Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Grete Auer >

Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/roquesan/memoiren/memoiren.xml
typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid084b1cf8
Schließen

Navigation:

14

Wenn Regnard in Ninons Gegenwart nie den Namen seiner Gattin ausgesprochen hatte, so redete er dafür um so mehr und um so lieber von Benedikten, von der überhaupt sein ganzes Herz zum Ueberfließen voll war. Nur zu gut verstand er, daß er dem sonnigen Kinde seine eigenste Art vererbt hatte und daß es deshalb von dem Tage an, wo diese Art sich geltend machte, der Mutter fremd werden mußte, wie er selbst ihr fremd war. Er hatte längst die Hoffnung aufgegeben, Germaines dunkle Seele zu erhellen, und er sah traurige Tage für das Kind voraus, ohne irgendein Mittel, eine Abwehr der kommenden Gefahr ausdenken zu können. Darüber sprach er zu Ninon, die alsobald das kleine Wesen mit ihrem großen Mitleid umschloß; und dieses Mitleid setzte sich auch hier sofort wieder in ein tätiges und heiteres Bestreben um, Freude zu machen und zu beglücken. Deshalb bat sie Regnard, ihr das Kind einmal zuzuführen, und machte sich eifrig daran, allerlei Spielzeug und Unterhaltung für den winzigen Gast vorzubereiten, der übrigens nicht der einzige seiner Art in dem gefeierten und doch so verrufenen Hause war. Denn Ninon war wie alle warmherzigen Frauen kinderlieb; und hatte sie, wie sie sich ausdrückte, in jüngeren Jahren Kinder zu sich kommen lassen, um ihre Seele von Weltekel und Reue reinzubaden – denn auch solche Stimmungen hatte Ninon einst gekannt! – so tat sie es jetzt, wo sie solcher Reinigung wahrlich nicht mehr bedurfte, aus natürlicher Freude an dem Schönsten, was die Schöpfung hervorbringt, dem Einzigen und Besten, was immer beglückt und nie ermüdet.

Benedikte in ihrem schlichten Röcklein sah aus wie ein kleiner brauner Käfer, wie sie erstaunt und voll jubelnder Neugier in dem großen Gemache voll blitzender und prächtiger Dinge herumtrippelte. O wie vorsichtig tippte das rosige Fingerchen an die vergoldeten Zierate der Möbel, wie liebevoll strichen die Händchen über die schönen hellen Seidenstoffe! Vor jedem neuen Gegenstande stand die Kleine erst sinnend eine Weile still und betrachtete ihn lange mit ganz dunkeln Augen; dann blickte sie fragend zu Ninon auf, dann, als ob sie nun gewiß wäre, daß das schöne Gerät auch wirklich keine Gefahr im Hinterhalt hege, berührte sie es ganz zage, dann kecker und endlich patschte sie mit heller Lust auf den Dingen herum, streichelte und liebkoste sie und ließ dazu ihr zwitscherndes Stimmchen in lachenden Tönen erklingen. Ninon und Regnard liefen Arm in Arm hinter dem Kinde her, solange die Rekognoszierung des Terrains dauerte, und lachten so herzlich mit, daß die ganze Szene anmutete wie das köstlichste Stück Elternglück, das je auf Erden geblüht hatte. Manchmal streckte Benedikte die Händchen nach irgendeinem Kleinod aus, das von Sims oder Konsole zu ihr herabfunkelte; schnell langte es Ninon herab, und war es zerbrechlich, so setzte sie sich an die Erde, nahm Kind und Kleinod zusammen in den Schoß und behütete das Spiel. Unter diesen Dingen war Benedikten auch die Goldschale mit der Elfenbeinfigur ins Auge gefallen, die ihr Vater für seine Freundin gefertigt. Ninon gab sie ihr, neben dem Kinde niederkniend; lange betrachtete die Kleine mit andächtigem Schweigen die reizende Figur, und ebenso andächtig blickte wiederum Ninon in das ernste Gesichtchen, gespannt forschend, als könne in dieser kaum erschlossenen Seele schon ein Verständnis für die Kunst des Vaters zu erlauschen sein. Wirklich erwies Benedikte dem Elfenbeinweibchen und den drolligen Fischen etwas gründlichere Aufmerksamkeit und wollte sich ungern von ihnen trennen; darüber nun tauschten Ninon und Regnard einen Blick so unbeschreiblicher Freude, daß mir die Rührung in die Kehle stieg. Der Mann faßte leise hinter dem Köpfchen des Kindes weg die Hand der knienden Frau und man konnte deutlich sehen, in wie festem, glücklichem Drucke er sie umspannt hielt; doch wurden seine Augen, wie er lange auf sie niederblickte, allmählich düster. Ninon erhob sich und faßte, einen Seufzer halb unterdrückend, den Gedanken in Worte, den sie und Regnard eben gemeinsam gehegt hatten: »Wie gut würden wir drei uns verstehen!«

Als Benedikte ein andermal wieder zu Ninon kam, hatte die gute Fee ein Kinderkleidchen zurechtgelegt, das den kleinen braunen Käfer in einen würdigen Gast des herrlichen Gemaches verwandeln sollte. Benediktens Jubel über diesen Putz war höchst drollig; geradezu ergreifend war aber die holde Freude, mit welcher Ninon das kleine Ding kleidete und schmückte. Regnard und ich konnten keinen Blick von der Frau wenden, die uns in dieser mütterlichen Beschäftigung in einem neuen Zauber erschien. Endlich stand das Kind, steif und schwer von Brokat und Perlenstickerei, auf seinen Beinchen, und nun nahm Ninon es bei der Hand und lehrte es tanzen, während Regnard und ich recht wie eine alte Brummgeige die Weise dazu sangen. Benedikte zeigte bald, daß sie nicht umsonst das Kind des besten Tänzers von Paris war, wiegte ihr noch sehr rundliches Körperchen in gutem Rhythmus, hob die Beinchen flink, hielt mit spitzen Fingerchen ihr Glockenröckchen hoch und nickte und wippte, der Musik nachhorchend, wie eine Bachstelze mit dem klugen Köpfchen. Wieder sahen Ninon und Regnard sich innig in die Augen, jetzt aber sprach der Mann das Wort aus, das gesprochen werden mußte, indem er die verehrte Frau mit trauriger Zärtlichkeit an sich zog: »O Ninon! warum bist du nicht dazu bestimmt, das aus dem Kinde zu machen, was aus ihm gemacht werden könnte!« – »Ja,« sagte Ninon wehmütig, »das habe ich mir verscherzt. Hätte ich es vorausgewußt, so wäre ich wohl in manchem klüger gewesen!« Dann wandte sie sich zu mir und fuhr rasch fort mit jenem sonderbaren, aus Ernst und Lächeln gemischten Ausdrucke, den ich an ihr schon beschrieben habe, zu sprechen: »Man muß sein Leben nie vergeuden. Es kommt immer einmal ein Tag, wo man sieht, daß man es hätte zu besserem verwenden können, und dann tut die Reue weh. Merkt es euch, Kinder, die ihr das Leben noch vor euch habt!« Dies richtete sie an Regnard und mich: »Es gehört nicht euch, euer Leben. Es wird eine Stunde kommen, wo irgend jemand zu euch sprechen wird: ›Du warst für mich erschaffen und bestimmt, mir Gutes zu tun!‹ Seht zu, daß ihr dann nicht antworten müßt, wie ich eben: ›Dieses Glück habe ich mir und dir verscherzt!‹« Regnard wandte sein Gesicht zur Wand, als Ninon diese kleine Rede hielt, ich aber fühlte das warme Blut sich nach meinem Herzen drängen und meine Wangen färben, griff nach der Hand der armen herrlichen Frau und rief feierlich: »Mama Ninon! Ich gelobe dir, daß ich mein Leben heilig halten will für das Gute, das noch von mir gefordert werden wird!« Sie gab mir einen leichten, liebevollen Schlag auf die Wange und sagte heiter: »So machst du mich sehr glücklich, mein guter Junge!« Und dann plauderte sie munter weiter und hatte selbst und machte auch uns bald die Rührung dieser Szene vergessen.

Regnard hatte Benedikten nie verboten, von diesen Besuchen bei Ninon zu sprechen, einesteils, weil er das noch nicht vierjährige Gewissen nicht schon mit einer Heimlichkeit belasten wollte, anderseits, weil er sich jetzt wieder Manns genug fühlte, in solchen Dingen seinen eignen Willen zu haben. Indes wunderbarerweise verriet das Kind selbst auch nicht ein Sterbenswörtchen davon. Fürchtete es in seiner ahnungsvollen kleinen Seele die kalte Abwehr in den Augen der Mutter? Germaine hatte immer finster geblickt, wenn Benedikte mit dem Savoyarden gespielt hatte, und vielleicht hatte letztere daran schon gelernt, daß man sich besser freuen konnte, wenn man seine Freude für sich behielt. Regnard und ich konnten uns nicht genug über die Klugheit des Geschöpfchens wundern. Freilich plapperte Benedikte, wenn sie sich selbst überlassen auf ihrer Wolldecke saß, in ihren Spielen allerhand vor sich hin, das auf die Besuche bei Ninon Bezug hatte und das Regnard und ich wohl verstanden. Doch hielt Germaine all die unzusammenhängenden Reben von goldenen und schönen Dingen für Phantasien des ruhelosen Gehirnchens und gab nicht weiter darauf acht. Frug sie aber einmal unversehens: »Von was für seidenen Kleidern sprichst du da, Benedikte, und wer tanzt so lieb mit dir?« Dann schaute die Kleine mit einem feindseligen Ausdrucke zu ihr hinüber und sagte stumpf: »Weiß nicht!« Dabei glommen ihre dunkeln Augen wie die Kohlen. Der Goldschmied und ich sahen uns an; ich aber begriff, daß in dem winzigen Wesen da nicht nur der ganze Regnard steckte, sondern auch ein gut Stück Germaine, und wußte nicht, sollte ich mich freuen oder betrübt sein. Germaine aber sagte ärgerlich: »Nun fängt das Ding auch schon an, Fabeln zu spinnen wie sein Vater! Was habe ich mir da geboren!« Und so vergingen Wochen um Wochen, während welcher der sonderbar heimgesuchte Mann und sein Kind in dem Hause einer Kurtisane das genossen, was das eigne Heim nicht geben konnte: Familienglück. Endlich aber erfolgte dennoch, wie es nicht anders geschehen konnte, die Entdeckung und die Katastrophe.

Ninon kannte eine ganze Reihe niedlicher Tanzliedchen, die sie mit einer matten, vibrierenden, aber noch immer weichen Stimme und mit viel Ausdruck und Koketterie sang. Es gab nichts Anmutigeres als die maßvollen und ruhigen Bewegungen des feinen Matrönchens, wenn sie sich im Menuettschritt wiegte, das begleitende Spiel ihrer Mienen, die alles ausdrückten, was eine Frau beim Tanze Holdes und Lockendes sagen kann, und vor allem das überlegene und schelmische Lächeln, womit sie ihren oft etwas gewagten Liedertext begleitete. In diesen Augenblicken begriff man ganz die Macht der grauhaarigen Herzenskönigin, die alles, was an jungen Frauen keck erschienen wäre, mit einer so ganz eignen und unbeschreiblichen Grazie zum Ausdruck bringen konnte, daß es, jeder niedrigen Nebenbedeutung beraubt, nur als allerreinste Kunst wirkte. Darum hatte auch Regnard nichts dagegen, daß Ninon die kleine Benedikte einige ihrer Menuettliedchen lehrte, wozu es übrigens kaum vieler Anleitung bedurfte, denn Benedikte ahmte alles nach und zwar mit einer ernsthaften Genauigkeit, die uns alle in helles Lachen ausbrechen ließ, so oft sie damit begann. Denn was an Ninons schlanker, silberschimmernder Erscheinung königlich wirkte, das gab das dralle kleine Persönchen natürlich in einer reizenden Komik wieder, und die zärtlichen Wendungen der Textstrophen, deren Sinn sie nicht verstand und deren Ausdruck sie doch traf, wirkten allerliebst durch die unschuldige Kinderstimme, die sie sang. Dazu kam noch, daß sie die Worte nach Kinderart oft unvollkommen aussprach oder verdrehte; nie aber irrte sie sich im Rhythmus oder im musikalischen Ausdruck, und dieser Kontrast, dieses instinktmäßige Erfassen von etwas, woran das Bewußtsein noch keinen Teil hat, machten uns die kleinen Produktionen kurzweilig und rührend zugleich. Benedikte schien auch zu empfinden, daß sie gefiel, denn sie legte immer neuen Eifer an den Tag; und begann Ninon nur, ihr rauschendes Seidenkleid hebend und das Füßchen in spitzer Bewegung nach vorne schiebend:

»O mon berger, si ta flûte enchantée –«,

so stand auch schon Benedikte ihr gegenüber, legte das goldhaarige Köpfchen kokett zur Seite, faßte ihr Röckchen, trippelte mit ihren dicken Beinchen recht artig mit und gab mit dem schmelzendsten Gefühle und sanft niedergeschlagenen Augen die folgende Zeile zurück:

» – fait vibrer mon coeur de tendresse –«,

wobei sie freilich kein einziges »r« aussprach und statt »teneresse« – »tlendesse« sang, ohne daß dies indes die zärtliche Wirkung im geringsten geschmälert hätte.

An dieser gefährlichen Spielerei sollte denn nun endlich die Sache eine scharfe Wendung nehmen, die weder Regnard noch Ninon noch auch ich vorausgesehen hatten. Denn natürlich geschah es eines Tages um die Mitte des Winters, daß Benedikte ihre artige Kunstleistung zu Hause und vor den Augen Germaines zum besten gab – und was folgt, kann man sich ja wohl denken. Das Kind hatte wohl eine Stunde lang ruhig und unbeachtet mit seinem Savoyarden gespielt, während Germaine nähte, Regnard und ich an unsern Pfeifen schmauchten und – ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen – von dem Ereignisse sprachen, das in jenen Februartagen ganz Paris in froher Aufregung hielt: der Zerstörung der englischen Smyrna-Flotte durch unsern Admiral Tourville. Regnard setzte mir eben auseinander, welchen durchaus nicht günstigen Einfluß diese Heldentat auf den Perlenhandel haben müßte, als plötzlich von der dämmerigen Ecke des Zimmers her ein leises süßes Stimmchen in wohlbekannten Tönen geschwirrt kam:

»O mon berger, si ta flûte enchantée
Fait vibrer mon cœur de tendresse –«

und ein ganz vernehmliches Trippeln dicker Patschfüßchen den Rhythmus dieser Melodie markierte. Regnard war ruhig sitzen geblieben und lächelte nur mit einem bösen Lächeln vor sich hin wie einer, der entschlossen ist, eine Sache zum äußersten kommen zu lassen. Germaine und ich aber fuhren beide in die Höhe, und ich muß sagen, mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Benedikte hatte sich ihren Savoyarden auf einen Stuhl gestellt und tanzte ihm vor, sang ihn an, verbeugte sich vor ihm, warf ihm über die Schulter weg Kußhändchen zu, alles das so beweglich und liebreizend, daß es eine andre Mutter als Germaine wenigstens zu einem Lächeln gerührt hätte, hätte sie die Sache auch immerhin nicht billigen mögen. Germaines bleiches Gesicht aber erschien vollständig versteinert, und als es sich endlich belebte, so geschah es zu einem so schrecklichen Ausdrucke des Zornes, daß Benediktens Liedchen plötzlich in einem tränenvollen Aufschrei höchster Seelenangst unterging und Regnard und ich uns gleichzeitig vor das Kind warfen, um ein Unglück zu verhüten. Es erfolgte nun, da Regnard gesonnen war, nichts zu verheimlichen, eine offene Auseinandersetzung in der leidenschaftlichsten Form, denn Vorwürfe durften hier zu Recht mit Vorwürfen erwidert werden und Regnard schien eine Erleichterung darin zu finden, sich sein jahrelanges Eheleid einmal gründlich vom Herzen zu reden. Ich beteiligte mich natürlich nicht an dem Streit, obgleich ich manches Wort zugunsten des Mannes hätte sagen mögen, das er selbst auszusprechen zu großmütig war, sondern stand in einer Ecke, die weinende Benedikte im Arme und an mein Herz gedrückt, das vor Liebe und Mitleid mit dem geängstigten kleinen Geschöpfe zu bersten drohte. Bei jedem neuen Schrei der zornigen Stimme Germaines barg sich das Gesicht des Kindes tiefer in den Falten meiner Joppe, und endlich preßte ich es selbst noch ganz fest hinein, damit es die rasenden Dinge nicht hören sollte, die da vor sich gingen; dabei war mir in allem Entsetzen doch wunderbar süß zumute, als kröche das zitternde Seelchen Benediktens durch Wams und Joppe hindurch ganz in das Innerste meiner Brust hinein und mache sich dort, allmählich ruhiger werdend, ganz warm und heimisch. Gern hätte ich mit dem Kinde das Zimmer verlassen; aber Germaine stand in der Nähe der Tür, und ich fürchtete, daß sie mir meine geliebte Beute aus den Armen reißen und an die Erde schmettern würde, so furienhaft sah das Weib in dieser Stunde aus.

Ich weiß nicht, wie lange der grauenhafte Wortkampf dauerte, während dessen Germaine nicht ein Tausendteil ihres Glaubensstolzes und ihrer sittlichen Engherzigkeit preisgab, sondern nach gewohnter Weise die Schmähungen, die sie ihrem Gatten ins Gesicht schleuderte, mit den scharfsinnigsten Argumenten des Genfer Irrlehrers und mit Bibelsprüchen unterstützte, gegen die der weniger schlagfertige und belesene Mann hilflos war. Wie sie diese Axiome zu handhaben wußte! Ich selbst, der da zuhörte und mitgetroffen ward, wurde irre und fragte mich mehr als einmal mit einem Schauer, ob das richtende Weib nicht doch am Ende recht habe und ob wir nicht gottlose und lüsterne Weltkinder seien, der ewigen Verdammnis zueilend und die unschuldige Seele des Kindes mit uns ins Verderben reißend. Immerhin waren diese Anwandlungen vorübergehende. Gegengründe, die Germaine entwaffnen konnten, hätte ich freilich auch nicht gehabt, nur das Gefühl, das süße warme Gefühl, das von dem lieben Kinde an meiner Brust ausging und das sich mir in seiner Köstlichkeit und Reinheit unstreitig als himmlischen Ursprungs offenbarte. Ich küßte wiederholt und innig das blonde Gelock und sagte mir glückselig, daß ich kein Verlorener sein konnte, solange meine Brust einer so lauteren Hingabe fähig war. Benedikte hob das Köpfchen ein wenig und schaute vertrauensvoll zu mir auf, und ich hielt sie fester und fester, weil ich ihr ohne Worte zu verstehen geben wollte, daß sie bei mir in Sicherheit und vor allen Gefahren geborgen sei. Da lächelte sie mich an. In dieser Stunde ist Benedikte das geworden, was sie später all ihr Leben lang geblieben ist: mein Eigenstes!

Endlich hatte Germaine ihren Gatten ganz in Grund und Boden hineingedonnert, und nun besann sie sich auf ihr Kind. Mit einem letzten Wutschrei die Strafe Gottes auf uns beide, Regnard und mich, herabbeschwörend, kam sie auf mich zu, entriß mir Benedikte, die vor Angst stumm war, wobei sie die Händchen des Kindes, die sich in meinen Spitzenkragen verkrallten, mit solch brutaler Gewalt löste, daß ein Teil der Spitze zwischen Benediktens Fingern hängen blieb – und verließ das Gemach. Im Enteilen stieß sie noch mit einer gehässigen Bewegung den kleinen Savoyarden vom Stuhle, so daß es wohl für immer um das seine Ding geschehen gewesen wäre, wenn ich nicht mit einem glücklichen Griffe ihn aufgefangen hätte. Von da an bekamen wir sie und das Kind kaum je zu sehen. Sie bezog ein Obergemach des Hauses und schloß sich so streng ab, daß wir nichts von ihrer Existenz gespürt hätten, hätten wir nicht ab und zu die kleine Benedikte weinen hören. In dem klagenden Stimmchen des Kindes unterschied sich ein Wort, welches Regnard verstehen mußte, denn er zeigte dann jedesmal traurig auf den Savoyarden und sagte: »Sie weint um ihr Spielzeug!«

Nach Ablauf mehrerer Tage wagte Regnard es einmal, Germaine vor verschlossener Türe zu bitten, sie möge doch wenigstens dem Kinde die Figur wiedergeben, das Weinen schnitte ja ins tiefste Herz. Sie antwortete rauh, nie wieder solle Benedikte etwas von dem verruchten Tande zu sehen bekommen, vielmehr würde sie, Germaine, das unselige Bild vernichten, wenn nicht Regnard selbst es unverzüglich aus dem Hause schaffe. Da nahm der Goldschmied sein Kunstwerk und brachte es zu Ninon, der er natürlich längst den traurigen Ausgang ihres Kinderglückes erzählt hatte. Ninon versprach, den Savoyarden für Benedikte aufzubewahren, bis bessere Zeiten kämen. Seitdem stand er auf dem vergoldeten Kamine neben der Uhr, blickte auf uns herab und erfüllte uns oft mit einer Traurigkeit, die Ninons allerholdestes Lächeln nicht mehr verscheuchen konnte.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.