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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 35
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
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18

Es konnte nicht fehlen, daß nach den Einflüssen, die einen ganzen Winter lang in meiner genesenden Seele gearbeitet hatten, die Begeisterung für den Feldzug eine laue in mir war. Der Widerwille, den ich persönlich gegen meinen Marschall und seine Art der Kriegführung empfand, wurde bestärkt durch eine allgemeine Unzufriedenheit der ganzen Armee, die sich gelegentlich sogar in ernsten Revolten äußerte. Seit der Soldat hungerte, sah er die Notwendigkeit, für König Ludwigs Ruhm zu sterben, nicht mehr ein. Wäre dem gemeinen Manne klar geworden, was zum Glück uns, den Vorgesetzten, nur dunkel und selten zu Bewußtsein kam, daß der mittelbare Anlaß zu dem unsäglichen Elende zweier Länder ein Fremdling war, jener Knabe Jakob, der unter dem Namen eines Ritters von St. Georg in unsrer Mitte diente und der mit unserm Blute die Krone zurückkaufen mußte, die sein Vater verspielt hatte – die Raserei wäre unbezähmbar geworden! Es war ein Segen, daß von fünfzigtausend Mann kein einziger eigentlich wußte, was er wollte, noch was wir wollten, und daß sich alle Erörterungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen längst nicht mehr um den Grund der ganzen Sache, sondern einzig um Brot und Kleidung drehten.

Die Nachrichten aus Paris, die uns mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und Sicherheit zukamen – Schreckensbotschaften sind doppelt geflügelt! – trugen nicht dazu bei, die Stimmung im Heere zu heben. Furchtbar herrschte auch dort die Hungersnot. Nach einem harten und langen Winter setzte ein kurzes Tauen ein, dem noch einmal eine unerhörte Kälte folgte. Die schneeentblößte Erde erstarrte bis in die Knochen. Saat und Obstbäume erfroren. Die Preise der Lebensmittel stiegen aufs äußerste. Die Schlechtigkeit oder Torheit eines Polizeikommissärs, der den Brotverkauf so zu regulieren bestrebt ist, daß »dem Staate ein Nutzen daraus erwächst«, entfesselt die Furie des gepeinigten Volkes. Die Bäckerläden werden gestürmt. Der Wagen Monseigneurs, der von Versailles nach Paris zur Oper fährt, wird von schreienden Weibern aufgehalten. Erdgräber und Straßenarbeiter fallen entkräftet zu Boden, die Ueberlebenden erheben die Schaufeln als Waffe gegen die Behörden. Schon will d'Argenson die Musketiere auf das Volk hetzen, als zum Glück Boufflers und Grammont – jener Grammont, dessen Gattin so unerschrocken ihre jansenistischen Neigungen vor dem Könige behauptet hat! – besänftigend einschreiten. Zu Fuß und ohne Garde, nur auf ihre Beliebtheit bauend, gehen die beiden braven Marschälle unters Volk und reden ihm zur Vernunft. Der Brotverkauf wird freigegeben, Geld und Lebensmittel unter die Aermsten verteilt. Und Ruhe, Ruhe der Ermattung kehrt in Paris ein.

Aber diesmal duldet Hof und König mit. Der König verkauft sein Goldgeschirr und ißt auf Silber. Die Söhne Frankreichs, die Prinzen und Marschälle verkaufen ihr Silber und essen auf Fayence. Das Weizenbrot an der königlichen Tafel wurde durch Haferbrot ersetzt. Und dann kam das Ereignis jener furchtbaren und zugleich nutzlosen Maßregel, die Frankreichs Blöße allen Augen aufgedeckt, die es mit Hohn und Spott beladen hat und die nichts eintrug – nichts oder so wenig, daß der Erlös kaum eines Regimentes Notdurft an Nahrung und Munition bestritt: das Einschmelzen der unersetzlichen Kunstwerke, alter Familienschätze aus Edelmetall, und ihr Ausmünzen zu schlechtem Gelde.

Boufflers und Grammont hatten in guter Absicht angefangen, ihr Silberzeug dem König oder vielmehr der königlichen Münze zur Verfügung zu stellen. Kein andrer Gedanke hatte sie geleitet als der, daß es ruchlos sei, im Ueberfluß zu besitzen, woran das Volk Mangel litt, daß das Geräte leicht entbehrlich sei und daß durch seine Verwertung vielleicht ein Tausendteil der Not, die jene beiden so lebendig vor Augen gesehen, gehoben werden könne. Wie aber unter einem Volke von Sklaven jeder gute Gedanke zur unausstehlichen Manie wird, so ging es auch hier. Neidisch auf den edeln Ruhm, den das Opfer ihrer Habe auf jene beiden ehrenwerten Männer warf, drängte sich die Menge der Buhler um königliche Gunst heran und bot gedankenlos, was geboten werden konnte. Vergebens redeten Bessergesinnte gegen die zwecklose Verschwendung der höchsten Kunstwerke, vergebens rechneten sie den geringen Metallwert gegen den unersetzlichen Verlust der herrlichen Arbeit, der göttlichen Schönheitsgedanken zweier Jahrhunderte auf; vergebens wehrte sich selbst der König gegen die demütigende Verpflichtung, die das unbegehrte Opfer ihm auferlegte: mit dem Gegenvorwurf des Eigennutzes wurden alle Vorstellungen der Vernunft entkräftet. Was als freie Tat noch anerkennenswert war, wurde jetzt Zwang, Modezwang sogar. Wie Fanatiker, die ihre Kinder schlachten, warfen diese Narren des Edelmutes Gebilde der Kunst in die Glut des Schmelzofens, die keine Zeit wiederherstellen konnte und die den Ruhm Frankreichs doch sicherer in die ferne Zukunft getragen hätten als die elenden Siege, die sie erkaufen sollten. Und was war der Erlös? Eine erbärmlich kleine Summe, die wir Ausgesetzten in unsrer Not draußen verschlangen, ohne auch nur ein einzigmal davon gesättigt zu werden.

Helvetius hatte mir von dieser neuen Tollheit Frankreichs geschrieben, und der Brief hatte mich kurz vor Oudenarde erreicht, wo wir lagerten. Der Mann hatte mit der Bemerkung geschlossen: »Freue dich, mein Freund, daß du nicht in Paris bist, sonst hättest du gewiß, von diesem Flagellantenwahnsinn angesteckt, Benediktens Savoyarden in die Münze getragen, um ein Dutzend Silbergroschen dafür zu erhalten. Nun steht er sicher bei mir im festen Schrein und wird das einzige von Regnards Kunstwerken sein, das künftigen Geschlechtern von der Größe dieses Mannes erzählt.« Ich las diesen Brief am Lagerfeuer, und der flackernde Schein tanzte über den Zeilen. Bilder stiegen vor mir auf und trugen meinen Geist zurück in die fernen Tage der Jugend. Benediktens Savoyarde! Was mußte ich nicht alles denken in dieser traurigen Stunde!

Beinahe neun Jahre waren vergangen, seit ich dem lieben Kinde den Anfang eines Geständnisses hingeworfen, ein Wort, das wie ein Stein in stilles Wasser geflogen sein mußte – und dann hatte ich nicht mehr gesehen, was er aufgerührt hatte! Oder vielmehr: dem Schicksalsschifflein, das friedlich an blumigem Ufer schaukelte, hatte ich gedankenlos einen Stoß versetzt, daß es hinausgeschossen war in die breite Mitte des Stromes, meinem Arme unerreichbar: und wer sagte mir, wo es gelandet? Was war aus Benedikten geworden? Wo lebte sie? Welchem Glauben gehörte sie zu? Wem war sie vermählt? Sie mußte jetzt ein Weib sein und ein schönes und gesegnetes Weib, wenn die Verheißungen ihrer Kindheit recht behalten, wenn sie wirklich Regnards echte Tochter war. Einmal hatte ich sie als mein Eigentum betrachtet. Wieder, wie der frühlingslaue Abendwind die Wärme des lodernden Feuers zu mir herübertrieb, fühlte ich die zarte Glut des Kindeskörpers, der sich damals an den meinen geschmiegt. Wie süß war mir damals die Empfindung des Schützens gewesen! Wie hatte ich meine liebe kleine Beute halten und verteidigen wollen gegen alle Welt! Und heute?

Der Glaube, für den ich sie hatte retten wollen, war mir selbst abhanden gekommen. Der Staat, die Gesellschaft, in deren Grundsätzen ich damals gehandelt hatte, war ein splitternder, berstender Bau, unter dessen Trümmern ich vielleicht bald begraben liegen mußte. Das Leben, zu dem ich sie zu erziehen gedacht hatte, war mir verekelt, mein Selbstbewußtsein gebrochen. Germaine, die Furchtbare, hatte mich auf allen Punkten besiegt und geschlagen, der Kalvinismus hatte mich geschlagen, mich und ganz Frankreich mit. Ich brauchte bloß den Stimmen zu lauschen, die streitend, hadernd, anklagend durchs ganze Lager brüllten; ich brauchte bloß die Jammerfiguren dieser Soldaten zu sehen, in deren Hände Frankreichs Ehre gelegt war; ich brauchte bloß das Lachen und Girren der Dirnen in den Offizierszelten, den Gläserklang, die trunkenen Lieder zu hören, die der Abendwind mir zutrug, die Revolten und Unterschleife mir gegenwärtig zu halten, die jeder rote Morgen aufdeckte: das war Frankreich, seine Moral, seine Kirche, seine Gesellschaft! Das war das Resultat der unschuldigen, leichtherzigen Lebensauffassung! Und ihm gegenüber stand Holland und das protestantische England, die Schützer der finsteren Sittenrichter, die ich einst gehaßt hatte: stark, einig, groß und unbesieglich, ehrenfest und tadellos vor aller Welt. Ich schlug meinen Mantel um mich, legte mich an die Erde und schloß die Augen: ich fühlte das Rad des Schicksals über mich hingehen.

Ich will ehrlich gestehen, daß mir in dieser Stunde eine große Versuchung gekommen ist: die Fahnen zu verlassen, an denen kein Glück und keine Ehre mehr hing; von dem sinkenden Schiffe, in dem alles nach Moder und Fäulnis stank, mich hinüberzuretten auf das stolz bewimpelte, das mit dröhnendem Buge die Wellen durchzog. In englischen, in holländischen Dienst treten! Warum nicht? Andre hatten es getan. Aber ich war so weit, daß ich solche Pläne wohl fassen, nicht jedoch ausführen konnte. Ich dachte: ›Benediktlein, es ist besser für dich und mich, wenn ich auf dem Wrack bleibe und du auf dem siegreichen Segler. Wenn ich dir nur noch einmal zuwinken könnte, ehe die Wellen zusammenschlagen!‹

Es schien in den nächsten Tagen, als ob es ziemlich schnell gehen sollte mit dem Versinken des unseligen Staatsschiffes. Wir hatten uns zu einem direkten Vormarsche gegen Gent gerichtet. Aber wir stießen auf feste Mauern holländischer Truppen, wir mußten zurück, zurück ohne selbst den Versuch eines gewaltsamen Durchbruchs, zurück, weil unsre Armee widerwillig und entkräftet war. Wir zogen nun wieder südwärts, ein wenig gen Osten abweichend, das heißt: in gerader Linie auf Mons zu. Man weiß, wo und wann dieser Marsch endete: am 1. September bei Malplaquet. Und man weiß auch, was an diesem Tage mit dem Blute von 30000 Gefallenen auf beiden Seiten erkauft worden ist: für Frankreich ein ehrenvoller Rückzug und Friedensverhandlungen so voll Schimpf und Schande, daß es mich noch zittern macht, wenn ich daran denke. Wie haben die Sieger ihren Triumph ausgekostet, wie den unseligen König gedemütigt, der aus Liebe zu seinem erschöpften Lande um Frieden bat! Man sagte mir später, daß der Herzog von Burgund laut geweint habe, als die Friedensbedingungen im Kriegsrate verlesen wurden: ich glaube es ohne weiteres! Der König nahm sie nicht an und bat sein Volk um Verzeihung, daß er es nicht tat. Und da ist ihm in tiefstem Mitleid auch alles andre verziehen worden, was er und die Seinen an Frankreich gesündigt haben.

Bei Malplaquet war ich nicht mehr mit dabei. Bei Mons auf dem Vorübermarsche wendete sich mein Geschick. Ich sah sie wieder, die kleine brave Festung, zu deren Füßen sich einmal Frankreichs Größe so herrlich entfaltet. Ich ritt durch die Ebene, wo unser schönes junges Blut in solchem Glanze einhergezogen war, ich sah im Geiste die tausend schimmernden Farben, die wehenden Fahnen unsrer Regimenter wieder, die leuchtende Reihe der königlichen Zelte auf dem Hügelrücken, den feinen, sonnendurchschienenen Goldstaub über dem ganzen unvergleichlichen Bilde – und ich sah mit leiblichem Auge die mürrische und schlechtgekleidete Schar, die vor mir im Regen einhertrabte. Nie habe ich mit stechenderem Schmerze Frankreichs Geschick empfunden. Auf dem Torturme von Mons wehten die holländischen Farben; damals hatten die königlichen Lilien drübergestanden! Reinlich, fest und stark drohten die bewehrten Mauern herüber. Wir zogen in der Ferne vorüber, und ich darf wohl sagen: Keiner von uns sah diese Mauern ohne tiefe Scham! Mancher vielleicht sah, wie ich, seine Jugend wieder, die ihn traurig und vorwurfsvoll aus dem Geisterheer in der Ebene anblickte. Heerschau verlorener Ehren, verwehter Träume, begrabener Hoffnungen in den Gefilden von Mons! – Was ich außerdem einst vor diesen Toren erlebt, daran dachte ich in dieser Trauer nicht.

Als wir durch Gevries marschierten, ward ich durch eine Reihe von Verdrießlichkeiten mit ermatteten Pferden und übelgelaunten Leuten zu einer kurzen Rast gezwungen. Während derselben gelangten Klagen an mich über Ungebührlichkeiten, die sich ewige Soldaten der Vorhut bereits vor meiner Ankunft hatten zuschulden kommen lassen. Da wir in diesem Augenblicke keineswegs die Gebietenden im Lande waren und recht froh sein mußten, in dem anscheinend wohlhabenden Dorfe so nahe der Festung einigen Unterhalt aufzutreiben, so beschloß ich, die Sache zu untersuchen und etwa zu strafen, obgleich ich kaum etwas andres zu erreichen hoffen durfte als erneute Revolten unter den erbitterten Soldaten und vielleicht ein Schreckensgericht über das ganze Dorf. Wenn man den Hungernden nun gar noch das Plündern verbieten wollte!

Der Gegenstand, der in Frage kam, war ein kleines Landhaus zwischen Mons und Gevries, wo meine Soldaten eingebrochen sein sollten. Ich frug, wer es bewohnte. Man nannte mir einen Namen. Da schoß mir das Blut zum Herzen, wirbelnd kreisten meine Gedanken, mein Atem drohte zu stocken. Ich ging hinaus, zitternd vor Wut und Schmerz und hielt ein furchtbares Gericht über die Uebeltäter. Was soll ich lang ausspinnen, was folgte? Meine schlimmsten Erwartungen traten ein. Die ganze Bande geriet von Sinnen. Das Dorf wurde fast zerstört, ich selbst aber, gegen den die Wut der in ihren Rechten gekränkten Soldaten sich in erster Linie gerichtet, stand bereits mit zerrissenen Kleidern unter einem Baume, wo mein Leben so würdig enden sollte, wie es dieser Zeit und diesen Umständen angemessen war. Da hatte Mons seine Tore geöffnet, schon rückten in geschlossenen Reihen die grimmigen Flamen gegen das Dorf herauf. Die Unsern flohen, nachdem sie mir noch in aller Eile ein paar Flintenkolben über den Kopf geschlagen.

Ein paar Stunden später erwachte ich als holländischer Kriegsgefangener.

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