Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Grete Auer >

Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/roquesan/memoiren/memoiren.xml
typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid084b1cf8
Schließen

Navigation:

4

Man wird mir glauben, daß mein Herz vor Freude sprang, als ich meinen Gewinn ausgehändigt erhielt, was schon wenige Tage nach jenem Hoffeste zu Versailles erfolgte. Die liebe Herzogin schrieb mir noch obendrein ein artiges Glückwunschbriefchen, und dieses versetzte mich, mehr fast als mein unverhoffter Reichtum, in einen solchen Seligkeitsrausch, daß ich mir wie ein Erwählter des Himmels und besonderer Günstling aller guten Genien vorkam, als hätte ich nicht viertausend Louis, sondern den Kronschatz aller Reiche des Kontinents zusammen gewonnen. In meinem Ueberschwange war ich nun natürlich doppelt geneigt, eine schon vorher eingeschlagene Bahn mit größerem Eifer zu verfolgen, beschloß also, ein nicht ganz verächtliches Teil der gewonnenen Summe zu milden Gaben an Notleidende zu verwenden, und begab mich zu Beauvilliers, um ihm ein straffes Beutelein und tausend gute Vorsätze für künftige edle Taten zu Füßen zu legen.

Da der gute Herzog meine Begeisterung sah, mochte er bedenken, daß es von bester Wirkung sein konnte, einen solchen Herold warmer Liebe in die Hütten derer zu entsenden, die seelischer Stärkung ebenso dringend bedurften wie körperlicher. Er schlug mir daher vor, mein Geld selbst an arme Familien zu verteilen, um mir die Freude des Gebens gegenwärtig zu halten, und versprach, mir die Bekanntschaft eines Mannes zu vermitteln, der auf diesen Wegen mein Führer sein sollte. Diesen Mann führte er mir auch eines Tages zu. Es war ein holländischer Quacksalber, der sich Helvetius nannte und zum Aerger der gelahrten Doktorschaft von Paris und allen Erlassen der Sorbonne zum Trotz als selbstherrlicher Wunderarzt sein Unwesen unter dem Volke trieb.

Als ich das dicke Männlein mit dem kahlen und roten Kopfe, den er nicht einmal bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Perücke zu bedecken für nötig fand, zum ersten Male sah, als ich seine bäuerliche Haltung, seine verwahrloste Kleidung, sein reichlich von Speiseresten und Schnupftabak beflecktes Jabot wahrnahm, den rauhen Tönen seiner flämischen Kehle lauschte, vor seiner allzu geraden und unverblümten Redeweise mich entsetzte, da dachte ich, der Herzog von Beauvilliers habe sonderbare Konnexionen. Lange indes dauerte diese Vorstellung in mir nicht an. Als ich ein einziges Mal mit dem Armendoktor durch die Straßen von Paris gegangen war, da hatte ich meine Ansicht über ihn sowie über seine selbstgebrauten Tränklein und selbstgerührten Salben gründlich geändert.

Es gibt keine Worte, die genügend beschreiben können, wie der Mann heilte, und wenig fehlte, so wäre ich beim Anblick seines Wirkens in den Wahn früherer Tage zurückgefallen und hätte wieder an Aeußerungen übernatürlicher Mächte in sterblichen Wesen geglaubt. Uebernatürlich im schönsten Sinne; denn ein Engel vom Himmel hatte dem häßlichen kleinen Geschöpfe seine segnenden Finger verliehen.

Er führte mich durch Straßen, und in diesen Straßen durch Seitengäßchen, Höfe und Gänge, von deren Existenz und Aussehen ich bisher nur eine dunkle Ahnung gehabt hatte; die Spelunken und Diebsherbergen der Cours des Miracles, die ich sogar als abenteuersuchender Knabe ängstlich gemieden hatte, betrat er ohne Scheu. Schwindelnde, nachtschwarze Treppen flog er nur so empor, in Kellertiefen tauchte er, auf Fischer- und Wäscherboote sprang er gewandt und sicher, als wäre sein kugelrunder Körper nichts andres als eine mächtige, mit Luft gefüllte Blase, die sich schwebend überall bewegte und den Gesetzen der Schwere nicht untertan war. Wo er eintrat, empfing ihn ein Freudenruf oder mindestens ein dankbarer Blick. Freilich schien es mir, als ob die Patienten selbst nicht allzu großen Wert auf die grünen und braunen Mixturen legten, mit denen er sie, zum Glück nur etwa außen herum, behandelte. Aber wie hingen sie an seinen Lippen, deren unschöne und harte Laute sich jetzt zu Worten von wunderbarer Milde formten, an seinen dicken roten Händen, die jetzt mit dem Geschick und der Weichheit von Mutterhänden Leiden zu lindern verstanden oder kleine rührende Bequemlichkeiten anordneten, die dem Kranken wohler taten als irgendein Balsam! Helvetius kochte Suppen, schürte Feuer, fegte Stuben, schichtete Stroh, glättete Bettdecken, ja, er wusch nicht selten Menschen wie Kleidungsstücke und schleppte selbst das Wasser dazu von entfernten Straßenbrunnen herbei. Es gab keine Arbeit, die ich ihn nicht tun sah, die wenige ausgenommen, die ich ihm dann gelegentlich abnahm; aber was war meine linkische und ängstliche Hilfe im Vergleiche zu seinem erfahrenen Walten?

Ich habe später auch noch gelernt, an die grünen Pomaden, Bäder, Knetkuren und all den Hokuspokus des Holländers zu glauben, und zwar nur etwa ein Jahr später, als Beauvilliers selbst todkrank von Spanien zurückkehrte, wohin er den jungen König, den Bruder seines Zöglings, begleitet hatte, und als Fagon und die Leuchten der Sorbonne an seiner Rettung verzweifelten; da hat der mißachtete Empiriker ihn wiederhergestellt, und ich hielt ihn fortan auch für einen großen Gelehrten. Was ich zunächst kennen lernte, war der unermüdlich gute und hilfreiche Mensch, und in dieser Eigenschaft möchte ich ihn auch für die Nachwelt zeichnen.

Wirksamer noch als die himmlische Milde seines Wesens, die doch mit solch erstaunlich robuster Tatkraft verbunden war, schien mir die Freigebigkeit, mit welcher er solche, deren schlimmste Krankheit der Hunger war, ihrem Elende entzog. Ich sah nun wohl, warum Beauvilliers mich gerade an diesen Mann gewiesen hatte. Helvetius gab, wie nur die wahrhaft Guten geben können, ohne Rücksicht auf Schuld oder Verdienst, eben da, wo die Not es forderte. Geld hatte er immer zur Verfügung, obgleich er selbst arm wie eine Kirchenmaus schien, betonte jedoch mir gegenüber stets ausdrücklich, daß dieses Geld nicht sein Eigentum wäre, sondern von frommen und vornehmen Menschen gleich mir ihm zur Verwendung an Arme übergeben. Er sagte dies so oft, daß ich an der Wahrheit seiner Worte zu zweifeln begann; und wirklich bestätigte mir später Beauvilliers, daß die unerschöpflich scheinenden Mittel des Holländers in der Tat sein sauer verdientes, durch ärztliche Hilfe an zahlungsfähigen Patienten Erworbenes darstellten, wenn auch ein oder das andre Mal eine mildtätige Stiftung mit zustießen mochte. So gutherzig nun Helvetius sich den Armen gegenüber zeige, so unerbittlich poche er bei jenen Reichen auf seine Rechte, fordere schnelle und volle Bezahlung und setze ihnen unbarmherzig das Messer an die Kehle, so daß er in besseren Kreisen durchweg als ein Leuteschinder und Geizhals verschrien sei. Es gab aber keinen noch so mächtigen Mann in ganz Frankreich, der dem dickköpfigen kleinen Kerl, der in seiner Wut fauchte und pustete wie eine wilde Katze und in fürchterlichem Französisch, das sich mühsam aus gurgelnden Kehllauten löste, die kräftigsten Schmähworte feilbot, auch nur eines Hellers Wert vorenthalten hätte; dagegen ward er bald aus allen angesehenen Käufern unter großem Spektakel auf Nimmerwiedersehen hinausgeworfen – nur, um in Fällen der Not mit größter Höflichkeit wieder zurückberufen zu werden, denn seine Geschicklichkeit war so berühmt wie seine Geldgier. Er hatte eine ganz sonderbare Heilmethode, bei welcher Luft, Wasser und allerhand Kräuter eine bedeutende, Aderlaß und Purganz aber gar keine Rolle spielten; ganz Paris entrüstete sich einmal darüber, daß er bei einer vornehmen Wöchnerin die vorgeschriebenen vierzig Tage der Unreinheit ohne weiteres auf zehn verkürzte und der Frau ein Bad geben ließ, an welchem sie aber wunderbarerweise und vielleicht zum Aerger der Professionisten nicht starb, dessen wohltuende Wirkung sie vielmehr laut pries. Ebenso rücksichtslos setzte er Fieberkranke der freien Luft aus, forderte gebieterisch offene Fenster in der Siechenstube und schlug, wenn ihm nicht willfahrt wurde, laut schimpfend ein halbes Dutzend Scheiben ein. Es starb aber selten ein Patient, den Helvetius zu heilen versprochen hatte. Deshalb rief man ihn immer wieder und bezahlte auch gerne seine durchaus nicht bescheidenen Forderungen.

Dieses Doppelwesen also ward mein Führer, und ich muß sagen, daß ich in den mancherlei Zufälligkeiten unsrer Wanderungen nur immer die eine, die weichere Seite seiner Natur zu sehen bekommen habe. War ich vorher schon in der gezwungenen Eindämmung eines jedem Menschen eignen Liebesbedürfnisses schwärmerisch und opferfreudig gewesen, wie es sich weder für mein Alter, noch für meinen Stand mehr schickte, so ward ich es durch das Beispiel des sonderbaren Menschen erst recht, und mein Herz glühte Tag und Nacht von einer heiligen Sehnsucht, zu beglücken und zu geben. Ich schämte mich nicht mehr vor meinen Kameraden, ich ertrug ohne Schmerz ihren Spott, fühlte mich von Gott erwählt und über die Menge hinweggehoben und dachte zuzeiten sogar ernsthaft daran, ein zweiter Ignatius, den Degen niederzulegen und mich ganz nur frommen Werken zu weihen. Zum Glücke aber sieht zwischen Vorsatz und Ausführung der gewaltige Wall des Unberechenbaren, und es blieb beim Träumen und Sehnen.

Ich war also recht in der wundergläubigen Stimmung, in der Gott uns gerne sieht, wenn er uns sein bestes Werk geben will. Und in dieser Stimmung geschah es, daß ich einmal mit Helvetius am Krankenbette einer armen Frau tätig war und, da manche saure Arbeit mit unterlief, auf den Eintritt eines Engels gefaßt war, der mein Haupt mit weißen Lilien krönen sollte: als urplötzlich wirklich die Türe sich öffnete und zwar kein Engel eintrat, sondern ein putziges und dralles kleines Persönchen, das einen mächtigen Brotlaib trug. Neun oder zehn Jahre mochte das Ding alt sein, war von oben bis unten in braunen Wollstoff gehüllt und trug eine glatte weiße Haube auf dem blonden Haar. Wunderbar fraulich und gesetzt sah sie aus, wie sie durch die Stube schritt, die kleine Wohltäterin, das holdselige Gesichtchen war tiefernst, der Blick gesenkt. Sie begrüßte den Arzt, da schlug sie die Augen auf, daß ich mittenhinein sehen konnte: sie waren schwarz, voll Feuer und Glut. Helvetius sagte ein Scherzwort, da lachte die Kleine in hellen, zwitschernden Tönen ein hinreißendes Lachen. Ich erkannte sie, ich wollte ihren Namen rufen, aber das Wort erstickte mir im Halse: lautlos trat ich einen Schritt vor, daß ich plötzlich im breiten Lichtstreifen stand, der durch die offene Türe in die dämmerige Kammer fiel.

»O, der schöne Offizier!« sagte das Kind, mit offener Freude nach mir blickend. Der Holländer lachte und antwortete: »Das ist nicht nur ein schöner Offizier, Benediktlein, sondern auch ein braver und frommer Mann, der viel Gutes an den Armen tut.« Diese Mitteilung indes schien dem Wesen keinen sonderlichen Eindruck zu machen, denn es erwiderte nichts, verzog auch weiter keine Miene, fuhr aber fort, mich und mein schmuckes Habit mit leuchtenden Augen zu betrachten. Ich aber, während ich in ihren Zügen nach vertrauten Linien suchte, besann mich, ein wenig konfus, auf ein passendes Begrüßungswort, indem ich zugleich gewaltsam diejenigen unterdrückte, die das heiße Gefühl mir auf die Lippen drängte. Endlich, nachdem ich mir klargemacht, daß ich das Kind unmöglich an eine Bekanntschaft erinnern konnte, die es längst vergessen haben mußte, beschloß ich, kurzerhand ganz von vorn anzufangen und so zu tun, als ob ich das Benediktlein heute zum erstenmale sähe.

Ich reichte dem Kinde die Hand, frug nach seinem Namen und wie es hierherkomme, und erhielt wohlgesetzte und sehr verständige Antworten. Daß die Mutter es öfter mit Brot und Speisen zu armen Leuten schicke; daß es das fromme Amt nicht eben gerne versähe, weil die Hunde in den Straßen, vom Gerüche der Speisen angelockt, es oft so hart bedrängten, daß es sich kaum Rates wisse; daß es auch öfter von der Mutter gescholten werde, wenn es sich an Schaubuden oder bei Seiltänzern zu lange verweilte; und daß Schaubuden, wo es Affen und Papageien gäbe, doch das Allerschönste von der Welt seien und man durchaus nicht immer achtlos dran vorbeigehen könne: das alles plauderte voll Ernst und altkluger Gravität die kleine Dame daher und setzte ihre Worte so wohl, daß man ohne weiteres verstand, sie wisse, was sie sage und habe in ihrer Art schon fleißig über das Leben nachgedacht. Ich unterbrach sie mit der Frage: »Benedikte, warum trägst du dein schönes Haar in einer Haube?« Sie erwiderte prompt und voll Würde: »Mutter sagt, offenes Haar sei ein Fallstrick des Teufels und verführe zur Eitelkeit.« Ich sagte darauf, indem ich ein Lachen unterdrückte: »Die Damen bei Hofe tragen es jetzt im Nacken geknotet und bei den Ohren gebauscht; würde dir das nicht gefallen?« Sie schüttelte heftig den Kopf und gab purpurrot zurück: »Mutter sagt, was die großen Damen tun, schickt sich nicht für sittsame Mädchen.« Darauf konnte ich es nun nicht unterlassen, sie weiter zu necken, indem ich die Frage tat: »Benedikte, was ist denn sittsam?« Da war ihr Katechismus zu Ende und sie starrte mich mit ihren dunkeln Augen hilflos an.

Helvetius kam ihr gutmütig zur Hand, indem er mich Uebermütigen durch einen unfreundlichen Blick zurechtwies und sagte: »Sittsame Kinder, Benedikte, sind dasselbe wie gehorsame Kinder. Gehe jetzt heim und halte dich bei keiner Schaubude auf, damit sich die Mutter nicht um dich ängstiget.« Sie antwortete noch naseweis: »In dieser Gasse gibt es keine Schaubuden, sonst, sagt die Mutter, würde sie mich nicht allein haben gehen lassen!« und enteilte. Ich folgte ihr mit den Blicken und sah ein wenig betrübt, wie das schwere und viel zu lange Wollkleid um ihre Beinchen schlug und sie ordentlich am Ausschreiten behinderte. Dann sagte ich zu Helvetius: »Denkt nicht Uebles von mir, wenn ich dem Kinde nachgehe; die Gassen hier sind voll von Hunden.« Und ohne mich um sein erstauntes Gesicht zu kümmern, sprang ich hinaus und lief wohl eine halbe Stunde lang hinter dem braunen Figürchen her, ohne mich ihm zu nähern oder auch nur zu zeigen. Und leider muß ich gestehen: Schaubuden gab es keine in der Gasse, aber es gab Bänkelsänger in den Höfen oder Harfenisten vor den Türen, und bei jedem einzelnen derselben blieb Benedikte stehen und tat ein paar Hüpferchen, indem sie das lange Wollkuttchen gar nicht sittsam in die Höhe zog. Jedesmal aber schien sie sich nach wenigen Minuten wieder an das Verbot der Mutter zu erinnern, brach ihr Tänzchen ab und huschte weiter, bis sie eine ansehnliche Gasse mit schönen Häusern betrat, in deren einem ihr bewegliches Bild mir verschwand.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.