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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 12
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authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
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11

Ich wäre nun, da dieser Vorfall mir die Gesinnung meines einstigen Freundes offenbart und eine schlimme Aussicht auf die Zukunft eröffnet hatte, am liebsten nach meiner Garnison zurückgekehrt und hätte Paris fortan gemieden. Aber wollte ich nach dem Feldzuge auf Beförderung rechnen, so mußte ich in Paris anwesend sein, mich vorstellen, zur rechten Zeit den rechten Mann an meine Verdienste erinnern, antichambrieren und hofieren, kurz, ein ganz bestimmtes und genau vorgeschriebenes Programm abwickeln, ohne dessen Innehaltung es in Frankreich keine Aemter und Ehren gab. Nicht daß mein Stolz erheblich Einspruch gegen dieses Verfahren erhoben hätte, dazu waren wir alle viel zu sehr daran gewöhnt. Nur meine immer noch knappen Verhältnisse machten mir den Entschluß schwer. Aber sein mußte es, und so machte ich mich denn auf den Weg nach der Stadt der süßen Laster.

Da ich vom Norden herkam, so mußte ich bei der Grange Batelière in Paris einreiten, kam über die Heide am Menilmontant, an den Windmühlen des Montmartre vorbei und endlich durch die Straße, wo das Palais Cardinal stand. Jugenderinnerungen spielten in mir und bewegten tausend Empfindungen in meiner Seele, und plötzlich kam mir der Gedanke, ich könnte wohl versuchen, bei meinen alten Freunden Regnard in der Barillerie Quartier zu nehmen. Daß wenigstens der Mann mich mit offenen Armen empfangen würde, dessen war ich sicher. Wandte also mein Pferd links um den Louvre herum, stieg vor St. Germain l'Auxerrois noch schnell zu einem kurzen Gebete ab, grüßte auf dem Pont Neuf meinen alten Freund Heinrich IV. auf seinem nervösen Pferde und bog, eben als alle Lüfte vom Klange unzähliger Mittagsglocken zitterten, bei dem Eckhause an der Barillerie ein.

Irgend etwas veranlaßte mich, nicht gleich in den wohlbekannten Laden einzutreten, sondern zuerst einen Blick auf die paar Schaudinge zu werfen, die immer noch im kleinen Fenster neben der Türe ausgestellt waren. Es waren dies, wie üblich, Kruzifixe und andre Gegenstände zu frommen Gebräuchen von billiger Arbeit, denn Wertvolles bot man nicht der unsicheren Schaulust der Menge, setzte es nicht gerne dem Staube und den Fliegen aus, die von innen zu Hunderten gegen das Fenster surrten. Immerhin schienen mir diese Stücke schlechter, als was ich sonst von Regnard zu sehen gewohnt war. Ich fragte mich, ob etwa die zwei Jahre meiner Abwesenheit mein Urteil so geschärft hatten, mußte mich aber schnell überzeugen, daß alle die Dinge, wie ich sie im einzelnen betrachtete, lieblos und oberflächlich behandelt waren. Wo war die Hand, die einst die Seile des gefesselten Heilandes so zart flocht, daß man die einzelnen Bastfäden hätte zählen können, die um das gesenkte Haupt die Locken so weich sich ringeln ließ, als könne nur eben der Wind damit spielen? Wo war die naturwahre Schönheit der Glieder, wo der sprechende Ausdruck der seinen Züge? Ich kam endlich zu dem Schlusse, die Arbeiten könnten nicht von Regnards persönlicher Ausführung, müßten von irgendeiner rohen Gesellenhand stammen, und trat mit einem frohen Gruße in den Laden.

Ich fand Regnard allein, aber nicht, wie ich dies früher gewohnt war, bei der Arbeit, sondern mit dem Schreiben eines Briefes beschäftigt, den er bei meinem Eintritt rasch verbarg. Als er mich ansah, gewahrte ich eine Veränderung in seinem Gesichte, die mir nicht gefiel, einen gewissen Zug, für dessen Bedeutung ich leider Verständnis hatte, seit ich mit Philipp von Chartres »gegen die Heuchelei« gekämpft hatte. Diesen übeln Eindruck verwischte nun freilich alsobald die helle Freude, die das vertraute Gesicht wieder mit seiner alten Schönheit übergoß, als Regnard mich erkannte und willkommen hieß. Ich teilte ihm unverzüglich meine Absicht mit, bei ihm zu wohnen, in einer leeren Gesellenkammer, auf dem Dachboden oder im Hundestall, wenn es sein sollte, jedenfalls aber in seinem Hause. Er lachte sein altes goldenes Lachen und versprach, mir eine feine Kammer zu rüsten, während ich mein Pferd in die Herberge brächte. Dies geschah denn auch, und mit Vesperläuten zog ich im Hause des Goldschmieds ein und saß abends an seinem Tische als Glied seiner Familie. Vor mir saß, immer noch in, ihrer bleichen und gespenstischen Schönheit, Germaine, ernster als je und mit einer solchen Abweisung in ihren Mienen, daß ich sofort begriff, ihr zur Freude habe der Goldschmied die Kammer nicht an mich vermietet. Neben ihr aber glänzten im Scheine des Tranlämpchens ein goldener Scheitel rechts, ein goldener Scheitel links: der Goldschmied und Benedikte auf ihrem etwas erhöhten Stühlchen.

Das Kindchen war nun etwas über drei Jahre alt, und bereits spiegelte sich in seinem noch kugelrunden Gesichtlein der unvergleichliche Frohsinn des Vaters. Unaufhörlich tanzten die hellen Augen, plapperte das Mäulchen und spielten die Grübchen in den zartroten Wangen, unausgesetzt, wie das Gezwitscher von hundert Vögeln in einem Frühlingshaine, girrte und schwirrte das süße Stimmchen, stieg in goldigen kleinen Schreien der Lust oder vibrierte in jenem perlenden Lachen, das nur gesunde und lustige Kinder lachen können. Nie habe ich das holde kleine Wesen übellaunig oder furchtsam gesehen. Mag sein, daß ein häufiger Aufenthalt in dem Laden seines Vaters ihm früh schon die Gewohnheit des Anblicks fremder Menschen gegeben hatte, mag sein, daß eine holde Anlage, von jedem Neuherantretenden nur das Beste zu erwarten, in der Natur des lieben Kindes lag: Tatsache ist, daß ich es nie vor irgendeinem Menschen zurückscheuen sah. Oft an schönen Herbstnachmittagen spielte es auf der Schwelle der Werkstatt; da war auch nicht ein Vorübergehender, den es nicht angelacht, angejauchzt hätte, und blieb er nur stehen und lächelte wieder, so hob es auch alsbald das unschuldige Mündchen und bot ihm ein Küßchen. So hatte es auch mich empfangen. Zuerst hatte es seine Händchen nach der Feder auf meinem Hute gestreckt, und als ich in instinktiver Angst um das für meine Verhältnisse kostbare Stück den Kopf zurückbog, schlug es zwar erstaunt, aber durchaus nicht verdrossen seine großen Augen zu mir auf und bot mir die Lippen mit einem Ausdrucke, als sei es gewohnt und sicher, mit dieser Art der Bitte alles zu erreichen. Ich gab ihm denn auch alsobald den Hut, den es nicht übel zerzauste. Und wirklich hatte das winzige Ding in unbewußter List sich die Entdeckung zunutze gemacht, daß ihm nichts abgeschlagen wurde, wenn es so bat; daher verfiel es niemals gleich andern Kindern in jenes eigensinnige Greinen, das Männern so verhaßt ist, sondern wandte siegesgewiß die holde Macht seines Schelmengesichtchens an, der auch nichts widerstand. Anderseits drückte es durch dieselbe Geste auch seinen Dank aus, und ich gestehe, daß ich von Anfang an und auch später noch stets darauf bedacht war, dem Kinde nie ohne eine kleine Gabe zu nahen, nur um diese lieblich erhobenen Lippen zu sehen.

Als ich sie das erstemal berührt hatte, durchschauerte mich ein seltsam köstliches Gefühl der Rührung. Ich hatte bis dahin noch nie ein Kind geliebkost, und ich dachte erstaunt und ergriffen von dieser neuen Empfindung: ›Mein Gott, wie süß ist dies!‹ Ich nahm das kleine Ding auf meinen Arm, wo es jauchzend und hüpfend sich wiegte wie eine Reiterin auf einem vertrauten Pferde, indes ich in heller Angst einen Zipfel seines Kleidchens faßte, damit mir das zappelnde Mäuslein nicht unversehens entschlüpfe. Regnard schien sich an meiner Ungeschicklichkeit zu ergötzen, gab indes zu, daß man von einem Kriegsmanne nicht mehr Zartheit im Kinderwarten verlangen könne. Germaine hatte in offenbarer Sorge zugesehen und nahm mir das Kind ab, sobald sie es mit Anstand tun konnte; auch hatte sich ihre Stirne bös gefurcht, als ich das Mündchen geküßt hatte. Sie sagte indes nichts Unfreundliches und begnügte sich in der Folge, sich immer so bald als möglich mit dem Kinde zurückzuziehen, wenn ich im Hause weilte.

Die ersten Tage meines Aufenthaltes im Goldschmiedshause glaubte ich in ein Paradies ehelichen Glückes getreten zu sein, so sehr hielt mich der Zauber des Kindes, das plaudernd und kosend zwischen den Eltern hin und her ging, gefangen. Ich sollte indes nur zu bald bemerken, daß die Beziehungen zwischen dem Goldschmiedspaare trübere waren als je zuvor.

Das erste, was mir auffiel, war Regnards wirklich allzu häufige Abwesenheit vom Hause, besonders aber die Vernachlässigung seiner Kunst. Der Mann arbeitete nicht mehr; er nahm Bestellungen entgegen, führte sie lässig und flüchtig aus, verfertigte auch wohl da und dort ein paar Stücke zum Marktverkauf, aber die Freude war von ihm gewichen und mit der Freude die hohe Kunst. Nicht mehr wie einst gestaltete er das Leben seiner Seele in dem feinen Stoffe, den er behandelte: und vielleicht wäre die Gestaltung dieses Lebens des Stoffes nicht mehr wert gewesen. Es ergab sich von selbst, daß ich mich häufig den abendlichen Gängen des Goldschmiedes anschloß, wie eben ein Mann, der die Zeit totzuschlagen gezwungen ist, sich der Führung eines andern gern wahllos überläßt. Da lernte ich den Unterschied verstehen zwischen einst und jetzt. Aeußerlich war der Lebenswandel Regnards genau derselbe geblieben. Er besuchte nach wie vor die Tanzböden der Elysäischen Felder, war ein gern gesehener Gast in fröhlichen Bürgerhäusern und schien vor allem das Theater zu lieben; nur daß er auf den Tanzböden nicht mehr das schlichte Bürgermädchen wählte, sondern das geputzte, schamlose Weib mit den blanken Schultern; nur daß er ins Theater nicht mehr der griechischen Götter halber ging, sondern um mit einer losen Kurtisane zu liebäugeln und im Parkett die neuesten Liebesabenteuer einer Chloris zu vernehmen. Und was die gastfreien Bürgerhäuser betrifft, die sich auf Regnards Fürsprache nun auch mir öffneten, so läßt sich leider wenig Gutes über dieselben berichten.

Ich habe bereits gesagt, daß die Bürgerschaft von Paris den Sitten oder Unsitten des Adels nachzueifern begonnen hatte; in diesem Streben hatte sie in den letzten zwei Jahren einen löblichen Fortschritt gemacht, und den weitesten Vorsprung hatten, wie in allen Dingen, die Frauen darin gewonnen. Die Gattin des Schneiders kleidete sich wie die des Notars; die Notarsfrau, weiterstrebend, trug sich wie die Edeldame. Und da auf diese Weise jede ihrem Kreise entwachsen zu sein glaubte, so suchte auch jede ihren Umgang nur noch auf der nächsthöheren Gesellschaftsstufe und drängte sich in Häuser, die sie für vornehmer hielt als das eigne. Die betörten Männer wurden nur eben mitgezogen und waren wirklich blind genug, an dieser Tollheit Freude zu finden. Da aber naturgemäß bei diesem Vorrücken durch die Rangkreise irgendein Wert oder Vorteil geschaffen werden mußte, mit welchem dies Vorrücken bezahlt werden konnte, so hatte der Teufel zwei Laster in die Welt gesetzt, die denen als Leiter dienten, die jenen traurigen Ehrgeiz besaßen: das Spiel und die Liebelei. Das Verfahren war einfach. Der Schneider ließ sich vom Notar im L'hombre plündern und erkaufte damit das Recht, in seinem Hause als Gast einherzugehen; der Notar erwies dem Chevalier denselben Liebesdienst und sicherte sich damit dessen Umgang; der Chevalier setzte die Uebung mit dem Herzoge oder dem Prinzen von Geblüt fort. Die Frauen aller dieser Stände handelten nach abwärts oder aufwärts nach demselben Grundsatze. Und auf diese traurige und ekelerregende Weise vollzog sich das, was man mit einem schönen Worte den Ausgleich der Stände hätte nennen können, wenn man sich damals schon der Sache klar genug bewußt gewesen wäre, um ihr einen Namen zu geben.

Auch Regnard war – wie sollte er nicht? – von der Krankheit der Zeit ergriffen worden. Der Mann war schön, er zierte den Saal, den er betrat, er besaß Witz und Anmut und war reich; es gab keine Frau irgendeines Richters, eines Arztes oder sogar auch eines Staatsbeamten vom kleinen Adel, die sich zweimal besonnen hätte, auf den Handel einzugehen, den er ihr stillschweigend bot, wenn er ihr Haus betrat. Als ich mit Regnard in die Welt ging, da nannte ein Finanzkontrolleur ihn »lieber Freund«. Die Gemahlin des Staatsbeamten aber prunkte auf ihrem Tische mit einem entzückenden goldenen Salzfaß, das ich vor Jahren in Regnards Werkstatt hatte entstehen sehen. Die kleine Najade mit dem Elfenbeinkörper schlug geschmeidig ihren goldenen Fischschwanz um die Muschel, welche die edle Würze enthielt; die festgefügten Schuppen, das zarte Grätengestäbe der Flossen verrieten noch die liebevolle Hand von damals. Ich sah betrübt das kleine Ding an und fragte mich im stillen: ›Wofür hat er dich hingegeben?‹

Es war klar, daß Regnards Verkehr ein einseitiger sein mußte, denn Germaine hätte das Unwesen nun und nimmer in ihrem Hause geduldet, noch hätte sie selbst den Fuß in ein solches gesetzt, wo derartige Dinge geübt wurden. Sie hatte sich, wie ich aus einzelnen Aeußerungen des Mannes entnehmen konnte, einige Male zum Besuche solcher Gesellschaften überreden lassen, von denen Regnard sich ganz besondere Vorteile versprochen hatte, und hatte es mit gutem Willen getan, um dem Gatten nicht zu schaden; doch, war ihre puritanische Gewandung allein schon wie eine unerträgliche Mahnung vor all den frivolen Gesichtern gestanden, so hatten ihr Gehaben, ihr Blick und die wenigen schroffen Aeußerungen ihrer Gesinnung bald eine solche Mißstimmung erregt, daß Regnard froh war, als sie sich unter dem Vorwande neuer Mutterschaft weigerte, ihn zu begleiten. Er fühlte sich nun doppelt berechtigt, allein auszugehen. Denn natürlich verfehlten seine vornehmen Freundinnen nicht, ihn zu beklagen, daß er solch ein Marmorbild neben sich dulden müsse, anderseits machte ihm Germaines Strenge wirklich das Haus nachgerade zur Hölle. Ich habe ihre grausame Art vorher beschrieben, und es wird niemand wundern, wenn diese es in so kurzer Zeit zuwege gebracht hatte, aus dem bloß Leichtsinnigen einen Lasterhaften zu machen. Jung wie ich war, begriff ich den Entwicklungsgang der grausen Veränderung, und der Mann jammerte mich in tiefster Seele.

Mehr noch als der Zusammenbruch einer so glücklich veranlagten Natur, die Erniedrigung eines so schönen und reinen Menschenbildes, als welches ich Regnard kennen gelernt hatte, ergriff mich der Verfall seiner Kunst. Der Mann war faul geworden, faul und gedankenlos. Die Not zwang ihn nicht zum Arbeiten, denn in diesem einen Sinne war er noch immer der goldene Goldschmied; und was ihn sonst dazu getrieben hatte, das edle Spiel seiner reichen und unschuldigen Phantasie, das hatte Germaine gründlich erstickt. Vielleicht nicht sie allein; aber ihre Hand war sicherlich die erste gewesen, die kälteste, die gewaltigste von allen, die da zerstörend gewirkt hatten.

Manchmal in der längeren Zeit, die ich im Goldschmiedshause zubrachte, geschah es freilich noch, daß ich den Mann mit alter Lust und Liebe an einem Kleinod schaffen sah. Leider war es dann eine Leidenschaft niederer Art, die ihm die Hand führte, und das Werkchen, für eine Unwürdige bestimmt, verriet dann gewöhnlich in seiner prunkenderen und derberen Fassung den Geschmack solcher, die sich für die Menge schmücken. Große Edelsteine, leuchtende Farben des Emailgrundes, frivole Bilder vereinigten sich da zu einer unedeln Wirkung auf rohere Sinne. Dennoch zeigte sich auch an solchen Gegenständen wieder die alte Meisterschaft Regnards, wie ein Licht, das einst still und klar gebrannt hat, aus schwelendem Dochte noch ein paarmal zu voller Helle aufflackert, ehe es erlischt. Und sie zeigte sich gerade genug, um mich immer mit einem neuen Bedauern um das Zugrundegehende zu erfüllen.

Ich sah diese eben beschriebenen Stücke ohne Betrübnis den Weg gehen, den zu gehen sie bestimmt waren; schmerzlicher war mir's, wenn Regnard unversehens einmal eins von den Kunstwerken seiner glücklichen Zeit hervorholte, um es der gleichen Bestimmung zu weihen. Es waren ihm einige wertvolle und besonders sorgfältig ausgeführte Gegenstände unverkauft geblieben, vielleicht, weil er in der übermütigen Zeit ihres Entstehens einen zu hohen Preis dafür gefordert hatte, vielleicht auch, weil ihr Reiz, der nicht in die Augen fiel, eines so feinsinnigen Beschauers bedurfte, wie ein feinsinniger Künstler sie geschaffen hatte. Es war bei einer solchen Gelegenheit, wo ich ganz verstehen lernte, wie viel an Regnard gesündigt worden war.

Er stand um jene Zeit im Banne einer Frau, die neben körperlichen Vorzügen eine hohe Gabe besaß, durch Redegewandtheit zu fesseln. Regnard führte mich in ihr Haus, das mit plumper Pracht ausgestattet war und wo jene unselige Nachahmung adliger Sitten mit dem traurigsten Eifer betrieben wurde. Ich will gestehen, daß mich damals die Sache auch blendete und daß ich in unsrer Wirtin eine jener vornehmen empfindsamen Seelen zu sehen glaubte, deren es zu jener Zeit in allen Ständen so manche gab. Sie empfing Dichter und Gelehrte in ihrem Hause, ließ sie ihre Werke vorlesen und schrieb selbst ihre Eindrücke über das Vorgetragene nieder, um sie am folgenden Abende unter allgemeinem Beifall zum besten zu geben. Einige simple Bürgersleute mit gutgestopften Taschen bezahlten unterdessen die Ehre, einem so gebildeten Kreise anzugehören, im Nebenzimmer am L'hombretisch an den Gemahl der Preziösen. Zu diesen Törichten hatte anfangs auch Regnard gehört, doch hatten seine Schönheit und das frohe Spiel seiner Laune ihm bald einen bevorzugten Platz an der Seite der Hausherrin gegeben. Die Kluge behandelte ihn als Künstler und vertiefte sich bald mit ihm zusammen in gefühlvolle Gespräche, an denen sie ihn so lange hielt, bis sie am Ziel ihrer Wünsche war. In diesem Augenblicke war es, wo Regnard sich verpflichtet glaubte, ihre Liebe durch ein Geschenk zu lohnen, wie es einer so schönen Seele würdig war. Er ersah dazu einen Nautilusbecher, den letzten, den schönsten, den er noch besaß, und ich war Zeuge des Vorganges, als er ihn ihr inmitten einer bunten Versammlung überreichte. Die kleine Szene steht mir jetzt wieder vor Augen, und zwar viel deutlicher und verständlicher als damals im Moment des Erlebens. Ich sehe das hellgetäfelte Gemach, die feine Schweifung der vergoldeten Profilierung, die mattgeblümten Brokate der Möbel, das Kerzengeflimmer im vielgeteilten Spiegel. Ich sehe die Frau im bauschigen Rock, der glänzend und seidig wie eine Blumenglocke um sie pendelte; ich sehe ihr schmales Leibchen, die kecke Form ihres Ausschnittes, ihr glattes, weiß und rotes Puppengesicht mit den Mouches auf Stirn und Kinn und Wangen, und den turmhohen Aufbau ihres Kopfputzes, den ein mächtiger goldgefiederter Vogel krönte. Und neben ihr Regnard, höher als sie samt ihrer Frisur, den hellen Kopf leicht über sie geneigt, und mit einem Ausdrucke kindlicher, zärtlicher Freude ihr ins Gesicht lächelnd. In seiner Hand schimmerte das edle Gefäß. Vom Kerzenstrahl durchleuchtet, belebte sich der zarte Stoff zu einem köstlichen Fleischton, all die kleinen spielenden Nixenleiber hatten sich erwärmt, der Himmel und das Meer lagen wie im mildesten Abendrote da, und durch das zierliche, durchbrochene Galeriechen an den Schneckengängen der Muschel drang das Licht ins Innere und blieb in einer tiefen Purpurfarbe hangen. Nie hatte ich die herrliche Schale so schön gefunden, und ich hielt mit solchem Entzücken die Augen darauf geheftet, daß mir entging, was sich zwischen den beiden Personen, dem Geber und der Empfangenden, abspielte. Plötzlich sah ich, wie Regnard den Becher seitwärts auf eine Konsole stellte. Irgendwie kam mir jetzt auch das Gesicht der Frau zum Bewußtsein, das einen enttäuschten und gleichgültigen Ausdruck trug; gleich darauf suchte ich das Regnards und fand es auch enttäuscht, aber keineswegs gleichgültig. Vielmehr verriet es ein großes Herzweh. Ich habe nie gefragt, was für ein unangebrachtes Dankwort die Frau gesprochen hatte, das ihm so nahe gegangen war; aber sicher ist, daß es ein Wort gewesen sein muß, welches zugleich ihre Dummheit und ihre Habgier verriet; vielleicht hat sie den Becher mit Edelsteinen besetzt gewünscht. Regnard, dessen Herz doch an seinem schönen Gebilde hing, muß furchtbar getroffen gewesen sein von der Erkenntnis, daß die Preziöse in Wahrheit von seiner Kunst nichts verstand, denn er tobte diese Nacht auf dem Heimwege mit den bittersten Worten gegen diese, wie er es nannte, schlimmste Falschheit der Frau, den Mann an seinen besten Gefühlen zu fangen. Dieser Szene folgte eine reuige Einkehr bei sich selbst, eine schmerzliche Demütigung vor Germainen und ein Versuch, in alte gute Wege zurückzukehren. Ich glaube, daß es solcher Versuche eine ganze Reihe gegeben hat und daß sie zu einer ernstlichen Besserung geführt hätten, wenn Germaines Hand nur eine einzige liebe Geste der Verzeihung und des Mitleids gefunden hätte. Aber dessen war sie nicht fähig, vielmehr liebte sie es, den ohnedies Zerknirschten noch tiefer in den Staub zu drücken. Und sie ist schuld, daß der Unselige denn auch endlich ganz darin erstickte.

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