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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 32
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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15

Diejenigen, welche Töchter zu vergeben hatten, hatten mich in all der Zeit fest im Auge behalten, sowenig ich auch nach der Erschütterung, welche die kleine Tragödie mit Susannen in mir zurückgelassen hatte, Anstalt gemacht haben mochte, aus den freundlichen Einladungen irgendwelchen Nutzen zu ziehen. Jetzt, da ich wieder mit offenen Augen um mich blickte, wie denn eigentlich meine Chancen stünden, gewahrte ich, daß ich nur zuzuschnappen brauchte wie ein Vogel, der im Grase geschlafen und dem sich unterdessen die Schmetterlinge vor und auf die Nase gesetzt hatten. Und ich schnappte zu, blind, ohne Ueberlegung, nur fest entschlossen, irgend etwas zu halten und mein zu nennen. Das gelang mir denn auch, und was ich hielt, war ein ganz frommes und höchst adliges Fräulein aus dem Gefolge der Herzogin von Burgund.

Ich glaube in der Tat, daß Frau von Maintenon und die kleine Herzogin mich verlobt hatten, denn beide gaben sich emsig mit Ehestiftungen ab, und besonders die Savoyerin, deren unschuldiges Herz keiner andern Intrigen fähig war, freute sich wie ein Kind, wenn sie ein Fräulein an den Mann gebracht hatte und nun ausstatten und betreuen konnte. Da Fräulein von Vardes obendrein ein Schützling der Maintenon und in St. Cyr erzogen war, so hatte ich alsobald zwei große Gönnerinnen, und meine Verlobung machte mich zu einer angesehenen Persönlichkeit. Auch war meine Braut hübsch, von sanftem und holdseligem Wesen, jung, durchaus unanfechtbar in bezug auf Ruf und Familie, keineswegs arm und sehr gebildet. Ich hatte also allen Grund, glücklich zu sein, und ich glaube, ich war es auch. Als ich Orleans das Ereignis mitteilte, lobte er meinen Geschmack, denn er kannte natürlich Fräulein von Vardes wie jede andre Dame des Hofes. Unsre Vermählung wurde für kurz nach Ostern festgesetzt.

Als ich mich mit Fräulein von Vardes verlobte, hatte ich ehrfurchtsvoll ihre kleine Hand geküßt, und es hatte mir gar wohl gefallen, daß sie mir dieselbe mit einer hastigen, fast unbewußten Bewegung entzog, wobei ihr sonst etwas bläßliches Gesicht sich mit einer schönen hellen Glut überzog. Sie hatte überhaupt etwas klösterlich Scheues an sich, ohne deshalb streng oder abweisend auszusehen, vielmehr lag etwas Weiches und oft Trauriges in ihren Mienen, das ich mir gern mit dem schmerzlichen und doch süßen Bangen verwandt dachte, das manche Menschen befällt, wenn sie das große Element in sich wachsen fühlen und seine Macht zu ahnen beginnen. Als ich meine junge Braut das erstemal auf den Mund küssen wollte, erschrak sie ebenso ersichtlich, ja, ich glaubte sogar eine Träne in ihren Augen zu sehen; übrigens hatte sie sich rasch abgewandt, so daß mein Kuß nur ihre Wange getroffen hatte. Sie sah aber in ihrem Erröten und Zittern so lieblich aus, daß es mich im innersten Herzen rührte und ich mir wie ein Henker an ihrer Reinheit vorkam. Deshalb tat ich mir fürs erste Zwang an, mied freiwillig ihre Lippen und begnügte mich, sie auf Stirn, Wangen oder Haar zu küssen, was sie gern hinzunehmen schien. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie mich dankbar und liebevoll ansah, und ich dachte mir, daß sie die Entbehrung, die ich mir auferlegte, zu schätzen wisse und mir für später anrechnete. Ich dachte auch in diesen Tagen oft an den Mönch von Marlaigne und wie richtig dieser vortreffliche Mann die Frauen taxiert habe; denn diese eine, die ihren Mund so keusch hütete, schien mir in der Tat ein Muster von Tugend zu sein, und ich stellte sie hoch über alle Frauen, die ich je gekannt, und pries mein Glück, das mich zum Entsiegler des verschlossenen Schreines bestimmt hatte.

Fräulein von Vardes war auch sonst an Vortrefflichkeiten reich. Vor allen Dingen zeigte sich gleich von Beginn eine süße Uebereinstimmung in religiöser Gesinnung zwischen uns, die daher rührte, daß meine Braut in St. Cyr gelebt hatte um die Zeit, als Frau Guyon noch geschätzter Gast dieses Hauses war. Fräulein von Vardes hatte, wie die meisten der damaligen Zöglinge, für die erleuchtete Frau geschwärmt und ihre Lehren tief in sich aufgenommen, ohne dies freilich in solcher Form zu äußern, wie eine Anzahl der jungen Begeisterten es taten, die nachmals samt der in Ungnade gefallenen Prophetin aus St. Cyr verwiesen wurden. Sie hatte vielmehr ihren Anteil an der allgemeinen Bewegung still für sich behalten; als sie nun aber bemerkte, daß die Prinzipien der Frau Guyon auf dem Umwege über Fénelon und Beauvilliers bis zu mir gedrungen waren, öffnete sie mir hocherfreut ihre Seele und teilte mir ihre Gesinnung mit. Sie war viel eingeweihter als ich, und sie unternahm es, meine Lehrerin zu werden und mich ganz zu jener subtilen Mystik zu bekehren, die das Wesen jener Offenbarung ausmacht und der gegenüber ich mich immer etwas unzugänglich verhalten hatte. Ich zeigte mich auch jetzt äußerst talentlos; doch spornte dies einerseits den lieblichen Eifer meiner Missionarin und erhöhte damit den zarten Reiz ihrer sonst so zurückhaltenden Persönlichkeit, daß sie mir besser und besser gefiel; anderseits schien es ihr Freude zu bereiten, sich mir in einem Punkte überlegen zu zeigen und mich, wie sie glaubte, beeinflussen zu können. Deshalb beeilte ich mich weder sehr mit dem Verstehen der quietistischen Doktrinen, noch kämpfte ich erheblich dagegen an, so daß der Gesprächsstoff auf lange Zeit zwischen uns unerschöpft blieb und als ein unverändert süßer Reiz von ihr zu mir und von mir zu ihr wirkte. Im übrigen erreichte sie freilich auch aus andern Gründen keine völlige Bekehrung bei mir; denn was mir von jener Lehre zu Herzen gehen konnte, hatte bereits Beauvilliers mir vermittelt, und alles Weitere entsprach eben nicht meiner Natur.

Desto mehr entzückte es mich, daß das Uebersinnliche, gleichsam Körperlose dieser Lehren der Natur meiner Braut zu entsprechen schien, denn in der Tat glich sie, wenn sie so predigte und jedes dritte Wort »Seele« oder »Gott« hieß, ganz einem Wesen aus einer besseren Welt. Sie war so zart, das Rot der Erregung auf ihren Wangen so licht, ihr schlichtes braunes Haar lag so fromm an der unschuldigen Stirne, die gesenkten Wimpern zitterten so leise, und wenn sie sie je einmal hob, so strahlte das graue Auge so glaubensselig und verzückt, daß ich mich oft und ernstlich fragte, ob denn dieses Wesen aus Fleisch, und Blut und einem sterblichen Leibe bestände, oder ob sie wirklich nur ein Seelchen sei, das sich durch Zufall auf diese böse Erde herab verirrt habe. Wenigstens schien in ihrem Bewußtsein nur der Begriff Seele zu existieren. Ich dachte aber, über diesen Punkt würde die Reihe des Bekehrens nun bald an mir sein, und ich muß sagen, ich sehnte mich nach dem Tage, der mir das Recht geben würde, mit dieser Bekehrung zu beginnen.

Meine Geduld sollte aber auf eine harte Probe gestellt werden, denn als der zur Hochzeit festgesetzte Termin herannahte, bat sich meine Braut einen Aufschub aus, die noch unvollendete Aussteuer zum Vorwand nehmend. Ich war betroffen. Aber sie zeigte sich selbst so bekümmert, stellte mir die Unmöglichkeit einer Vereinigung mit halbfertigem Hausrat so überzeugend dar und lohnte meine Geduld durch so viel zarte und freundliche Aufmerksamkeiten, daß ich mich schließlich zufriedengab. Sie hatte eine eigne wehmütige Art, mich anzusehen, die mir jedesmal ins Herz schnitt, so daß ich ihr in allen Stücken gehorchen mußte. Dabei wußte sie mir mit Worten viel Liebes zu tun, so sehr sie auch kosende Berührungen vermied, vor allem schien sie mich um meines bekannten tugendhaften Wandels hochzuhalten, denn sie verglich mich oft mit andern Männern des Hofes und pries mich vor ihnen. So glaubte ich immer noch fest an ihre Liebe, die nur durch eine allzutief wurzelnde Abhängigkeit von der Sitte gebunden sei.

Ich lebte so ganz im Glück, dem gegenwärtigen der Hoffnung und dem kommenden der Erfüllung, daß die Ereignisse der Zeit fast spurlos an mir vorübergingen. Es war mir ganz gleichgültig, daß unser junger spanischer Herrscher in der Person des Erzherzogs Karl einen Gegenkönig erhielt, daß er von Madrid förmlich fliehen mußte, daß die Alliierten den Rhein besetzten, daß der Kurfürst von Bayern von der Tiroler Landmiliz gerupft, Villars von den Aufständischen in den Cevennen düpiert – kurz, daß Frankreich von außen und innen her an allen Ecken und Enden bedrängt wurde und daß es in Hof- und Stadtkreisen manchmal sehr gedrückt herging. Es war mir gleichgültig, daß der Herzog von Orleans jetzt ziemlich unverhohlen als Mitbewerber um den spanischen Thron auftrat, es war mir gleichgültig, daß unsre beste Armee bei Blenheim in Fetzen gehauen worden war, und der Jammer in Versailles, der laut und schneidend mitten in die Festlichkeiten einer Taufe im königlichen Hause fuhr, rührte mich nur sehr oberflächlich. Doch erinnere ich mich, daß ein gewaltiger Groll mich faßte, als meine Braut bei der rührenden Schilderung, wie das Regiment Navarra seine Fahnen zerrissen und begraben habe, um sie nicht dem Feinde übergeben zu müssen, in Tränen zerfloß; es wurmte mich, daß sie andern Erregungen zugänglicher war als der Sorge um unsre Vereinigung. Der lange Brautstand hatte mich reizbar gemacht, die Erwartung steigerte mein Gefühl zur äußersten Leidenschaft. Schon war ich beinahe ein Jahr verlobt. Da forderte ich endlich in einer heftigen Szene Entscheidung und Hochzeit.

Meine Braut hatte zwar immer noch Einwände, aber vor meiner Wut gab sie erbleichend nach. Ein Tag in allernächster Zeit wurde festgesetzt, und als ich diesen Sieg denn nun glücklich errungen hatte, entglitt mir auch die langgehegte Selbstbeherrschung, ich faßte mein Mädchen kräftig in die Arme und küßte sie auf den Mund. Es half ihr nichts, daß sie sich sträubte, wobei sie mich ganz tüchtig kratzte. Siegestrunken und selig schlief ich diesen Abend ein – um mitten in der Nacht geweckt und vor meinen Gebieter gerufen zu werden.

Der Herzog von Orleans empfing mich mit sehr ernster Miene, aber auch mit jener Weichheit in Ton und Blick, die mir sofort verriet, daß er meiner nicht als Diener, sondern als erprobten Freund und Vertrauten in einer hochwichtigen Angelegenheit bedurfte. Mein Aerger über die Störung der Nacht war sofort verraucht, als ich in das herrliche geliebte Antlitz blickte. Mit voller Ergebenheit hörte ich eine lange Vorbereitung in verhüllten Ausdrücken, die sich vorsichtig um das Thema der spanischen Erbfolge und um Philipps Anteil an dieser Frage drehte, und als mein Gebieter mich endlich mit dem Auftrage entließ, mich zur sofortigen Abreise nach Spanien bereitzumachen, empfand ich zwar den bittersten Schmerz über das Verhängnis dieser Trennung von meiner geliebten Braut, aber es hätte auch nicht der heimlichste Gedanke in mir gegen diese Zumutung rebelliert. Zu klar stand meine Aufgabe dem Freunde gegenüber vor mir. Dieser einzige, göttlich begabte Mann, der seine Größe seit Jahren durch den Staub ziehen mußte, weil eine Laune des Königs ihn zur Untätigkeit verdammt hatte, stand nun endlich vor der Erfüllung seines Geschickes – und ein Teil dieser Erfüllung lag in meiner Hand. Keine Regung der Selbstsucht durfte gegen diese Erwägung aufkommen. Obendrein empfand ich eine gewisse Freude, daß Philipp mich und nicht Stanhope zum Ueberbringer dieser Botschaft ersehen hatte, und mit Stolz sagte ich mir, daß er den Unterschied zwischen einem Freunde und einem Zechgenossen richtig zu würdigen wisse.

Ich schrieb also meiner Braut ein paar herzliche Worte zum Abschied, denn sie wiederzusehen war mir keine Zeit gelassen, bestimmte nach weitester Berechnung den Tag meiner möglichen Wiederkehr und bat sie, bis dahin alles zur Hochzeit bereitzuhalten. Dann stellte ich mich noch einmal dem Herzog von Orleans, nahm aus seiner Hand ein vielfach gesiegeltes Paket in Empfang und brach nach Spanien auf mit diesem Uriasbriefe auf der Brust.

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