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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 22
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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Es war die seit etwa dreißig Jahren erweiterte und mit hübschen Fassaden und Portalen geschmückte Rue de Planche-Mibrai, die von der Grève her, wo vormals das wackelige Holzbrücklein anlag, über welches einst Franz I. in die Cité eingezogen, gegen die große Straße St. Martin hinaufstieg. Da wohnte also Germaine in einem Quartier ansehnlicher Handwerker und Gewerbetreibender in augenscheinlichem Wohlstande. Sonntags mochten sie ihre Fenster geschlossen halten, damit das Glockengeläute von St. Jacques de la Boucherie, das über die Häusergiebel her in die Gasse geweht kam, der Chorgesang endloser Prozessionen, die sich an ihrem Hause vorüberbewegten, sie in ihren kalvinistischen Gebetsübungen nicht störe. Werktags ging sie umher und übte Wohltätigkeit die ganze Rue St. Martin und alle ihre Seitengassen entlang, bis an die neue Porte St. Martin und etwa noch in den Dörfern vor derselben, und dann fragte kein Mensch, ob diese Frau Messe und Beichte bekenne oder wes Glaubens sonst sie sei. Mutiger als jene Gräfin von Auvergne, die eben um dieselbe Zeit für die eifrigste Katholikin am Hofe Ludwigs galt und sich erst auf ihrem Totenbette als lebenslang heimliche Kalvinistin entpuppte, hatte Germaine gleich nach dem Verschwinden ihres Gatten ihre Scheinbekehrung wieder abgeschworen und wandelte unbekümmert die Wege der Hugenotten. Auch ungestört; denn der Grimm und Groll, der fünfzehn Jahre früher gegen jene Sekten gewütet, hatte sich gelegt, und so fanatisch war kein Mensch in dem erschöpften Lande mehr, daß er nicht Brot und Geld auch aus der Hand einer Türkin genommen hätte. Obendrein übte die verschlossene und doch mildtätige Frau, ihr bleiches, stets ernstes Gesicht, ihr sittenreiner Wandel eine gewisse Gewalt über ihre Umgebung aus, sie wurde mit Scheu, aber auch mit Achtung behandelt, wenn auch wohl keiner unter den vielen, denen sie Gutes tat, sie liebte. Diese schönere goldene Frucht der Wohltätigkeit: den warmen Herzensblick, die Träne der Rührung oder den Kuß wortloser Dankbarkeit erntete ganz unverdienterweise das Benediktlein, das immer hinter der Mutter hertrippelte, den Brotlaib oder das Suppennäpfchen tragend und von letzterem oft eine ansehnliche Hälfte verschüttend, weil es allzu emsig das Hälslein nach rechts und nach links drehen mußte. Auf das muntere Kind war die frühere Beliebtheit des Vaters übergegangen. Wo es erschien, streckten sich ihm alle Hände entgegen und jubelten alle Lippen ihm zu, obgleich das Benediktlein just eben nichts tat als plaudern und lächeln. Wer die Schönheit aber nicht als den letzten und vollkommensten Gottesgedanken auffaßt und ihre Anbetung nicht als den berechtigtsten und höchsten Gottesdienst, der überschlage die Seiten, die ich dem goldhaarigen Sonnenkinde weihe: er wird sonst irre an der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Benedikte war rechtgläubig getauft und besuchte eine Klosterschule, denn so weit wagte Germaine ihren Gesinnungsmut doch nicht zu treiben, daß sie der Kirche mit offener Gewalt eine Seele entrissen hätte. Natürlich suchte sie aber durch heimliches Einwirken zu ihrem Ziele zu gelangen, nahm das Kind in alle Kalvinistenversammlungen mit und tat durch Wort und Beispiel alles, was sie nur tun konnte, um den Schlußakt vorzubereiten, wie sie ihn plante: Benedikte sollte, sobald sie erwachsen wäre, freiwillig ihren Glauben wechseln. Jedoch Benedikte hatte kein Talent zum Kalvinismus. Ihr war wohl in den goldschimmernden Kirchen mit dem Weihrauchduft, den funkelnden Kerzen, den brausenden Fluten der Orgel, des Glockengeläutes und den sanft wie Engelstimmen herniederschwebenden Gesängen junger Nonnen. Oefter als sich zählen ließ, entwischte sie der Mutter, huschte um die Ecke der Rue de Planche-Mibrai und hörte ein Viertelstündchen lang das Hochamt in St. Jacques. Und dann ärgerte sie ihre Mutter damit, daß sie daheim vor einem mit zwei Leuchtern und einer bunten Schürze improvisierten Altäre ein Ave Maria sang, ebenso süß, rein und richtig im Ausdruck und mit eben solch weltvergessener Hingebung, wie sie einst » Oh mon berger« gesungen hatte. Auch liebte Benedikte Heiligenbildchen über alles und brachte deren manch eines nach Hause, das eine liebevolle Klosterfrau für sie gepinselt hatte; und da sie erfahren mußte, daß die Mutter derartige Kunstwerke unter der Hand verschwinden ließ, wenn sie um ihre Existenz wußte, so hielt sie dieselbe geheim und belastete ihr kleines Gewissen mit einem bösen Drucke. In allen andern Dingen aber war sie ein leidlich verständiges und folgsames Kind.

Alles dieses erzählte mir Helvetius, den ich natürlich bei erster Gelegenheit über meine Beziehungen zu Benedikte aufklärte; der gutmütige Mann, obgleich er selbst auf Germaines Seite stand und das Kind gerne als Hugenottin gesehen hätte, verstand sehr gut, daß sich solch klargebildete Seele nicht zwingen noch täuschen lasse, sondern den Gedanken verkörpern müsse, den Gott bei ihrer Erschaffung in sie hineingelegt. Als ich ihm daher meine stille Hoffnung mitteilte, Benedikte der kalvinistischen Sekte und ihrer ertötenden Lebensstrenge zu entreißen, indem ich sie, mit Gottes Willen und wenn nichts dazwischen träte, zu meinem Weibe nähme, schaute er mich mit seiner List von der Seite an und fragte: »Ist das nur gläubiger Eifer, eine Seele zu retten?« – und als ich errötend nicht gleich eine Antwort fand, fügte er ernsthafter bei: »Die Natur geht voran und zieht die Religion nach sich. Nimm nur das Benediktlein, ich glaube, sie hat von allem Anbeginn dir zugehört.« –

Es versteht sich von selbst, daß nun die Wohltätigkeit einen neuen, ganz eignen Reiz für mich hatte; betrat ich doch keine Hütte mehr ohne die zitternde Erwartung, es möchte wieder die Türe sich öffnen und das braune Figürchen mit seinem Brotlaibe auf der Schwelle erscheinen. Ich sollte aber bald erfahren, daß Benedikte durchaus nicht so unbewacht umherlief, wie ich es nach jener ersten Begegnung vermutet hatte; vielmehr schickte die Mutter sie allein nur zu ganz bestimmten Leuten, die sie wohl kannte, und auch nur durch ganz bestimmte Straßen, deren Bewohner Germaine fast Haus um Haus vertraut waren und wo es vor allem keine Herbergen oder Trinkstuben gab. Der Umstand, daß Benedikte auf eigne Faust Umwege unternahm, kam freilich in Abrechnung; erfuhr die Mutter davon, so setzte es böse Strafen; und oftmals geschah es sogar, daß die kleine Sünderin wochenlang nur unter strenger Bedeckung ausgehen durfte, bis sie Besserung und prompte Heimkehr gelobt hatte und die natürliche Bequemlichkeit den alten Gebrauch wieder herbeiführte.

Als ich die Orte und Wege einmal herausgefunden hatte, die solchergestalt zu Benediktes Wohltätigkeitsrayon gehörten, war es mir ein geringes, den Spuren des Mägdleins zu folgen, ihr zu begegnen, wann ich wollte, und sie streckenweise zu geleiten. Dabei war es nun ein großer Segen, daß gerade diese stilleren Gassen, in denen Wagen und Fußgänger nur in mäßiger Zahl erschienen, von sämtlichen Hunden des Quartiers als Rast- und Friedensasyl vor allen andern bevorzugt waren. Mehr als einmal sah ich Benediktlein mit seinem Suppennäpfchen in arger Bedrängnis, und schien sich das Kind vor den Tieren auch nicht sonderlich zu fürchten, so rötete doch Aerger sein zartes Gesichtchen, so stampfte doch der kleine Fuß ungeduldig den Boden und das gelle Stimmchen befahl der schnuppernden Meute in drollig-gebieterischem Tone, Platz zu machen. Gehorchte die unverständige Schar nicht gleich, so konnte Benedikte ganz allerliebst schimpfen, schlug wohl auch tapfer mit dem zinnernen Teckel des Suppennapfes zu. Dennoch hatte sie fast immer ein Gefolge von Hunden bis an die Türe, in welche sie eintrat. Als ich sie zweimal aus solchen Nöten befreit hatte, war mir ihr Vertrauen gewonnen, und selig rief sie mir jedesmal, wenn sie mich von weitem auftauchen sah, über die Köpfe der harmlosen Bedränger weg ihren Gruß zu: »Kommet schnell, denn sie sind heute wieder gar zu unartig!«

Es hätte jedes der spielenden Kinder, an denen die Gassen so reich waren wie an Kunden, meiner kleinen Freundin so gut zu Hilfe kommen können wie ich, denn bösartig war das Getier nicht, auch nicht etwa verhungert, und man weiß, was diese Geschöpfe sich gerade von Kindern bieten lassen. Aber so ritterlich waren die Gassenjungen von Paris nicht; vielmehr weideten sie sich in offener Wonne an der Ratlosigkeit des zierlichen und feinen Figürchens, ruchlos, wie Plebejerkinder eben sind, und riefen oft sogar noch spöttische Worte hinter Benedikte her. Um so stolzer war diese auf ihren St. Georg. Wenn ich nur leicht und spielend Stock oder Degen erhob, so trollten sich nicht nur mit eingezogenem Schwanze die Hunde, sondern auch das zweibeinige Gassenvolk verstummte, drückte sich an die Mauern und blickte offenen Mundes hinter uns her, was Benedikte mit unverhohlener Befriedigung wahrnahm. Ihre schwarzen Augen spielten triumphierend nach allen Seiten, und das Zucken und Kräuseln ihres reizvollen kleinen Mundes rächte die Spottworte, die sie sonst hatte hören müssen. Dabei war es aber besonders lieblich anzusehen, wie wenig trotz alledem an bewußter Bosheit sowohl in Benedikte, als in der Gassenjugend, als auch in den Hunden lebte; denn wenn Benediktlein ohne Brotlaib oder mit leerem Suppennapfe desselbigen Weges zurückkam, so gestaltete sich das Verhältnis wesentlich friedlicher, und ich fand nicht selten die drei feindlichen Elemente in allerschönster Eintracht miteinander sich vergnügend. An welche Beobachtung ich mancherlei philosophische Betrachtungen und Vergleichungen knüpfte.

Wenn ich neben Benedikte herging, so plauderte sie immer ohne Aufenthalt; ich aber suchte durch eingeworfene Worte dem lustig sprudelnden Bächlein die Richtung zu geben, wie Knaben den Abfluß einer Regentraufe durch Steinchen eindämmen und auf ihre Mühlen lenken. Allein zu meinem Leidwesen wollte das Gerinne nicht nach meinem Sinne laufen. Ich suchte in Benedikte die Erinnerung an vergangene Tage zu wecken, fragte sie nach ihrem Vater und wo sie früher gewohnt, sprach von allerlei Dingen, die sie kennen mußte, ohne indes meine Mitwisserschaft direkt preiszugeben: denn ich wollte, daß ihre kleine Seele sich selbst mir erschlösse und ihre Tiefen enthülle. Vergeblich! Auf die Frage nach ihrem Vater antwortete Benedikte nur leichthin: »Er ist tot,« an das Leben in der Goldschmiedwerkstatt schien sie keine Erinnerung behalten zu haben, und nur ein einziges Mal, als ich sie mit bewußter Absicht an einer solchen vorbeiführte, betrachtete sie sinnend die funkelnden Gegenstände im Fenster und sagte plötzlich: »Derlei schöne Dinge besaß meine Mutter früher auch.« Ich fragte, indem mir das Herz ein wenig klopfte: »Wo sind sie hingekommen, Benedikte?« Sie überlegte und antwortete dann feierlich: »Mutter wird sie wohl den Armen geschenkt haben, weil es Sünde ist, Gold und Silber zu besitzen« – und nach einem weiteren Nachdenken, indem sie auf die ausgestellten Kruzifixe wies: – »und den Heiland nachzubilden, sagt Mutter. Aber das ist nicht wahr, sagt Schwester Monika.«

Ich verstand mit einigem Schrecken, was für Konflikte mein Seelchen zwischen der Mutter und Schwester Monika schon ausgefochten haben mochte, was für fernere ihm noch drohten, und dachte, es könne wohl nicht schaden, die Wagschale der Schwester Monika noch um ein weniges zu beschweren. Ich fragte deshalb schnell: »Warum sollte es denn Sünde sein, den Heiland nachzubilden?« Benedikte antwortete prompt: »Weil wir nicht wissen, wie er aussah.« Ich replizierte: »Wir haben doch das Schweißtuch der heiligen Veronika.« Benedikte rief erfreut: »Ja, das sagt Schwester Monika auch!« Ich fragte gierig weiter: »Und was meinte Mutter dann darauf?« Benedikte erwiderte: »Es sei Sünde, ein Bild anzubeten, sagt Mutter.« Meine Antwort hatte ich bereit. »Benedikte,« rief ich warm, »wir beten ja das Bild nicht an, aber wir betrachten es in Liebe, wie das unsers besten und treusten Freundes!« Und zu meiner unaussprechlichen Befriedigung kam auch diesmal wieder die holde Bestätigung zurück: »Ja, so sagt Schwester Monika auch.«

Ich dachte: ›Germaine, du bist klug, aber diese Schwester Monika ist dir gewachsen!‹ Mein Herz wurde leicht und ruhig, ich sah, ich konnte das Kind vertrauensvoll seinem Geschicke überlassen, das die kleine Seele so weise zwischen zwei gleich starke Einflüsse gestellt hatte. »Die Natur geht voran und zieht die Religion nach sich,« hatte Helvetius gesagt. Ich verstand ihn erst jetzt ganz. War Benedikte eine Natur von Grundsätzen, so würde sie wohl mehr auf die Mutter hören; war sie ein Gefühlswesen, hatten Herz und Phantasie größere Gewalt in ihr, so ergab sie sich sicher der Schwester Monika. Dieser sandte ich in Gedanken einen brüderlichen Segensgruß und trat in ein unausgesprochenes Bündnis mit ihr. ›So kann es nicht fehlgehen,‹ sagte ich mir.

Mit äußerster Bitterkeit indes erfüllte mich die Wahrnehmung, wie vollständig es Germaine gelungen war, in dem Kinde das Andenken an den Vater zu verwischen, und ich tat einen furchtbaren Schwur, daß ich das so gewaltsam Getötete zum Leben zurückrufen und mit solchen Waffen versehen wollte, daß die gefühllose Frau alle Foltern und Bußen der Welt daran erleben sollte. Es wäre indes die schlimmste Unvorsichtigkeit gewesen, hätte ich mit der Ausführung dieses Vorhabens gleich beginnen wollen; deshalb begnügte ich mich, in der einmal gewählten Taktik verharrend, Benedikte durch indirekte Einflüsse auf Erinnerungsspuren zu leiten und sie dann selbst weitersuchen zu lassen. Da ich bemerkte, wie rasch sie sich Melodien aneignete, die sie auf der Straße vernahm, und wie sicher und gern sie sie nachsang, verfiel ich darauf, ihr mit plötzlicher Attacke das Liedchen vorzusingen, das sie einst von Ninon gelernt hatte: » Oh mon berger, si ta flûte enchantée –«. Zu meiner Freude horchte sie alsbald auf, fiel ein, ergänzte, berichtigte. Sie wußte, bei Gott! das Lied noch genauer als ich selbst! Als ich aber, zitternd vor Erwartung, nun auch die Frage tat: »Benedikte, woher kennst du das Lied?«, da mußte ich erfahren, daß es zweierlei ist, eine Erinnerung besitzen und sie auf ihren Ursprung zurückleiten. Benedikte kannte etwa hundert Liedlein, fromme, die sie in der Klosterschule, lose, die sie auf der Straße gelernt; und sie antwortete mir, was sie vielleicht bei manchem andern ihrer artigen Verslein geantwortet haben würde: »O, wie soll ich das wissen?« Was sie ganz genau wußte, war nur, daß es zu den Liedern gehörte, die man zu Hause nicht singen darf.

Es prickelte mich, zu wissen, ob Benedikte ihrer Mutter etwas von unsern Begegnungen verraten hatte, wiewohl ich mir diese Frage leichtlich hätte selbst beantworten können; erinnerte ich mich doch ganz genau, wie klug seinerzeit die Vierjährige ihre Besuche bei Ninon verschwiegen hatte. Auch war es klar, daß Germaine unser Zusammentreffen verhindert und ihr Kind in strengste Hut genommen hätte, würde sie nur die leiseste Ahnung von meiner Existenz gehabt haben. Dennoch wunderte mich des kleinen Wesens Verschlossenheit, und ich hätte gern gewußt, wie es die Verheimlichung vor seinem Gewissen rechtfertigte; denn so viel weiß auch eine Zehnjährige, daß Heimlichkeit vor der Mutter an sich schon Sünde ist. Es wäre nicht gut angegangen, Benedikten direkt danach zu fragen, die Frage hätte vielleicht Bedenken, die schlummerten, erst erweckt; deshalb schlich ich wieder auf Umwegen herbei und fragte die Kleine, ob denn ihre Mutter sehr streng zu ihr sei.

»O – sehr!« sagte Benedikte mit altkluger Miene. »Aber es ist auch wohl nötig. Schwester Monika sagt, ich sei das wildeste Kind in der Klasse.«

»So?« antwortete ich, zugleich belustigt und gerührt. »Es ist lieb und gut von dir, Benediktlein, daß du deine Fehler einsiehst. Aber wenn hierin schon Mutter und Schwester Monika einerlei Meinung sind – warum besserst du dich denn dann nicht, du kleine Hexe?«

Da hob Benedikte die Augen zu meinem Antlitz empor – ihre schwarzen, blitzenden, lachenden und zugleich so heißen Augen – und sagte kein Sterbenswörtlein. Ihr feines Mündchen mit den leicht nach oben geschweiften Winkeln schien ein Lächeln zu verhalten. Langsam ging die zarte Rosenfarbe ihres Gesichtleins in ein flammendes Rot über, die goldenen Löcklein unter dem Haubenrande begannen zu zittern, die schönen Bogen der Brauen stiegen gewaltig, das Stirnlein kräuselte sich über der Nasenwurzel und das ganze Wesen sah aus, als wisse es nicht, solle es sich recht gründlich schämen oder sich seiner Streiche freuen. Und endlich, nach langem Nachdenken, entschloß sich das ungeratene Fräulein für das letztere und sprach, mit dem ganzen Gesichte lachend, das inhaltsschwere Wort: »Mutter sagt, ich sei gerade so ein gottverlassener Sünder, wie mein Vater einer war, und würde gewiß auch ein Ende mit Schrecken nehmen.« Und ehe ich eine Antwort auf diese verblüffende Auskunft hatte finden können, hatte sich mein Benediktlein aus dem Staube gemacht.

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