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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 25
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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8

Es fügte sich zum Glücke, daß schon wenige Tage nach dieser Szene der Hofhalt im Palais Cardinal abgebrochen wurde und sowohl Monsieur als kurz nach ihm auch Philipp von Chartres nach St. Cloud zurückkehrten, wo sie jetzt länger und lieber verweilten als in Paris oder selbst in Versailles. Ich hätte sonst möglicherweise doch das Abenteuer gewagt, mein verfemtes Antlitz noch einmal in der Rue Planche-Mibrai zu zeigen, wäre es auch nur gewesen, um einen zweiten, weniger schimpflichen Abgang in Szene zu setzen; denn nach verlorener Schlacht sieht jeder seine taktischen Fehler und wünscht, er könne von vorne beginnen. Aber mein Dienst rief mich von Paris hinweg und die Revanche unterblieb.

In den Wäldern von Meudon tropfte jetzt der Märzenschnee von den Bäumen und die Jagdhörner waren verklungen. Die Fasten hatten begonnen, die Musik der Ballnächte war verrauscht, ein wenig Müdigkeit und Weltekel, ein wenig auch die Lust am Wechsel trieb die Seelen zu Gebet und Beschaulichkeit; in allen Gliedern lag die weiche Lässigkeit des Frühlings, und da geschwärmt werden mußte, wurde zu Gott geschwärmt. Auch will ich keineswegs leugnen, daß die ersten Morgengrüße der erwachenden Natur in einem Lande von so lieblicher Schönheit, wie Frankreich es ist, fromme und traurig-süße Stimmungen erzeugen können, selbst dann, wenn man so wenig weltmüde war wie ich um diese Zeit. Ein einförmiger und wenig anstrengender Dienst ließ mir viele Stunden des Tages zu eigner Betrachtung frei, und die Beschäftigung dieser Stunden wäre mit vielen Worten nicht wiederzugeben. Ich arbeitete an meiner Weltanschauung und an meinem Verhältnis zu Gott.

Es war keine ganz dankbare Arbeit. Die schönen Lehren Beauvilliers' und der Frau Guyon nannten diesen Gott einen Gott der Güte, der nichts als Gutes schaffen und denken konnte. Das war eine gar liebliche Theorie, und es schien leicht, den eignen Willen in den des Alliebenden zu versenken und still hinzunehmen, was er schickte, da es doch unzweifelhaft gut war. Mit diesem Glauben war Frau Guyon in die Bastille und Fénelon in die Verbannung gegangen; mit diesem Glauben tröstete sich die kleine Serbe, der ihr Hirte geraubt war; in diesem Glauben stand Beauvilliers mit leuchtender Stirne und trotzte ohne Haß, nur in Reinheit und Milde, den Intrigen der Frau von Maintenon und Le Telliers. Es war ein Glaube für Heroen und er bewährte sich in großen Nöten.

Aber in kleinen? Ich muß zu meiner Beschämung gestehen: wenn ich in mein Leben blickte, da sah das Gottesbild anders aus! Es war ein ganz kluges und unstreitig ein witziges Wesen, das die kleine Komödie meiner Entwicklung geschrieben hatte, aber von Güte war nicht eben viel zu sagen, kaum etwa von Gerechtigkeit. Mich ihm hinzugeben schien mir eine harte Zumutung, da es sich offenbar über mich lustig machte. Ich tat meiner Ansicht nach schon ein Uebermenschliches, wenn ich seine grimmig-humorvollen Launen objektiv bewunderte. Denn was war zum Beispiel der letzte Streich, den es mir gespielt hatte? Die letzte amüsante Pointe einer sonst witzlosen Komödie? Nur ein Zufall: am Tage unsrer Ankunft in St. Cloud schickte Chartres mir ohne ein Wort der Erklärung das Figürchen des Savoyarden, Benediktens Erbe, auf mein Zimmer.

Ich stand und schaute das anmutige Kunstwerk mit gar bösen Blicken an. Was ich dachte, kann sich jeder selbst ausmalen. Dann ging ich zu Chartres, um mich bei ihm zu bedanken. Er sah auch aus, als ob er einen Witz des Schicksals eben nicht ganz zu goutieren vermöchte, und ich hielt meinen Dank zurück bis zu besserer Gelegenheit.

Es war ein gar stiller Sommer. Chartres malte viel oder er vergrub sich in Büchern. Dazu brauchte er mich nicht, und ich konnte nur bedauern, daß mir alle Anlagen zu ähnlichem Zeitvertreib fehlten. Nach den Steinbrüchen von Baugirard begab er sich manches Mal, aber nicht zu Teufelsbeschwörungen, wie ich redlich bezeugen kann, sondern aus reiner Freude an Mondscheinbildern an Felswänden und all dem Zauber nächtlicher Natur, der auf leidenschaftliche und tiefdenkende Menschen so gewaltig wirkt. Manchmal durfte ich ihn begleiten, und dann war ich kein Diener, er kein Fürst; dann waren wir beide wieder die innig verbundenen Gespielen früherer Tage.

Bei einer solchen Gelegenheit war es, daß er mich schließlich selbst nach dem Savoyarden frug, und ob ich denn mein Vorhaben ausgeführt hätte, ihn dem Kinde des Goldschmieds wieder zurückzustellen. Da erzählte ich ihm mein klägliches Abenteuer. Er lachte ein wenig, wußte mir aber nicht zu raten, sondern bemerkte nur ärgerlich, es sei ein schlimmes Zeichen zunehmender Frechheit unter diesen hugenottischen Aufrührern, daß sie selbst die Uniform der königlichen Garde nicht besser respektierten. Ich erschrak, denn es kam mir wie Verrat eines beschworenen Kontraktes vor, daß ich die Kalvinisten samt der Germaine so preisgegeben hatte; und ich fragte Philipp nicht ohne Beklemmung, ob er die Sache gegen jene Leute auszubeuten gedenke und ob er dabei etwa auf mein Zeugnis rechne. Der Herzog beantwortete die voreilige Frage nur durch eine abwehrende Handbewegung, fügte aber nach einer Weile bei, selbst wenn die Angelegenheit zur Sprache kommen sollte, so würden wir wenig Verständnis für unser Recht darin finden. Der hohe Klerus habe jetzt Besseres zu tun, als sich um die Hugenotten zu bekümmern. Gegenwärtig zerbrächen sich sämtliche Kardinale von Rom und Frankreich ihre kahlen Schädel darüber, ob man bekehrten Chinesen die Totenverehrung gestatten dürfe, und ob der Kaiser von China ein Atheist sei oder nicht. Ich verstand nicht, wovon er sprach, da erzählte er mir den Vorgang, und wie die gelahrte Doktorschaft der Sorbonne den Jesuitenmissionar Lecomte, der es gewagt hatte, die Sittenreinheit der Konfuziusdiener vor derjenigen der Christen zu preisen, als einen Gotteslästerer verdammt habe. »So sei ganz ruhig,« schloß der kluge Mann seine Erzählung. »Du liest nichts, weißt daher auch nicht, wie viele Bücher täglich über solche und ähnliche Fragen geschrieben werden. Sei froh, daß du dein Latein vergessen hast! In einem Lande aber, wo der Religionsstreit mit Tinte und Feder geführt wird, sind die Schwerter stumpf und die Feuer verglommen. Und die Sekten blühen wie der wilde Klee!«

Ich war von Chartres' Zuversicht doch nicht ganz gewonnen und nahm mir vor, mir die glücklich abgelaufene Lektion zur Lehre zu nehmen und keinem Menschen weiter ein Wort von meinem Abenteuer in der Rue Planche-Mibrai zu erzählen. Ich konnte an einen Glaubenseifrigeren kommen, als Chartres war. Leider kam dieser mein guter Vorsatz etwas zu spät. Philipp erzählte einiges weiter, die Entrüstung über die Anmaßung der Hugenotten griff um sich, hier und da fiel schon ein Wort von der Notwendigkeit allerstrengster Maßregeln. Zum Glück blieb es bei Worten; Philipp hatte recht, die französische Kirche trug eine papierne Rüstung, die Zeit der Dragonaden war vorüber. Aber dennoch muß eine Warnung in das Quartier St. Martin gedrungen sein, denn was ich am meisten gefürchtet, trat ein. Germaine verließ samt ihrem Kinde den Boden Frankreichs, nachdem sie mir durch Helvetius noch einen hohnvollen Abschiedsgruß übersandt hatte. Wohin sie sich gewandt, konnte oder wollte Helvetius nicht angeben, wenn mir auch die Vermutung nahe genug zu liegen schien, daß sie in der Heimat des guten Mannes selbst Zuflucht gefunden. Ich frug nicht weiter. Was hätte mir das Wissen genutzt?

Ich sah ein, daß Germaine mich für einmal geschlagen hatte, und eine große Betrübnis kam über mich. Das Bitterste war mir, zu denken, daß Benedikte jetzt unrettbar dem Kalvinismus verfallen war. In einem Lande lebend, wo diese Sekte volle Freiheit und sogar die allerhöchste Achtung genoß, würde Germaine gewiß keinen Augenblick zaudern, ihr Kind der Gemeinschaft ihres Glaubens einzuverleiben; und hörte das Benediktlein nur erst die süßen Nonnenchöre nicht mehr, sah es das Kerzengeflimmer um goldene Altäre, die schönen sanften Bilder der Heiligen nicht länger vor Augen, gab es keine Schwester Monika mehr, die sein kleines Gewissen hielt und stärkte – so würde wohl bald genug das Kinderherz sich neuen Einflüssen beugen, neue Anschauungen in sich aufnehmen. Sicherlich war Germaine die Person, um eine solche Bekehrung ganz und glücklich durchzuführen, sobald nur keine Angst vor weltlicher Obrigkeit sie mehr hinderte. Mit heimlicher Wut mußte ich mir sagen, daß jetzt diese Frau da draußen in Holland mir vielleicht ein spöttisches Dankgefühl widmete für den Anstoß, den mein unzeitiges Geschwätz ihr gegeben, der einen vielleicht lange vorbereiteten Entschluß zur Reife gebracht und Benediktens Seelenlos entschieden hatte. Noch rasender machte mich die Vorstellung, wie sie das Kind, das vielleicht weinend nach der alten Heimat und den alten Gespielen verlangte, nun sicherlich mit Lügen über meine Grausamkeit und eine durch mich angezettelte Hugenottenverfolgung abspeiste und ihm dergestalt mein Bild verdunkelte und vergällte. Und die Tränen stiegen mir auf, wenn ich mir das Benediktlein selbst vor Augen führte, wie es nun heranwachsen würde in seinem reizlosen braunen Kittelchen, das zierliche Spiel seiner Füßchen eingeengt durch schwere Falten, das goldene Haar für immer unter der Haube verborgen, das Feuer der schönen Augen heuchlerisch unter gesenkten Wimpern erstickt und das helle Lachen seiner Vogelstimme verstummt für alle Zeit. Aber was half nun mein Grübeln, was meine Reue? Die kalte, böse, furchtbare Germaine triumphierte wieder, und mir war, als hörte ich ihr leises zorniges Auflachen durch alle meine Träume gehen.

Der Sommer ging dahin, neue Ereignisse verdrängten die alten. Der Herbst dieses Jahres machte unsern jungen Herzog von Anjou zum König von Spanien. Beauvilliers begleitete ihn nach Madrid, bereits krank, von tückischen Fiebern gequält und nach seiner eignen und Fagons Ansicht ein toter Mann. Ich nahm Abschied von ihm in meinem Herzen, ich glaubte ihn nicht wiederzusehen. In diesem Schmerze ging langsam das Bild der fernen Benedikte unter.

Auch Chartres gab mir zu schaffen. Ich war nun ganz in seinem Vertrauen und er belastete rücksichtslos mein Gewissen mit allem, was das seine nicht tragen konnte. Sein wildes Leben nahm er wieder auf, war mehr in Paris als in Versailles und St. Cloud und verkündete wieder mit Pauken- und Trompetenklang seine eigne Schmach. Sein Vater und sein Oheim zankten um seinetwillen fast Tag um Tag, sehr zur Freude der Türsteher und Garden, die jedes Wort der streitenden königlichen Brüder in den Galerien widerhallen hörten, auffingen und meinem Philipp zutrugen. Dabei genoß er die doppelte Genugtuung zu wissen, daß keiner seiner Streiche an Ludwig verloren war und daß sie diesem gleichsam als eine Strafe für seine eignen jugendlichen Sünden heimkamen; denn so faßte es Monsieur auf: er erinnerte seinen Bruder kurzerhand daran, daß er für seine Tochter nicht Rücksichten fordern könne, die er selbst für seine Gemahlin, die Königin, nie gezeigt – und der große König von Frankreich mußte vor diesem allzu gerechten Vorwurfe verstummen. Dieses wußte Philipp – und was mehr ist: er wußte, daß der Hof es wußte, und es trieb seinen Uebermut auf die Spitze.

Ich versuchte anfangs, ihn mit freundschaftlicher Warnung zurückzuhalten, denn dazu berechtigte mich ganz die Herzlichkeit, die er mir täglich bezeigte. Er blickte mich dann jedesmal scharf und zwingend an und sagte: »Gebt mir ein Reich zu regieren oder eine Armee zu befehligen, so soll sich keiner mehr über mich beklagen.« Ich begriff, daß die Krone, die auf des viel jüngeren Anjou Haupt gefallen war, seinen Ehrgeiz gereizt, seine Erbitterung verschärft hatte; ich konnte nichts tun, als darauf hinweisen, daß auch die andern Prinzen nicht in der Armee dienen durften. Aber auch diesen Einwand entkräftete eine boshafte Laune des Königs. Die Armee in Flandern wurde unter Bouffiers neu organisiert, und die beiden Bastarde Maine und Toulouse erhielten Kommandos, freilich unter dem Marschall. Aber selbst eine derartige Unterordnung würde Philipp von Chartres, dem es wirklich um Arbeit zu tun war, gern auf sich genommen haben. Er schäumte vor Zorn und rächte sich an seinem Weibe für die Bevorzugung ihrer unwerten und unfähigen Brüder.

Das alles war traurig zu sehen und zu hören. Der Cancan in den Gardenstuben wurde mir unerträglich, eine unbezwingliche Sehnsucht nach reinerer Luft, nach unschuldigen, glücklichen Menschen erfaßte mich. Gab es irgendwo auf dieser Welt das, was ich suchte?

Die Sehnsucht wurde zum bewußten Ziele. Ich sagte mir: mein Fürst sucht ein abstraktes Glück in Büchern und Kunst; da kein lebendiger Mensch aber davon leben kann, so füllt er die Leere seines Herzens mit Augenblicksgenüssen, die hungriger lassen als der Hunger selbst. Ich habe einmal Glück in guten Werken gesucht und gefunden, dennoch bin ich nicht satt geworden, wie auch die, denen ich meine Gaben zugetragen, nur auf kurze Zeit dem Darben entrissen waren. Zu wenig, viel zu wenig! Laß uns ein Glück suchen, das nicht nur für Stunden befriedigt! Ein Empfangen und Geben, das sich nie erschöpft! Nimm ein Weib, Hauptmann Roquesant, schenke ein Leben und empfange ein Leben, dann wirst du Glück finden! – Ich ging hin und teilte Chartres meinen Vorsatz mit.

Er sagte: »Es ist vernünftig, daß du dir das Hugenottenkind aus dem Sinne schlagen willst. Aus dieser Sache hätte nichts Gutes erblühen können. Suche dir eine Gattin, die deinem Stande angemessen ist und die dir eine Mitgift bringt, wie dein alter Name sie beanspruchen kann. Willst du, so helfe ich dir unter den Töchtern der Edeln die Gemahlin wählen.«

Ich erwiderte: »Sie muß eine Eigenschaft besitzen, die mir mehr wert ist als Name und Mitgift. Sie muß frohsinnig und unschuldig sein, und sie soll so gesunden Herzens sein, daß das Leben in diesem Pesthause der Verworfenheit sie nicht ansteckt. Glaubst du, daß es möglich ist, eine solche zu finden?«

Er war sehr ernst geworden und antwortete lange nichts. Dann sprach er: »Da suche du selbst! Ich getraue mich nicht, dir Erfolg zu versprechen. Du verlangst zu viel.« Sein warmer Blick verriet mir indes, daß er meine offenherzige Kritik des Hoflebens nicht übel aufgefaßt hatte. Ich drückte ihm die Hand und rief froh: »Ich werde mich heute noch auf die Suche machen.«

»Und wenn du eine solche gefunden hast,« fuhr Chartres fort, indem er, sich entfernend, noch einmal sein schönes, dunkles Gesicht mit den flammenden Augen nach mir zurückwandte und sein weiches und sinnverwirrendes Lächeln lächelte, »wenn du eine solche gefunden hast, dann zeige sie mir nicht!«

Ich erschrak heftig und schwur mir zu, diese Warnung nicht zu vergessen.

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