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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 27
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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10

Dies bewerkstelligte ich nun auf die allereinfachste Weise, indem ich abends bei der Mahlzeit unbefangen den Meierhof und das Wiesentälchen beschrieb, nach welchem ich mich durch Zufall verirrt hätte, und das eigentümliche Frauenbild, das ich um den Weg gefragt und das mir für eine Pächterstochter zu artig erschienen sei. Natürlich hütete ich mich wohl, unser Gespräch wiederzugeben, doch ließ ich merken, daß mir die Wegweiserin mit den schwarzen Augen und den weißen Zähnen nicht übel gefallen habe. Mein Gastfreund horchte mit lebhafter Teilnahme und in unverkennbarer Freude, und über das verweinte Gesicht der Tochter ging etwas wie ein matter winterlicher Sonnenstrahl, der aber doch eine Landschaft gleich erheblich freundlicher erscheinen läßt. Als ich geendet, riefen beide wie aus einem Munde: »Das war Olympia!« und der Alte wollte sich totlachen über den Zufall, der mir die Ausreißerin nun doch zugeführt habe. Ich rief schnell: »So laßt sie die Strafe haben, die sie verdient! Ich werde fortfahren, jenen Meierhof zu besuchen und sie als das zu behandeln, was sie darstellt: ein Bauernkind. Wollt Ihr mir den Scherz und ihr die kleine Demütigung gönnen, bis die Sache sich auf natürliche Weise klärt?« Der Alte versprach in guter Laune, das Abenteuer nicht zu stören, und die jüngere Schwester schaute mich so glücklich an, als ob ich eben mein Wohlgefallen nicht an der Olympia, sondern an ihr selbst geäußert hätte. Darauf wurde die Sache ordentlich zurechtgelegt und alle Zufälligkeiten bedacht und schließlich als ein harmloser und ungefährlicher Scherz genehmigt; und ich hatte Erlaubnis, nach dem Meierhof zu reiten, so oft ich wollte, und dort auf meine Art um meine falsche Pächterstochter zu werben.

Ich merkte nun wohl, daß der Vater sowohl als die Schwester an dies mein Vorgehen die sichersten Hoffnungen knüpften, aber dagegen hatte ich nichts. Die Olympia hatte mich gereizt und gefangen, und da ich doch entschlossen war, ein Weib zu nehmen, so schien mir dieses frische Wesen eine ganz erträgliche Lebensgenossin; auch war mir der Gedanke süß, daß ich sie aus unverdienten drückenden Verhältnissen retten und zu Ehren bringen konnte, wie sie ihrer stolzen Natur zukamen. Ich ließ also die Sache für abgemacht gelten und erwiderte selbst mit einiger Rührung die väterliche Umarmung des Alten, mit welcher er mich beim Schlafengehen entließ. Die Nacht über sann ich im Traum wie im Wachen neuen Neckereien nach, womit ich meine lustige Auserwählte ins Garn treiben könnte, und andern Morgens ritt ich wieder nach dem Wiesentälchen. Vater und Schwester lächelten selig hinter mir her.

Diesmal war mir der Zufall noch holder, denn als ich aus dem Walde heraustrat, sah ich jenseits am Rande des Gehölzes die bekannte hohe Figur dahinschreiten, setzte in einem jubelnden Galopp über die Wiesen dahin und überholte die Frau, eben als sie in das nebelblaue Tor der Waldstraße einbiegen wollte. Sie hatte mich kurz zuvor erblickt, und ihr Ausdruck hatte etwas Gespanntes und Sorgenvolles, als ich jetzt vor sie hintrat und sie begrüßte. Eitel genug deutete ich diese Miene als den süßen Schrecken eines unverhofften Wiedersehens und beeilte mich, diesen Augenblick, wo die Kühne etwas von ihrer heiteren Sicherheit verloren zu haben schien, zu meinem Vorteil auszunutzen. Ich rief deshalb alsbald: »Fürchte dich nicht, Marion, denn ich komme heute noch nicht, meinen verdienten Lohn einholen, obgleich ich dir schwören kann, ich habe geschwiegen wie das Grab. Nur ein Stündchen in deiner Gesellschaft verplaudern möchte ich! Ich habe mich nach dir gesehnt, daß ich den Morgen kaum erwarten konnte. Und du siehst, wie früh ich ausgeritten bin, dich zu suchen.«

Jetzt lachte sie wieder und fragte: »Habt Ihr denn Fräulein Olympia nun gesehen?« Und da ich verneinte, rief sie schelmisch: »Nun, dann prahlt doch nicht mit Euerm Schweigen, da es Euch doch an der Gelegenheit fehlte, es zu brechen. Ihr sollt Euern Lohn nicht zu leicht verdienen, Herr! Wenn Ihr abreist, ohne Fräulein Olympia überhaupt gesehen zu haben, so gilt der ganze Handel nicht, denn dann habt Ihr nichts geleistet.«

Ich freute mich ihrer Schalkerei und sagte: »Das wird sich ja zeigen, wenn der Tag meiner Abreise kommt, der hoffentlich noch recht fern ist.« Damit ging ich mein Pferd an einen Baum zu binden, um seiner ledig zu sein, denn ich wollte meine ganze Aufmerksamkeit für das Geplänkel übrighaben, das ich nun kommen sah. Als ich mich hierauf wieder der Olympia zuwandte, bemerkte ich, daß sie mich wieder mit jenem erwartungsvollen und forschenden Blicke ansah wie eben vorher. Es lag ihr offenbar eine Frage am Herzen, die sie nicht auszusprechen wagte.

Ich ging nun neben ihr her und begehrte zu wissen, was sie hier am Walde zu suchen habe und warum sie so früh am Morgen müßig gehe; denn so hätte ich sie gestern nicht taxiert. Sie antwortete ruhig, sie sei einer Ziege nachgegangen, die sich gegen den Wald zu verlaufen habe, obendrein wolle sie etwas Reisig mit heimbringen, aber erst, wenn sie sich rückwärts wende. Und sie schritt rasch über das raschelnde Laub den Tiefen des Waldes zu.

Ich nahm dies für ein gutes Zeichen, ging dichter neben ihr und fragte leise: »Marion, kannst du es nicht fügen, daß wir uns jeden Morgen um diese Stunde hier am Waldeingange treffen? Du hast mir's angetan, ich gestehe es, und ich kann den Tag nicht denken, wo ich dich nicht sehen soll! Ich will dir Reisig tragen und Pilze suchen helfen, Marion, wie ich gestern dein Handlanger war. Gib Antwort, Marion, ob du das willst.«

Sie war stehengeblieben, ein schöner Trotz stand in ihrem Gesichte, ihre Augen flammten mir unerschrocken entgegen. »So redet euereiner zu unsersgleichen, wenn er Schlimmes im Sinne hat,« rief sie drohend. »Ich bin alt genug, um zu wissen, wie es ein Kavalier meint, wenn er ein Bauernmädchen hofiert! Seid Ihr nicht gekommen, um die Tochter unsers Gutsherrn zu freien? Nun nehmt Euch in acht, daß ich nicht plaudere, das könnte Euch teuer zu stehen kommen!«

»Ich fürchte mich auch nicht vor deiner Olympia mit dem Rosenkranze,« gab ich lachend zurück. »Aber, Marion, du bist recht stolz für ein Mädchen deines Standes. Was du nicht freiwillig gibst, wirst du einmal gezwungen geben müssen, mein Kind, Und wenn du mich verklagst, wird man dich auslachen.«

Ich durfte diese ruchlose Rede wagen, denn die, zu der ich sprach, mußte gar wohl verstehen, daß man einer Unfreien nicht anders begegnen konnte, als ich es tat. War Olympia aus ihrer Rolle gefallen, so hatte ich ihr wieder hineingeholfen. Ich sah auch alsobald, daß sie sich ihres Mißgriffs bewußt ward, denn sie duckte sich gleichsam erschrocken, obgleich ihre Lippen vor Uebermut zuckten, spielte mit ihrem Schürzenrande und flüsterte verschämt: »Ich habe dem Herrn nichts zu erlauben. Warum fragt er mich?« Mich entzückte die Bemerkung, daß sie diese Wendung nicht mit überzeugender Natürlichkeit zu spielen vermocht hatte, während der kleine Zornausbruch vorhin durchaus echt und ein schönes Aufwallen weiblichen Stolzes gewesen war. Und sie gefiel mir immer besser.

Nun lobte ich ihre Verständigkeit und legte auch gleich den Arm um ihre Hüfte. Sie wehrte nicht, blieb aber steif stehen, und ich bemerkte, daß ihre Stirn sich zu kräuseln begann. Eine ihr selbst ohne Zweifel unbewußte, aber äußerst herbe Ablehnung lag in ihrer Miene. Ich dachte entzückt: ›Wehe mir, wenn ich diese Frau nun küssen wollte!‹ Aber zum Glücke hatte ich keineswegs diese gefährliche Absicht, sondern begnügte mich, lange in ihre klugen und schönen Augen zu sehen, deren Blick, erst unruhig und flackernd, langsam stiller, klarer, gleichsam besänftigt wurde und endlich mit einer gewissen Innigkeit den meinen erwiderte. Da nahm ich ihre Hand und küßte sie, obgleich sie wirklich etwas rauh war. Staunen und Rührung malte sich in Olympias beweglichen Zügen. Ich sah, daß sie des Spieles vergaß, daß eine echte Empfindung in ihr erwachte. Sie löste sich von mir und ging schweigend neben mir her, ganz verändert in Wesen und Haltung; ich wunderte mich jetzt, wie ich jemals an ihrer adligen Art hatte zweifeln können.

Ich hatte seit langen Jahren keine Frauenlippen geküßt, und die meinen hatten gewaltig danach gedürstet. Jetzt stand ich vor der Erfüllung einer langen Sehnsucht, mein Gelübde war gelöst, dieses Mädchen durfte ich küssen, denn es war mir nicht entgegengekommen, obendrein durfte ich es doch bereits als mein eigen betrachten. Dennoch hatte ich den Trank nicht getrunken, nach dem ich so brennend gelechzt. Ein unbestimmtes Gefühl hielt mich zurück, diesen stolzen Mund durch Gewalt zu beleidigen, gerade von dieser übermütigen Frau wollte ich ein weiches Bitten um Liebe erzwingen, gerade sie sollte mir erst entgegenkommen. Dies alles dachte ich nicht, ich empfand es nur. Deshalb machte ich an diesem Tage auch keinen erheblichen Fortschritt in meiner Werbung, sondern suchte nach kurzer Zeit den früheren neckischen Ton wiederzugewinnen, auf welchen sie auch bald einging, nachdem sie ihre innere Bewegung überwunden. Wir gelangten nun in eine kleine Schlucht, wo sich in der Tat die gesuchte Ziege fand, aber tot, von Wölfen zerrissen und zum Teile auch bereits verzehrt. »Ich dachte es mir,« sagte Olympia traurig, indem sie sich bückte, um Fell und Haupt des Tieres in ein Tuch zu binden, das sie bisher um die Hüfte gelegt getragen hatte, wie es die Bäuerinnen wohl zum Pilzesammeln mitzunehmen pflegen. Dabei hielt sie einen Augenblick den blutigen Kopf des armen Geschöpfes zwischen den Händen und blickte in die verglasten Augen, die in hilflosem Entsetzen und äußerster Todesangst erstarrt zu sein schienen. »Wie es gelitten hat!« flüsterte sie dabei, und ich bemerkte, daß sie von Mitleid erschüttert war; sie hatte aufs neue ihrer Bauernrolle vergessen, schmälte nicht, klagte nicht um das geraubte Gut, trauerte nur leise um das unschuldig gequälte Geschöpf Gottes. Ich aber betrachtete in wirklicher Liebe ihr Gesicht, das in diesem Augenblicke beinahe schön war, und wieder legte ich leicht den Arm um ihre Gestalt, da mir einfiel, daß wir mitten im Walde waren und vielleicht die Wölfe nicht so fern. Sie erriet meine Gedanken, denn sie lächelte alsobald und sagte, in heller Morgenstunde hätten wir nichts zu fürchten; darauf wandten wir uns zurück, wobei ich die Ueberreste des Tieres trug, sie aber Reiser las und bald zu einem artigen Bündel vereinigt hatte. Ich freute mich ihrer Kraft und Schaffigkeit, ihrer roten Wangen und ihres gesunden Frohsinnes und schaute mit hellstem Vertrauen in die Zukunft, die mir an der Seite eines solchen Wesens erblühen sollte. Unbegreiflich erschien es mir, daß dieses Mädchen bisher als eine Verschmähte hatte gelten können, da es doch ganz dazu geschaffen schien, einen Mann im besten Sinne glücklich zu machen. Freilich aber ist es nicht allen Männern gegeben, im Weibe diejenigen Eigenschaften zu wecken, die es begehrenswert erscheinen lassen, und für manchen andern war vielleicht meine Olympia weiter nichts als eine robuste und poesielose ältliche Jungfrau. Während wir nun wieder dem Waldrande zueilten und scherzende Reden tauschten, wobei sie sichtlich bemüht war, den schnippischen Ton der Bauerndirne, den sie nun einmal verloren hatte, wiederzufinden, fiel mir aufs neue jenes dringende Forschen und Lauern ihrer Augen auf, das ich bereits bei meiner Ankunft bemerkt hatte. Ich fragte sie daher, was sie denn auf dem Herzen habe, und fragte so liebevoll, daß sie sich erschließen mußte, wenn es irgendeine Sorge war. Sie blickte zu Boden und sagte leise, ich würde sie nun wohl vergessen, wenn ich erst die Edeldame Braut nennte, und das sei so das Los armer Mädchen; doch sagte sie es sichtlich ohne tiefe Betrübnis und mit so berechnetem Ausdrucke, daß ich sofort begriff, daß dieses eine Ausflucht oder aber ein vorsichtiges Ausholen war. Ich erriet leichtlich, daß sie gern gewußt hätte, wie ich denn nun eigentlich mit ihrer Schwester stand, und schloß voreilig auf ein bißchen Eifersucht; deshalb wies ich schnell und leidenschaftlich jeden Gedanken an diese Brautschaft zurück und versicherte aufs eindringlichste, daß ich nur um des Pächterkindes Marion willen noch in der Gegend verweilte. Zu meinem Erstaunen sah die Erwählte nun aber gar nicht getröstet oder erleichtert aus, vielmehr vertiefte sich der sorgenvolle Blick ihrer Augen noch, kopfschüttelnd trat sie von mir hinweg und machte Anstalt, mich ohne Gruß zu verlassen. In ehrlicher Angst eilte ich ihr nach und fragte sie, was sie denn nun plötzlich gegen mich habe. Da schaute sie mir ernst und milde in die Augen, und während ich sie aufs neue umfaßte, stemmte sie leicht ihre Hände gegen meine Schultern und hielt mich von sich ab. In dieser Stellung sprach sie zu mir etwa folgende Worte:

»Herr! Was Ihr da tut und sagt, ist nicht recht! Die Pächterdirne kann nie Euer Weib werden, Ihr wißt es selbst, das wäre für sie wie für Euch nichts Gutes! Gleich paßt nur zu gleich, jenes Fräulein ist Euch ebenbürtig, sie ist fromm, edel, tugendhaft, in jedem Sinne Euer wert. Nehmt sie und seid so glücklich, wie Ihr verdient! Mich aber laßt die Erinnerung an Euch als einen schönen Traum bewahren.«

Obgleich ich nun durchaus nicht begreifen konnte, aus welchem Grunde sie mich so eindringlich von sich weg und ihrer Schwester zuwies, so machte mir der Ernst ihrer Rede doch das Herz schwer, so daß ich gern die Komödie geendet und mich ihrer versichert hätte. Ich sagte daher zärtlich: »Marion, wärst du doch ein Edelfräulein oder sähe jene unsichtbare Olympia aus wie du, wie wären wir füreinander geschaffen!« und glaubte zuversichtlich, auf diese Worte hin werde sie sich entdecken. Aber sie tat es nicht, schüttelte nur wieder den Kopf und flüsterte: »Was hilft das Wünschen? Das Fräulein allein ist für Euch geschaffen!« so daß ich vor Zorn und Schmerz ob dieser Unbegreiflichkeit fast von Sinnen kam. Ich dachte aber, sie wolle etwa meine Liebe, die ihr zu schnell entstammt scheinen mochte, erst erproben. Deshalb gab ich mich für einmal zufrieden, ließ sie los und begab mich zu meinem Pferde, das Bügel und Zügel in erhebliche Unordnung gebracht hatte, während es so seiner eignen Willkür überlassen war. Als ich aufsaß, sah ich die schlanke Frau bereits in beträchtlicher Entfernung über die Wiese dahinschreiten, ruhig und hoheitsvoll und ohne sich zu wenden. Auf dem Kopfe trug sie das Reisigbündel und am Arme das Tuch mit den Resten der Ziege.

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