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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 34
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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17

Ich war unter La Mothe in Gent zurückgeblieben, und wohl ward mir's, daß ich den kläglichen Zug des Prahlers Vendôme nicht mitziehen mußte, noch wohler, daß bei der Uebergabe Gents ein Schuß mich traf, der meinen Rückmarsch nach Frankreich fürs erste unmöglich machte. Ich schleppte mich, schauernd im Wundfieber, noch eine Zeitlang mit der frei gewordenen Besatzung heimzu, wünschte aber nichts sehnlicher als zu sterben, ehe ich das entehrte Antlitz meines Vaterlandes wiedersehen müsse. Mit wilder Genugtuung empfand ich, wie von Stunde zu Stunde meine Wunde heißer brannte, meine Glieder ermatteten, Schatten auf Schatten sich auf meine Augen legte, Schauer und Glut in meinem Blute wechselten; als ich endlich die Zügel mir entgleiten und mich selbst in Nacht versinken fühlte, war mein letzter wirrer Gedanke ein Dankgebet für willkommene Erlösung.

Ich hatte zu früh gedankt. Denn wenige Stunden später fand ich mich in einem hugenottischen Pfarrhause wieder, wo treue Hände mich in Pflege gegeben, wo ich Wochen hindurch ans Bett gefesselt lag und wo ich noch die Nachrichten unsrer weiteren Niederlagen, von dem Fall Lilles und von Marlboroughs Uebergang über die Schelde empfing. Das alles trug nicht dazu bei, meine Genesung zu beschleunigen. Das kleine holländische Dorf, wo ich lag, barg seine Strohdächer unterm Schnee, weißbereifte Zweige guckten mir durchs Fenster, als ich mich das erstemal vom Lager erhob und den schwankenden Fuß vor die Tür setzte. Schimmernd in Winterschönheit lag die flache flandrische Landschaft vor mir, blau war der Himmel, kalt und klar blitzte das Sonnenlicht aus tausend Kristallen. Ich aber lehnte matt an dem niedrigen Türpfosten und haderte mit der Gottheit, die mich zurückgestoßen hatte ins Leben.

Es mußten noch Wochen vergehen, ehe ich dran denken konnte, zu Pferde zu sitzen und meine Armee wiederzugewinnen. Wo war die? Ich vermutete, daß Vendôme in Versailles saß, wo er den König mit Lügen einlullen, ihn mit kühnen Möglichkeiten zukünftiger Siege hinhalten mochte und die Ungnade, die diesmal ohne Zweifel schwer auf ihn gefallen war, auf Burgunds geduldige Schultern abwälzte. Ich sah im Geiste den fürstlichen Dulder, der keine Verteidigung wagte, weil er die niedrigen Mittel verschmähte, mit denen man gegen Frechheit und Unwahrheit kämpft, und ich dachte bei mir: ›Auch einer, der besser unterm Rasen läge!‹ Ich wußte aber nicht, daß die Intrige, die den Reinen umspann, an einer kleinen tapferen Person zerriß und daß recht eigentlich die liebe Herzogin ihren Gatten gerettet und Vendôme gestürzt hatte, wie er es verdiente, und zwar ohne List, ja selbst ohne Worte, nur durch die schöne Festigkeit ihres weiblichen Herzens. Wenn nämlich im Kartenspiel zu vieren Vendôme seinen gewohnten Platz am Tische des Königs oder des Dauphins einnahm, dann erhob sich Adelaide still und verließ das Gemach, ohne Rücksicht auf den Aerger des Königs, der über solche Störungen und Etikettefehler fast noch zorniger zu werden pflegte als über eine verlorene Schlacht. Zur Rede gestellt, antwortete sie kalt, sie verstehe von Kriegführung nichts, aber als Gattin komme ihr zu, die Partei des Gatten zu nehmen, und mit dessen Feind brauche sie nicht an einem Tische zu sitzen. Diese Sprache war in Versailles noch nicht erhört, und der König ließ die Kühne seinen Grimm fühlen. Darob triumphierte der feiste Günstling; weil ihn aber das stolze Verhalten der Adelaide bis aufs Blut reizte und weil er sie immer noch mehr zu demütigen bemüht war, verlor er wie ein Roß, das eine Fliege stach, Tempo und Maß, galoppierte blindlings in neue Lügen und – vergaloppierte sich! Ein Wort zuviel enthüllte dem König seinen Charakter. Und dieses Wort fiel in Gegenwart der Frau von Maintenon, und Frau von Maintenon tat die einzige gute Tat ihres Lebens: sie hielt Vendôme an diesem Worte fest, deckte Zug um Zug seine falschen Berichte auf und brachte die beiden Burgund wieder zu Ehren. Freilich, den König damit nicht zu Ruhe und Glück. Denn die Erkenntnis seiner Lage inmitten unwürdiger Kreaturen brachte den alten Mann so außer sich, daß er ungeachtet seiner körperlichen Leiden im späten Herbst noch selbst zu Felde ziehen wollte, um die Niederlande wieder zu erobern; wovon ihn aber glücklicherweise Frau von Maintenon abhielt.

Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Denn Boufflers, durch diesen Anfang ermutigt, offenbarte nun auch dem König, seit wie langer Zeit die Truppen, von den Garden angefangen, ohne Sold geblieben seien, wie es um die Magazine stände und wie um das Land, an dem das hungernde Heer saugte. So wurde, nach jahrelanger Täuschung, dem unglücklichen plötzlich und grausam der Schleier von den Augen gezogen, daß sein altersmatter Blick in den Abgrund tauchen mußte, in welchem Frankreichs Geschick versank und dessen Tiefe keiner ganz ergründen konnte. Wohl mag König Ludwig da geschaudert haben! Und wie um das Maß voll zu machen, erschienen um dieselbe Zeit zu Paris auf allen Plätzen, an Stadttoren, Kirchentüren, Statuen und Brunnen insolente und drohende Affichen gegen den König und die Regierung – und niemand gab sich mehr Mühe, diese dem Geschlagenen zu verheimlichen. Es ist leider eine alte Erfahrung, daß nach geschehenem Unglück der liebevolle Sinn treuer Freunde Trost darinnen sucht, dem Betroffenen auch noch Zug um Zug seine Schuld an dem Verhängnis vorzurechnen. Diese bittere Arznei mußte auch König Ludwig schlucken. Und wenn berichtet wird, daß der arme alte Mann in diesen Wochen manchmal des Nachts in seinem Bette geweint habe wie ein Kind, so glaube ich es gern.

Alle diese Umstände erfuhr ich freilich erst viel später; hätte ich sie damals gekannt, als ich in dem Pfarrhause in Holland lange, schwere Wintertage in gezwungener Trägheit verträumen mußte, sie hätten mir viel böses Nachdenken erspart.

Ich will nicht sagen, daß jene Wartezeit, so qualvoll sie war, unfruchtbar für mich geblieben sei, vielmehr denke ich heute mit wirklicher Dankbarkeit an sie zurück. Kalvinistische Sitten und kalvinistische Gesinnung sind mir liebgeworden in diesen Tagen. Mußte ich es schon hoch einschätzen, daß Pfarrer und Dorfbewohner einmütig mich nicht als Feind ihres Vaterlandes betrachten zu wollen schienen, sondern in schöner Menschlichkeit einfach als einen hilfsbedürftigen Bruder, so gewann mich vollends die Schlichtheit, Geradheit und strenge Reinheit, die hier wie überall mit dem Kalvinismus verbunden erschienen. Ich erinnerte mich auch in diesen Stunden gar wohl, daß ich einmal andre Worte für diese Eigenschaften gebraucht hatte. Waren sie mir nicht in früheren Jahren wie Hemmnisse der Freude erschienen, wie lastende Alpe auf dem frohen Atmen schuldloser Kerzen? Mein Gott! Ich hatte nicht nur die Freude hassen gelernt, ich hatte auch erfahren, daß Arglosigkeit ein Fluch ist, Unschuld Dummheit, Frohsinn sträfliche Unkenntnis der Dinge! Darum klammerte ich mich jetzt in meiner Schwäche an die Doktrinen der Entsagung und warf in buchstäblichstem Sinne die Welt von mir, die Welt, die für mich nur noch Schmach, Verrat und Betrug bedeutete. Freundschaft, Liebe und Ruhm des Vaterlandes waren mir dahingegangen – was gab es sonst, daß ich mich ans Diesseits halten sollte? Ich gab mich auf und baute aufs Jenseits.

Der brave alte Pfarrer, der die Welt kannte wie ich, aber ohne Bitterkeit ihre Last trug, sagte mir freilich gleich damals, daß diese meine Gesinnung nicht von Dauer, mein Kalvinismus nicht waschecht sein würde; wie ein Pendel, meinte er, fliege der menschliche Sinn zwischen Extremen her und hin, bis nach leiseren Schwankungen der Faden endlich zur Ruhe komme und das Gewicht schön still und gerade dahin weise, wo alle Ziele lägen: zur Erde hinab! Wenn ich die Schwankungen betrachtete, die mein Sinn in den letzten Jahren beschrieben hatte, dann war ich ja noch hübsch weit von diesem Ziele entfernt, und das sollte ein Trost sein. Damals war es mir keiner.

Wie meine Kräfte wiederkehrten und ich mir zutrauen durfte, einen langen Ritt durch winterliche Lande auf mich zu nehmen, begann ich mich umzutun, um über die Richtung meiner zu unternehmenden Fahrt Klarheit zu gewinnen. Nach Paris zurückzukehren, hätte ich gern vermieden. Was aus meinem Regiments, was aus der ganzen flandrischen Armee geworden war, hätte ich gern gewußt. Dazu mußte ich Briefe nach allen Seiten entsenden, und wieder vergingen Wochen des Harrens und Bangens im schneevergrabenen Pfarrhäuschen.

Wenn ich aber die Zeit berechnete, welche die Beantwortung meiner Briefe brauchen konnte, und danach die Tage zählte, die ich noch unter dem gastlichen Dache würde zubringen müssen, so ging etwas Wunderliches in mir vor. Ein leises Weh stieg in mir auf, das wuchs, wie die Zahl dieser Tage sich verringerte. Mit immer helleren Augen sah ich die friedliche Schönheit des Winterbildes draußen, die traulichen Mienen der niedrigen Häuschen, die sanfte Schwingung des Hügels, auf dem die Windmühle stand, die bläuliche Tiefe des Buchenwaldes, an dessen Rande die Rehe grasten, und die stille unendliche Ferne der schneebedeckten Ebene. Köstlich war die klare Luft draußen, köstlich aber auch die Wärme der kleinen hellgetäfelten Stube, die prasselnde Glut des Herdes, um den wir abends plaudernd saßen, köstlich der spielende Widerschein der Flamme von außen, der spielende Widerschein der Erregungen von innen auf klugen, bewegten Gesichtern, köstlich der blaue Wolkenkranz des Tabakrauches um den feinen Patriarchenkopf des Pfarrers, köstlich der frohe, einfache und reine Geist, der Haus und Menschen beseelte. Weit im Ungewissen lag die Welt, lag Paris, der Hof; selten drang eine kaum verbürgte Kunde von neuen Kriegen, von neuen Schaudern in das heimliche Nest unterm tiefen Schnee; sie wurde flüsternd erzählt und schnell vergessen; denn aus den unerschöpflichen Tiefen eines spekulierenden Geistes spann der alte Pfarrer leuchtende Gedankenfäden zu einem Goldnetz unfaßbarer Schönheit um seine andächtigen Zuhörer. Das Leben des Heilandes rollte er vor uns auf, den schlichten Reichtum des Hirtendaseins im sonnigen Morgenlande, wo weite, verschwimmende Horizonte den Menschen träumen und sinnen machen von unbeschränkten Möglichkeiten. In lauen Nächten schläft der Hirte unter funkelndem Sterngewölbe, und auch dieses spricht zu ihm, während sicher und friedvoll um ihn herum die schlummernde Herde lagert. Und klirrend in drohender Rüstung schreitet der Römer durchs Land, die Träume zerstieben, aufgescheucht fliehen Hirt und Herde vor seinen Kohorten, der stille Denker wird zum Rebellen, der grimmig sein Recht auf fromme Irrtümer verteidigt. – Waren wir nicht dem Römer gleich, der einbrach in die reine Glückseligkeit des gedankenspinnenden Hirtenvolkes? Ich war nie in meinem Leben schlechterer Patriot, nie so unwilliger Sohn der Kirche als in diesen flandrischen Wintertagen.

Diese Empfindung wurde stärker, als mir die ersten Briefe aus Frankreich zukamen und mit ihnen die Nachricht, daß in den ersten Februartagen Villars nach Flandern aufbrechen sollte, die Trümmer der Armee zu sammeln, die verlorene Sache zu retten. Mußte ich schon beklagen, daß die letzte Hoffnung des Staates in so unreine Hände gelegt war, so entsetzte mich geradezu der Gedanke, wie es dem Lande, dem stillen Hirtenvolke, ergehen würde, wenn dieser Mann die römischen Kohorten führte. Wie er in den Cevennen gehaust hatte, war uns allen noch gegenwärtig; was er damit erreicht hatte, auch; und wenn mein Berichterstatter seinem Briefe die Bemerkung beifügte, es sei kein kluger Mann in Paris, der nicht diese Wahl aufs tiefste beklage, so war doch gewiß keiner, der aus solchen Herzensgründen dagegen schreien mußte, wie ich.

Auch mein weißhaariger Pfarrherr erblaßte ein wenig, als ich ihm die Neuigkeit mitteilte. Vendôme war eine Bestie gewesen, Villars war ein Teufel. Und da geschah es wohl zum erstenmal – und will's Gott, auch zum einzigsten! –, daß ein französischer Oberst zu den Feinden seines Königs sprach: »Dürft' ich auf eurer Seite stehen und euch schützen!«

Ich beeilte mich nicht, zu meinem Regimente zu gelangen. Ich konnte füglich warten, bis es selbst in meine Nähe gerückt kam, da dies nun einmal beschlossen war. Es war mir genug, zu wissen, daß es schlecht genährt und frierend in einem ausgehungerten Grenzstädtchen im Winterquartier lag und nach Sold schrie; helfen konnte ich ihm dabei nicht.

Ich wartete zu lange. Gleich in den ersten Februartagen erhielten wir unzweideutige Kunde von Villars' Anrücken durch einen Zug flüchtender Dorfbewohner, die von Süden her bei uns einfielen, matt wie wandernde Vögel, wenn sie in ein Feld regnen, daß man sie mit Knüppeln totschlagen kann. Diesem Zuge folgten innerhalb weniger Tage andre, und das Pfarrhaus hatte viele und traurige Gäste. Schauerlich war, was jetzt am Herdfeuer gesprochen wurde, schauerlich das flackernde Licht der sinkenden Glut auf den verhärmten oder drohenden Gesichtern. Und dann kam der Tag, wo über den Hügel her französische Fahnen wehten, unter denen ich mit einem krampfartigen Schmerzgefühl die Fahne meines Regiments erkannte; dann loderte, ein weithin leuchtendes Fanal, die Windmühle auf dem Hügel, dann sanken die trauten Strohdächer in Asche. Und auf der Straße nach Gent zu zog mein Pfarrer mit seiner kleinen Schar, flüchtend, die karge Habe in einem Bündelchen auf der Schulter. Hinter dem kläglichen Zuge her brauste Villars' Armee, in deren Reihen ich nun wieder stand.

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