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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 2
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Teil

1

Ich kann nicht, wie so mancher andre es tut, meine Memoiren mit der Aufzählung vorväterlicher Herrlichkeiten und Heldentaten beginnen. Selbst von meinem Vater weiß ich nur, daß er ein verarmter und zu seinem Glücke mit Ruhm gefallener bretonischer Edelmann war, dessen Tod die ganze Erbschaft an Gütern und Ehren darstellte, die er seinem einzigen Sohne hinterließ. Die Erinnerungen an meine früheste Jugend bieten nur Bilder drückender Armut auf einem halbverfallenen Edelhofe, dazwischen einige holdere von heimlichen Streifzügen durch rotblühendes Heideland und Brombeergebüsch. Vergeblich suche ich rückschauend in diesen Erinnerungen nach einer Frauengestalt; nur rauhe Knechte haben mich erzogen. Mein besseres Leben begann erst, als mein Vater, den ich auch nicht häufig sah, die Klugheit hatte, sich neben Turenne und vielleicht von derselben Kanonenkugel töten zu lassen, und die Milde des allerchristlichsten Königs mich vor dem Schicksale manches herabgekommenen Landjunkers bewahrte, das da war, als geduldeter Kostgänger seiner leibeigenen Bauern in Trägheit und Unwissenheit zu verderben. Das Todesverdienst meines Vaters machte mich zum Schützling Ludwigs des Großen, zum Zögling seiner neugegründeten Schule und zum Erben getragener Prunkgewänder fürstlicher Knaben. Ich war zehn Jahre alt, als ich, ein wildes, scheues und vernachlässigtes Kind, nach Paris kam; zwei Jahre später war ich ein so schmucker und eitler kleiner Marquis, wie je einer in den schimmernden Sälen Versailles' gewandelt.

Diese neuerworbenen Eigenschaften traten nie kräftiger in Aktion als auf meinem fast täglichen Spaziergange von dem nahe der Sorbonne gelegenen Lyzeum Ludwigs des Großen bis an das Palais Cardinal oder, wie es einige zwanzig Jahre später hieß, Palais Royal jenseits der Seine; denn ich pflegte allda meine besten Feierkleider zu tragen, weil der Gang keinem Geringeren galt als dem Neffen meines Königs, dem jungen Herzog Philipp von Chartres, dem man mich als dienenden Gespielen zugesellt hatte und mit welchem ich jede Feierstunde zubringen durfte unter den prächtigen Kastanienbäumen des Gartens, den der große Kardinal einst hatte anlegen lassen. Wenn ich so in meinen seidenen Kniestrümpfen und Stelzschühlein mit blitzenden Schnallen gegen die Brücke des heiligen Michael hinabstorchte, so pflegte ich mich täglich über das Gedränge und den Unrat zu ärgern, die beide meine zwölfjährige Edelmannswürde und meinen Staatsfrack bös gefährdeten. Besonders in der Cité, in den engen und dunkeln Gassen, wo der zähe, schwarze, vielgetretene Schlamm nie trocknen konnte, machte jeder Vorübergehende mich beben, und ich atmete erst auf, wenn ich auf den freieren Kai hinaustrat, wo die große Uhr mit dem Spielwerke stand. Diese Uhr nun verursachte mir täglich eine bittere Stunde: denn ich hätte für mein Leben gern das Spiel der artigen Holzmännlein mit angesehen, die da bei jedem Glockenschlage in die Runde liefen; aber ich wagte nicht, mich in den Haufen zu mischen, der das Uhrwerk zu allen Zeiten umdrängte, sondern reckte nur von fern meinen Hals, ob ich etwa einen Blick auf das niedliche Wunder erhaschen könnte. Dann war noch die neue Brücke zu überstehen, auf deren mächtiger Plattform ein wildes Gewoge von Händlern und Käufern aller Art förmlich zu brodeln schien, fast ebenso rastlos, wie darunter die Seinewellen an die satyrgeschmückten Steinpfeiler tobten, und mit ähnlichem Getöse. Ich pflegte von dieser Brücke immer hilfeflehend zu dem ehernen Heinrich IV. hinaufzublicken, dessen segnende Gebärde ich mir als eine – viel angebrachtere – beschwichtigende auslegte, von der ich mir doch eine endliche Wirkung auf die Schreier zu seinen Füßen versprach; wie ich auch die Haltung seines schnaubenden und erregten Pferdes in meiner Kinderphantasie mit dem Lärm auf der Brücke in Beziehung brachte und mir sagte, der Künstler habe ihm seinen entsetzten und unruhigen Ausdruck wohl mit Absicht gegeben, als diesem Standorte am angemessensten. Ich erfuhr freilich später, daß das Pferd in Italien gegossen worden sei für irgendeinen mediceischen Kriegshelden, daß es auf seiner Reise nach Frankreich gestrandet, sogar ein Jahr lang auf dem Meeresgrund gelegen habe und ferner so zahlreiche Abenteuer bestanden, daß sein geängstigtes Nüsternblähen vielleicht eher auf diese zurückgeführt werden durfte; aber um jene Zeit wußte ich das noch nicht und las nur unschuldig meine eignen Empfindungen im Antlitz des metallenen Tieres.

Vor diesem Pferde nun und unter der segnenden Hand des heiteren Königs war es, wo mich ein schnödes Schicksal erreichte. Ich wollte, die lateinischen Verse, mit denen Abbé Cölestin uns zu foltern pflegte, hätten mir halb so treu im Gedächtnis gehaftet wie die bräunlichen Sternbilder, mit denen mich die Karosse des Erzbischofs von Paris im Vorbeirollen geschmückt hatte, an meinen seidenen Höschen. Dabei hatte ich mir weder Neugier noch Unachtsamkeit vorzuwerfen; ich hatte einfach in der Menge nicht ausweichen können.

Es hatte geschneit, aber der Schnee war an der mildesten Februarsonne zerflossen, und Tausende von flinken Pariser Füßchen hatten ihn zu einem lieblichen Brei von äußerster Glätte geknetet, den Abfälle aus Fischkörben, Gemüseblätter, Eingeweide von Hühnern und Tauben sowie allerhand farbige Laugen unbekannten Ursprunges auf das angenehmste würzten. Da ich mich also unverhofft gesalbt und parfümiert sah, ahnte mir Trübes für den weiteren Verlauf des Tages. Was mir in Aussicht gestanden hatte, war eine vergnügliche Fahrt mit meinem herzoglichen Gespielen nach Versailles, wo es ausländische Gesandte und daher schöne fremdartige Trachten und Pracht und Geschmeide zu sehen gab, und vielleicht sogar den allerchristlichsten König selbst, und etwa, wenn das Glück uns besonders hold war, auch Mohren. Nun stand es übel um meine Hoffnungen, denn von dem Eindrucke meiner äußeren Erscheinung, wie sie sich in diesem Augenblicke darbot, mußte ich das Schlimmste fürchten; und ich fluchte in kindlichem Grimme den Straßen von Paris.

Es zeigte sich auch alsbald, daß ich nicht umsonst gebebt hatte. Philipp lachte zwar, als er mich sah, und ließ durch einen Kammerdiener Reinigungsversuche anstellen. Sie mißlangen gründlich. Und da ich leider des viel zarter gebauten Gespielen Gewänder nicht tragen konnte und selbst keinen zweiten Paradeanzug besaß, so mußte ich für diesmal trotz meines herz- und ohrenzerreißenden Jammers Versailles und die Gesandtschaft Imperiale Lescaros fahren lassen. Der kleine Herzog begab sich allein mit seinem Erzieher an den Hof, ich aber trottete voll Verdruß und Bitternis die gottverlassenen Straßen, die mich so zugerichtet hatten, wieder zurück. Wenigstens aber beschloß ich nun zu meinem eignen Troste, nicht gleich wieder in mein Gefängnis und unter meine höhnenden Kameraden zurückzukehren, sondern mich durch eine ausgiebige Forschungsreise für das verlorene Hoffest zu entschädigen; und zwar nahm ich mir in teuflischem Grimme vor, alle jene Abenteuer, denen ich sonst um meiner seidenen Kleider willen so entsagungsvoll aus dem Wege ging, nun rückhaltlos zu genießen und, wenn es darauf ankam, auch vor den Diebsspelunken des Cours des Miracles nicht zurückzuscheuen, im Menilmontant Fische zu fangen oder am Gerberkai Häute spülen zu helfen. Kurz, ich umschloß alle vier Ecken von Paris mit knabenhafter Wundersehnsucht und machte mich gleich auf den richtigen Weg, indem ich die Rue Richelieu aufwärts die Richtung nach der Grange Batelière einschlug, also eine möglichst entgegengesetzte zu der, welche mein Heimweg hätte haben müssen. Von da ab wandte ich mich ostwärts, mit der Kairostraße, wo die fremden Händler wohnten, als nächstes Ziel. Und dann wand ich mich, kein Seitengäßlein verschmähend, wo es etwas zu schauen gab, auf verschlungenen Pfaden wieder zur Cité herunter.

Wie so manchem, der in heftiger innerer Erregung durch Straßen oder Fluren wandelt und nichts zu sehen glaubt als seinen eignen Schmerz, so erging es auch mir an diesem Tage: leise, mir selbst unbewußt, sank das schöne Bild von Paris tief auf den Grund meiner Seele hinab, die den unversehens empfangenen Schatz treulich, wie eine gute Haushälterin, in reinlicher Kammer bewahrte. Und wenn ich heute des Tages gedenke und meines kindlichen Kummers über die verfehlte Dogengesandtschaft, so steigt ungerufen in vielfarbiger Pracht das Bild empor und überstrahlt alles, was ich für werter und wichtiger gehalten in meinem jungen Erwägen: des Schmerzes habe ich vergessen, aber jenen abenteuerlichen Streifzug halte ich lebenslang fest in meinem Erinnern. Abenteuerlich – denn in Paris war und ist heute noch jeder Schritt und jeder Blick ein Abenteuer, aber ein köstliches.

Geheimnisvoll dunkel und feucht, wie Felsenschluchten, öffneten sich die gewundenen Gassen, damals schon von hohen schwärzlichen Häusern flankiert; und das blaugraue Licht, das von oben her der matte Februarhimmel entsandte, zeichnete schräg einfallend die hunderterlei Profile dieser alten Fassaden. Es waren grämliche darunter mit gotischen Torbogen und kühn vorragenden Erkernasen, die gelehrt unter hohen, spitzen Dächern vorblickten wie unter Magisterhüten; und es waren jüngere, in breiten Linien lachende Kinder des gegenwärtigen Jahrhunderts, die nicht weise, aber gemütlich aussahen; und es waren ganz edle dabei, die mit säulengeschmückten Portalen, Gigantenleibern und Frauenköpfen, Fruchtranken und zarten Blattgebilden aussahen wie ein steingewordenes Lied von einem fernen Wunderlande. Märchenhafter noch erschienen die ungeheuern Insignien, die Haus und Straßen ihre Namen gaben, weit vorragend und wuchtend über den Häuptern der Wandelnden drohten, phantastische Schatten in das Halblicht der Gasse werfend. Dort stand ein Mohr mit Krone und Turban, ein Drache breitete hier seine gezackten Schwingen, ein geflügelt Pferd sprengte weit in die Luft hinaus, eine Sonne mit dickbackigem Prälatengesicht schmunzelte einen sanften Heiligen an, ein Schiffsschnabel stach aus gemaltem Gewässer hervor, und ein Löwe hob drohend seine Pranke. Anmutig an schmiedeeisernen Blattgewinden wiegten sich Laternen vor den Türen der Reichen; in stilleren Straßen baumelten sie an gespanntem Drahte mitten über der Gosse, die lieblich murmelnd wie ein Büchlein talwärts zog, nur da und dort vor einen Unrathaufen sich stauend oder mit keckem Satze, wie ein Gebirgswasser, darüberweg rauschend. Und diese Szenerie voll unruhig zackiger Linien und voll unruhig gebrochenen, vielfach hin und wieder geworfenen Lichtes war ewig belebt von dieser unerschöpflichen Menschenflut, die von allen Seiten zu- und abströmend, so sinnverwirrend rasch und rastlos sich ergoß wie die spielenden Wasser in den Gärten von Versailles. Das war die unermüdliche Nation, die in hundert Zungen schrie, in hundert Trachten prangte, die immer geschäftig und aufgeregt, immer heiter und neugierig, immer redend, lärmend und laufend, beständig ein Tagewerk zu verfolgen schien, das sie doch in all ihrer Hast nicht erreichte. Noch gellen mir die tausend Rufe in den Ohren, die, unaufhörlich wiederholt, von Gasse zu Gasse über alle Dächer weg bis in die hintersten Höfe hallten; und jeder dieser zerfahrenen Klänge weckt ein Bild: der Savoyarde im zerlumpten blauen Mantel zieht zischend Schere und Messer über den Schleifstein; der Pastetenbäcker im reinlichen Anzuge dreht und beschnüffelt seine goldene Ware; der Rattenfallenhändler rasselt mit seinen Drahtkäfigen; der Zahnbrecher läßt seine blanken Instrumente blitzen; im flachen Korbe der Fischerin zuckt die schimmernde Schuppenware; hinter bunten Affichen schreit der Ausrufer die Kunde von Türkenschlachten im fernen Ungarlande oder im seeumspülten Morea her; die Namen Montecucculis und Francesco Morosinis gellen in der Luft neben Sand- und Kräuterpreisen, dem nie verstummenden Geklingel der Wasserträger, den Tambouren und Pfeifen bettelnder Provenzalen und den langgezogenen heiseren Rufen der Läufer, die eine fürstliche Karosse ankündigen. Die Bretonin in weißer Flügelhaube trägt blendende Wäsche, die Elsässerin schützt mit ausgebreiteten Armen ihre hellglasierten Tontöpfe; vorsichtig gleitend, aber rasch und sicher windet sich der Blinde, den Hund an kurzer Leine haltend, durch die Menge; kokett trippelt die Bürgerin im Stöckelschuh, hochgeschürzt klappert die Wäscherin im Holzpantoffel daher; Tumulte und Kreischen umgeben eine Gruppe festgerannter Karren, denen ein herrschaftlicher Kutscher von seinem Bocke herunter mit schamlosester Zungenfertigkeit den Weg weist; seltener zeigt sich ein Reiter zu Pferd oder Maultier, denn die Straßen sind zu eng geworden für diese Art des Verkehrs, und die steinernen Bügeltritte vor den Haustüren sind zu friedlichen Abendsitzen degradiert, auf denen die Gevatterinnen plaudern und die Kinder spielen; kommt aber doch etwa ein Berittener des Weges getrabt, so drängt jeden Augenblick eine dahersausende Karosse ihn seitwärts unter die Fußgänger hinein, wo er Verwirrung und Zetergeschrei hervorruft. So setzt alles sich in Lärm um. Hoch in den Lüften aber zittern leise in sanfteren Wellen die Stimmen von hundert Kirchen- und Klosterglocken in ununterbrochener milder Schönheit dahin.

Ich will die Abenteuer nicht aufzählen, die ich bestand, die Wunder nicht, an denen ich mich berauschte; ich will nur feststellen, daß nach einigen Stunden die besagte verhängnisvolle Dekoration meiner Gewandung auch dem schärfsten Auge nicht mehr sichtbar gewesen wäre, weil jetzt auch der ganze übrige Fond auf dieselbe Farbe gestimmt war. Ich hatte geschwelgt im Wiedererwachen knabenhafter Triebe, die seit meinem Aufenthalt in Paris gekettet gelegen hatten, und ich war noch einmal in meinem Leben der kleine bretonische Landstreicher gewesen, als der ich geboren war. So gründlich hatte ich mich zurückverwandelt, daß ich jede Bequemlichkeit verschmähte, die der Luxus der Zeit nötig gemacht hatte, ganz besonders aber jene beweglichen Rollbrückchen oder auch einfachen Bretter, die in Gassen, wo die Wasser des Rinnsteins sich allzu gemächlich ausbreiteten, für geschmückte Fußgänger hingeschoben und so lange festgehalten wurden, bis jene trockenen Fußes das andre Ufer erreicht hatten. Sonst war ich wahrhaftig affig genug, diese Vorrichtung zu benutzen und den dafür fälligen Sous zu opfern, alles nur meinem Atlasfräckchen zuliebe. Heute setzte ich mit einem Jauchzen über die breiteste Pfütze, und wenn der Schlamm um mich her aufspritzte, so hatte ich ein angenehmes Gefühl befriedigter Rache, welches sich jetzt aber hauptsächlich gegen mein Hofkleid richtete; denn meine Gesinnung hatte umgeschlagen und ich hegte keine Feindschaft gegen die Straße mehr, nur gegen den Affenputz, der zwischen ihr und mir gestanden hatte. An alledem war die Karosse des Erzbischofs schuld; und sie ist es auch an dem, was folgt.

Ich hatte unterdessen wieder die Cité erreicht und suchte eben durch die Barillerie die Brücke des heiligen Michael zu gewinnen, als eine Zusammenrottung von allerlei Leuten an der Mündung der Straße mich aufhielt. Sie hatten alle die Augen auf ein Haus von besonders altertümlichem Aussehen gerichtet, das die Ecke der Barillerie und des Goldschmiedekais bildete und mit seinem gotischen Erkerchen gleichsam eine letzte Grenzwacht der alten Cité darstellte; denn der Goldschmiedekai, der erst seit wenigen Jahren von dieser Gilde besetzt worden war, bestand fast durchweg aus schmucken Neubauten. Ueber den Erker des alten Hauses weg blickte ein Heiliger im Sternenkranze schräg nach der Brücke zu; ein Ampelchen brannte davor, leise schwingend an schöngegossenem eisernem Arme. Das Haus war wohl ursprünglich ein adliges gewesen, das zeigte eben die beschriebene Eckenzier; jetzt hatte es eine Werkstatt im Erdgeschoß. Das alles übersah ich mit dem ersten Blicke; mein zweiter flog, der Aufmerksamkeit der Menge folgend, aufwärts nach dem breiten offenen Fenster jenes Erkers und saugte sich da fest wie ein durstiges Bienchen an einer Apfelblüte. Denn in dem dunkeln und zierlich geschweiften Rahmen stand, leicht vorgeneigt und auf die Menge zu seinen Füßen herablächelnd, ein Mann in bürgerlicher Kleidung, aber von unbeschreiblicher Schönheit der Gestalt und besonders des Gesichtes. Er hielt einen Becher in erhobener Hand und schien eine kleine launige Ansprache an das zusammengelaufene Volk zu halten, die mit hellem Gelächter und durch jubelnde Zurufe beantwortet wurde. Ich verstand nur zur Hälfte, was der Mann redete, weil die Zuhörer nicht gerade eine andächtige Ruhe bewahrten und weil auch aus dem Innern des Gebäudes eine Flut festlichen und fröhlichen Lärmens in Wellenstößen ins Freie drängte; aber ich vernahm mit innerem Wohlbehagen den jugendlichen Klang seiner Stimme hoch über allen andern Stimmen hinschweben, wie ich mit gleichem Gefallen den sonnenwarmen Ausdruck seiner Mienen, sein leuchtendes Auge und den Glanz seines Goldhaares in mich aufnahm. Es ist mir noch besonders erinnerlich, daß gerade dies Haar, dies wehende, schimmernde, naturschöne Haar mir auffiel, weil es mich mit meinem eignen, annoch ungepuderten Schopfe versöhnte, der mir zu einer Zeit, wo jeder halbwegs Ansehnliche in Paris eine Perücke trug, die allergrausten Stunden zu bereiten pflegte.

Ich stand eine Weile wie gebannt und verliebte mich buchstäblich in den schönen heiteren Mann; unbewußt arbeitete ich mit den Ellbogen, unbewußt schob ich mich durch die Menschen weiter vor, bis ich dicht unter dem Fenster stand und nun gerade in die hellen Augen über mir schauen konnte; aber auch er gewahrte mich, und die stumme Huldigung meiner Blicke schien ihn zu belustigen. Mit einer unaussprechlich drolligen und ausdrucksvollen Grimasse, die deutlich wie Worte redete: »Junge, wie wird dir's ergehen?« maß er meinen verdorbenen Anzug und lachte vergnügt über meine Antwort, die in einem Achselzucken und verächtlichen Schürzen meiner Lippen bestand. Hierauf trank er mir zu, wie einem, der etwas von Bedeutung zu erwarten hat, und ich weiß noch genau, mit welchem Feuer dieser Gruß mich durchrieselte, als hätte ich, und nicht er, den Becher geleert. Ich fühlte mich zu neuen Heldentaten bereit. Und ich will nur gleich hinzufügen, daß jener männliche Zutrunk und die daraus geborene Todesverachtung schuld sind, daß Abbé Cölestin mich am gleichen Abend den verstocktesten kleinen Sünder nannte, der je auf Gottes Erdboden gewandelt sei. –

Durch mancherlei Fragen erfuhr ich alsbald von den Umstehenden, daß der Mann am Fenster Regnard heiße – er war indessen, wie ich gleich bemerken will, nicht verwandt mit dem Komödienschreiber gleichen Namens, dessen unglaubliche Abenteuer einige Jahre später bekannt wurden! – und daß er der Zunft der Goldschmiede angehöre und eben Hochzeit feiere. Ich freute mich, daß er ein Gewerbe betrieb, das sich zu jener Zeit schon weit über den gemeinen Kaufmannsstand erhob, und ich freute mich, daß er so glücklich aussah und daß sein Fest von so vielen geteilt und begangen wurde. Denn wenn schon in Paris ein solches Mitfeiern ungeladener Gäste nicht zu den Seltenheiten gehörte, so hatte ich diese doch noch nie in solcher Zahl sich einfinden sehen. Außerdem, so sagte man mir, hatte der Goldschmied an die fünfzig angesehene Bürger in sein Haus geladen und hatte auch keineswegs gespart mit milden Gaben an die Armen des Kirchspiels, so daß recht eigentlich der ganze Stadtteil diesseits und jenseits des Seinearmes seine Hochzeit mitgenoß. Nach allen diesen Zeichen, die auf einen wohlhabenden und auch wohlgelittenen Mann schließen ließen, stellte ich mir auch eine reiche und stattliche Braut aus guter Familie vor, und war daher nicht wenig erstaunt, als ich auf meine Frage nach ihr allerlei abweichende und konfuse Antworten erhielt. Die einen wollten wissen, sie sei eine verarmte Adlige aus der Provinz, die andern nannten sie eine Hugenottin, die Regnard aus der Bedrängnis der Zeit, die keine Nachsicht mit jenen halsstarrigen Schwärmern kannte, an Leib und Seele gerettet habe; und die dritten sagten gar noch Schlimmeres, nämlich daß sie eine entsprungene Nonne aus Port Royal sei, also doppelt treubrüchig und ketzerisch. Man kann sich leicht denken, wie mich gelüstete, die sonderbare Auserwählte meines sonnigen Bräutigams zu sehen, besonders da die Leute hinzufügten, sie stehe ihm keineswegs nach an Zauber und Holdheit der Erscheinung, wenn auch von wesentlich verschiedener Art. Es gelang mir aber nicht, auch nur einen Blick von ihr zu erhaschen, da sie sich nicht am Fenster zeigte, obgleich der Mann selbst sie darum zu bitten schien, wie ich aus einer rückwärts ins Zimmer gerichteten Geste zu schließen mich berechtigt glaubte. Eine Weile wartete ich noch, hoffend, daß sie doch schließlich, wie es jede andre Braut zu tun pflegte, hervortreten und den beglückwünschenden Zurufen danken würde, die ja ihr nicht weniger galten als dem Gatten. Da dies aber nicht erfolgte und da auch die Miene des Bräutigams sich leicht verdüsterte, was ich mit ganz richtigem Instinkte dem Unmute über das unhöfliche Betragen seiner Angetrauten zuschrieb, so trollte ich mich schließlich, nicht ganz befriedigt, aber doch in einer angenehmen Erregung und mit mächtig arbeitender Phantasie, die mir noch manche Nacht nachher die wunderlichsten Bilder vorrückte, in denen in tausenderlei Gestalt die rätselhafte Goldschmiedsbraut webte und schwebte.

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