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Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant

Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant - Kapitel 11
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typeautobiography
authorChevalier von Roquesant
titleBruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
editorGrethe Auer
translator
correctorreuters@abc.de
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Ich habe von dem trübseligen Winter 1692 bis 1693 nichts weiter zu berichten, als daß ich arbeiten lernte und ein leidlich brauchbarer Soldat wurde. Als im Mai des Jahres 1693 die flandrische Armee wieder zusammentrat, der Feldzug sich neu eröffnen sollte und ich mit meiner Kompagnie der Royal Roussillon zu dem übrigen Teile des Regimentes stoßen mußte, das unter der nominellen Führung des sehr jungen Rouvroy, des späteren Herzogs von St. Simon, in Mons stand – da zog ich nicht mehr mit knabenhaften Träumen süßlicher Abenteuer zu Felde, obgleich auch diesmal eine Anzahl Damen den König begleiteten. Oft, wenn ich schweigend und ernst durch die grashelle Landschaft ritt, entsann ich mich bei irgendeiner Waldecke, vor einem freundlichen Talbilde oder angesichts einer reizvollen Flußlinie, die sich in meinem Gedächtnis mit der empfindsamen Stimmung jener Tage verschwistert hatten, plötzlich der Torheit meines damaligen Verhaltens und errötete jetzt, nach Jahresfrist, noch vor mir selbst. Wer preist die goldene Jugend, wer beklagt ihr Dahingehen? Der Glückliche, der das darf! Mir war sie nichts als Wahn, Irrtum, Leidenschaft und Seelenangst gewesen, und es hatte fast ein Jahr allerernstester Arbeit in Stille und einfachem Leben gebraucht, um nicht einen reifen, aber doch einen erträglich vernünftigen und glücklichen Menschen aus mir zu machen.

Es war mir lieb zu hören, daß Philipp von Chartres nicht mehr bei den Royal Roussillon stand, sondern die Kavallerie unter Luxembourg befehligte. Ein sonderbares Gefühl durchzuckte mich, als ich dies vernahm, denn von allen Menschen, die ich kannte, hatte keiner je die Vorstellung von etwas Dämonischem so sehr in mir geweckt und genährt wie dieser Marschall. ›Wie sich doch das Gleiche und Angemessene in dieser Welt aneinanderfügt,‹ dachte ich. Dieser unsaubere Geselle, der alle Debauchen junger Leute begünstigte und sie in den unerhörtesten unterwies; dieser Giftmischer; dieser Liebling der stinkenden Canaille, dieser Abgott des Pöbels – und auf der andern Seite dieser tapfere, umsichtige und unermüdliche Soldat; dieser einzige Mann in Frankreich, der seit dem Tode Louvois' den Mut gefunden hatte, dem König einmal mit einer offenen Meinung entgegenzutreten: war er nicht in allen Stücken das, was Philipp von Chartres zu werden versprach? Nur daß er häßlich und bucklig war und Philipp schön und schlank! Ich empfahl im stillen die beiden Teufel der Gnade Gottes, die sie zu rechter Zeit richten würde, und beschloß, mich an meine Arbeit zu halten und es ihnen nicht gleichzutun.

Es schien sich diesmal der ganze Feldzug überhaupt erheblich ernster anzulassen als im vergangenen Jahre. Nichts von jenem prunkenden Uebermute, mit welchem damals das Heer vor Mons aufgezogen war, nichts von Revuen, nichts von Festlichkeiten im Lager. Die Damen befanden sich, unerreichbar und unsichtbar für uns alle, in dem eroberten Namur in festen Quartieren, wir aber lagen im Felde von Gembloux und vor uns stand der Feind. Die beiden Flügel unsrer Armee umspannten diesmal wie fangbereit die kleine Höhe, auf welcher die Abtei von Pure stand, und in dieser Abtei hatte Wilhelm von Oranien in großen Nöten sich verschanzt. Wir wußten alle: fiel er aus, so gab es kein kleines Gemetzel! Hatten wir doch schon vor zwei Jahren bei Fleurus erfahren, wie dieser eiserne Mann sich einer Ueberzahl von Feinden gegenüber zu verhalten pflegte.

Es war, als wären wir alle nicht um ein Jahr, sondern um zehne älter geworden. Und wir wurden's um zehn weitere, als plötzlich aus bekannten Gründen der König von der glücklichsten Stellung hinweg nach Paris zurückkehrte, Boufflers an den Rhein schickte und Luxembourg allein am flandrischen Werke ließ. Solange der König im Lager weilte, hatte im Heere noch ein gewisser Geist der Bravour, ein prahlerisches Sichhervortunwollen, zugleich aber auch eine gewisse Sorglosigkeit geherrscht: waren doch Ludwig XIV. und das Glück Vermählte. Nach seiner Abreise gab es einige Tage tiefster Niedergeschlagenheit, die besonders dem Bewußtsein entwuchs, daß unser König um der Laune eines nervenschwachen Weibes willen seine Soldaten und die Ehre Frankreichs hatte preisgeben können; so tief war die Demoralisierung eingerissen, daß greise Generäle ungestört und rückhaltlos sich vor irgendeinem grünen Jungen in Schmähungen und traurigen Kommentaren dieses unseligen Ehebundes ergingen.

Tann aber, wie Männer, die sich von aller äußeren Hilfe verlassen und allein auf ihre eigne Kraft gestellt sehen, besannen wir uns auf unsre Pflicht; jetzt sah man nur ernste und entschlossene Gesichter im ganzen Lager. Und es haben am 14. Juli die Abtei von Heylesem, am 28. Warem und Neerwinden bezeugen müssen, was Männer leisten können, die entschlossen sind, ihren König zu beschämen.

Es hat jener Rouvroy, der die Kavallerie der Royal Roussillon befehligte, einen Brief an seine Mutter, die Herzogin von St. Simon, gesandt, der viel herumgegeben, gelesen und weitererzählt wurde, und der auch nachmalen in seinen Memoiren wieder Staat machte. Dieser Brief soll die ausführlichste Beschreibung des Tages von Neerwinden enthalten, die je geschrieben worden ist. Ich habe ihn nicht gelesen und weiß nicht, was drinsteht. Aber wunder nimmt's mich, wie er es angestellt hat, an jenem Tage oder auch nur am folgenden solche Stilübungen zuwege zu bringen. Freilich, er hatte nichts zu tun, als seine Kompagnie zu befehligen: wir andern hatten zu kämpfen.

Wir waren von vier Uhr morgens an im Sattel, standen in gefährlicher Blöße in der Ebene, von den feindlichen Batterien unausgesetzt bedroht. Vor uns auf langgestrecktem Hügelrücken glänzten in verräterischer Freundlichkeit die beiden Dörfer Neerwinden und Landen, und zwischen beiden lief schnurgerade eine feine dunkle Erdwelle hin. Sie sah harmlos genug aus, diese schlichte Linie; dennoch hatte sie seit Tagesanbruch Blitz um Blitz über uns weg und in uns hinein geworfen, und hinter ihr stand, das wußten wir, der schmächtige Mann mit dem gewaltigsten Willen und Gottvertrauen. Und Stunde um Stunde sahen wir die bunten Wellen eines Menschenmeeres hügelan gegen diesen feuerspeienden Deich schäumen und Stunde um Stunde wieder zurückrollen wie eine ebbende Flut, nur einzelne verstreute Tropfen von Rot oder Grün oder Blau auf der grasigen Böschung zurücklassend. Weiter und weiter holten die Wellen aus, und dann kam eine, die auch mich mit hinaufriß gegen die Schanze. Und auch mich trieb es wieder zurück in einem Wirbel rasend gewordener Pferde. Das waren die verfehlten Reiterangriffe des Generals Luxembourg auf die Schanzen von Neerwinden.

Dann kam ein neues Kommando, und wir marschierten seitwärts gegen das Dorf heran, Luxembourgs Kavallerie voran, die Garden, die Schweizer, die Haustruppen dicht auf ihren Fersen. Und dann gab es jenen häßlichen, erbitterten, tierischen Kampf über Gartenhecken und Hofmauern, zwischen Türen und Fenstern, in brennenden Scheunen und Viehställen, diesen Kampf, der in einer blinden Vernichtungswut gegen Lebendes und Lebloses zu bestehen scheint – und dann lag ich, von einer zusammenstürzenden Mauer getroffen, bewußtlos in der Dorfstraße, und ein Sturm von Menschen- und Pferdefüßen schien um mich her und über mich wegzugehen.

Ich war indes kaum verwundet, kam bald zu mir und hörte, daß die Unsern das Dorf genommen hätten, während Villeroy von rechts her in Landen eingedrungen sei, die Holländer aber zwischen beiden aus den Schanzen gebrochen wären und in der Ebene von Harcourt und dem Herrn Herzog zum Rückzug über die Gette gezwungen wurden. Wir hatten zwölf Stunden unausgesetzt gekämpft, sechse davon vor den Batterien des Feindes. Auch wer heil war an allen Gliedern, war so todmüde an Leib und Seele, daß an diesem Abende nur ein kleiner Teil des Heeres nach dem Lager zurückmarschierte, so nahe dieses sich befand. Die meisten schliefen da, wo sie sich eben befanden, unter dem sternhellen Himmel der Sommernacht. Der Tag war glühend gewesen, jetzt war die Luft kühl und würzig. Der Wind, der über den Hügel herstrich, trug den Geruch von Blut, Schweiß und Rauch, von Brand und aufgewühlter Erde von uns hinweg in die Ferne. Um uns schien alles rein. Ich lag wenige Schritte vor dem Dorfe unter einer blühenden Linde und sog ihren Duft ein.

Irgend jemand hatte mir erzählt, der junge Herzog von Chartres habe während des Reiterangriffs auf die Schanzen Wunder an Tapferkeit vollbracht und sei mit genauer Not der Gefangennahme entgangen. Mir war, ich hätte ihn selbst einmal gesehen, wie er auf seinem dunkeln Pferde die Böschung hinangaloppierte, scheinbar gerade in den feuerspeienden Mund der Batterie hinein. Es war wie eine Vision gewesen. Jetzt lag ich, blickte in die Sternentiefe und fragte mich, was aus ihm geworden sein mochte.

Was für eine Nacht war um mich her! Was für eine köstliche, heilige Nacht! Oder war es nur die tödliche Mattigkeit meines Leibes, die meine Sinne halb betäubte, während sie wirklichen Schlaf doch nicht kommen lassen wollte, die dieses tiefe Friedensgefühl um mich und in mir erzeugte? Rechts und links von mir, im Schatten der Sträucherhecke, schliefen meine Kameraden, die ganze Kompagnie; hier und da drang ein schwerer, langer Atemzug, ein Seufzer, ein traumwirr gestammeltes Wort an mein Ohr. Mitten auf dem Felde, in unregelmäßigen Abständen, lagen einzelne dunkle Körper, die nicht mehr seufzten. An einem Bretterzaun, einige fünfzig Schritte von mir, standen die Pferde verkoppelt, gedämpft drang ihr Stampfen und Schnauben herüber, und in der Helle der Sommernacht hoben sich glänzend die feinen Linien ihrer Leiber; manchmal warf eines den Kopf zurück, daß die Mähne flog, und sandte ein Wiehern kriegerischer Freude über die Hügellehne hin, daß alle Schläfer sich regten, einer oder der andre sich aufsetzte, erstaunt um sich blickte und endlich murmelnd wieder zurücksank. Ueber dem Dorfe stand ein rötlicher Schein, der einer Brandruine entsteigen mochte, und Rauch trübte nach dieser Seite hin die klare Himmelsferne. Aus einem etwas erhöht liegenden Hause strahlte ein Licht, ein zweites aus dem Wächterstübchen auf dem Kirchturm. Ein Storchenpaar, dessen Nest zerstört sein mochte, kreiste langsam in weiten Ringen durch die Luft oder stand mit scharfgezeichneter Profillinie auf dem Kirchendache, zwei ruhelos aber schweigend klagende Geister. Alles dies sah ich durch halbverschleierte Sinne, bis in der Ebene die grauen Nebel sich hoben, in der Linde über mir Vogelstimmen erwachten und das Storchenpaar nicht mehr als schwarze Schatten einherzog, sondern leuchtend weiß, mit gleichsam lichttriefenden Schwingen, in einem rosigen Himmel schwamm. In weiter Ferne blitzte es am Horizonte auf – da kamen frische Stimmen vom Dorfe her auf uns zu, und jeder Schläfer sprang auf und rüttelte sich munter. Ich wandte den Kopf nach den Stimmen und sah Goldtressen und Helmzierate funkeln. Allen voran ging eine junge schlanke Gestalt und eine kleine bucklige. Da stand ich auf den Beinen.

»Kompagnie Moreau der Royal Roussillon!« hörte ich eine der Stimmen, und es war eine tiefe und markige, rufen. Unsre Leute antworteten: »Hier!« und schon formten sich wie unwillkürlich die Kolonnen. »Leutnant Roquesant!« fuhr eine andre Stimme fort, und diesmal war es eine jugendliche, die ich wohl kannte. Ich rührte mich nicht. Die Stimme, jetzt von einem leichten Flor bedeckt, fuhr fort: »Ist es wahr, daß er verunglückt ist?« Da trat ich vor und grüßte in militärischer Haltung.

Philipp, auf Luxembourgs Arm gelehnt, stand vor mir, eine Sekunde lang sah ich ihm fest in die Augen, aber, wie ich wohl fühlte, ohne Dank und Freude für das Interesse, das er mir bezeigte. Auch sein Gesicht blieb hochmütig und kalt. Er nickte mit dem Kopfe und sagte gleichgültig: »Das war alles, was ich wissen wollte!« Dann ging er vorbei, den Marschall nach sich ziehend, der indessen, freundlicher und leutseliger als der Prinz, häufig stehen blieb, da und dort einem Mann auf die Schulter klopfte und laut die Leistungen des vergangenen Tages lobte. Bei jedem derartigen Aufenthalte mußte natürlich auch Philipp stehen bleiben. Sein Gesicht war dann unentwegt mir zugewendet, aber seine Augen sahen mit einer ganz eigenartigen, geflissentlichen Zerstreutheit an mir vorbei, als habe er meine Existenz längst vergessen. Ich fühlte wohl, der Mann hatte mir eine gewisse harte Antwort nicht vergeben und wollte es mich wissen lassen. Dennoch hatte er nach mir gefragt –?

Die Offiziere waren über den Hügelrücken verschwunden. Wir aber rüsteten uns zum Marsche nach dem Lager zurück.

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