns in wenigen Tagen eine ernsthafte Aktion bevorstand, die all die frohe Pracht der stolzen Armee in ein Gewühle blutiger Leiber verwandeln konnte, und ich verfehlte nicht, diesen Gedanken recht liebevoll auszuspinnen, indem ich der Holden die Straße von Namur zeigte, die man ganz deutlich zwischen den Büschen aufblitzen sehen konnte, und die wir in wenigen Tagen beschreiten sollten, um sie vielleicht nicht wieder zurückzuwandeln. Das Fräulein erschien ernstlich bewegt, ließ mir willig die schöne Hand, die ich an mein Herz preßte, und blickte mich traurig und milde an; ja, mir war, als hätte ich in ihren Augen Tränen im Mondlicht glänzen sehen. Schon wollte ich mit zitterndem Herzen die glückliche Stunde fassen und die endlich gewonnene Freundin in die Arme nehmen, als sie plötzlich sich losriß, zurücksprang, und mit einer Bewegung, die freilich zu meinem Troste den unzweideutigsten Aerger ausdrückte, den Feldweg hinabwies, auf welchem jetzt, pechschwarz im weißglühenden Mondscheine sich abzeichnend, zwar kein Geist, aber die Pfaffengestalt des Geschichtschreibers Racine daherkam. Es war dies jener selbe Mann, der Sohn des Salzkontrolleurs aus La Ferté, der seinerzeit durch gefühlvolle Tragödien so berühmt gewesen war und für den mein Knabenherze auch einmal geglüht hatte, wenn ich im Vereine mit Regnard manche rührende Szene aus seinen Werken deklamiert hatte. Seit er im Lager herumschnüffelte und Notizen machte, war der Mensch mir odios geworden, und daß ich ihn in diesem Augenblicke mit herzlichem Widerwillen empfing, wird mir jedermann glauben. Obendrein bot er einen jammervollen Anblick; sein ohnedies grünes Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob er sich erbrechen wolle, und seine Gestalt schlotterte ordentlich; es brauchte kein Tageslicht, um zu erkennen, daß dem Geschöpfe sterbensübel war. Zu meinem rasenden Verdrusse gesellte sich das Schreckensbild ohne weitere Aufforderung zu uns und begann alsbald eine klagende Aufzählung all der Verdrießlichkeiten und Mühsale, welche die Reise und das Lagerleben nach sich zog. Die Erde war feucht, das Zelt schwül, das Feldbett hart, die Kost nicht gewürzt, das Fleisch zu roh; Luft und Boden wimmelten von Insekten, den Soldaten war Nachtruhe ein so leeres Wort wie den Flöhen, und die Maultiere, die bekanntlich alles Ungewohnte mit Protest empfangen, hatten auch kein rechtes Verständnis für den Zweck der nächtlichen Koppeln. Das Brot roch nach dem Rauche des halbtrockenen Strauchwerks, an welchem es gebacken wurde, die Schokolade war ein unappetitlicher Brei geworden, im Wein aller Satz aufgeschüttelt, die Konfitüren voll Staub und Sand. Ich mußte trotz meiner Wut über den Jammer dieses Menschen lachen und konnte mir nicht versagen, ein paar Stellen aus seinen Dichtungen zu zitieren, die ich dank häufiger Wiederholung unter Regnards Antrieb im Kopfe behalten hatte und die von Tatendurst und Todesrausch nur so donnerten. Mein Fräulein kam mir mit gleichen Gedächtnisübungen zu Hilfe, und so haranguierten wir um die Wette den erbärmlichen Wicht mit seinen eignen schlechten Versen, bis er windelweich und demütig seine Schuftigkeit abbat. Ich fragte ihn zornig, ob die ganze Pracht und Größe des heutigen Schauspieles denn nicht imstande gewesen wäre, seinen Gedanken eine höhere Richtung zu geben als auf feuchte Matratzen und verdorbene Konfitüren; worauf er jammernd erwiderte, gerade der Anblick all dieser frohen jungen Kraft habe ihm Uebligkeiten verursacht, als er sich vorgestellt hatte, in welchem Zustande – wenn überhaupt! – die meisten dieser Jünglinge nach Frankreich zurückkehren würden. Das war nun zwar im wesentlichen dasselbe, was wir auch gedacht hatten, aber so ausgedrückt und aus diesem Munde widerte es uns so schal an, daß wir beide erbittert über ihn herfielen und ihm jedes Gefühl für Ehre und Ritterlichkeit absprachen. Wir malten leidenschaftlicher und wortreicher, als es der Schwächling je in seinen schwülstigen Tragödien getan hatte, die Glorie des stillen Heldentums fortgesetzter Entbehrungen und die stolze Wonne des Gedankens an jene, welche Frankreichs Erde nicht mehr betreten, sondern mit ihren Leibern das eroberte Land für alle Zeiten weihen würden. Der Schreiber zog eine spöttische Grimasse und ergriff vor unsrer Beredsamkeit die Flucht; wir aber, durch die Störung erst gereizt, jetzt auch noch durch die gewaltsame Steigerung des bereits vorherrschenden Todesgefühles aufs höchste gespannt, sanken uns weinend in die Arme und schwelgten in der tränenvollen Seligkeit schmerzdurchzitterter Küsse.

Es versteht sich von selbst, daß die Nachtpromenade jetzt nicht schneller vonstatten ging als vorher. Wir standen oder saßen erheblich mehr, als wir gingen, und zu jedem Stillestehen im Mondschein, zu jeder trunkenen Rast im Schatten einer Hecke steckte eine wachsende Erfahrung ihren Markstein, so daß ich die Stationen heute noch wiederfinden und aufzählen könnte. Es war aber kein Glücksweg, wie mancher wohl meinen mag! Es waren die Leidensstationen einer Jünglingsseele, vor der Zug um Zug alle unedeln Tiefen eines ruchlosen Frauenherzens sich entschleiern, die Grad um Grad, an dem verehrtesten Wesen die Verwandlung vom Engel zum Tier mit ansieht und voller Entsetzen und in hilfloser Angst sich selbst in diese Verwandlung hineingerissen fühlt, ohne der schauerlichen Süßigkeit des Naturvorganges wehren zu können. So muß den Freiern der Kirke zumute gewesen sein, wenn sie sich selbst und ihre Genossen betrachteten; doch hatten diese wenigstens den einen Trost, daß Kirke selbst unwandelbar schön und rein blieb, während diese –! Kurz, es liegt mir heute noch, nach fünfzig Jahren, ein bitterer Geschmack im Munde, wenn ich an diese ersten Liebeslehren meines Lebens denke, und darum will ich mich knapp fassen mit der Beschreibung dieses Erlebnisses. Genug gesagt, daß wir das Stadttor von Mons erst in tiefer Mitternacht erreichten, um es geschlossen zu finden und das Lichtlein im Wächterstübchen erloschen. Wir pochten und riefen eine lange Zeit, und noch war in mir eine ehrliche Besorgnis um den Ruf der schamlosen Frau an meiner Seite. Dann, als alles erfolglos blieb, setzten wir uns in den Schatten eines Haselbusches am Fuße der Stadtmauer, wo die vollständigste Dunkelheit uns umhüllte; dort schlug ich meinen Mantel um die Lachende – ja! die Lachende! –, damit der Nachtwind ihre leichten Gewänder nicht lüfte, und warf mich abseits auf mein Gesicht, das ich glühend vor Scham und Ekel in die harte fremde Erde hineindrückte.

Ich weiß nicht, ob jeder Mann einmal in seinem Leben diesen Sturz erleiden muß, diese bitterste Erkenntnis, daß die Natur uns mit den höchsten und reinsten Gefühlen nur äfft, um ihr niedriges Spiel zu gewinnen. Ich weiß auch nicht, ob jeder Mann so sehenden Auges in den Abgrund fällt wie ich, der ich gleichsam im Fallen die Felszacken zählte, an denen je ein Stück meiner edeln Gesinnung hängen blieb, wie ich vorübersauste. Wie mein eigner Doppelgänger neben mir hergehend, hatte ich inmitten der lasterhaften Seligkeit an mir selbst alle Grade der Gemeinheit beobachten müssen, in die das wissende und begehrliche Weib, das ich vergöttert hatte, mich langsam und zielbewußt hineinzog. Ich war längst kein unverdorbener Junge mehr gewesen, dafür hatte Paris, dafür das Pagenkorps gesorgt: aber ich hatte diese Frau, hatte meine Liebe zu ihr für rein gehalten und saß jetzt in heller Verzweiflung über der vernichtenden Erkenntnis brütend, daß alles Schmutz und Niedrigkeit sei und ich in meinen besten Gefühlen nicht mehr wert als irgendein Wüstling, der ohne das Truggeflimmer hoher Empfindungen auf sein Ziel losgeht. Germaines hartes Gesicht und ihre verächtlichen Worte standen jetzt richtend vor mir. Und sie haben bewirkt, daß ich die Frau neben mir, die mir bereits wieder ihre kosenden Lippen näherte und mich flüsternd einen dummen Jungen nannte, endlich doch von mir stieß und allein unter dem Haselbusch den Tag erwarten ließ, indes ich in geringer Entfernung von ihr auf und nieder wandelte, bis der Himmel sich rötete und das Stadttor von Mons in seinen mächtigen Angeln kreischte.

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