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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 4
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authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
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correctorreuters@abc.de
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3

Von jenem Abende in der Gardenstube des Palais Cardinal an geschah es häufig genug, daß Philipp von Chartres und ich uns im Gespräch über die rätselhafte Goldschmiedsfrau ergingen. Die Soldaten trugen uns bereitwillig zu, was über ihr Verhältnis zu Regnard ins Volk sickerte, und war dies auch im Anfange nur Erfreuliches und Natürliches, so wurde es doch in solcher Darstellung wiedererzählt und weitergegeben, daß jeder Hörer wohl versichert sein konnte, die Sache sei noch nicht an ihrer Reife angelangt und die interessante Wendung würde nicht ausbleiben. Philipp und ich waren ein dankbares Publikum für solche Kunde – wir zwei armen bösen Buben mit unsern verderbten jungen Herzen! – und es gab nichts Ruchloses, das wir nicht mit Wonne aufgenommen und gleichsam geschlürft hätten. Dabei ärgerte uns nur, daß wir uns von der Germaine so gar kein Bild machen konnten, denn jeder, der sie beschrieb, beschrieb sie ein wenig anders, wiewohl alle sie übereinstimmend für sehr schön erklärten. Wir wurden schließlich ganz wild vor Begier, sie zu sehen, um so mehr, als Philipp von der Ansicht nicht abzubringen war, daß die Frau ein Wesen unirdischer Art oder mindestens eine Hexe sein müsse. Es machte sich schon damals in dem feinen Knaben jener Hang der Wundersucht, jene Vorliebe für Uebernatürliches und Dämonisches geltend, die später dem Manne so böse Streiche spielen sollten; ich glaube, er hatte diesen Zug von seiner deutschen Frau Mutter, da denn kein Volk so dem Aberglauben ergeben ist wie die Deutschen. Ich habe schon gesagt, daß wir Knaben allesamt die Germaine für eine Nixe hielten, aber bei keinem saß diese Vorstellung so fest wie bei Philipp, und keiner baute solche Pläne darauf. Denn das wunderliche Kind begehrte nichts heißer, als mit irgendeinem Wesen der Unterwelt, ja, wenn es darauf ankam, mit dem Teufel selbst in Verbindung zu treten und durch diese Hilfe seinen maßlosen Abenteuerdurst und -drang nach gefährlichem Wissen zu befriedigen, nach welchem er Tag und Nacht schmachtete. Wahrsagerinnen und Kräuterweiber aller Art verkehrten im Palais Cardinal mehr, als Monsieur hätte ahnen dürfen, aber für ihre billigen Kniffe war Philipp bald zu gewitzt. Abend um Abend, wenn wir unter Richelieus Kastanien lustwandelten, sprach er zu mir mit bebender Kinderstimme, was alles er an großen und herrlichen Dingen vollbringen wollte, wenn es ihm nur gelänge, solch ein Wunder-Wesen mit bindenden Eiden in seinen Dienst zu zwingen, und beschwor mich tausendmal und um aller Liebe willen, die Goldschmiedsfrau aufzusuchen und eine Verbindung zwischen ihm und ihr herzustellen.

Auch wenn Philipps dunkle Augen weniger gewaltig zu befehlen verstanden hätten, so hätte ich mich doch einem Auftrage solcher Art nicht zu entziehen gesucht; er kam mir gerade recht. Ich zog aus, war keck und spürnasig wie ein Dachs und nahm die schwersten Strafen auf mich, die Abbé Cölestin über den vielfältigen Ausreißer verhängte. Leider aber erreichte ich durchaus nicht, was ich zu erreichen strebte: ich sah Regnard oft genug an allen möglichen Orten, aber sein Weib blieb unsichtbar, und man redete allenthalben, daß sie höchst selten und dann nur in dringenden Geschäften aus dem Hause gehe. Nun hatten freilich diese Forschungsreisen an sich einen so köstlichen Reiz für mich, daß ich mich durch Erfolglosigkeit nicht entmutigen ließ; und besonders nach Ablauf des Jahres, als ich die Lateinschule mit dem Pagenkorps vertauschte, wobei ich größere Freiheit der Bewegung gewann, ließ ich ohne Skrupel das Mittel zum Zwecke heranwachsen, besuchte fleißig jeden Ort der Volksbelustigung und hoffte nur noch im stillen auf einen glücklichen Zufall, der mir die Frau in den Weg führen sollte. Sonderbarerweise – und ich kann mir dies heute noch nicht erklären! – vermied ich bei diesen Streifzügen hartnäckig den einzigen Ort, wo ich Germainen möglicherweise hätte begegnen können: die Barillerie und den Goldschmiedekai. Der Gedanke, allein in der dunkeln Gasse vor ihr zu stehen, war mir nicht ganz angenehm; und vollends etwa an ihre Türe zu pochen, unter irgendeinem Vorwand in ihr Haus einzudringen, wie man es einem frechen Buben wohl hätte zutrauen mögen – ich hätte es nicht gekonnt! Lustiger und – sicherer schien es mir, die Unheimliche da zu suchen, wo das Gewühl einer vergnügungssüchtigen Menge den einzelnen mit dem Gefühle der Unverantwortlichkeit, des Aufgehens in der Allgemeinheit berauscht. An solchen Orten ist man mutig – und müßte einem der Teufel erscheinen!

Nun hätten wir Pagen freilich, um korrekt zu sein, nur auf jenem Cours de la Reine lustwandeln dürfen, welchen Maria von Medici einst ausschließlich Trägern seidener Strümpfe zugänglich wissen wollte. Doch waren uns auch die Tuileriengärten und die Champs Elysées, jene neuen Paradiese der Pariser Bürgerschaft, nicht geradezu verboten. Solange wir im Lyzeum gewesen waren, hatten wir den Tuileriengarten sogar als eine Bildungsstätte betrachtet, indem die dort aufgestellten Statuen uns alle die Heroen und Götter der Alten, mit denen wir uns so viel beschäftigen mußten, höchst angenehm veranschaulichten. Jetzt aber wußte Aeneas, der seinen Vater aus den Flammen Trojas trägt, jetzt der riesige Herakles mit seiner Löwenhaut mich nicht mehr zu fesseln; was mich anzog, war der sanfte Lichterglanz von tausend bunten Papierlaternen, war Musik, die auf weichen Abendlüften, von Lindenduft begleitet, einherschwebte, war das Gewoge und Flimmern hellgekleideter Gestalten unter Bäumen, waren mit einem Worte die Elysäischen Felder mit ihren Tanzplätzen und Karussells. Nicht wie Achilles hoffte ich in diesem Elysium den Helden vergangener Zeiten zu begegnen, sondern besonders und mit Vorliebe einem fröhlichen Manne, der auf einem hölzernen Karussellpferde so keck und ritterlich einherflog, als bändigte er den edelsten Schlachthengst, und dessen Goldhaar einem lachenden Bürgermädchen, das hinter ihm aufsaß, um das Näschen wehte. So sah ich Regnard oft, und so ritt ich auch neben ihm in kindischer Freude, bis wir beide vor Schwindel nicht mehr konnten. Oder aber ich suchte ihn auf den Tanzböden, wo er durch die unvergleichliche Anmut und Leichtigkeit seiner Bewegungen förmlich aus jedem Gewühl herausleuchtete, und wo er während des Tanzens, worin er unermüdlich war, so vergnügt und echt um sich lächelte, daß sein Frohsinn, von ihm ausstrahlend, alle Anwesenden mit ergriff. Er war bei diesen Gelegenheiten stets von einer Schar Frauen umringt, von denen er sich aber eher huldigen ließ, als daß er sich um sie bemühte. Natürlich war Germaine nicht unter diesen, und meine spähenden Augen gaben bald die Hoffnung auf, sie an solchen Orten zu finden. Es waren Bürgerfrauen und -mädchen, deren bunte, freche und auffallende Tracht sie als ein loses Pack kennzeichnete, als jene unersättliche, ewig vergnügungshungrige Schar fremder Elemente, unter denen sich besonders die Italienerinnen nicht übel hervortaten. Es lächerte mich, jung wie ich war, die Allüren einer falschen Vornehmheit an diesem Gesindel zu beobachten, gleichwie die wertlose und übertriebene Nachahmung höfischer Prunkkleider an ihren plumpen Leibern – und hier abermals mußte ich mit Entzücken sehen, wie sehr Regnard von dieser Kaste, die doch seine eigne war, sich unterschied. Auch er liebte es freilich, sich in eigentümlich prunkender Gewandung zu zeigen, aber er trug die farbigen und vielfach gestickten Kleider mit großem Anstand, hielt sie äußerst schmuck und rein, und machte außerdem das Gewagteste durch kostbar gewähltes Material erträglich. Er sah aus wie ein König unter dem Volke, und am meisten erschien er mir als ein solcher an einem Abende, wo er sich den Spaß machte, den geschmückten Handwerkerfrauen zum Trotz ein armes, schlechtgekleidetes Dienstmädchen zum Tanze zu führen, deren sehnsüchtige Blicke und blasses Gesicht ihn unter der Menge gerührt hatten. Er ließ die Kleine bewirten und tanzte den ganzen Abend mit ihr, die sprachlos vor demütiger Seligkeit wie in einem Traume dahinflog und in ihrer Unschuld gar nicht bemerkte, daß ihr Ritter mit diesem Akte gütiger Laune den nicht ganz harmlosen Zweck verfolgte, ein paar anmaßende Weiblein zu strafen und zu erbittern. Es fiel denn auch in der Folge ein boshaftes Wort von den Lippen einer gekränkten Gerber- oder Tuchweberfürstin, die sich zu gut hielt, auf demselben Kies mit der dienenden Demut zu tanzen; Regnard, der es vernahm und wußte, daß seine Tänzerin es vernommen hatte, wurde rot, faßte sich aber sofort und gab seine Antwort darin, daß er mit respektvoller Gebärde die rauhe Hand des Mägdleins küßte, so daß jene lästernde Meisterin und eine ganze Schar ihr Gleichgesinnter es sehen mußten. Ein allgemeines Schweigen zeigte, daß jedermann die Lektion verstanden hatte, und lächelten die Frauen auch hämisch, so galt ihnen der schöne Mann doch zu viel, um einen ernstlichen Kampf mit ihm einzugehen; die Mehrzahl nahm alsbald und scheinbar begeistert seine Partei, nur die Gemaßregelte verzog sich in Anmut und Beschämung. Man konnte in solchem Augenblick Regnard die Genugtuung ansehen, mit welcher er sich so Mittelpunkt und Herrscher der Menge fühlte, die er mit Sicherheit und nur durch seine machtvolle Schönheit allein nach sich zog, wohin er wollte. Ich fragte mich an jenem Abend, was Germaine gesagt haben würde, hätte sie die artige kleine Komödie miterlebt; ich fand aber keine Antwort auf diese Frage. Leider hatte ich nie Gelegenheit, darüber Beobachtungen anzustellen, denn Regnard erschien nie in Gesellschaft seiner Gattin auf den Tanzböden.

Wenn ich nun auch das eigentliche Ziel unsrer vereinten Sehnsucht nicht erreichte, so brachte ich doch von derartigen Streifereien so viel Abenteuerliches und Verlockendes mit mir nach dem Palais Cardinal, daß in Philipp bald der Wunsch rege wurde, mit dabei zu sein. Dieser feine und begabte Knabe, den ich anbetete, weil er alle holden Gaben des Witzes und der Klugheit spielen lassen konnte, wenn er wollte, imponierte mir obendrein besonders durch die kaltblütige Frechheit, mit welcher er Verbotenes öffentlich zu tun liebte, und die hochmütige Ruhe, womit er seine ältlichen und allerdings etwas komischen Erzieher bezwang. Monsieur, der mehr als nötig auf Rang und Adel hielt, ließ sich nur von Titeln bestimmen, wenn er einen Mentor für seinen Sohn zu wählen hatte, und warb daher zu diesem Dienste mit Vorliebe weißhaarige Fürstlichkeiten und zahnlose Prälaten, die der wilde, lebenskräftige Knabe, wie er selbst prahlend verkündete, immer schnell genug ins Grab ärgerte. Die Offiziere der Leibgarde seines Vaters, die nur zu bereitwillig sich an dem ewig unerschöpften und ewig kurzweiligen Kampfe der Jugend gegen das Alter beteiligten, leisteten der Keckheit Philipp von Chartres' jeden möglichen Vorschub. Und so kam es, daß mein Freund mich eines Tages mit dem Vorschlage überfiel, einen Tanzboden in den Porcherons zu besuchen, und zwar unter der Führung eines jungen Musketiers, der den verrufenen Ort häufig zu beehren pflegte und in allen Ränken solcher heimlicher Expeditionen Bescheid wußte. Ich wußte, daß uns beiden, und dem Offizier nicht minder, furchtbare Strafen bevorstanden, wenn die Sache auskam; aber wer konnte ein Wort der Weigerung finden, wenn Philipp von Chartres bat oder befahl?

Wir rückten, die Gesichter von kleinen Halbmasken verhüllt, bei vollkommener Dunkelheit aus – und nie werde ich den Zauber dieser nächtlichen Wanderung vergessen, den das zitternde Bewußtsein, auf verbotenen Wegen zu gehen, noch erhöhte. Wir verließen die Stadt durch die Rue Richelieu, und gottlob, daß die Porte Gaillon gefallen war und daß es keine Nachtsperre mehr gab! Vielmehr mündete die hübsche Straße gleich unvermittelt in das freie, buschbewachsene Marschland, das sich außerhalb des Quartiers der Orange Batelière in eine unermeßliche Ferne hin zu erstrecken schien und an dessen Horizonte die bläßlichen Lichtlein der beiden Dörfer Clichy und Les Porcherons aufdämmerten. Schmale gewundene Feldweglein führten zwischen Gebüschen und Sümpfen hindurch, matt in ihrer eignen Helle durch die Dunkelheit des hohen Grases aufschimmernd, und schwärzer als letzteres selbst fiel da und dort ein langer Pappelschatten quer über das graue Band des Pfades. In dieser gespenstischen Landschaft nun regte sich ein doppeltes Leben: das heimliche, wilde der Heide und das verruchte der Großstadt. Aus jener Buschwildnis lugte vielleicht das kluge Auge eines Fuchses, und wenn er vorsichtig wieder ins Dickicht zurückwich, so war's vor keinem Verfolger, sondern vor einem seidenrauschenden Frauengewande, Kußgeflüster, einer verhüllten Sänfte, die sträflicher Flucht dienen sollte. Verschlafene Reiher wurden nächtens aus ihren Träumen geschreckt durch Pistolenknallen fürstlicher Zweikämpfer, und die Unken des Menilmontant verstummten gar oft vor den Todesseufzern eines erschlagenen Wucherers oder eines geplünderten Krämers, der zu unglücklicher Zeit seinen Heimweg über Pont d'Arcans genommen. Pont d'Arcans war das knarrende hölzerne Gefüge, das leise schwankte, so oft ein kräftiger Schritt es betrat, und über welches wir drei jetzt mit donnernden Füßen hinstampften, in einem instinktiven und gemeinsamen Verlangen nach irgendeinem reellen, von uns selber erzeugten Geräusche. Der Hall unsrer eignen Fußtritte bannte auch wirklich das Grauen, das die verrufene Heide über unsre Seelen geworfen, und Philipp, der trotz seiner Jugend einen feinen Natursinn besaß, der vielleicht ein Teil seiner romantischen Anlage war, ermutigte sich sogar so weit, daß er sich auf das Brückengeländer schwang, um, wie er sagte, die Landschaft ein wenig zu genießen. Die war nun freilich in manchem Sinne genießenswert genug; denn über das Buschland weg sah man gen Süden zu den dunkeln Schattenriß von Paris mit seinem feinen Gezacke am violenfarbigen Nachthimmel sich zeichnen, vor uns aber, gerade über der silbernen Linie des Baches, den sanftgeschwungenen Hügel des Montmartre, dessen weiches Profil da und dort eine himmelwärts langende Windmühle unterbrach. Ganz oben auf dem Hügel zeigte das Kapellchen des Nonnenklosters ein erhelltes Fensterlein, das wie ein Stern in die Ferne hinausschimmerte. Ein Stückchen Mond spendete karges Licht, gerade genug, um tausend Linien mehr zu erraten als wirklich zu sehen; westlich und nördlich aber, hinter dem nun näher gerückten Clichy her, zog sich in weißlichem Bogen der Nebel hin, welcher der Seine entstieg.

In dieser halbhellen, stillen und dabei von frevelhaften Gedanken schwülen Landschaft schien jeder Greuel begreiflich; und es paßte nur zu sehr in die Stimmung, daß Philipp von seinem Brückengeländer aus, über welches er mit halbem Leibe emporragte, plötzlich die Arme in die Luft breitete und mit unerschrockener Stimme dem Teufel und allen bösen Geistern zu rufen begann, so laut und befehlend, daß sich mir alle Haare auf dem Kopfe sträubten. Ich drängte mich zitternd an den Offizier heran, der mir indessen auch nicht gerade friedlich zu atmen schien; ich bin überzeugt, er erwartete wie ich ein augenblickliches Erscheinen der höllischen Bande, denn er starrte sprachlos und regungslos nach dem tollen Knaben hin, dessen Augen mit einem unnatürlichen Glanze durch das Dunkel blitzten und funkelten. Es ereignete sich aber nichts; nur durch die lange Stille, die der verwegenen Beschwörung folgte, klang leise und lieblich eine ländliche Tanzweise, ganz zart und heimlich, wie der laue Wind sie von dem Torfe her über das Marschland trug. Der traute Ton ließ uns aufatmen. Der Offizier begann ein kräftiges Schimpfen, Philipp aber sprang lachend vom Brückengeländer herab und sagte in einem wunderlichen Tone zwischen Spott und Bedauern: »Sie kommen nicht! Ich rufe sie immer vergebens!« und schritt pfeifend voran, den Porcherons zu. Der Offizier schüttelte den Kopf und fragte mich ärgerlich, ob Philipp etwa wirklich an den Teufel glaube. Da die Musik in der Minute lauter und fröhlicher herüberklang und man auch schon Menschenstimmen unterscheiden konnte, hatte ich den Mut, kräftig zu verneinen und alles als einen törichten Scherz darzustellen. Aber ich weiß, daß wir ein paar Augenblicke zuvor alle drei fest an den Teufel geglaubt hatten.

Eine halbe Stunde später standen wir vor den niedrigen, strohgedeckten Hütten der Porcherons. Aus der Pinte, nach welcher unser sachkundiger Musketier uns führte, schlug ein solcher Höllenlärm, solch ein Qualm von Tabak, Oellampen, schweißigen Gewändern und plebejischer Küche, daß Philipp und ich uns unwillkürlich anfaßten, als wollte einer den andern warnen und zurückreißen. Ich wäre am liebsten gleich auf der Stelle wieder umgekehrt. Auf Philipp von Chartres' dunkelm Gesichte aber lag plötzlich ein eigentümlicher Ausdruck von Ekel, Hohn und Triumph gemischt, den ich in dieser Stunde zum erstenmal sah, später aber leider oft zu erblicken Gelegenheit hatte, wenn jener wunderlich ruchlose Prinz tat, was ihm im Grunde selbst widerstrebte, nur um den König und die scheinheilige Frömmlerin zu ärgern. Er drängte mich, während ihm selbst die Nasenflügel bebten, vorwärts in den widerwärtigen Raum hinein; gleich darauf sah ich ihn sich im Tanze mit einer Bäuerin schwingen, der er eben bis an die Schulter reichte und vor deren gewaltigem Karyatidengesichte sein zartes Köpfchen auf und nieder wippte wie das eines Vögelchens vor der Schnauze eines Bullenbeißers. Es schien aber durchaus nicht, als ob das Herzoglein sich unter dem Gigantenvolke ungemütlich fühle, vielmehr hörte ich alsbald sein Lachen und bald auch fliegende Scherze durch das Gejohle der Tänzer und die quiekende Musik der Querpfeifen gellen, wobei ich ungläubig und erstaunt vernahm, wie perfekt der Neffe Ludwigs des Großen den Jargon der Müllerknechte des Montmartre nachzuahmen verstand. Unser Führer rieb sich die Hände und schlug sich auf die Schenkel in so augenscheinlicher Bewunderung dieser traurigen Frühreife, daß ich mir neben meinem erfahrenen Gespielen recht wie ein Simpel und Taugenichts vorkam. Und wir waren beide noch nicht vierzehn Jahre alt!

Ebenso entzückt wie der Offizier war aber die wackere Schar der Müller und Müllerinnen von der gewinnenden Vertraulichkeit des vornehmen Knaben; und hätte man nur ahnen können, wer es war, der sich da so anmutig in den bäurischen Tanz mischte, die Horde hätte meinen Philipp sicherlich im Triumph an die Tore des Palais Cardinal zurückgetragen. Zum Glück machte das Erscheinen eines Seidenfrackes kein solches Aufsehen in dem Raume, als man hätte meinen sollen. Dieses erklärte sich mir denn auch, als bald darauf eine Anzahl Edelleute unter den Tanzenden auftauchte, die allem Anscheine nach durchaus keine Fremdlinge in den Porcherons waren. Ich erblickte sogar mit Schrecken einige bekannte Gesichter darunter, so daß ich mich der Halbmaske freute, die ich behalten hatte, und für Philipp zitterte, der den Schutz der seinen verschmäht hatte. Ich hatte leider nicht umsonst gezittert, mich aber wahrlich zu früh gefreut. Die Halbmaske half mir nichts. Die Sache kam aus. Und nun ward dieser nächtliche Ausflug nach der Lotterpinte in den Porcherons, von welchem wir obendrein mit der Enttäuschung heimkehrten, Regnard nicht gesehen zu haben, doch der mittelbare Anlaß zu meiner endlichen Bekanntschaft mit Germaine.

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