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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 37
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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20

Als Benedikte meine Rechtfertigung in bezug auf die vermeintlichen Hugenottenverfolgungen vernommen hatte, hatte sie mich eilig überreden wollen, mit ihr zu ihrer Mutter zu gehen und auch diese von meiner Unschuld zu überzeugen; der wohlbekannte Umstand, daß ich in beabsichtigter Verteidigung ihres Landhauses Verwundung und Gefangenschaft erlitten habe, würde, so meinte sie, bei Germaine für mich sprechen, und ein übriges täte wohl meine veränderte Gesinnung, die sich jetzt in vielen Punkten mit derjenigen der allerstrengsten Kalvinisten berühre. Ich glaubte nun freilich auch, daß zwischen Germaine und mir ein Verstehen möglich sein müsse, wagte es aber doch nicht, auf eine solche Ungewißheit hin mein kaum gefundenes Glück wieder preiszugeben, weshalb ich Benedikten gebeten hatte, unser Zusammentreffen fürs erste noch geheimzuhalten und lieber erst vorsichtig das Eis zu prüfen, auf welches wir treten wollten. Ich hatte sie zugleich überredet, am nächsten Morgen wieder um die gleiche Zeit nach der Kirche zu kommen, wo ich ihr vor allen Dingen eine Mitteilung machen wolle, die mir seit langen Jahren auf der Seele läge; und ich hatte die Frage hinzugefügt, ob sich Benedikte noch der letzten Worte erinnere, die ich damals unter Nicolas Flamels Portals zu ihr gesprochen. Da hatte sich denn herausgestellt, daß das Kind im Schrecken jenes Augenblickes, wo die gefürchtete Mutter so jählings vor uns aufgetaucht war, meine Erwähnung seines Vaters durchaus überhört und nichts behalten hatte als mein Versprechen, ihm ein liebes Spielzeug wieder zu verschaffen. Davon wollte ich nun reden, hatte ich Benedikten erwidert, und sie hatte sich auch richtig voll Neugier wieder in der Kirche eingefunden, wo ich sie auf dem Betschemel sitzend fand, als ich anlangte.

Sie sprang mit einem so unverkennbaren Freudenblicke auf und mir entgegen, daß mir ganz warm ums Herz wurde, wenn ich auch nicht mehr eitel genug war, um aus dieser Bewegung vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Ich kannte diese kleine Pariserin gut genug, um zu wissen, daß sie vorläufig in unsrer Begegnung nichts sah als eine unverhoffte Kurzweil und Unterbrechung jahrelanger schnöder Langweile; ich war darauf gefaßt, daß sie den Spaß so lange als zulässig in vollen Zügen genießen würde, ohne ihr Herz indes an der Sache zu beteiligen, und ich wußte genau, daß dessen Eroberung eine Sache für sich war, die mit der allgemeinen und unerschöpflichen Pläsiersucht der Tochter Regnards nichts zu tun hatte. Immerhin konnte man versuchen, diese als Brücke zu benutzen, um einen Sturmlauf auf jenes zu beginnen. Denn diesmal war ich entschlossen, das süße Weib nach allen Regeln der Kriegskunst zu erobern, und ich wäre wohl nicht in jungen Jahren Oberst geworden, wenn ich von letzterer so gar nichts verstanden hätte.

Ich hütete mich daher wohl, dem sonnigen Wesen an meiner Seite die ganze Tragödie seines Vaters auf einmal in wilden Zügen zu entrollen, wie ich es getan hätte, wenn ich neun Jahre früher zu Worte gekommen wäre. Vielmehr begnügte ich mich damit, ihn in seiner Kunstfertigkeit und in all seinem leuchtenden Frohsinne zu schildern, wie er in der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft tatsächlich gewesen war. Ich beschrieb die Goldschmiedewerkstatt, wie ich sie in diesen Aufzeichnungen beschrieben habe, ich ließ all die zierlichen kleinen Wunder aus Metall, Elfenbein und Schmelz vor Benedikte aufmarschieren, ich zeichnete Nautilusbecher und Rebenpokal, das sechsflächige Teebüchslein und das Uhrgehäuse aus Rankenwerk, die Dose mit den griechischen Götterbildern und die Statuette des tanzenden Knaben. Und da, wie natürlich, Benedikte nicht immer die Symbolik der Gebilde verstand, so mußte ich meine Mythologie und alle verblaßten Erinnerungen an das Kolleg St. Louis und Abbé Cölestin zu Hilfe rufen, und da geschah es denn, zum ersten Male wohl und vielleicht zum einzigen, daß eine Kalvinistin in einem katholischen Gotteshause Unterweisung in griechischer Götterlehre erhielt. Leider muß ich sagen, daß das phantasievolle Mädchen für diesen heidnischen Kultus ein gefährliches Talent an den Tag legte und daß sie mir durch diese unverkennbare Erbschaft ihres Vaters nur um so lieber wurde.

Als die Orgel verstummte, waren wir eben mit den Kunstgebilden, soweit ich mich ihrer entsinnen konnte, fertig geworden und hatten noch recht wenig von Regnard selbst gesprochen. Wenigstens aber hatte Benedikte eine Ahnung seiner gottbegnadeten Natur empfangen, und sie gestand dies, indem sie gedankenvoll bemerkte, von all dieser Schönheit hätte ihre Mutter ihr nie ein Wort berichtet. Ich antwortete heuchlerisch im Tone der Entschuldigung, das schiene mir von Germaines Standpunkt aus sehr begreiflich, da doch die Kalvinisten solch eiteln Tand verachteten und Werke des Bösen darin sähen. Und mit innerlichem Triumphe vernahm ich Benediktens Antwort, schlagfertig und grimmig und ganz ihrem kriegerischen Sinne entsprechend: »Ja, das sieht man ihren Kirchen und hört es ihrem Gesänge an! Viehställe und blökende Herden darin! Es ist gar kein Vergnügen, da zu beten! Und dann trennten wir uns mit der Abmachung, auch für diesmal noch der Mutter nichts zu verraten, sondern andern Tages wieder auf dem Betschemel zusammenzutreffen, um die Geschichte Regnards zu Ende zu bringen.

Als ich an diesem selben Nachmittage auf dem Festungswalle saß und hinausblickte nach der Richtung von Gevries, was ich mit Vorliebe tat, wenn ich Bilder der Vergangenheit beschwören wollte – siehe, da lag ein sonnendurchschimmerter Goldstaub auf dem weiten Lande, und in hellen Reihen zogen die allerherrlichsten Scharen herbei, ein Heer von Siegern mit lauter weißen Fahnen und goldenen Helmen. Auferstandene Jugendgedanken waren es, die mit blinkenden Waffen Sturm liefen gegen die Feste meiner Gefangenschaft. Von allen Seiten schweiften sie einher über die junigrünen Hügel, immer neue entstiegen dem duftverhüllten Horizonte, zu Tausenden ergossen und drängten sie sich zu meinen Füßen, und alle blickten empor zu mir mit Augen fröhlicher Zuversicht und riefen: »Glaube uns! glaube uns! wir haben dich nie belogen, wir belügen dich auch heute nicht! Glaube uns! glaube uns! wir kämpfen für dein Glück!«

Und ich glaubte ihnen. – Mußte ich nicht? Es war eine köstliche Heerschau, die ich da hielt, denn jeder einzelne dieser schönen Krieger trug ein Gesicht aus vergangenen Tagen, und in jedem Gesichte stand ein kleiner, liebevoller Vorwurf über verkannte Treue. Ich hätte sie um Verzeihung bitten mögen, daß ich so lange an ihnen gezweifelt, denn jetzt sah ich wohl, wie redlich sie mir gedient hatten.

Wie ich in den Stunden meiner tiefsten Erniedrigung in allen geschehenen Dingen einen Zusammenhang gesehen, so sah ich diesen auch jetzt in meiner Freude – aber einen Zusammenhang zu wie andern Zielen! Benediktens gesunde Art, die sich inmitten der strengen Zucht dieser frommen kleinen Stadt so unentwegt erhalten hatte wie ein schönes Unkraut, war mir jetzt das Resultat aller vorbereitenden Ereignisse. Ich mußte mir sagen, daß dieses Kind, das so freudenhungrig und schönheitsbedürftig war, daß es sogar beim Beten sein Teilchen Vergnügen forderte, in Paris ein böses Ende genommen haben würde, und segnete plötzlich alle Genien des Weltgeschickes und alle kleinen Kobolde des obskuren Zufalles, die an Germaines Emigration mitgearbeitet hatten. Die Stimmung ganz Frankreichs gegen die Hugenotten, meine eigne Torheit, Orleans' Geschwätzigkeit und Germaines Haß gegen mich erschienen mir jetzt wie wohlbedachte Faktoren, ausgeklügelt und in Szene gesetzt einzig und allein zum Heile dieser übermütigen Benedikte, und wenn ich mir auch sagen mußte, daß bei diesem Reigen der Dinge für mich manch böser Seitenstoß und Fußtritt abgefallen war, so empfand ich doch nichts als Dankbarkeit, jetzt, wo ich das schöne Ergebnis in Händen hielt. Dankbar war ich selbst Germaine, die mir das üppige Pflänzlein von Benediktens Lebensmut behütet und beschnitten hatte, dankbar aber vor allem jeder schweren Erfahrung, die mich selbst gemodelt, geläutert und gebessert hatte, daß ich diese Blüte, die eine gefährliche war und Gift aushauchen konnte, wenn sie in schlimmer Luft stand, in reinen Händen empfangen und zu edeln Früchten treiben konnte.

Von diesen Gedanken ging ich aus, als ich am andern Morgen wieder auf dem Betschemel unter der roten Ampel saß und Benedikten weitererzählte an der Geschichte ihres Vaters. Ich vermied jeden Vorwurf gegen Germaine, ich hütete mich vor jeder Anklage gegen das Geschick. Ich ließ auch Benedikten nicht Zeit, solche zu erheben. Nur darauf war ich bedacht, das Bild des begnadeten Mannes in all seiner Schönheit wiederzugeben, seine Macht über die Menschen, die Freude, die er um sich verbreitete, zu schildern, sein gutes, warmes, kindliches Herz zu würdigen – und endlich: Benedikte, die um all diese Erinnerungen Verkürzte, feierlich in die gesegnete Erbschaft einzusetzen.

Es konnte leider dabei nicht fehlen, daß sich trotz aller meiner Vorsicht ein kleiner Konflikt in der Seele des Kindes erhob. Denn Germaine hatte ihren Gatten verlästert, hatte ihn als das Urbild eines Sünders und Schwelgers hingestellt und Benedikten als die schlimme Frucht seiner leichtfertigen Art. Dafür mußte sie nun büßen. Denn Benedikte, die ihr eignes Naturell und alle darin verborgenen drohenden Möglichkeiten noch nicht kannte, weil sie zeitlebens vor jeder Versuchung sicher gewesen war, ergriff selbstverständlich mit allen Fasern ihres Herzens Partei für diese Auffassung der Gestalt ihres Vaters, die zugleich ihr eignes Wesen rechtfertigte. Zum ersten Male sah ich an diesem Tage in den still gewordenen Augen die Seele des Weibes aufleuchten, zum ersten Male verriet Benedikte, die bisher nur schöne Sinnlichkeit gewesen war, auch echtes Gefühl, als sie nach Beendigung meiner Erzählung lange und schweigend mir ins Gesicht blickte und in festem Drucke meine Hände hielt wie etwas, das ihr Halt gegeben hatte nach langem Schwanken. Endlich konnte sie auch wieder reden, und da dankte sie mir denn mit zuckenden Lippen dafür, daß sie sich von nun an freuen dürfe, ihres Vaters Tochter zu sein, daß sie stolz sein dürfe, ihm zu gleichen, was ihr doch bisher immer als ein Fluch und ein Laster vorgehalten worden sei. Sie war zu tief ergriffen, um einen Vorwurf gegen ihre Mutter auszusprechen. Nur bat sie mich nun selbst, noch einmal, wie bisher, in der Kirche unser heimliches Zusammentreffen abzuhalten, da sie gern noch mehr, viel mehr von ihrem Vater vernehmen wolle und dies daheim unter den Augen der Mutter doch schlechterdings unmöglich sei. Und das war Germaines Strafe.

Das Thema erwies sich viel reichhaltiger, als Benedikte oder ich gedacht hatten, denn wir kamen Tag um Tag in der Kirche zusammen und immer wieder einen und noch einen, und noch fanden wir kein Ende. Jeder kleinste Zug im Wesen des einst bewunderten Mannes kehrte mir zurück, ich spann ihn aus, ich beschrieb ihn mit der äußersten Freude und Sorgfalt. Nachts lag ich wach und sann, und die Erinnerungen kamen, und ich sammelte und sichtete sie für Benedikte, und am Morgen trat ich vor sie mit vollem Herzen und konnte lange nicht alles erzählen, was mir eingefallen war. Immer aber vermied ich alles, was das helle Bild trüben konnte, so daß Benedikte wohl ihres Vaters Herrlichkeit und Reichtum, nie aber die Tragödie seines Lebens kennen lernen konnte. Und wenn sie schon klug genug war, sich zu reimen, daß zwischen ihm und ihrer Mutter böse Kämpfe stattgefunden haben mußten, so hielt sie ihn doch ohne weiteres für den Sieger; und zu diesem Schlusse verhalf ihr ihre eigne kräftige Art, die Germaine bisher auch nicht zu ducken vermocht hatte. Sie sprach dies aus, und wie sie es überdachte, kam ihr das Lachen, und gutmütig rief sie: »Arme Mutter! sie hat ihre liebe Not mit Mann und Kind gehabt und nichts erreicht!« und löste so den Kampf ihres Lebens mit einem Schlage in humorvolles Mitleid auf. Ich aber dankte Gott, daß ich damals am Portale des Nicolas Flamel am Sprechen verhindert worden war, denn ich hätte ohne Zweifel in meiner wilden Parteilichkeit nichts weiter bewirkt als die Entfesselung einer Rachefurie, die – wenn ich Benediktens Wesen recht schätzte – sie, mich und Germaine zugrunde gerichtet hätte. Und es paßte mir recht, daß wir in dem Augenblicke, wo mir diese Erkenntnis kam, gerade in einer Kirche waren. –

Von dem Tage an, da Benedikte begonnen hatte, meine Hände festzuhalten, wenn ich von ihrem Vater sprach, hatte sich auf natürliche Art ein Näherrücken und Anlehnen ergeben, ein schüchternes Umfassen und Anschmiegen, bis zuletzt immer und unentwegt ihr süßer Kopf an meiner Schulter ruhte und meine leise Erzählung ihren Weg erst durch das Goldgekräusel von Benediktens Stirnhaar nehmen mußte. Verhältnismäßig schnell, aber still und feierlich, wie es dem Orte und den Umständen angemessen war, war in Benediktens Seele die Liebe eingezogen, eine gute, brave, bürgerliche Hugenottenliebe, die dem sonstigen Wesen meiner kleinen Sybaritin durchaus nicht glich, denn sie war bescheiden und äußerte sich fast nur in ernsten, verständnisvollen Blicken, im leisen Drucke der Hand und in einem innigen und ruhigen Worte voll Sicherheit und Vertrauen. Keine Leidenschaft schien uns zu berühren, wir hielten einander, als hätten wir uns seit Jahren geliebt und besessen, und erst als ich eine deutliche Werbung aussprach und Benedikten bat, mich zu ihrer Mutter zu führen, verwirrte sich ihr Wesen ein wenig, sie schauerte leicht zusammen, preßte sich fester an mich und fragte verwunderlicherweise, was sie längst wissen mußte: »Hast du mich denn so lieb?« Ich küßte sie auf die Stirne und sagte: »Wie lieb, das sollst du erst noch sehen!« Worauf sie immer noch ein bißchen konfus erwiderte: »Das habe ich dir gar nicht angemerkt.« – »Ich dir auch nicht,« gab ich froh zurück, »aber haben wir es nicht trotzdem vom ersten Tage an gewußt?« Und ganz im Tone ihrer alten Frische und Unbefangenheit gab sie fröhlich zu: »Natürlich!«

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