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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12

Unter den Gegenständen, die Regnard nicht verkauft hatte, befand sich auch der putzige kleine Savoyarde mit seinem Kramlädchen und seinem wunderlichen Getier. Diese Tatsache entdeckte ich zu meiner Freude bald nach meinem Einzuge im Goldschmiedshause, und zwar fand ich das unvergleichliche Spielzeug eines Tages in Benediktens Händen, die mit zierlich gespitzten Fingerchen an den winzigen Schubfächern herumhantierten, das schimmernde, aus einer großen Perle bestehende Bäuchlein des kleinen Affen streichelten und den Papageien auf die Schnäbel tippten. Ich war erstaunt, daß man das kostbare Ding dem Kinde überließ, erfuhr aber, daß es schon lange damit spiele und ohne ihm je erheblichen Schaden zugefügt zu haben. Benedikte sei, so erzählte mir Regnard, einmal in den Laden getrippelt gekommen, als er just die Figur einem Käufer gezeigt habe. Ohne weiteres habe sie Händchen und Mäulchen erhoben, so oft und geduldig wiederholt und mit solch einem unschuldigen Ausdruck rührender Bitte, daß der Vater es nicht übers Herz brachte, die Figur wieder in den Schrank zu schließen, als der Handel sich zerschlagen hatte und der Käufer abgezogen war. Er hatte freilich versucht, des Kindes Wunsch abzulenken, indem er ihm andre, minder zerbrechlich gefügte Gegenstände bot. Aber Benedikte hatte nur energisch das Köpfchen geschüttelt und immer nur wieder das Mündchen geboten, als hoffe sie doch endlich die genügende Zahl von Küssen aufzubringen, die das Kunstwerk kaufen konnten. Regnard hatte denn auch bald bemerkt, wie sorgfältig sie mit dem Ding umging, und nun sei es schon seit Wochen ihr erklärtes Eigentum; doch erhalte sie es nicht täglich und höchstens immer nur für eine Viertelstunde zum Spielen. Auch dann aber geschähe es meistens unter Germaines Aufsicht, die an dem einzigen unter Regnards Gebilden auch eine gewisse laue Freude zeigte, offenbar nur, weil es das Kind so beglückte.

Ich schäme mich nicht, zu sagen, daß ich mich sofort zum Spielaufseher anbot, und daß ich in der Folge sowohl das Kind wie das Spielzeug trotz Germaines stillem Widerstreben manchen Nachmittag hütete. Ich war in dieser Wartezeit in Paris zu vielen Stunden traurigen Müßiggangs verdammt, hätte wohl manchmal gern mein Bündel geschnürt und wäre auf und davon geflogen, meiner stillen Garnisonsstadt zu; aber diejenigen, die in dieser Sache meine Beschützer und Berater waren, veranlaßten mich zu bleiben und weiter zu antichambrieren, was ja denn auch endlich nach sehr vielen Monaten zum ersehnten Ziele führte. In diesen Monaten, während welchen es an Verstimmungen und Enttäuschungen für mich nicht fehlte, waren Benedikte und ihr Savoyarde mir die einzige Quelle friedlicher Heiterkeit.

Man wird dies Geständnis für einen jungen Menschen von ein- oder zweiundzwanzig Jahren seltsam finden. Aber ich erinnere an das Gelübde von Marlaigne, welches immer noch auf mir lag und mich unter den Bürgermädchen lächerlich machte, wie es mich ein Jahr früher unter den echten und falschen Herzoginnen bei den Orgien Philipp von Chartres' lächerlich gemacht hatte. Denn die Bürgermädchen hatten leider nicht minder flinke Mäulchen als die Edelfrauen, Mäulchen, die sich lächelnd darboten, sobald ich nur ganz leise und schüchtern meinen Arm um eine Hüfte legte, Mäulchen, die sich spöttisch schürzten oder traurig ihre Winkelchen hängen ließen, wenn ich seufzend und mit einem wehmütigen Kopfschütteln mich zurückzog, schweren Herzens auf das holde Geschenk verzichtend. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich manche Stunde qualvoll darüber nachsann, ob ich vor Gott denn eigentlich verpflichtet sei, das schmähliche Gelübde zu halten; aber wenn noch etwas gut in mir war, so war es meine unbeschränkte Hingabe an religiöse Gefühle, und ich hätte jede Strafe der Welt zu verdienen geglaubt, wenn ich ein Versprechen gebrochen hätte, das ich einem Geweihten abgelegt. Ich verfluchte es innerlich, oft unter Tränen; aber Furcht oder Frömmigkeit zwangen mich, es zu halten.

Da ich denn natürlich unter solchen Umständen bald ein Verhöhnter war und nichts als Stichelreden erntete, wenn ich mich einer Schönen zu nähern suchte, so floh ich, Bitterkeit im Herzen, die fröhlichen Häuser, in denen Regnard mich eingeführt, und flüchtete zu Benedikte und dem Savoyarden. Nun geschah es, daß die letzte herbe Lektion, die Regnard erhalten, auch diesen zu einem häuslicheren Leben veranlaßte, und zu meiner innigen Freude gesellte sich das große Kind, das immer noch in ihm steckte, bald unserm Spiele bei. Manche Stunde lagen wir langgestreckt auf einer alten Wolldecke am Boden, während das Kind zwischen uns saß und die kleine Figur auf ihrem bilderreichen Sockel gerade in der Höhe unsrer Köpfe sich erhob. Dann lieh der Goldschmied seinem Geschöpfe wieder den lebendigen Laut, rief seine Waren aus, erzählte die Geschichte seines Affen und ahmte wie einst zu meiner Ergötzung jetzt zu der seines Kindes das drollige Wesen jener fahrenden Krämer mit all seiner humorvollen Mimik nach. Benedikte, die derlei Leute wohl ab und zu in der Gasse zu sehen bekam, erfaßte das kleine Schauspiel ganz, und ihre hellen Lachtöne schwirrten wie tausend Glöcklein durch das Zimmer. Mein Part in der Komödie bestand darin, die gläubige Menge darzustellen, die der Scharlatan prellte. Ich ließ mir einen Zahn ziehen, ich kaufte eine Brille, durch die ich nichts sehen konnte und die mich blind und hilflos umhertappen ließ; ich erstand eine Schere, mit welcher ich vergeblich versuchte, mir die Schnurrbartspitzen abzuschneiden; ich kam als Kranker und verschluckte eine Mixtur, die mir Krämpfe verursachte; ich suchte die Papageien zu streicheln und zog schreiend, wie von einem Schnabelhieb getroffen, die Hand zurück; ich wollte dem Affen seine Schnapsflasche entreißen und wurde gekratzt. Alle diese Narrheiten und viele andre mußte ich täglich in bestimmter Reihenfolge wiederholen, und bei jeder einzelnen schrie Regnard, die von ewigem Rufen krächzend gewordene Stimme des Italieners nachahmend, triumphierend sein: »O die dumme Kerl! Schau, die dumme Kerl!« dazu, während Benedikte lachte, daß ihr kleines Körperchen nur so schüttelte. Germaine trat ab und zu ins Zimmer, brauchte unfreundliche Worte und befahl Regnard, an die Arbeit zu gehen und sich des unziemlichen Lärmens zu schämen. Dann wurde der Mann rot, sein Blick schmerzvoll starr und heiß, seine Antwort rauh. Verließ die Frau das Gemach, so hatte Benediktens kindliches: »Weiter! bitte, weiter!« die Laune bald wieder hergestellt.

Es ereignete sich einmal, daß Germaine mich allein mit Vorwürfen überfiel, als ich in Regnards Abwesenheit meine Schwänke mit dem Savoyarden vorführte. Sie beklagte sich heftig über die gemeine und lärmende Schaustellung, die wir dem Kinde böten und die in dem kleinen Wesen solche Vorstellungen und Begierden nach Pöbelwitz und Schaugepränge erregen müßte, daß es ohne Zweifel später eine wundersüchtige Gassenläuferin werden würde, wie sein Vater ein Gassenläufer sei. Sie, Germaine, würde das heillose Spielzeug längst zerbrochen haben, wenn sie den Schmerz des Kindes nicht fürchtete; aber gerade in der Vorliebe, die das kleine Wesen für die häßliche Bildnerei an den Tag legte, offenbare sich die frivole Natur des Vaters, dem nichts über Spaß und Vergnügen galt und der in dem Affentreiber seine eigne zu Possen geneigte Sinnesart verkörpert habe. So fuhr sie eine ganze Weile fort zu schmähen. Ich aber war der dumme Junge nicht mehr, der sich schelten ließ; solange sie im Zimmer vor den erstaunten und betrübten Augen Benediktens stand, schwieg ich, folgte ihr aber alsobald hinaus und machte es der Hexe ohne viel Umstände klar, wer denn eigentlich den goldenen Goldschmied zu einem Gassenläufer und noch viel Schlimmerem gemacht habe. Sie war in aller ihrer Schönheit entsetzlich anzusehen, während ich sprach, und ich glaube wohl, daß ich sie im Tiefsten getroffen und verwundet hatte; doch erwiderte sie kein Wort auf meine Predigt, die ich in mehr markige als gewählte Ausdrücke gekleidet hatte, sondern begnügte sich, mich von dem Tage an mit offenster Feindseligkeit zu behandeln. So ungemildert und gleichmäßig äußerte sich ihr Haß, daß ich mich wohl gefürchtet haben würde, die von ihr zubereiteten Speisen zu mir zu nehmen, hätte ich nicht gewußt, wie fromm sie war. So konnte ich mich ruhig drauf verlassen, daß Germaine zwar täglich den Schöpfer um meinen Tod bitten, aber selbst nichts tun würde, um diese artige Bitte zu unterstützen. Und ich lachte ihres Zornes, um so mehr, als sie mir auch das Kind nicht entziehen konnte. Davor hatte mir anfangs gebangt, aber die beschränkten Verhältnisse des Hauses, das Germaine nach ihrer puritanischen Art allein mit einer alten Magd führte, ließen ein Absondern nicht zu. Freilich behielt sie, wo es irgend anging, die Kleine bei sich; zum Glück jedoch ging es nicht immer an, und die gute Magd ließ mit sich reden. Es wäre auch die erste redliche alte Haut gewesen, die einem jungen Offizier zuwidergehandelt hätte!

Ich hätte Germaines Haß gern auf mich genommen, hätte ich nur aus dem Vorfall eine günstige Wendung für meinen armen Freund erwarten dürfen. Aber es sah in diesem Punkte bedenklicher aus als je. Germaine geißelte den Unglücklichen bis aufs Blut; und wie grausame Henker ihre Peitsche in Salzlake tauchen, damit sie besser brennt, so tauchte dieses Weib ihre Eifersucht und Rachelust in Bibelsprüche und fromme Sentenzen, die den weichherzigen und jedem Eindruck hingegebenen Mann zur Verzweiflung, zu Selbstanklagen und tiefster Zerknirschung trieben. Dabei sah sie immer noch so ruchlos schön aus, so verdammt heilig und rein, daß es einen Klügeren hätte äffen können, und immer wieder gelang es ihr, den gepeinigten Mann zur höchsten Leidenschaft des Verlangens zu reizen, wozu freilich auf seiner Seite wohl ein jammervolles Bestreben mithalf, der Abscheulichen wenigstens in einem Dinge den Meister zu zeigen. Die Liebesszenen zwischen diesen unseligen Eheleuten konnte ich dann freilich nur aus einem gewissen verzehrten und krankhaften Ausdrucke ihrer Gesichter erraten; sie mögen wohl toll genug gewesen sein.

Aber solche Leidenschaft erschöpft sich schnell, und so ist die Spanne Zeit höchstens nach Wochen zu zählen, die Regnard unter dieser Züchtigung aushielt. Bald fand er wieder eine Ablenkung außer dem Hause, und diesmal war der Gegenstand wohl einer Torheit wert und jedenfalls reich genug an berauschender Süßigkeit, um einen Mann alle Leiden seines Lebens in einer einzigen Minute vergessen zu machen.

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