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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 5
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authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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4

Ich weiß nicht, welches Strafgericht über Philipp von Chartres erging, als seinem Vater unsre nächtliche Expedition zu Ohren kam. Der junge Musketier, der uns geführt hatte, verschwand aus der Gardenstube. Und was mich betrifft, so büßte ich tagelang in ausgesuchten Qualen des Leibes und der Seele, deren letzte und grausamste mir aufgespart blieb, bis ich mürbe und verzweifelt genug erschien, um sie auch richtig zu würdigen: ich wurde vor den König geführt.

Ludwig der Große kümmerte sich sonst wahrlich wenig um das Seelenheil seines Pagenkorps; das leibliche Wohl seiner Rüden lag ihm näher am Herzen. Aber diesmal erschien das Verbrechen groß genug, um einmal ein warnendes Beispiel aufzustellen. Dabei muß ich meinem Richter noch nachträglich Dank sagen für seine Güte inmitten aller Grausamkeit: wäre ich eines bemittelten Mannes Sohn gewesen, so wäre ich einfach aus dem Pagenkorps ausgewiesen worden; da ich keine andre Zuflucht hatte als dieses, so beraubte mich der König dieser einzigen Zukunftshoffnung nicht. Er begnügte sich, wie ich zitternd und in äußerster Beschämung vor ihm stand, mir in wenigen, aber furchtbar harten Worten den Text zu lesen und entließ mich schließlich mit einer kräftig schallenden Ohrfeige. Heute möchte ich die väterliche Rechte küssen, die mich so gestraft; damals aber – –

Vierzehnjährige Taugenichtse haben eine eigne Vorstellung von Ehre. Ich verließ laut heulend den Louvre, wo sich das böse Gericht abgespielt hatte, und schämte mich nicht, mit strömenden Tränen durch die Straßen zu irren, so daß mehr als ein Vorübergehender mir kopfschüttelnd nachblickte. Dabei drückte ich mich in schwarzer Absicht die Kais entlang, konnte aber lange keinen geeigneten Platz für die Ausführung der männlichen Tat finden, durch die allein ich meine Pagenehre wieder reinwaschen zu können glaubte. Man ist eigentümlich wählerisch in solchen Situationen. Einige Kais waren mir zu belebt, andre zu öde; da war die Flut mir zu unsauber, dort gurgelte sie unschön um schlammgrüne Holzpilaster, an jener Uferböschung verspielte sie zu sanft. So kam es, daß ich eine Stunde später in tragischer Pose, entschlossen und doch mutlos, an die Steinbrüstung des Pont des Tournelles gelehnt stand, einer der schönen neuen Brücken, wo nicht rechts und links flankierende Häuser den Blick auf das Wasser hinderten. Sie war recht vorteilhaft gebaut für selbstmörderische Zwecke, diese kleine Brücke, an deren hübschen Steinpfeilern jetzt der rosig schimmernde Schaum der abendbeschienenen Seine verspritzte: denn schöner und bedeutungsvoller als von dort aus konnte man das alte Paris, die Inseln, die ehrwürdigsten Teile der Stadt von keinem andern Orte sehen.

Im Nordwesten, gerade in der Richtung des Stromlaufs, ging just die Sonne unter und stand scheinbar mit dem halben Balle im leuchtenden Wasser, so daß der schmale Seinearm zwischen den dunkeln Kaimauern aussah wie eine feurige Schlange, die eben in den heimischen stammenden Bau schlüpfte. Rechts und links zogen die ältesten, schwärzlichsten und wunderlichsten Giebelhäuser sich die Ufer entlang, sonst düster blickend, jetzt verschönt und vergoldet, indem das warme und starke Licht ihre ursprüngliche, nicht unedle Gliederung scharf zutage treten ließ und dabei auf zauberhafte Weise verdeckte oder verschleierte, was Alter und schlechter Unterhalt an ihnen verdorben und krummgezogen. Alle die schmalen ernsten Fensterlein hatten sich in blitzende Augen verwandelt, die förmlich Strahlen schössen, so daß eine lachende Lichterreihe den Strom entlang lief bis in die glühende Himmelswand am fernen Ende. Näher und ferner einmal schlüpfte das brennendrote Wasser unter einem Brückenbogen durch, dahinter setzte sich weit der goldene Streifen fort. Aufschimmernd und dunkler werdend glitten Barken mit zierlicher Schnabelung auf dem schönen Flusse herab, Lastschiffe zogen breit und behäbig einher, so daß vielfach gefurcht und gekräuselt das beleuchtete Element in den herrlichsten Farben schillerte. Auch die bunten Gewände der Menschen, die auf den Kais durcheinander wogten, erschienen wie tiefer spielende Lichter in der sanften Rosenfarbe der Luft, und wirklich schwarz, undurchdringlich und stet starrten nur die steilen Dachprofile der Cité, die Türme von Notre Dame und da und dort ein feiner spitzer Finger in die Goldwolken des Himmels hinein. Mitten in dieser unbeschreiblichen Abendherrlichkeit stand ich nun also, einsam und unbeachtet, ließ Träne um Träne in die Seine hinabrollen und nahm mit bitterem Herzweh Abschied von der Welt, die mir holder nie erschienen war. Hinter mir auf der Brücke rasselte es von Fuhrwerken, gellten die Stimmen der Händler und Ausrufer, klirrten die Waffen vorüberziehender Soldaten und kreischten fröhliche Mädchenstimmen; ich aber sah mich mit inniger Rührung schon still und bleich auf den roten Wellen dahintreiben, gerade in die untergehende Sonne hinein. Während ich noch stand und starrte und schluchzend mit meinem fürchterlichen Entschlusse rang, ihn von Minute zu Minute aufschiebend, fühlte ich mich plötzlich am Arme gefaßt und eine herbe Frauenstimme fragte mich, warum ich weine.

In dem jungen und wunderschönen Gesichte, in das ich Erschrockener blickte, lag nichts, das zu vertraulicher Aussprache und weicher Herzensergießung eingeladen hätte. Durch die farbige Atmosphäre des Sonnenuntergangs sah ich wie durch einen Opal hindurch die milchweiße Reinheit einer blassen Haut, klargeschnittene strenge Züge und finsterblickende, dunkelbewimperte Augen, die forschend, aber ohne Güte und Mitleid auf mir ruhten. Doch lag in diesem Antlitz eine solche Macht des Willens, ein so zwingendes Gebot des Gehorsams, daß ich fast unbewußt die unfreundliche Frage beantwortete und mich hinterher ärgerte, es getan zu haben; denn die Fragerin hatte nur ein höhnisches Lächeln für mich, als sie vernahm, daß ich mir um einer Ohrfeige willen das Leben nehmen wollte. Mich aber reizte dies Lächeln so sehr, daß ich mich in Positur warf und ihr eine Vorlesung über Offiziers- und Edelmannsehre zu halten begann, von welchen Dingen sie mir keine Ahnung zu haben schien, wie ich sie denn an ihrer Kleidung richtig als eine einfache Bürgersfrau taxiert hatte. Je leidenschaftlicher und hochtrabender ich aber redete, desto spöttischer wurde ihr Gesicht, und sie antwortete mir etwas unverständlich, ich brauche mich durchaus nicht damit zu brüsten, ein Edelmann zu sein; daß ich Mann sei, erscheine ihr gerade genügende Erklärung für jede Erbärmlichkeit. »Wieso Erbärmlichkeit?« schrie ich zornig. Sie erwiderte: »Erbärmlich darum, weil eure Ehre an eurem Kleide hängt. Kommt nur von außen kein Flecken drauf, so fragt ihr nicht, wie sie innen aussieht. Springe du deshalb nur ruhig in die Seine und wasche dich: es ist nicht schade um dich. Ein paar Eide werden ungebrochen, ein paar Frauen unbetrogen bleiben, wenn einer von euch weniger da ist!« Bei diesen Worten wies sie mit einer einladenden Gebärde über das Brückengeländer in die Seine hinunter und lachte dazu ein so grimmiges Lachen, daß mir das Herz stillstand. Nun war obendrein während unsers Gespräches die Sonne untergegangen und das Wasser lag in einer stumpfvioletten Schieferfarbe da und sah entsetzlich kalt und tief und dunkel aus. Die schwarzen Häuser am Ufer drohten förmlich herüber, eisig stieg die Luft von der Stromfläche herauf, die Barken zogen tiefblaue Schattenlinien auf bleifarbenem Grunde. Ich begann zu zittern und trat einen Schritt vom Brückengeländer zurück, denn ich fürchtete plötzlich, die sonderbare Frau möchte mich fassen und mit mir untertauchen in die grausige Feuchte hinein, der sie überhaupt anzugehören schien. Wie ich sie so anstarrte und mir das Gruseln über alle Glieder rann, kam mir plötzlich ein Gedanke, der meine ganze Stimmung änderte, schneller als ein Bild in einer Zauberlaterne umspringt. ›Das ist die Goldschmiedsfrau!‹ fuhr es mir durch den Kopf; ›das ist die Vielbesprochene, Gesuchte, Ersehnte! Keine andre als sie konnte so aussehen und so reden – und eine Meerfrau ist sie doch!‹

Wie schöpft ein Bubenherz neues Leben aus einer Nichtigkeit! Vergessen war meine Todessehnsucht, vergessen die Schmach der königlichen Ohrfeige, und eine wilde, frische, lebendige Abenteuerlust rann mir erwärmend durch alle Adern. Ich holte die Frau ein, die sich bereits achselzuckend zum Gehen gewandt hatte, und begann eilig mit ihr zu reden, was mir eben durch den Sinn fuhr, nur um neben ihr hergehen zu können und die so unerwartet glückliche Gelegenheit einer näheren Bekanntschaft nicht zu verlieren. Ich hatte vor lauter Eifer sogar meine Angst vor der vermeintlichen Zauberin selbst vergessen; ich sagte ihr, während sie rasch den Quai de la Tournelle entlang seineabwärts schritt, daß es mich gereue, eine im Grunde wohlverdiente Strafe so unsinnig schwer genommen zu haben, und daß ich ihr dankbar sei dafür, daß sie mich vor der größten aller Torheiten bewahrt habe. Da sie auch darauf nur wieder hohnvoll lächelte, so suchte ich mich zu entschuldigen und reinzuwaschen, indem ich ihr alle Leiden und Verdrießlichkeiten unsers Dienstes schilderte und mich mit rechter Uebertreibung als ein geplagtes und bedauernswertes Geschöpf hinstellte. Dabei verfiel ich unversehens in einen allerliebsten Cancan, unter welchem dem Sonnenkönig und seinem ganzen Hofe nicht übel die Ohren geklungen haben mögen. Von der Heirat des Königs mit der Witwe des Komödienschreibers fing ich an, und wie das Leben am Hofe drückend geworden sei seit dem unseligen Tage; wie Ludwig immer strenger und engherziger würde, wie alle Freuden vom Hofe zu fliehen schienen, und wie es längst kein Theater mehr gäbe in Versailles und von Musik nur die langweiligste; wie wir Pagen nun bald so tugendhaft leben müßten wie die Damen von St. Cyr, die das prüde Weib sich nach seinem Sinne erzog, und wie doch der König selbst in unserm Alter nichts weniger als klösterlich gesinnt gewesen wäre. Endlich führte ich gar noch den sophistischen Schluß unsrer Kapitäne ins Feld, daß wahre Tugend eine solche Sittenparade verschmähen und reinen Frohsinn nicht knechten würde – und schwatzte so fort, Wahres und Unwahres, Dazugehöriges und Unzusammenhängendes, allen Klatsch der Gesindestuben, worin ich so bewandert war – und gottlob! daß die lärmenden Straßen von Paris keine Ohren hatten, zu hören, und keinen Mund zum Weiterplaudern! Meine Begleiterin indes schien ein gewisses Interesse an dieser Art von Unterhaltung zu finden, denn sie fragte mich kreuz und quer aus, besonders nach dem Familienleben des Königs und aller Hofleute, nach der Sittsamkeit dieser oder jener großen Dame, auch nach ihrem Verhältnisse zu ihren Kindern und wie letztere etwa erzogen würden. Dazu machte sie die wunderlichsten Gesichter, bald kalt und grimmig wie vorher, bald wieder traurig und sorgenvoll, und endlich sagte sie, indem sie seufzend stehenblieb: »So ist also auch auf Könige kein Verlaß, und die Höchsten dieser Erde sind nicht besser als die Geringsten! Und doch sagt Pascal, daß wir die Könige als gesalbte Stellvertreter Gottes ansehen und verehren sollen!« Als sie den verrufenen Namen aussprach, erschrak ich und sagte: »Ihr beruft Euch da auf einen Mann, den die heilige Kirche geächtet und als einen Irrlehrer erklärt hat.« Sie erwiderte gleichgültig: »Er ist auch ein Irrlehrer. Das sind sie alle, die auf das Gute im Menschen bauen. Du, kleiner Kerl, verderbt und schmutzig wie du bist, kannst zuverlässigere Lehren geben als alle. O Tiere! Tiere!« Während ich noch ganz gelähmt stand von diesen Worten, die ich nur zur Hälfte begriff, nickte sie mir kurz zu, wandte sich gegen den Torbogen eines Hauses, vor welchem wir eben standen, und verschwand darin.

Ich schaute mir das Haus an und bemerkte erst jetzt, daß wir unterdessen wirklich an der Ecke der Barillerie angelangt waren und daß ich also die Person meiner geheimnisvollen Retterin ganz richtig geschätzt hatte. Ich war glücklich, die Langgesuchte endlich gesehen und gesprochen zu haben; glücklich, daß sie meiner Vorstellung von etwas Ungewöhnlichem und Mächtigem so durchaus entsprach; zugleich aber stand ich wie ein geschlagener Pudel vor der verschlossenen Haustür, hinter der mir das Wunder verschwunden war, und fragte mich trübselig: »Was nun?« Jetzt, wo die Scheu vor dem Weibe verschwunden war, brannte ich vor Verlangen, in das Haus einzudringen, sowohl ihretwillen als um ihres Gatten willen. Ich verfluchte meine magere Pagenbörse, die mir nicht gestattete, gleich in die Goldschmiedewerkstatt im Erdgeschoß einzutreten und ein Kettlein oder Ringlein für meine Liebste zu kaufen, denn eine solche hatte ich naseweiser Schlingel bereits, wenn auch eine etwas unnahbare und fernstehende, nämlich ein Hoffräulein, das fast doppelt meine Jahre zählte. Ich dachte aber in dieser Sekunde nur an den Ankauf des Zierats, den ich ihr weihen wollte, und an seine Wahl; wie ich ihr denselben darbieten wollte und wie sie bestimmen, ihn anzunehmen, war eine andre Sache und konnte später überlegt werden.

Sinnend stand ich und betrachtete mit trauriger Miene die drei oder vier hübschen Kruzifixe und Leuchter, die in dem Fenster neben der Ladentür zur Schau standen, und die paar Ringlein und Spangen, die dazwischen lagen. Da tauchte hinter dem Geräte Regnards freundliches Gesicht auf; er lächelte mir zu, als verstünde er meine Betrübnis; eine Sekunde später stand er in der Tür und lud mich ein, bei ihm einzutreten.

Ich erklärte bedrückt, ich könne nichts kaufen, worauf er lachend erwiderte, so könne ich immerhin so tun, als ob ich etwas kaufen wollte, und hätte dabei doch die Freude des Ansehens. Es versteht sich von selbst, daß ich mich nicht lange bitten ließ. Ich trat ein und ließ mir zeigen, was er an edelm Geräte besaß.

Ein Oellämpchen flackerte zwischen uns, denn in dem Laden war es inzwischen ganz dunkel geworden; in tausend blitzenden Metallstäbchen spiegelte sich die kleine Flamme, und es war ein Gefunkel um uns, als stünden wir in einem Festsaal mit zahllosen Kerzen. Nie aber werde ich die zierlichen und kunstreichen Gebilde vergessen, die Regnard da in langem Gespräche vor mir ausbreitete, deren Bedeutung und Wert er mir eingehend und liebevoll erläuterte – und die mir ihrerseits das Verständnis einer reichen und feinen Menschennatur erschlossen. Denn mich dünkt, nirgends enthüllt sich die Eigenart einer Seele besser als im Werk der Hände, und hatte ich vorher den sonnigen Mann geliebt, so erschien er mir jetzt geradezu anbetenswert in seiner spielenden Schöpferkraft, der sich eine treue und geduldige Emsigkeit gesellen mußte, um solche Erfolge zu erzielen.

Die ersten Gegenstände, die er mir zeigte, waren Pokale, an denen er seine heitere Phantasie in den ergötzlichsten Bildern schwelgen ließ; der goldene Kelch war in die Kontur einer vollen, beerenreichen Traube getrieben, den Fuß bildete ein knorriger Rebenstamm mit verzweigtem Geäste, den frischgrünes Weinlaub reichlich umrankte; zum Ueberfluß mußte dann noch ein Gnömlein in rot emaillierter Jacke an dem Geranke emporklimmen oder oben auf dem Deckel in kecker Pose sich brüsten. Ein andrer Kelch von derselben Fruchtgestalt wurde von einem artigen kleinen Gärtner gestützt, der das gigantische Gewächs mit dem sprechendsten Ausdrucke verzweifelter Anstrengung auf seinen Schultern hielt und mit solch drolligem Entsetzen seitwärts daran emporschielte, daß man wohl begriff, es müsse da ein Dämon die Last einem Trägen oder Widerwilligen unversehens aufgehext haben, um ihn zu belehren. An diesem Figürchen hatte der feinfingrige Künstler mit besonderer Sorgfalt die Feldflasche und das Rebenmesser des Männleins nachgebildet, winzig, aber durchaus treu und sogar beweglich, mit offenbar innigster Freude am Spielerischen und Kindlichen. Von einer Stunde tieferer Sammlung zeugte dagegen ein Deckelhumpen aus Elfenbein mit goldenem Deckel und Fuß. An diesem Geräte waren mit sinnreicher Anwendung zwei biblische Szenen in das gefällige Material eingeschnitzt, so wahr und lebendig ergreifend, daß auch dem rohsten Trinker, der dies Gefäß zum Munde führen wollte, ein frommer Vergleich sich aufdrängen mußte. Es war nämlich auf der einen Seite des Humpens Moses sichtbar, wie er Wasser aus dem Felsen schlägt, und wie die verschmachtende Schar der Juden in rasender Gier sich auf die rettende Flut wirft, jeden seitwärts rieselnden Strahl in Bechern, Schalen oder gar mit den Händen auffangend. Dieser derben und stellenweise sogar haarsträubenden Darstellung des rein körperlichen Durstes stand ein edleres Schmachten nach himmlischer Erquickung gegenüber in der friedlichen Gestalt der Samariterin am Brunnen, die der Heiland belehrt. Die geistvollen Köpfe des hohen Paares bildeten einen gewaltig wirkenden Gegensatz zu den tierischen Mienen und Gebärden der Verdursteten auf der andern Seite. Regnard machte mich aufmerksam, daß die Samariterin das Antlitz Germaines trug, und später fiel mir ein, daß möglicherweise eine Predigt der Frau die gedankenvolle Schilderei bewirkt haben könne. Beweis, daß die Ueberfromme bereits zu dieser Zeit eine gewisse Herrschaft über die Phantasie des Gatten gewonnen hatte. Uebrigens war auch an diesem Stücke wieder das einzelne auf das liebevollste behandelt; so war zum Beispiel das Seil, an welchem die schöpfende Frau den Eimer hielt, so geduldig gearbeitet, daß man die Bastfäden zählen zu können glaubte, aus denen es gedreht war. Diese Sorgfalt für das Beiwerk, das scheinbar Unbedeutende, habe ich in späteren Jahren an Künstlern besonders geschätzt, weil sie ein Ausharren bei der Arbeit andeutete, weit über den ersten Flug des treibenden Gedankens hinaus. Damals, als unwissender Knabe, ergötzte ich mich an den artigen Einzelheiten nur um ihrer selbst willen.

Ganz besonders schön und würdig, daß Götter daraus sich zutränken den festlichen Nektar, erschien mir ein Becher, der aus der köstlich geschwungenen Muschel der Argonautenschnecke oder des Nautilus hergestellt war. An dieser Arbeit war nichts von Germaines geistiger Mitarbeiterschaft zu verspüren, nichts von Reflexion oder Moral; da feierte vielmehr die reinste Lebensfreude ihren Triumph. Geglättet und bis zur Durchsichtigkeit poliert, war das schöne Naturgebilde mit eingravierten Zeichnungen geschmückt, die heitere Gruppen eines seligen Meervolkes, auf Wogen sich schaukelnd oder auf besonnten Klippen sich ergötzend, darstellten. Die bedeutendsten dieser Figuren, sowie etwa ein Delphin, ein Felsstück im Vordergrunde, der brechende Kamm der nächsten Welle, waren aus dem dickeren Material der Muschel in unendlich feiner Skulptur stehengeblieben, während die ferne Meerfläche und der Himmel darüber durch einen besonderen Schliff in tausend Perlmutterfarben schillern mußten. Die Bewegungen der schilfbekränzten Meerleute waren die freisten und glücklichsten, eine Wonne ohnegleichen drückte sich in der schwelgerischen Hingebung an das spielende Element aus, man sah so recht die Genußfreude des Bildners in all diesen zarten Wesen verkörpert. Um aber auch da wieder seiner Liebe zum Kleinen genugzutun, hatte Regnard an dem obersten Teile der Schnecke ein durchsichtiges Galeriechen von unglaublicher Zierlichkeit ausgeschnitzt, durch welches des Beschauers Blick in die inneren, gewundenen Gänge des Tiergehäuses eindringen durfte, da wo die stille Bewohnerin einst gehaust. Das ganze Werk stand schön und kühn auf der Schwanzflosse eines silbernen Delphins, der dem Becher als Fuß diente.

Regnards Vorliebe für Meervolk und Flossentiere zeigte sich auch noch an andern Gegenständen; die Muschelform war häufig in Gold oder Silber nachgeahmt, ein Elfenbeinweiblein in lieblicher Nacktheit, ein Fischungetüm oder ein Flossenpferd trugen die handlichen Schalen; einmal war es sogar eine Daphne, deren Arme und Hände, in Zweige übergehend, das Trinkgefäß umklammerten. Ich war ein schwacher Bewunderer ovidischer Muse, die uns Vater Cölestin recht eigentlich vergällt hatte; in der Goldschmiedwerkstatt ging mir die Lust und das Verständnis am römischen Sänger auf.

Denn Regnard, der gewiß kein Wort Latein verstand und die schönen Sagen gewiß nicht anders kannte als aus den Verarbeitungen zeitgenössischer Dichter oder etwa vom Theater her, das er fleißig genug besuchte – Regnard, der nie das Meer gesehen hatte, nie einen Lorbeerhain, nie einen Marmortempel und nie die arkadische Landschaft, die all seinen Figuren als Hintergrund dienen mußte: Regnard verstand es kraft seiner göttlichen Phantasie, jedem lieblichen Märchen das rechte Kleid zu geben. Auf Dosen und Ähren, an vielflächigen Kästchen oder gar auf Knöpfen erschienen in zarten Emailfarben die Legenden des Altertums, Venus an der holdesten Leiche, Leda und Europa, spielende Nymphen, herrliche Jünglinge in Goldhelm und wehendem Mantel. Wie sonnig und froh war alles dargestellt! Heute, wo ich den Römer verstehe und liebe, denke ich noch mit Rührung dieser kleinen Gebilde, denen ich die erste dämmernde Ahnung jener Götterwelt verdanke.

Ich kann unmöglich alles im einzelnen beschreiben, was Regnard da vor mir auskramte: diese Uhren, Dosen, Kästchen, Weihrauchbüchsen, diese tausenderlei Dinge von greifbarem Nutzen und hoher Anmut zugleich; diese abwechslungsreiche Gestaltung des verschiedenartigsten Materiales, sanftgefärbter Emailschichten, Karneolplättchen, samtgrünen Malachits, Lazursteins, Elfenbeins und Perlmutters, gehoben durch Einlagen und Umränderung von blitzenden Edelsteinen aller Arten; diese unerschöpfliche Erfindungsgabe, diese humorvolle Wahl der Gegenstände. Da war ein Schiffchen im winzigsten Maßstabe mit goldenem Seil- und Segelwerk; ein Särglein aus dunkelgrünem Email, beliebter Anhänger solcher, die zeigen wollen, daß sie des Todes spotten; eine putzige kleine Kanone, zu welcher als Kugel eine schöne runde Perle gehörte, die an einem goldenen Kettlein danebenhing; oder auch ein Papagei auf einem Blütenast, wobei wieder Schmelzfarben und Edelsteine in glücklichster Ergänzung an dem Gefieder des Tieres prangten. Das alles war so fein und klein, daß es das zierlichste Fräulein an dem schlanken Hälschen tragen konnte, wie denn überhaupt die Mode allüberall das Niedliche und Artige verlangte. Die großen Anhänger, die zur Zeit der Königin Anna wie Brustschilder auf flachen und strengen Büsten getragen wurden, fertigte, so sagte mir Regnard, kein Goldschmied mehr an; man harnischte sich nicht mehr mit diesen plumpen Zieraten gegen die Pfeile des freundlichen Gottes. Selbst die Knöpfe wurden so ausnehmend klein gefertigt, daß ein zeitgenössischer Komödienschreiber wohl darüber spotten durfte, man müsse sie mit der Lupe suchen; dabei waren sie aber aus edelm Metall und – wenigstens die, welche aus Regnards Hand hervorgingen – von hoher Kunstvollendung.

Aber die Krone der Kunstwerke, die der liebevolle Bildner des Kleinen vor mir ausstellte, war eine Figur von so köstlichem Humor und so lebendiger Treue der Darstellung, daß sie mir in der Erinnerung geblieben ist nicht als ein toter Gegenstand, sondern als etwas Beseeltes und Liebenswertes, an dem in der Tat auch mein ganzes Herz gehangen hat. Es war ein Scharlatan aus emailliertem Silber, der, etwa zwei Faust hoch, auf einem vergoldeten Sockel von allerreichster Arbeit stand. Die Gestalt des Savoyarden, der windumsaust im flatternden braunen Mantel einherzuschreiten schien, drückte eine freie, geschmeidige Beweglichkeit aus, wie sie diesem Volke so eigen ist; die Geste seiner erhobenen Rechten zwang förmlich zum Anhalten und Betrachten. Sein Gesicht, braun, kühn, helläugig und scharfnasig, verriet den losen Vogel, der er sein mußte, der Lügen pfeifend bei Sturm und Wetter durch die Lande zog, auf Torheit und Blindheit der Menschen sein flüchtiges Glück bauend, gewinnend, verlierend, wie der Zufall wollte. Ein breiter, grauer Filz mit wallenden Federn saß keck und schief auf dem mäßig langen, dunkeln Haar. Seine gebräunten Knie waren bloß, die weißen Strümpfe in Falten herabgeschoben, aus abgetretenen Schlappschuhen guckten die Zehen. So war die Figur an und für sich schon ein kleines Meisterwerk von Naturwahrheit; aber was soll erst von dem Beiwerk gesagt werden! Der Savoyarde trug das übliche Brett wandernder Krämer vor sich her, und welch eine Fülle allerliebster kleiner Wunder enthielt diese Lade, die im ganzen etwa so lang und so breit war wie zwei Glieder meines mittelsten Fingers! Da hingen Scheren und Messer, so winzig, als wären sie für den Gebrauch einer Käferprinzessin vermeint, und doch in allen Teilen beweglich; Instrumente und Zangen zum Zahnbrechen, Lanzetten, Korkzieher, Brillen, etwa für die Augen eines Schmetterlings berechnet, und ein Rosenkranz von den allerniedlichsten Perlen; Salbentöpfe und Mixturflaschen waren in passende Fächer eingelassen, konnten aber herausgenommen werden und ihre Stöpsel geöffnet; und die kleinen Schubfächer des Kramkastens waren nicht nur zum Herausziehen eingerichtet, sondern auch noch zum Ueberfluß in reinliche Fächer geteilt, so daß auch nichts fehlte, was der Natur entsprach. Noch war dies alles. Zwischen den Beinen des Savoyarden saß der wohlbekannte unvermeidliche Begleiter dieser Landstreicher: ein Affe, dessen Leib aus einer einzigen monströsen Perle bestand, die Glieder und der boshafte Kopf aus Gold gearbeitet; das Tier, an einer feinen Schnur aus Golddraht gehalten, ergötzte sich an einer Branntweinflasche, die es mit Verstand und Sachkenntnis zu behandeln schien.

Nicht weniger Humor und Geduld der Detailbehandlung hatte Regnard auf den Sockel der kleinen Statue verwendet, den vier goldene Figürchen: ein zweiter Affe, ein Pudel, ein Tanzbär und eine springende Ziege in drolligen Posen flankierten. Die Flächen des Sockels zeigten Silberplatten von ovaler Form, auf deren jeder eine höchst bewegte Marktszene eingraviert war. An der obersten Kante des Sockels aber, gerade zu Füßen des Scharlatans, ließen sich vier Papageien in den verschiedensten Stadien flatternder Bewegung nieder, als wären sie nur eben herbeigeflogen. So gab es nichts Geheimnisvolles, Fremdartiges und Anziehendes, was dieser kleine Mann nicht an oder um sich gehabt hätte, und es ersetzte mir einen ganzen Jahrmarkt, das Wunderding vorzunehmen und zu betrachten. Dazu wußte dann Regnard sehr talentvoll die Rufe eines solchen Savoyers, seine gebrochene Sprache, seine Zungenfertigkeit und Unerschöpflichkeit in Lügen und Uebertreibungen nachzuahmen, so daß ich mich vor lachendem Entzücken nicht zu lassen wußte und mir wieder und wieder das einzige Spielzeug vorführen ließ. Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß sich nie ein Käufer dafür finden möchte, und hätte, glaube ich, ein Jahr lang von Wasser und Brot leben mögen, hätte ich es dafür zu eigen erwerben können.

Ich brauche nicht zu sagen, daß ich an jenem Abende nicht weiter an die Wahl des Geschenkes dachte, das mir erst den Vorwand zum Eintritt in die Goldschmiedwerkstatt hatte liefern sollen. Regnard gegenüber bedurfte es keiner Kniffe. Meine kindische Seligkeit an dem holden Tand schien ihm zu gefallen, er lächelte mich oft in unschuldiger Selbstzufriedenheit an, wenn ich seine Arbeit bewunderte, genau wie er an seinem Hochzeitstage gelächelt hatte, als er meinen anbetenden Augen begegnet war; und als ich schied, lud er mich schlicht und herzlich zum Wiederkommen ein, wenn ich etwa Lust haben sollte, ihm bei der Arbeit zuzusehen.

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß diese Aufforderung mich zuerst etwas stutzig machte. Regnard war immerhin ein Handwerksmann, und was würden meine Freunde, die Musketiere, zu dem ritterlichen Zeitvertreib gesagt haben, der Verfertigung von Frauengeschmeide zuzusehen? Ich wurde rot, und mein Dank muß etwas gezwungen geklungen haben. Auch war ich keineswegs gesonnen, von der artigen Einladung allzu rasch Gebrauch zu machen. Zu meinem Glücke war Langweile und Schaulust indes doch mächtiger in mir als diese sehr früh entwickelten und sehr bald wieder abgelegten Standesvorurteile.

Denn mit der Gardenstube im Palais Cardinal und mit den hübschen Plauderstunden unter den Kastanien Richelieus war es seit jener Expedition nach den Porcherons für mich vorbei. Philipp von Chartres sandte nicht mehr nach mir – ich lege ihm diese Treulosigkeit nicht zur Last! – und ich bekam ihn kaum je wieder zu Gesichte, abgesehen von ein paar flüchtigen Begegnungen, wo er mich etwa von einem Wagenfenster aus mit einem traurigen Aufschlage seiner schönen Augen grüßte. So trieb mich bald ein Bedürfnis nach männlicher Gesellschaft, das in diesen Jahren bei mir übermächtig war, nach dem Eckhause der Barillerie zurück, wo ich zu gegebenen Stunden den Goldschmied an der Arbeit traf, immer freundlich und bereit, mich zu empfangen und alle meine unersättliche Weltneugier zu befriedigen.

Wenn es mir törichtem Schlingel damals trotz meiner heißen Verehrung für den goldenen Goldschmied manchmal scheinen wollte, als sei ich in meiner Gesellschaft beträchtlich herabgekommen, da ich die Gardenstube mit einer Werkstatt vertauscht hatte, so bitte ich heute, nach fünfzig Jahren, noch meinen Regnard und die ganze Bürgerschaft von Paris dafür um Verzeihung. Heute glaube ich vielmehr, daß ein guter Engel über der gefährdeten Knabenseele gewacht hat und alle die Schritte geleitet, die mich nach dem alten Hause an der Barillerie früher oder später geführt haben. Der edelste Mann am Hofe Ludwigs des Großen, der fromme, reine und doch kluge und heitere Beauvilliers, hat seine erste Kindheit in der Loge des Schweizers seines väterlichen Palastes verlebt, ein unbeachtetes Kind, um dessen Wohl und Wehe sich niemand kümmerte; heranwachsend, empfing er von der alten Magd eines ländlichen Kanonikus, an deren mütterlichem Busen und in deren Bett er noch schlief in einem Alter, wo andre Knaben bereits in den Armen arger Verführerinnen schwelgten, die ersten Lehren großer und keuscher Denkungsart. So gut wie ihm ist es mir nicht geworden; und dennoch: Heil den Schlichten und Ranglosen, Heil denen, die durch ihre geistigen und seelischen Gaben auf uns wirken, Heil denen, deren Persönlichkeit allein schon ein Geschenk Gottes ist, wo immer sie sich zeigt. Regnard war von diesen!

Häufiger und häufiger fand ich mich in dem Goldschmiedladen ein, und heller und heller erschloß sich mir Regnards goldene Seele. Es versteht sich von selbst, daß ein Mensch, der mit solcher Liebe und Hingebung arbeitet, wie ich es eben zu beschreiben versucht habe, durchaus frei sein mußte von Leidenschaften und lasterhaften Neigungen; denn wenn schon oft genug eine göttliche Konzeption auch dem Ruchlosen gegeben ist, so ist doch nur dem Reinen mit ruhigen Händen vergönnt, sie zu gestalten. Jede Kunst will Selbstlosigkeit und Geduld: und bringt ein verderbtes Gemüt diese beiden Tugenden aller Tugenden je auf? Ich sage dies, um vorbeugend die Schuld zu mildern, die das Schicksal ihm, dem Unschuldigsten, auf die Schultern gelegt hat und die er mit all den guten Gaben, die er besaß, zahlen und büßen mußte.

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