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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 24
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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7

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich jeden Schritt unternahm, den die äußerste Verzweiflung eingeben kann, um Benedikten noch einmal zu sehen. Meine nächste Hoffnung war Helvetius, den sandte ich an Germainen ab und erwartete alles von der Fürsprache des allgemein Verehrten; in dieser Erwartung enttäuscht, lauerte ich selbst der Goldschmiedsfrau auf und schwur mir zu, in dieser Sache mein Recht durchzusetzen, wenn je irgend Mann gegen Weib mit Kraft und Ueberlegenheit zu kämpfen vermocht hatte. Wieder wie einst als Knabe streifte ich durch die Gassen der Stadt auf der Suche nach der Unheimlichen; aber diesmal umkreiste ich zielbewußt das Viertel, wo sie wohnte und wirkte, und stellte sie denn auch schon nach kurzer Zeit am Eingang der Rue des Arcis, unweit ihrer Wohnung. Es war bereits Abend und die sonst schon stille Gasse kaum belebt. Als ich Germaine ansprach, hatte ich wenigstens die Genugtuung, sie heftig erschrecken zu sehen – und war es auch nur vor der Klinge, die ich entblößt in der Rechten trug. Ich schämte mich nicht, dieses Weib mit Waffengewalt zu bedrohen, denn ohne Waffe war sie mächtiger als ein Geharnischter mit Lanze und Schwert.

Ihr Erschrecken wich denn auch alsobald und machte der alten, hohnvollen Kälte Platz. Ganz ruhig fragte sie mich, was ich eigentlich von ihr begehre, und als ich den Namen ihres Kindes schrie, nannte sie mich einen Mädchenräuber und Verführer der Unschuld, vor dem sie Benedikte mit allen Mitteln schützen werde. Da sie dies ohne jede Leidenschaftlichkeit und in eben dem verächtlichen Tone aussprach, mit welchem sie mich einst ein schmutziges kleines Tier genannt hatte, so reizte der unsinnige Vorwurf meine Wut aufs höchste, so daß ich fast von meiner Waffe Gebrauch gemacht und Germainen durchbohrt hätte. Sie mußte das unwillkürliche Aufzucken meiner Hand bemerkt haben, denn sie lächelte flüchtig und bemerkte, ich solle sie nur morden, das wäre ihr gerade recht, denn dann säße ich morgen in der Chambre ardente und hinge übermorgen auf der Grève an einem Rade, und Benedikte wäre vor mir sicher. Diese grausige Kaltblütigkeit brachte auch mich wieder zur Besinnung, und ich steckte den Degen etwas beschämt ein. Sodann suchte ich in geordneter Weise dem Ungeheuer verständlich zu machen, was ich eigentlich von Benedikten wolle, und vor allem, daß ich Uebles nie mit dem Kinde im Sinne gehabt, vielmehr bestrebt sei, ein offenbares Anrecht gutzumachen, welches an seiner lauteren Natur begangen werde. »Benedikte,« sagte ich, »ist eine Rechtgläubige und ein gutes und frohes Geschöpf obendrein. Sie Euern teuflischen Satzungen zu entreißen, welche die unschuldige Freude zum Verbrechen stempeln, ist mein einziges Verlangen. Und dazu soll mir, bei Gott und allen Heiligen, das Andenken ihres mißhandelten Vaters helfen!«

Als ich diese Worte sprach, wurde Germaine doch ein wenig bleich, aber mit Würde antwortete sie: »Gerade das Andenken des unseligen Mannes ist es, das mich bestimmt, das Kind vor sogenannten unschuldigen Freuden zu schützen. Was ist unschuldig, wenn das Herz verderbt ist? Benedikte hat ihres Vaters leichten Sinn geerbt. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wo sie enden wird, wenn der nicht eingedämmt wird. Und gedankenlose Weltkinder, wie Ihr, helfen noch, das drohende Verhängnis zu beschleunigen!«

Ich suchte nun der verblendeten Frau darzulegen, wie unheilvoll ihr Vorgehen sei, und wie es gerade das herbeiführe, was es nach ihrer Meinung zu verhindern bestimmt sei; erinnerte sie, daß ihre Strenge allein den Gatten zum Laster getrieben und in dem Kinde bereits einen Hang zu Heimlichkeiten erweckt habe, der freilich verderblich werden könne, wenn der unverständige Druck fortdaure. Germaine bekämpfte eine Aufwallung des Zornes, dessen inneres Toben sich gleichwohl auf ihrem Gesichte verriet, und sagte spöttisch: »Eine ähnliche Predigt, nur weniger wohlgesetzt und ausführlich, hat mir der Herr Chevalier und Gardedukorps schon einmal vor Jahren gehalten. Ich gebe Ihm nur zu bedenken, daß Regnard ein angefaulter Stamm und daher leider wirklich unrettbar war; Benedikte aber ist ein junges Reislein und soll beizeiten gebogen werden, daß sie ein fruchtbringender Stock im Weinberge des Herrn werde. Das Recht, ihr Kind zur Tugend zu erziehen, wird der Herr Gardedukorps wohl einer Mutter nicht absprechen.«

Ich rief: »Ihr wollt Euer Kind mit Gewalt und List zur Kalvinistin machen. Nehmt Euch in acht! Vor zehn Jahren noch hätte Euch das den Hals gekostet. Es gibt auch heute eine Behörde in Frankreich, die über Seelenmorde aburteilt, wenn sie nur angezeigt werden.«

Germaine antwortete unerschrocken: »Benedikte ist katholisch getauft und wird so erzogen. Die Klosterschule ist der Beweis, daß ich an dem Kinde in Eurem Sinne weder Gewalt noch List übte. Ist man aber in Frankreich vor Verleumdung nicht sicher, so wird man es in Holland sein.«

Das war nun eine Antwort, die mich entwaffnete, und ich mußte zum zweiten Male gleichsam meinen Degen in die Scheide schieben und mich recht gründlich schämen obendrein. In der Tat hätte mir Germaine nichts Schlimmeres antun können, als samt ihrem Kinde zu emigrieren, und ich verfluchte meine Unbesonnenheit, die es bis zur Erwägung solcher Mittel hatte kommen lassen. Wohl sagte ich mir, daß eine alleinstehende Frau sich nicht leicht vom heimischen Boden löst, nicht leicht in fremdem Lande Fuß faßt; aber wenn Germaine an meine Drohung glaubte – was blieb ihr übrig zu tun? Ich beeilte mich daher, sie zu beruhigen und bei Edelmannsehre zu versichern, daß ich die schändliche Waffe nie und nimmer gegen sie gebrauchen würde. Sie antwortete verachtungsvoll: »Gottlob, daß mein Lebenswandel mich besser schützt als diese Eure Edelmannsehre! Sonst suchte ich noch heute die Grenze zu gewinnen!«

Ich fragte etwas konsterniert, worauf sie denn diese geringe Meinung von mir gründe und ob ihr Helvetius' Wort, der warm und mit Achtung von mir gesprochen hatte, denn nicht Bürgschaft meiner besseren Gesinnung sei. Sie antwortete, sie halte mich nicht für schlechter als irgendeinen der hohen Herren im Seidenstrumpf; wessen man sich aber von diesen zu gewärtigen habe, des sei die lauterste und frömmste Frau Zeuge, die an Herzogstischen gegessen und einen Bischof zum Schützer gehabt habe und doch eines Tages hintern den Mauern der Bastille verschwunden sei. Ich erriet sofort, daß sie von Frau Guyon sprach, und erwiderte traurig: »Haben Herzöge und Bischof sie nicht retten können, so haben sie doch ihre Ungnade geteilt. Fénelon ist nach Cambrai verbannt, und der Herzog von Beauvilliers und sein Schwager Chevreuse werden vom ganzen Hofe gemieden, weil sie die Glaubenssätze der inspirierten Frau verteidigt haben.«

Da sagte Germaine mit Ueberlegenheit: »Jetzt habe ich Euch gefangen, mein Herr Gardedukorps! Wie kommt es, daß Fénelon nach Cambrai verbannt ist und Beauvilliers, der denselben Prinzipien treu und unerschütterlich anhängt, zwar von Euch Augendienern gemieden, aber doch vom König so hochgeachtet ist, daß er ihm gerade das Amt anvertraut hat, das er aus des Bischofs Händen genommen: die Erziehung des Herzogs von Burgund! Könnt Ihr mir diese Ungereimtheit erklären?«

»Leider kann ich es,« erwiderte ich schnell. »Ihr wißt wohl, welche niedrige Verleumdung die Freundschaft Fénelons für die Seherin besudelt hat. Gott schütze mich, daß ich in solchen Dingen urteile! Die Natur hat dunkle Wege, und ein Bischof ist auch nur ein Mensch! Aber was Beauvilliers betrifft, so ist sein Wandel von so kristallener Klarheit, daß der Giftzahn der Verleumdung sich vergeblich an ihm versucht. Es ist keine Stunde des Tages, da er nicht vor aller Augen einhergeht und Gutes tut, und die stets offenen Türen seines Hauses bergen auch nicht die kleinste Heimlichkeit. Es hat, bei Gott, mehr als einer sich redlich bemüht, dem Manne einen Strick zu drehen – aber wo hätte er seinen Hanf anhaken sollen? Um bloßer Doktrinen willen kann heute in Frankreich keiner mehr gerichtet werden, die Chambre ardente will greifbare Tatsachen – und die liefert Beauvilliers nicht.«

Germaine lachte ein wenig und sagte: »Hatte ich nun nicht recht, zu sagen, daß Reinheit des Lebenswandels besser schützt als hohe Gönner und glänzende Namen? Es ist noch lange nicht so schlimm bestellt in dieser Welt, wie ihr Narren der Eitelkeit es glaubt und hofft. Ich vertraue meiner Tugend und werde Euch keine morsche Stelle bieten, wo Ihr Eure Zähne einschlagen könnt. Und so lange wollen wir sehen, wer in diesem Kampfe um mein Mutterrecht Sieger bleibt.«

»Ja, das wollen wir,« rief ich grimmig. »Denn gerade diese morsche Stelle bietet Ihr, indem Ihr Euer unschuldiges Kind in Kalvinistenversammlungen schleppt und es Eurer verfluchten Lehren teilhaftig werden läßt. Der Herzog von Beauvilliers ist ein guter Katholik und raubt der Kirche keine Seele. – Aber von mir fürchtet nichts! Ich spiele nicht den Angeber! Mit so gemeinen Mitteln kämpfe ich nicht! Aber sonst nehme ich Eure Herausforderung an und streite mit Euch um Euer leiblich Kind. Und nicht nur, weil ich Benedikten vor Euerm Irrglauben retten will, sondern auch einfach deshalb, weil das Kind mein Weib werden soll und es in spätestens fünf Jahren auch sein wird!«

Wir waren in diesem Augenblicke um die Ecke gebogen und standen am Eingange der Rue Planche-Mibrai. Abendfrieden lag in der engen Straße, vor den Türen saßen plaudernd die Familien, Kinder und Hunde spielten in der Mitte am Rinnstein. Bei unserm Herankommen und meinen heftigen und lauten Worten wandte alles die Köpfe nach uns. Wir standen am Eingang der Gasse wie auf der Bühne eines Theaters, und ich empfand äußerst peinlich die allgemeine Aufmerksamkeit. Daß die Leute, die mich oft mit Benedikten hatten laufen sehen, wußten, um was es sich zwischen uns handle, war mir unzweifelhaft, und gern hätte ich das Gespräch hier abgebrochen und meinen Weg in andrer Richtung fortgesetzt. Aber ich hatte mich in Germaines Kampfesmut verrechnet. Mit einem grellen Auflachen faßte sie meine Hand, riß mich vorwärts in die Gasse und mitten unter das sich erhebende Volk hinein und schrie, beredt und leidenschaftlich, wie nur sie ihre Worte zu finden wußte, die ungeheuerlichsten Anklagen gegen mich aus. Die unschuldige Tatsache, daß ich Benedikten heimlich gefolgt war und ihre kleinen Streiche unterstützt hatte, wußte sie auszubeuten, und meine unbesonnene Drohung wiederholte sie mit grausamer Berechnung gegen die ganze Gasse, deren Bewohner zu fünf Sechstel aus Hugenotten bestanden. In weniger als drei Minuten hatte sie das ganze Quartier gegen mich gehetzt. Ein Kreis von finsteren Gesichtern drängte sich um mich, und eben jene Menge, die vor einigen Tagen noch Benediktens kleine Eskapaden und meine Mithilfe so wohlwollend belächelt hatte, überbot sich jetzt in Vorwürfen und Schmähungen gegen den vermeintlichen Verführer. Hoch über allen Stimmen vibrierte schneidend wie eine Kriegstrompete die der gereizten Mutter. Mein Kleid schützte mich vor Tätlichkeiten – aber bei allen Heiligen! Prügel wären mir lieber gewesen als die Worte, die ich da zu hören bekam. Männer mit biederen Arbeitergesichtern redeten mir ins Gewissen oder spuckten vor mir aus; Frauen zeigten mich ihren halbwüchsigen Kindern, auf daß sie sich vor mir hüteten; und wäre nicht die Tatsache bekannt gewesen, daß ich unter Helvetius' Führung mehr als einmal die Armen des Viertels besucht und beschenkt hatte, so weiß ich nicht, wie die Sache geendet hätte. Zum Glück für mich wie für die tolle Menge selbst wurde in diesem Augenblicke das bißchen Wohltat mein Fürsprecher. Es gab Stimmen, die sich für mich erhoben, Stimmen, die ich ohne Beschämung und gierig nach ihrem Klange zu Zeugen anrief, denn allein vermochte ich in diesem Gedränge nicht zu Worte zu kommen. Und bald waren dieser Stimmen so viele, daß sie dem Kriegsruf der Germaine Antwort bieten konnten und den Anprall der Schimpfworte ihrer Anhänger zurückwarfen. Langsam beruhigte sich die Brandung um mich her, und langsam löste sie sich in eine trägere Debatte auf, in welcher immer nur ein Mann sprach und die andern murmelnd ihm Beifall gaben. Ich lernte in dieser Stunde, wie einem Pair von Frankreich zumute sein mußte, wenn in offenem Parlamente über seine Ansprüche und Rechte verhandelt wird. Und ich muß wohl ein schlechter Redner für meine eigne Sache gewesen sein, denn das Verdikt fiel nicht so unbedingt zu meinen Gunsten aus, wie ich erwartet hatte. Zwar sahen die braven Gevattern wohl ein, daß ich nicht der Kinderverderber und Hugenottenverfolger war, als welchen Germaine mich dargestellt hatte, und sie entschuldigten sich deshalb auf das höflichste und beste. Aber darin waren sie einig, daß Germaine im vollen Rechte sei, wenn sie ihr Kind von Straßenläuferei und höfischen Bekanntschaften abhalte, und unisono versprach die edle Schar, die einst das Benediktlein so fröhlich unterstützt hatte, der erbitterten Mutter Schutz und Hilfe in dieser Angelegenheit. Und als ich nach einer Viertelstunde die Gasse verließ und rückblickend die Männer zu ihren Tabakspfeifen, die Frauen zu ihren Stickrahmen zurückkehren sah, während die Glocken von St. Jacques ihren holden Vespergruß über den verlassenen Kampfplatz hinsandten, da wußte ich, daß ich fortan in der Rue Planche-Mibrai und dem ganzen umliegenden Quartiere übel empfangen werden würde, sollte ich je wieder den Fuß dahin setzen.

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