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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 20
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authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
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3

Es soll nicht den Anschein haben, als sei ich durch meine Aufnahme bei den Garden nun mit einem Male ein Krösus geworden, der das Geld mit vollen Händen um sich zu streuen vermocht hätte. Weit entfernt davon! Aber ein Mensch, der jahrelang mit den knappsten Mitteln hat haushalten und dabei sogar einen gewissen Schein von Wohlhabenheit aufrechterhalten müssen, erübrigt bei nur halbwegs sicherem Einkommen leicht ein Geringes, das, zweckdienlich angewandt, in so schweren Zeiten nicht verachtenswert erschien. Für die zweckdienliche Anwendung sorgte Herr von Beauvilliers. Und so habe ich in diesem Winter allgemeiner Not vielleicht da und dort eine Suppe wärmen helfen, vielleicht ein oder das andre hungernde Mäulchen gestopft, bis ein Zufall mich in die Lage versetzte, mehr zu tun. Ich will nicht verhehlen, daß ich von seiten meiner Kameraden manche böse Neckerei zu hören bekam für eine Liebhaberei, die ihrer Ansicht nach sich wohl für alte Frauen, keineswegs aber für einen jungen Offizier schickte; auch Philipp fragte mich einmal spöttisch, unter welch wunderlichem Stern ich denn wohl geboren sei, daß sich bei mir der natürliche Lauf der Dinge in umgekehrter Reihenfolge abspiele als bei andern, und daß ich mit der Buße begänne, ehe ich die Sünde ausgekostet. Ich hatte auf derartige Reden keine Antwort, da ich mir selbst ein Rätsel und von den Vorstellungen meiner eignen Brust nur so viel mir klar war, daß ich ein heißes Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit durch diese kleinen Akte der Wohltätigkeit zu befriedigen half, während eine gewaltsam unterdrückte Leidenschaft sich in religiösen Schwärmereien Bahn brach. Ich will nicht erzählen, was für Zwiegespräche ich oftmals mit meinem Gott und Schöpfer hielt; man würde mich für wahnsinnig erklären. Genug, daß auf Erden für mich der Stellvertreter dieser Gottheit Beauvilliers war und daß meine Hingebung an diesen und an die Sache, die er vertrat, keine Grenzen kannte. Genug, daß ich in dieser ins Endlose gespannten Liebe einen fast vollwertigen Ersatz für ein konzentriertes Glück fand, wenn es auch Stunden gab, wo ich bei dieser Verdünnung des Gefühles, wie bei einer mageren Suppe, die für viele reichen muß, recht bitter Hunger litt. Aber das war nun einmal so.

Und nun zu dem eben erwähnten Zufall!

Als wäre das vergangene Jahr das segensreichste und üppigste gewesen; als müsse man Ueberfluß, der nicht zu bergen wäre, dem Herankommenden in den Schoß werfen; oder als gelte es, die Genien des jungen Jahrhunderts zu täuschen über den wahren Zustand der Menschheit, der sie sich vermählen wollten: so prangte dieser Winter von 1700 mit den unerhörtesten Festen ohne Zahl. Ging man abends durch die Straßen der Stadt, so fand man alle Fenster hell von Kerzenschein, und im grellen Licht der Laternen huschten Masken vorüber, bunt, grotesk, phantastisch, wie Paris sie nie zuvor gesehen hatte, als wären die verschnörkelten Wappenschilder der Häuser selbst lebendig geworden und wandelten umher; öffnete sich unversehens wo eine Türe, so drang Musik heraus, ein leidenschaftlich jubelnder Geigenton, ein heller Harfenakkord, wenn es die Türe eines vornehmen Hauses war, ein dumpfer Schrei der Querpfeife, des Dudelsacks aus niedrigen Spelunken. Auch bei Hofe wurde getanzt. Es gab seit einigen Jahren eine Person in Versailles, die es verstanden hatte, die entflohene Fröhlichkeit einzufangen und leise zurückzuführen unter das Dach, das sie lange gemieden hatte; eine Person, die den König wieder jung und Frau von Maintenon weltlich gemacht hatte; eine Person, die in ein Menuett so viel Bedeutung zu legen wußte, daß die weisesten Männer Frankreichs drüber sprachen, als wäre es eine Staatsaktion; die ungestraft in des Königs eigensten Gemächern den Betschemel beiseiteschob, um eine Bühne an seiner Stelle aufzuschlagen, und die in hellen Gewändern, blanken Schultern, lachenden Mienen wie ein ununterbrochener Wirbelwind der Lebenslust die graue Pedanterie aus den Gemächern von Versailles und Marly fegte. Dieses Geschöpf war Adelaide von Savoyen, die junge Herzogin von Burgund. Und der Bälle, Maskeraden, Theater und andrer Festlichkeiten, die man ihr zu Ehren gab und in deren Ausstattung die ersten wie die letzten Personen der Hofgesellschaft miteiferten, waren so viele, daß von Lichtmeß bis Fasten kein Abend verging, wo nicht getanzt oder gespielt wurde.

Und wahrlich war sie die geborene Königin der Freude, diese schlanke und doch in voller Reife der Weiblichkeit prangende Gestalt mit den breiten Schultern, den wiegenden Hüften, dem seinen, von dunkelm Kraushaar umspielten Nacken. Ihr Gesicht war häßlich, der Mund breit, die Haut von jenem warmen Oliventon der Italiener. Dunkle große Augen leuchteten fröhlich und milde zugleich, und ein ewiges Lächeln zeigte schimmernde Zahnreihen zwischen blutroten Lippen. So unbesieglich heiter und herzlich war der Ausdruck dieses braunen Rassegesichtchens, daß die blonden Schönheiten Frankreichs keinen Zauber mehr hatten neben der hinreißenden Savoyerin. Dabei war sie gut, und der ganze Himmel eines jungen, reinen Eheglücks lag in ihren Augen, wenn sie über Spiel und Tanz hinweg dem Gatten zulächelte, der sich stets ein wenig abseits zu halten pflegte, als genüge es ihm, sich an der Lebenslust der geliebten Frau zu ergötzen, ohne selbst Freude zu suchen. Der Herzog von Burgund, einst des Bischofs von Cambrai, jetzt Beauvilliers' Zögling, war trotz seiner Jugend dieser Art von Lebensgenuß abhold; um Adelaidens willen und von ihrem Feuer hingerissen, entzog er sich ihm indessen nicht ganz.

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich dieser holdesten und besten Frau am Hofe mein Glück verdanke. Es war Chartres' Wille, daß ich ihn, so oft die Rücksicht auf andre Offiziere es erlaubte, zu den Festlichkeiten in Versailles und Marly begleiten sollte, freilich nicht als Maske oder als Tänzer, sondern einfach in meinem Amte als diensttuender Offizier. Philipp liebte übermütige Streiche, und wenn es dazu irgendwelcher Hilfe bedurfte, so empfing er sie am liebsten von mir, obgleich – oder etwa weil? – er mein Widerstreben derartigen Schwänken gegenüber kannte. Abgesehen davon, war mir mein Posten in irgendeiner Galerie, an einer Saaltüre oder Treppe nicht unlieb. Ich hatte meinen Spaß daran, Menschen zu beobachten, fliegende Worte und Gesten aufzufangen und alles zusammen in Beziehung zu bringen, Schlüsse zu ziehen, Romane zu dichten. Manchmal gesellte sich der Herzog von Beauvilliers zu mir und sprach ein oder das andre gütige Wort. Später geschah es dann auch, daß der Herzog von Burgund im Vorbeigehen mich flüchtig, aber voll Freundlichkeit grüßte; Beauvilliers mochte ihm von mir gesprochen haben. Und mit diesem Umstände mochte es wohl auch zusammenhängen, daß die liebe Herzogin manchmal ihre strahlenden Augen auf mir ruhen ließ und meinen ehrfurchtsvollen Gruß mit ihrem schönen warmen Lächeln erwiderte. So spinnt ein unsichtbares Band sich um Gleichgesinnte, was immer für äußere Umstände trennend zwischen ihnen stehen mögen.

Im Grunde ist es mir widerwärtig, Philipps losen Einfall eingehend zu schildern. Aber weil er zu diesem Abend gehört und einen Teil seiner tollen Stimmung rechtfertigt; weil er meines jungen Gebieters Art und Sinn kennzeichnet; endlich weil er von besseren Folgen begleitet war, als irgend jemand, außer vielleicht Philipp selbst, davon erwartet hätte: so will ich ihn hier der Ordnung nach erzählen.

Es befand sich damals unter den Damen des Hofes eine junge Frau, schön, von bisher untadligem Lebenswandel, nicht gerade klug, aber von geradem, schlichtem Verstande, wie ihn eine Frau, die nichts weiter sein will als Gattin und Mutter, nur eben braucht. Aber für das Parkett von Versailles stand dieser Verstand nicht auf genügend festen Füßen. Der Umstand allein, daß sie sittsam war, machte sie zur begehrten Beute für einen gewissen Jäger, dessen Namen zu verschweigen ich keinen Anlaß sehe, da, wie ich kürzlich hörte, St. Simon, der dasselbe Abenteuer erzählt, gleichfalls kein Bedenken trug, ihn der richtenden Nachwelt zu überliefern: es war der Graf Evreux, so schön wie lasterhaft, so verführerisch wie ruchlos. Dieser legte es mit allen Listen darauf an, das arme Geschöpf zu betören, daß es sich seiner Tugend ordentlich zu schämen begann und den Hofdamen ihre galanten Abenteuer neidete. Es ist ein feiner Kniff, sich über Einfalt und gute Sitte lustig zu machen, und kein andrer verfängt so sicher; niemand will für simpel gelten; wünscht man sich Versuchungen, um heroische Tugend beweisen zu können, so kränkt doch keine Voraussetzung so sehr, wie die der Unfähigkeit zu sündigen. Und an diesen Fäden zog der perfide Mann die unerfahrene Schöne nach sich, und der Hof sah zu und setzte Wetten auf den Zeitpunkt ihres Falles; ich will wohl glauben, daß es ein pikantes Schauspiel für blasierte Seelen ist, in einer vordem reinen Frau die Eitelkeit erwachen zu sehen, aus der Eitelkeit die Abenteuerlust ersprießen, aus dieser die Leidenschaft – und solch ein Schauspiel und vor solchen Zuschauern ging da seit Wochen Tag um Tag vor sich.

Die arme Verführte – sie stand vielleicht eben an der Schwelle des zweiten Stadiums – schien nicht zu wissen, wie sehr gehässige und lüsterne Höflingsaugen ihrem Treiben folgten; und Chartres ließ über diesen Punkt einmal die oberflächliche Bemerkung fallen: »Wüßte sie's, sie wäre geheilt.« Ich hielt diese Ansicht für unrichtig, da von vielen Seiten die unbesonnene Wagehalsigkeit der jungen Frau besprochen wurde, die sich förmlich kopfüber in die gefährlichsten Situationen stürzte, denen sie wie durch ein Wunder mit heiler Haut entging. Der Punkt wurde bestritten, Chartres zuckte die Achseln und lächelte. Irgend jemand meinte, man könne es mit einer freimütigen Warnung versuchen. Chartres erwiderte, wieder scheinbar unlogisch, die würde nur übel aufgenommen und als Neid gedeutet werden, ja, die Frau auf ihrem Irrwege vielleicht noch bestärken. Das Gespräch erhitzte sich, aber nun wurde Philipp stumm; ich sah, daß ein Gedanke in ihm arbeitete, und als er gleich darauf mit brennenden Augen sich von der debattierenden Gruppe entfernte, wußte ich, daß er ihn gefunden hatte, und gedachte in Angst der Frau, für die ich Teilnahme empfand, weil sie manchmal artig zu mir gesprochen hatte. Ich erfuhr bald, daß meine Angst nicht grundlos war. Einige Tage später gab es einen Maskenball in Versailles; ich ward befohlen, trat an und sorgte, von einer Ahnung getrieben, dafür, daß ich in der Galerie vor dem Tanzsaale und so in die Nähe einer Türe zu stehen kam, daß ich die Gruppen der Tanzenden überschauen konnte. Das lange Viereck des Saales, dessen Boden das Kerzenlicht widerspiegelte wie eine Eisdecke, lag offen vor mir; ich sah es sich füllen, sah da und dort eine Gruppe von Tänzern rasch noch eine Menuettfigur üben, denn der König war streng und verlangte tadellose Bilder; oben stimmte das Orchester; irgendein übermütiges Prinzeßchen probierte den Fauteuil des Königs, der am entfernten Ende des Saales, etwas erhöht und von einer Reihe kleiner Sitze flankiert, stand; alles trug die Masken in der Hand, wie es der König, um schlimmen Streichen vorzubeugen, befohlen hatte; die Verkleidungen wurden besprochen und verglichen; wie die Menge zunahm, wuchs der Lärm, das Stimmengeschwirr, das Gewoge der bunten, schimmernden Gestalten; dann ertönte das Trompetensignal, welches den Eintritt des Königs ankündigte, und alles löste sich, reihte sich, trat in schöner Ordnung an gewohnte Plätze; jetzt spiegelte die Eisdecke wider, freilich leicht getrübt, und jetzt war sie von einem blütenhellen Frühlingskranze eingefaßt. Die Musik setzte ein, die zum Tanze Befohlenen marschierten paarweise vor dem König auf, der mit wohlwollendem Lächeln jeden einzelnen Tänzer begrüßte. Etwas steif lächelte auch die dunkelgekleidete Frau an seiner Linken, der es immer noch nicht recht von Herzen gehen zu wollen schien, sich an andrer Leute Freude zu freuen, und die ihr Widerstreben gegen derartige Festlichkeiten in böser Konsequenz jedesmal neu zu zeigen sich verpflichtet fühlte. Breiter, mit großen gelben Zähnen grinsend, lächelte die verbannte Königin von England, die an des Königs rechter Seite saß; ihr niedrig frisierter Kopf war in einer ununterbrochenen krampfhaften Bewegung des Grüßens, eine widerwärtig forcierte Holdseligkeit verzerrte ihr gefurchtes Gesicht. Frei, rein und herzlich lächelte einzig das braune Gesichtchen neben Frau von Maintenon, und nur der, dem dieser Gruß galt, durfte sich wirklich begrüßt fühlen. »Seid froh, wie ich es bin,« sagten die warmen, samtweichen Augen. Ich stand an meiner Türe und beneidete das gesamte Defilee der Tänzer.

Jetzt begann das Menuett, in zierlicher Ordnung entwickelten sich die wohlgeübten Figuren, während alle, die nicht zum Tanze befohlen waren, sich rechts und links an den Längsseiten des Saales aufstellten. Alsobald aber machte sich eine leise Bewegung unter diesen Zuschauern bemerkbar, die auch ein Stirnrunzeln des Königs nicht bannen konnte, und jetzt begann auch draußen in den Gängen ein Huschen und Laufen, ein rasches, geräuschloses Oeffnen und Schließen von Türen, da und dort sogar ein Kichern, ein Getuschel, ein unvorsichtiges, schnell gedämpftes Auflachen. Das waren die Uebermütigen und Verliebten, die Galanten und Intriganten, die jetzt eilten, die bekannte Maske gegen eine neue, besser deckende umzutauschen, unter deren Schutz sie listig geplante Streiche ausüben oder reizende Abenteuer bestehen konnten. Unter denen, die so in den Korridoren spukten, hatte ich auch Chartres' schlanke Gestalt gesehen; sie war blitzschnell in der Richtung, wo die Gemächer der Conti lagen, enteilt; zurückkehren sah ich sie nicht mehr.

Das zweite oder dritte Menuett war getanzt, willkürlich stellten sich die Gruppen der Tanzenden, der König plauderte und schien nicht mehr zuzusehen, und schon gab es da und dort kleine Unregelmäßigkeiten. Da schien mir ein Gemurmel in den Ecken des Saales, eine unverkennbare Zerstreutheit unter den Tanzenden, ein zorniger und zugleich hilfloser Ausdruck in den Mienen des plötzlich wieder gespannt aufblickenden Königs ungewohnte Dinge anzudeuten. Das nächste, was ich sah, war jene verblendete junge Frau, von welcher ich gesprochen habe, die ohne Maske etwa in der Mitte des Saales tanzte; ihr gegenüber stand eine wunderlich weitgekleidete, ziemlich hohe Männerfigur, von einem Kopfe gekrönt, der vier Gesichter, wahrhaft künstlerisch aus Wachs gebildet, nach allen vier Seiten der Windrose hin zeigte. Dieser sonderbare Helm war obendrein durch einen Mechanismus, den allem Anscheine nach der weite Bausch des kuttenartigen Brokathemdes verhüllte, drehbar, so daß bald dieses, bald jenes Gesicht nach vorn gewendet erschien. Sämtliche Gesichter waren wohlgetroffene Porträts gegenwärtiger Personen, und mit einem eiskalten Gefühle des Schreckens erkannte ich darunter auch die glatten frauenhaften Züge des Grafen Evreux. Noch verstand ich das Spiel nicht, das da vor sich ging, nicht die Aufmerksamkeit, die es erregte; nur dunkel ahnte ich ein Verhängnis, das dem Verführer gleichwie seiner Beute drohte. Natürlich aber verfolgte ich nun in heller Angst jede Bewegung des vierköpfigen Ungetüms und hatte bald erfaßt, daß dieses, den Drehmechanismus der Maske mit unglaublicher Sicherheit handhabend, immer als Graf Evreux die Verbeugung vor der Tänzerin ausführte. Und als ob diese Grausamkeit noch nicht genüge, vollführte das Gespenst noch eine ausdrucksvolle Pantomime, indem es den Kopf jeder Wendung des Tanzes derart folgen ließ, daß das Gesicht des Grafen der Frau zugewendet blieb, wie immer auch der übrige Körper stehen mochte, und das bei jedem reculé und jedem tour de main mit solch beispielloser Sicherheit, daß es auch keinen Augenblick verfehlte. Das Schauspiel mußte schon eine Weile gedauert haben, als ich der Sache inne wurde, denn die Blicke des ganzen Saales waren bereits auf das Paar gerichtet. Die übrigen Tänzer kamen aus dem Takte und verdrehten, da sie notgedrungen das Menuett zu Ende führen mußten, ihre Hälse derart, daß man fast hätte meinen mögen, auch sie hätten einen Mechanismus im Leibe, der sie befähigte, das Vorne nach hinten zu wenden; die Zuschauer zu beiden Seiten des Saales hatten sich erhoben, einige waren sogar auf Bänke gestiegen, ja, eine neugierige Schöne, die ihr Näschen zu weit vorstreckte, wäre bei einem Haare samt ihrem Taburett mitten unter die Tänzer geflogen. Die Augen des Königs sprühten Flammen, seine mächtige Stirn war gerötet, sein Mund arbeitete wie immer, wenn er in Wut war. Frau von Maintenon hatte die Blicke züchtig gesenkt, ein milder Ausdruck von Ergeben und Vergeben lag auf ihren Zügen, und doch hätte ich, weiß Gott, jeden Eid geschworen, daß sie sich mehr als irgend jemand an der Szene ergötzte. Dumm, in offenbarem Nichtverstehen, glotzte die Königin von England in den Saal. Im Hintergrunde tuschelte die Prinzessin Conti mit der Herzogin von Chartres hinter einem kleinen Fächer, der wohl beider Lippen, nicht aber ihre vor boshafter Freude funkelnden Augen verbarg. Die Herzogin von Burgund verließ mit Beauvilliers und ihrem Gatten den Saal.

Das alles sah ich im Fluge; aber unentwegt, und auch lange nachher noch nicht zu bannen, stand das bleiche Gesicht der mißhandelten Frau vor meinen Augen. Weißen Mundes lächelnd, tanzte sie heldenmütig Figur um Figur, aber mit einem so unverkennbaren Ausdrucke äußerster Anstrengung, daß es mir vor Erbarmen fast die Eingeweide wendete; mir war, man sähe bei jedem Heben ihres Fußes das Zittern ihres Knies unter dem Reifrock selbst. Nach der ersten Figur hatte sie ihrem fürchterlichen Tänzer die Hand gereicht, wie um die Reihen zu verlassen, unbekümmert darum, ob ein andres Paar an ihrer Stelle einspringen möchte oder nicht; aber der Mann mit den vier Köpfen hatte die Hand nicht erfaßt, sondern war mit einer verneinenden Geste rückwärts geschritten auf seinen Platz – und im selben Augenblicke begann, zu meinem und sicher auch zu jener Unglücklichen beispiellosem Entsetzen, das Orchester dieselbe Menuettfigur zu wiederholen. Die Frau sah aus wie eine Sterbende; und so beredt sprach die Qual aus ihrem schönen Gesichte, daß rings im Kreise der Zuschauer kein Lachen vernehmbar ward; ja es lächelte jetzt auch niemand mehr, und die brutale Neugier schien einem wortlosen Grauen gewichen. Die Gefolterte hielt jetzt die Augen mit dem Ausdrucke tödlichster Angst auf die Saaltüren gerichtet. Irgend jemand muß diesen Ausdruck verstanden haben und gegangen sein, den Gatten, der noch nicht anwesend war und dessen Eintritt die Frau fürchtete, draußen irgendwo festzuhalten; denn diese äußerste Strafe wenigstens ist der Armen erspart geblieben.

Endlich war das Menuett, das doppelt die gewöhnliche Länge hatte und mir sechsmal so lang erschien, zu Ende. Die Frau und die vierköpfige Maske verloren sich unter den Gästen, und eine Minute später waren beide aus dem Saale verschwunden. Und jetzt stand alles in einer peinlich gedrückten Stimmung leise flüsternd in Gruppen beisammen. Der König hatte sich erhoben und sprach gedämpft, aber in sichtlicher Erregung zu Monsieur, Madame von Maintenon und dem Grafen Pontchartrin, die ihn umstanden. Sein Groll lastete auf allen Gemütern, und so unschuldig jeder einzelne an der eben beschriebenen Szene sein mochte, so fürchtete doch jeder einzelne die Folgen. Es war nichts Kleines, Ludwig XIV. übellaunig zu sehen, so sehr der gewaltige Mann sich beherrschen mochte. Man wußte, daß derartige Vorkommnisse oft der Ahnungsloseste und Anbeteiligste entgelten mußte, und es war wohl nicht ein Hofkavalier unter den Anwesenden, der in diesen Minuten bangen Schweigens nicht einem Vorwande nachgesonnen hätte, sich während der nächsten Tage vom Hofe zu entfernen. Ich will gestehen, daß es mir nicht besser ging als den andern. Ein Gardist stellte eine Frage an mich, ich wollte antworten und tat es im Flüsterton, ohne selbst zu wissen warum. Als ich mich beschämt darüber selbst zur Rede stellen wollte, merkte ich, daß auch alle übrigen Anwesenden sich kaum halblaut unterhielten. Es war uns allen wohl zumute, als hätten wir eben in nächster Nähe einen Blitz niederfahren sehen und warteten nun mit verhaltenem Atem auf den Donnerkrach und den Feuerruf, der uns ankündigen sollte, wo es eingeschlagen habe. Dieser Zustand, der bei dem natürlichen Vorgange eine halbe Sekunde dauert, wird fürchterlich, wenn er sich über eine halbe Stunde ausdehnt. Der Krach und der verheerende Einschlag blieben aber für diesmal erstaunlicherweise aus.

Die Herzogin von Burgund, die wieder im Saale erschienen war, Frau von Maintenon, der Zollkontrolleur Chamillart, dem seine Tüchtigkeit im Billardspiel einen unbeschreiblichen Einfluß auf den König gewonnen hatte, und Graf Pontchartrin hatten schon eine geraume Weile eine kleine erregte Debatte geführt, die bald abseits, bald vor dem Angesichte der Majestät ausgefochten wurde. Jedermann war neugierig, was es geben solle. Ludwig, der lange in offenbarer Unschlüssigkeit gestanden, gab nun augenscheinlich irgendeine Einwilligung mit jener bekannten Schulterbewegung, durch welche er allemal einen Verdruß von sich ab und hinter sich zu werfen schien. Nun erfuhr man auch das Resultat der Beratung. Eine Urne wurde in den Saal gebracht und auf einem Tischchen in freier Mitte aufgestellt. Da hatte jedermann begriffen, daß es sich um eine Lotterie handle und daß für heute der Tanz und Mummenschanz abgetan sein solle. Alles legte schweigend die Masken beiseite. Meine Blicke suchten Chartres und sahen seinen feinen Kopf sich aus einer gelben und schlitzäugigen Chinesenlarve herausschälen, die er lachend am langen Zopfe einem Offizier zuschwang, der sie ihm abnahm und forttrug. Philipp schien von allen Anwesenden der einzige Mensch zu sein, dem die herrschende Gewitterluft nicht auf die Nerven geschlagen hatte. Es waren diese Lotterien, seit das Geld im Lande so selten geworden war, ein beliebtes Spiel bei königlichen Festen geworden. War es in Gestalt wunderlicher kleiner Attrappen, in versiegelten Billetts, in allerhand ausländischem Kram verborgen, daß die Nummern an den Mann gebracht wurden, war es durch offenen Verkauf auf eigens arrangierten Messen mit Schaubuden aller Art, immer geschah es, daß eine Unmenge von Losen in den Händen der Hofleute kreisten, eine erstaunliche Anzahl von Gewinnen nach allen Seiten hin entfielen und eine artige Summe als Endresultat der allgemeinen Wohltätigkeit zugewendet werden konnte. Der findige Kopf, der den einträglichen Zeitvertreib ausgeheckt hatte, war wohl Chamillart gewesen; die graziöse Hand, die dem Ding seine verführerische Gestalt gab, war die der unermüdlichen Adelaide, deren kleiner brauner Kopf an lustigen Einfällen so reich war, wie er es nur eben sein mußte, um einen ganzen Hof von mehr oder minder knapp bemittelten Leuten zu gewagten Ausgaben zu verleiten.

Es war klar, daß an diesem Abende die Lotterie, die natürlich längst bereit war und wahrscheinlich am nächsten oder übernächsten Tage hätte gespielt werden sollen, nur aus dem Grunde ins Treffen geführt wurde, da ein Abbrechen der maskierten Tänze erwünscht erschien und ein Stimmungsumschlag auf irgendeine Weise herbeigeführt werden mußte. Keinerlei bestimmte Absicht mochte denen, die auf das Ablenkungsmittel verfallen waren, vorgeschwebt haben. Dennoch wurde die Sache von jenem Chorus knechtischer Seelen anders aufgefaßt und dementsprechend genommen. Man glaubte nicht anders, als der König böte einem Hofe, dem er zürne, nun Gelegenheit, sich durch einen Akt der Wohltätigkeit von verdienter Strafe loszukaufen und durch Freigebigkeit die verscherzte Gunst wiederzugewinnen, und diese Auffassung charakterisiert meines Erachtens unser unglückliches Zeitalter mehr als historische Kontraktbrüche oder Aemterverkauf. Alles drängte sich nach den Billetts. Nie ist der Vorrat zierlich verpackter Briefchen, den die Herzoginnen von Burgund und Chartres, der hinkende Maine und der Graf von Toulouse feilboten, so rasch vergriffen gewesen wie an jenem Abende. Das Schweigen und Flüstern war plötzlich einer lärmenden Bewegung gewichen. Wer seinen Handel in möglichster Nähe des Königs schließen konnte, tat es, indem er mit lauter Stimme forderte, seinen Preis ausrief, ja wohl überbot; wer weniger glücklich war, suchte wenigstens die Aufmerksamkeit der Majestät dadurch auf sich zu ziehen, daß er seine Lose wie Ehrenzeichen vorn an der Brust angeheftet trug. Damen jammerten laut, daß sie nicht so viele Lose hätten erhalten können, als sie zu kaufen geneigt gewesen wären. Männer rächten sich an alten Feinden, indem sie sie ebenso vernehmlich einer zu spärlichen Freigebigkeit fürs allgemeine Wohl bezichtigten. Es war, als ob Edelmannsehre und Frauenwürde nur noch an der Zahl der versiegelten Päckchen hingen, die jeder und jede einzelne zur Schau trug, so hämisch wurde der belächelt, der aus irgendeinem Grunde ihrer weniger erbeutet hatte. Und als die Herzogin von Burgund zur Urne trat, um mit ihrer kleinen Hand das Schicksalsrad zu drehen, da heuchelte diese ganze grinsende Sklavenschar die vollkommenste Zerstreutheit, als wäre es jedem von ihnen nur auf den wohltätigen Zweck der Sache angekommen, nicht aber auf irgendwelchen Gewinn.

Auf diese letztere Tatsache machte mich Chartres aufmerksam, der ein feiner Beobachter und humorvoller Schilderer war, und ich hätte mich an seiner Menschenkenntnis ergötzen können, wenn ich nicht just hätte erröten müssen. Ich fühlte mich nämlich mitbetroffen, denn ich hatte es genau ebenso gemacht, wie alle andern. So abhold ich sonst Glücksspielen war, so hatte ich mich, von der allgemeinen Furcht angesteckt und mitgerissen, zum Ankauf von zwei Losen verleiten lassen, mit welch ärmlicher Beute ich mich nun beschämt beiseite drückte, um nicht verhöhnt zu werden. Die Herzogin von Burgund hatte mir diese Lose verkauft, und sie hatte herzlich dazu gesprochen: »Mögen sie Ihnen Glück bringen!« Sonst hätte ich, von Chartres' Spott gereizt, die zwei Dinger wahrscheinlich fortgeworfen.

Der Abend in Versailles hatte einen doppelten Erfolg. Einmal war eine Frau gerettet worden, denn nicht nur der Graf Evreux, sondern auch in der Folge jeder andre Mann haben hinfort die Gewitzigte vergeblich bestürmt. Sie ist glücklich geworden in ihrer Ehe und ist als eine geachtete, tugendhafte und kinderreiche Frau gestorben.

Zum andern aber – und das gehört mehr zur Sache – geschah es, daß eine meiner beiden Nummern als erster Zug herauskam und daß ich damit das große Los von viertausend Louisdor gewonnen hatte.

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