Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clemens Brentano >

Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
projectid4db88ef7
Schließen

Navigation:

An Sophie

[Marburg] Sonntag den 10. 7bre [1803].

Liebe Sophie!

Vor wenigen Augenblicken habe ich einen Brief sehr betrübt an Dich abgeschickt, denn ich hatte keinen von Dir, ich wollte nicht wieder an Dich schreiben, aber ich fange schon wieder an, ich hoffe von neuem auf den nächsten Posttag, und der ist bis Mittewoch, damit Du nun doch wieder einen Brief erhältst, wenn ich auch bis Mittewoch keinen von Dir haben werde, so will ich heute schon anfangen und so lange fortfahren, als ich noch hoffe, denn wenn ich mich wieder getäuscht sehen sollte, so würde ich nicht schreiben, und Du müßtest dann für Deinen unverzeihlichen Fehler büßen, das wäre doch aber nicht recht, denn was ist denn das Heilige, Göttliche in der Liebe anders, als daß in ihr keine Gerechtigkeit ist, sondern nur unendliche Güte und Sanftmut, es ist ja nichts, das sie nicht verzeihen könnte, sie ist der Statthalter Gottes, und was der Heilige Vater in Rom selbst nicht lösen kann, solche Schuld kann der Liebe noch Unschuld sein, ich fühle diese Allmacht in mir, und liebes, unendlich glückliches, unendlich geliebtes Weib, Du kannst mich selbst ermorden, ich will es Dir verzeihen, ich will, können Geister wiederkehren, mich zu jenen Geistern gesellen, die Du in bangen, drückenden Stunden so tröstlich erfunden hast, ja, Du kannst noch härter an mir handlen, Du kannst mich wieder verlassen, ich will Dich in der Stille ruhig fortlieben, ich will denken, Du seist gestorben (und wirst Du das dann nicht sein?), und will Dir nachweinen, bis ich bei Dir bin, denn lebst Du auch, so ist doch sicher Dein Bild des Himmels Zierde. Ich kann mich denken, tretend in den Himmelssaal, und ängstlich suchen, die Unzahl aller Seligen durchdringend hin zu Dir, zu Deinem Ebenbild, zu Deiner Jugend, Deiner Unschuld, Deiner Treue, die dann gewiß im Himmel sind, wenn Gott mich selig machen will, o sterben wird zur Lust mir, ich habe vieles zu gewinnen, und was auf Erden mir die Liebe nicht reichen kann, das konnte nicht auf Erden wohnen, im Himmel ist die Blüte aller Zonen geflochten in die ew'gen Frühlingskronen, so laß mich dann mein Leben hier nicht schonen, im Himmel mußt Du endlich doch mir lohnen. Doch sieh nur einmal, wie die Güte auf Erden belohnt wird, kaum bescheide ich mich zur Geduld, so erhalte ich Deinen liebevollen sehnlichst erwarteten zweiten Brief, soll ich ihn wohl gleich erbrechen, nein, ich will mir Gewalt antun, ich will ihn liegenlassen, bis ich ihn wirklich erhalte, denn ich habe ihn noch nicht, ich machte mir nur eine reizende Einbildung. Ich könnte zwar mit meiner Phantasie vorgreifen und Deinen Brief mir selbst schreiben, aber wenn nun der Christus selbst käme und seinen Vorläufer zuschanden machte; doch manches könnte ich doch beantworten, was in dem Briefe steht, den Du mir nicht geschrieben, oder vielmehr, den ich noch nicht erhalten, denn geschrieben hast Du ohnstreitig, nicht wahr, Du hast mich nicht bald in Dresden vergessen, Du liebst mich noch, Du hast viel an mich gedacht? Ach, wenn Du wüßtest, wie Dein Brief von der ganzen Reise, dieser schöne feste Liebesgedanke an mich mitten durch die Zerstreuung und Ermattung der Reise mich entzückt hat, wie ich so fest an seine Wahrheit glaubte, besonders, weil Du selbst so kleine Züge, als den schönen Kellner, anführtest, Du würdest Dich nicht durch die Zerstreuungen von Dresden, der Rückreise oder gar einer verwünschten weitern Reise nach Magdeburg haben abschrecken lassen, mich wieder zu erfreuen; Du glaubst mir vielleicht nicht, daß mein Leben hier wirklich dem Leben der Ahlefeld auf ihrem Gute ziemlich gleicht, sonst würdest Du Dich wohl schriftlich meiner mehr erbarmen. Ich kann oft sehr traurig werden, wenn ich sehe, wie mir vieles so schwer wird, was andern unendlich leicht vonstatten geht, und vor allem die Liebe. Ich bin nun, seit ich von Dir bin, nicht eine Minute ruhig gewesen, ja, ich bin recht eine Folterbank meiner selbst; wenn ich so dem Savigny zusehe, in den, wie ich von guter Hand weiß, meine Schwester Gundel zügellos verliebt ist, wie er in unendlichem Gleichmut von morgens bis abends seine Folianten durchbuchstabiert, so ekelt mich diese Ruhe an, um die ich ihn doch wieder beneide, ja meine Freundschaft selbst erhält mich in einer ewigen Marter. Ach Sophie, wenn ich Dich doch endlich einmal ganz besäße, daß mein Leben wäre wie ein ruhiger liebender Blick von mir in den Himmel Deiner träumerischen Augen. Ich fühle es deutlich, wie Dein Besitz sein wird, wie dem Gelehrten der Besitz eines vortrefflichen Buchs, welches ihm eine Menge andrer entbehrlich macht, ich werde durch Deinen Besitz endlich dazu gelangen, was mich in ein so ungleiches Verhältnis mit allen meinen Freunden setzt, ich kann ohne sie nicht leben, und ich bin ihnen nur ein Stück ihres Luxus, wenn Du, wenn das Glück, die Freude, die Anmut und der Mut sich unzertrennlich mit mir werden vereinigt haben, dann werden mir meine Freunde mich nur das sein, was ich Ihnen bin, ein edler, würdiger Umgang. O liebes Weib, so eile dann, komme bald, komme gleich. Morgen geht Savigny in die Ferien an den Rhein, dann ist auch kein Mensch mehr hier, den ich kenne, ich wohne in einem Hause allein mit dem Bedienten, da wird mir es zumute sein wie Dir in Camburg, es ist mir schon recht bang, und ich bin ganz traurig, wenn ich dran denke, besonders da Du das Unglück an Dir hast, so selten und so wenig zu schreiben. Ich möchte wohl gern nach Frankfurt reisen, aber ich kann nicht, weil ich keine Briefe von Dir habe, ich muß Dir doch erst Bettstellen und diejenigen andern Meubels bestellen, die Du etwa verlangst. Daß Dir Dein Hausherr Tische und Stühle leihen wird, solange Du sie brauchst, habe ich Dir, glaube ich, schon geschrieben, auch sagte er mir, könnten die Spiegel hängenbleiben. Ich habe den Mietkontrakt förmlich unter meinem Namen schriftlich mit ihm vom ersten 8bre an abgeschlossen, vom November an wollte er nicht, ich mußte, weil die schönen Wohnungen hier selten und für den vielen Raum die Miete sehr billig ist. Was ich Dir von Meubels bestellen soll, das schreibe mir doch gleich, und bedenke, daß ich hier traurig und betrübt in der Einsamkeit schmachte. Von Betinen habe ich immer noch keinen Brief, ich weiß nicht, wie das zugeht, und bin sehr bekümmert darum. Unangenehm wird mir mein Aufenthalt in jedem Falle in Frankfurt sein, besonders da seit einigen Tagen Christian hingegangen ist, der für mich überall etwas sehr Fatales, durch seine drückende Eitelkeit und Bizarrität hat, in Frankfurt aber mir immer rein unausstehlich war. Seine Briefe an mich, die uns beiden wohlgefielen, waren, wie ich Dir gleich gesagt, reine Produkte der Faulheit und Eitelkeit, und insofern solche Sachen zu schreiben gar nicht in seinem Charakter liegt, sind sie eigentlich Lüge. Über Dich habe ich von meinen Geschwistern kein Wort mehr gehört, da ich überhaupt von Haus keine Zeile erhalten habe als einen kleinen Brief Betinens, in dem sie Dich zärtlich grüßt. Ich habe Dir, glaube ich, in meinen vorigen Briefen alles gesagt, was ich Dir für meinen heftigen Wunsch, ordentlich mit Dir getraut zu werden, sagen konnte, dieser Wunsch wird je heftiger und fester in mir, je ernstlicher und ruhiger ich über unsre ganze Lage denke. Du glaubst nicht, wie mich meine Verlorenheit, meine Einsamkeit unter den Menschen oft bis zu Tränen schmerzt, schon durch meine Ansicht, meine Gesinnung und Beschäftigung gleichsam verwaist, kommt nun noch die Trennung in der Familie hinzu, die jedes einzelne betrübt, und die sie alle doch hervorbringen; ich fühle es deutlich, ich kann nicht so bleiben, ich muß mit allen Verhältnissen eines andern Wesens mich zusammenspinnen, ich muß wieder Grund und Boden fassen. In diesem Augenblick unterbricht mich ein ganz verdammter Gedanke, nämlich, wenn ich auch noch so sehr Dich um Briefe bitte, daß Du mir doch nicht, als acht Tage höchstens, nachher Trost schaffen kannst, so ist auf Erden nichts schrecklicher als die Unmöglichkeit, o liebe Sophie, ich verzweifle ganz, sei doch nur ein bißchen menschlich und lasse mich nicht so wie einen Narren sitzen. Es war eine Zeit, da saß ich in Altenburg und paßte ebenso auf Deine Briefe, und am Ende kam die verfluchte Szene, o Sophie! diese Zeit liegt mir gleich in allen Gliedern, wenn Du mich vernachlässigst, und ich zermartere mich in den schrecklichsten Zweifeln, ob Du mich nicht wohl von neuem zu plantieren Lust hättest, Gott! wenn ich den Gedanken denke, wird mir das Blut in allen Adern zu Gift. Heute bin ich nun gar elend gewesen, ich habe geglaubt, heute sei ein Posttag, und habe vom Morgen bis in die Nacht in banger Erwartung gelebt, so oft die Klingel des Tores geht, lief ich ans Fenster, das ist nun eine ganz verfluchte Abwechslung mit der bittern Arznei, die ich seit einigen Tagen stündlich verschlucken muß. Ich wollte Dir nicht eher sagen, daß ich krank bin, bis ich wieder genesen wäre, die ewige zerfleischende Sehnsucht, in der ich seither lebte, hat mein Nervensystem etwas zerrüttet, und ich habe viele traurige Phantasten gehabt, nun bin ich wieder gesund, nur daß mich meine immerwährende Begierde nach Dir und die ewig getäuschte Hoffnung nach Briefen noch oft sehr angreift, wenn ich nun bedenke, daß ich einige Wochen in dieser Erwartung und in so mutterseliger Einsamkeit zubringen muß, so kann ich dies nicht ohne Tranen schreiben. Wenn nur ein Funken Menschlichkeit in Dir ist, so schreibe mir öfter und bedenke, daß ich doch nicht so gar schlecht bin, als Du mich vernachlässigst. – Dies alles habe ich nun von Deiner unseligen Reise nach Dresden. Gott weiß, was noch mehr aus ihr für mich entstehen mag, indes Du Dich amüsierst, verzweifle ich, mein Widerwill gegen sie war gerecht, und ich hoffe, Du wirst einstens noch alles das verabscheuen lernen, wogegen ich einen Widerwillen habe. Das eben ist es, was mir vielleicht ewig in deiner Liebe fehlen wird, Du wirst das vielleicht nie vor Unrecht halten, was ich mißbillige, und ich werde oft die Erfahrungen büßen müssen, die Du für Dich allein gemacht. O Sophie, warum glaubst Du nicht an mich, warum hast Du einen eignen Willen, warum kannst Du mir nicht schreiben wollen, indes ich nach Deinen Worten schmachte? Ich bin sehr traurig, soeben höre ich, daß ich erst in vier Tagen wieder umsonst nach Briefen von Dir schmachten darf, und dann habe ich aus der Erfahrung noch die tröstliche Hoffnung, daß ich wieder keinen erhalte. Doch schon geht der Raum dieses Blattes zu Ende, und ich sollte in strengem Unmute von Dir geschieden sein, o reich die Hand mir, sieh mir in die Augen, o Sophie, liebe, gute, süße Geliebte, fühlst Du nicht, wie ich Dich liebe, unendlich liebe, bist Du nicht glücklich durch diese Liebe, o so teile dann Dein Glück mit mir, schreibe mir nur weniges von Deiner Liebe, Deinem Glück und Deiner Sehnsucht nach mir, ach diese Sehnsucht, wenn sie wirklich in Dir wäre, wie könnte ich dann so traurig sein ohne Dich, wenn ich Dich nicht in den Armen halte, wenn ich Dich nicht habe mit den Händen, dann habe ich Dich nicht. Betrachte selbst, liebe Seele, wie es ohnmöglich ist, bei Deiner Denkart ruhig zu sein, Du hast mir nicht nur oft beteuert, ja mir es immer mit der Tat bewiesen, daß Du bloß im Momente lebtest, so hast Du keine Beständigkeit, mit dem Moment geht der Moment, geht die Wahrheit Deines Lebens verloren, Du liebtest mich im Moment, Du versichertest mich im Moment Deiner Festigkeit, ich war so glücklich im Moment, der Teufel holt den Moment, und wenn Du nicht aufhörst, immer im Moment zu stecken, so wird Dich einmal in einem Moment der Teufel mitsamt Deinem Moment geholt haben. Drum bete fleißig, mein Kind, liebe mich inniger und steter, mache es so wie ich mit Dir, verlange nach mir, schreibe mir, ach du Gott! wie oft habe ich Dich schon darum in diesem Brief gebeten, und das alles gilt nur für einmal. Das ist nun wieder die verdammte Unmöglichkeit, ich wünschte mir einen Brief auf die Art einrichten zu können, daß ich unten noch dran schriebe, wenn Du ihn oben schon zu lesen anfängst, und wenn ich recht zornig werden werde über Dein Stillschweigen, so werde ich einen Brief auf die Art vergiften, daß Du das Heilmittel nur bei mir schriftlich oder mündlich erhalten kannst, oder ich weiß noch was Bessers, wenn Du mir nicht sogleich auf diesen Brief antwortest, so komme ich wieder nach Weimar, das ist gewiß und wahrhaftig mein Einst. Aber um Gottes willen – krank, bist Du vielleicht krank, sehr krank – ach Sophie, sei nicht krank, sei nicht tot, was willst Du dann sterben, da ich Dich liebe, so sehr liebe. Ach, gehe nun nicht schlafen, der Tag bricht ja an, es ist nicht mehr der Wert, zu schlafen, komme an mein Herz, in meine Arme, da schlafe, still, still, – o sei nicht krank, nicht tot, – die Idee verfolgt mich wie ein Gespenst, o hätte ich doch diese Idee nicht gedacht! – Savigny ist nun weg, und es ist mir nichts zur Gesellschaft und kein Umgang geblieben als Herr Clemens Brentano, ein junger, geistvoller Mann, der sehr unterhaltend sein würde, wenn er nicht so langweilig wäre, er spricht beinah gar nicht, nur dann und wann ruft er den Namen Sophie mit großer Zärtlichkeit aus und verdreht dabei die Augen so ziemlich. Diese Sophie liegt ihm so schwer in allen Gliedern, daß man ihn nicht von der Stelle bringen kann, kaum daß ich ihn bewege, mit mir in der Stube auf und ab zu gehen, an einen Spaziergang ist gar nicht zu denken, er kann singen und Gitarre spielen, aber daß er es täte – neulich hatte er kaum einige Töne geklimpert, als er plötzlich mit horchender Miene aufhörte und ich ihm mit wunderlichen Gedanken in seine Andacht kam, schimpfte er mich so melancholisch gründlich aus, daß mir nichts übriggeblieben ist, als alles mit ihm auszustehn. Was mich aber sehr betrübt und ich ihm gar nicht sagen darf, wenn ich nicht will, daß er sich gar ein Leid antue, ist, daß ich vermute, jene Sophie bekümmert sich eben nicht groß um diesen Herrn, und ich kann es ihr auch nicht verdenken, denn wenn es gleich etwas grausam klingt, einen sonst vorzüglichen Menschen unklug zu machen, so hat sie es ihm doch nicht befohlen, unklug zu sein. Sie selbst scheint eine große Anlage zur Vernunft zu haben, wenn Leichtsinn vernünftig sein kann. Doch da Sie diese Sophie vermutlich nicht kennen, will ich Ihnen auch keine Beschreibung von ihr machen, denn da ich alles, was ich von ihr weiß, bloß aus der Zeichensprache meines unglücklichen Gesellschafters habe, wage ich es nicht, so verdächtigen Quellen nachzusprechen. Nach seinen Aussagen, wenn ich sie auch um drei Viertel zu hoch anschlage, gibt sie in diesem letzten übrigbleibenden Viertel dennoch dem Vollmond an Liebreiz, Anmut, Sanftheit etc. nichts nach, kurz, sie verdient, daß man toll um sie wird und mondsüchtig – wahrhaftig, sie verdient es, ich erfahre es selbst, und Du, meine Geliebte, auch, denn hat mich diese Liebeshexe nicht verführt, hier mehrere Zeilen von ihr zu schreiben und Dich darüber ganz zu versäumen. Verzeihe mir das, liebes Kind, und suche Dich an ihr darüber zu rächen, die schönste menschenfreundlichste Rache, die Du an ihr nehmen könntest, wäre, wenn Du sie bewegen wolltest, meinem armen Clemens mehr zu schreiben, oder das allerbeste, sie bald, recht bald mit Dir hierherzubringen, dann wirst Du sehen, wie liebenswürdig ich und der Clemens und Du und Sophie sind. Die Frankfurter Post hat mir wieder keine Zeile von Betine gebracht, ich bin in tödlicher Angst, ob sie vielleicht krank oder gestorben ist, wie schnell war es mit Sophien geschehen, ich habe gar keine Ruhe mehr, Du schreibst auch nicht, ich verzweifle, o man möchte wütend werden, um alle Liebe zu verfluchen, lebe wohl, schreibe, wisse, daß ich so elend bin und daß wir es so nicht verabredet haben, also schreibe. –

Das Stillschweigen Betinens ängstigt mich so, daß ich morgen hinreisen werde, in wenigen Tagen kehre ich zurück.


An Clemens

[Weimar, den 13. September 1803.]

Ich bin heute ernster als gewöhnlich, und deswegen schreibe ich Dir. Lieber Clemens, laß mich mein Leben in Marburg so still und einfach anfangen als möglich. Die Sorge für Dich wird nur Sorge für mein Vergnügen sein, und wie gern will ich sie übernehmen! aber gönne mir Zeit, mich in der neuen Lage erst selbst zurechtzufinden – Bei allem, was Du von mir begehrst, nimm Deine Gründe stets nur von Dir selbst her, mischest Du andre mit hinein, so empörst Du mein Gefühl unausbleiblich. – Es gibt Augenblicke, wo ich für Dich, für Dein Glück mit Freuden sterben könnte; ich opferte Dir mein Leben, ein reines Opfer, denn es geschah aus Liebe – willst Du aber meine Gabe für den Dienst fremder Götter gebrauchen, so entweihst Du das Opfer, die Flamme der Andacht verlischt, und ich bin um meine Seligkeit betrogen.

Die Zucht Deiner Geschwister, der Ruf Deiner Schwester! – erst erfodert ihre Ruhe, daß ich Dich nicht heurate – jetzt will ihr Ruf das Gegenteil! – Clemens, erinnere Dich, daß ich für Dich lebe, für niemand anders als für Dich! – Deine Familie würde nichts dagegen haben! – mein Blut kocht, wenn ich mir das sage. Diese Menschen, die mir nichts sind, die mir ewig fremd sind – o Clemens, bist Du wirklich mündig? – ich schweige, dies ist die Klippe, wo meine Sanftmut scheitert.

Was Du mir von Deinen jetzigen Gefühlen für Savigny schreibst, betrübt mich. Ach! haben nur die Abwesenden das Recht, Dir zu gefallen, von Dir vergöttert zu werden? – Wundre Dich nicht, daß er Dir nicht ganz vertraut, kein vernünftiger, selbst kein mutiger Mann kann Dir je vertrauen, denn Dir fehlt etwas, was Dich von allen bürgerlichen Verhältnissen ausschließt. Du hast keinen Sinn für Schonung und für Schicklichkeit. Du kannst Dinge aussprechen, die das innerste Wesen des andern zerreißen; wie von einer fremden, bösen Macht gezwungen sagt Deine Zunge oft Worte, von denen Dein Herz, Dein Verstand nichts wissen können, die auch das nicht verschonen, was Du selbst für das heiligste erkennst. Ja, ich bebe, wenn ich denke, wie dieser Fehler, der einzige, den ich in Dir erkenne, Dich noch in tausend Gefahren stürzen, Deine Ehre, Dein Leben selbst aufs Spiel setzen kann. Ich selbst weiß, wie Deine Worte empören können; was müssen andre fühlen, die Dich nicht lieben, die heftiger sind als ich; sie müssen Dich entweder verachten oder verfolgen, und die mildesten hüten sich vor Dir. Denn wer kann es ertragen, wenn er die Schätze seiner Gedanken in ein geliebtes würdiges Heiligtum niedergelegt hat, und er sieht, wie der Eigentümer desselben sie herausreißt, um sie dem ersten Bettler auf der Straße zuzuwerfen oder einer Dirne, die ihn mit hübschen Augen ansieht? – Zürne mir nicht, o! zürne nicht, daß ich so predige! verkenne die treue Liebe nicht! Du hast auf Erden keinen treuern Freund als mich. Ich vertraue Dir unbeschränkt; nicht aus vernünftigen Gründen, sondern aus einem kühnen Glauben an Dich! – – ich schwöre Dir, ich schließe Augen, Ohren und Verstand vor allem zu, wodurch ich mißtrauisch gegen Dich werden könnte, ich glaube an Dich, Clemens! unerschütterlich glaube ich an Dich! vertraue mir als Deinem besten Freund!


An Sophie

Wiesbaden, Drei Tag nach meinem letzten Brief.
[14. September 1803.]

Lieber Sophus! oder Butschki, Kutschki.

Vorgestern abend bin ich hier angekommen, wo ich endlich Betine gesund und zufrieden angetroffen habe, die Unrichtigkeit der Posten war an ihrem Stillschweigen schuld. Ich habe noch nichts mit ihr als von Dir gesprochen, und sie kann sich nicht satt hören, sie findet auch, daß Du mich heuraten müßtest, und ich zweifle nicht, daß Ihr Euch sehr lieben werdet, denn ihr habt beide die rechte Art von Verstand, ich glaube auch, Du würdest durch ihren Umgang noch viel lebendiger und leichter werden, denn sie ist eigentlich in sich leichter als Du. Indem ich Dir hier schreibe, sitzt sie mir gegenüber, und ich wollte, ich könnte Dir ihr Gesicht abschreiben, so hätte ich Dir etwas sehr liebevolles, geistvolles, unschuldiges geschrieben. Doch denke nicht, daß meine Empfindung für Dich sich in ihrer Gegenwart im mindesten verändert, wenn sie meine Schwester nicht wäre und Du wärst im gleichen Alter mit ihr und ihr hättet beide nichts erlebt als das Abendmahl (soeben sitzt mir ein Kind auf dem Rücken und patscht mit seinen Händen in den Brief), als das Abendmahl, so würde ich in Dich toll verliebt sein und nach Dir verlangen, sie aber würde mich erringen, und ich würde Dich nicht bei ihr vergessen. So aber, da ich nichts außer ihr lieben kann als Dich, so bist Du doch und bleibst die einzige. Ich möchte Dir gern mehr schreiben, aber alle die Kinder der Tonie rupfen und zupfen mich, ich muß den ganzen Tag so viel von Dir erzählen, daß ich heut anfangen werde zu lügen. Die Angst und Not in Frankfurt wegen Dir ist gar nicht so arg, als Du denkst, und ist eine reiche Ausbeute einer unendlichen Klatscherei, von Weimar durch die Löwenstern und Laroche, kein Mensch wendet auch etwas gegen meine Ehe ein, man interessiert sich gar weiter nicht drum, und der ganze Lärm war nur ein Frosch, der in einem vielfachen Echo quaxt. Ich kann das Ganze hier nicht auseinandersetzen und sage Dir nichts, als schreibe mir immer nur nach Marburg, aber um Gottes willen schreibe und komme bald.

Dein Clemens.


An Clemens

[Weimar, 14. September 1803.]

Ach, lieber Clemens, schreib mir doch keine so barbarisch ernsthaften, so unverständig verständigen Briefe mehr! es tut mir so unendlich leid, daß ich nicht gleich zu allem ja sagen kann, und doch kann ich mich nicht wie ein Wetterfähnlein nach jedem andern Wind hindrehen. Ich bitte Dich, laß das alles gut sein, es wird mir sonst zu bunt, mein Verstand, der, wie Du weißt, nicht weit her ist, könnte leicht ganz stille stehen, und was sollte dann aus meiner Reise und aus allem werden, wenn dies Rad meiner Tätigkeit stockte? – Ich möchte Dir manches über Deinen Brief schreiben, aber heute ist es mir unmöglich, ich fühle mich teils zu wohl, teils zu träge dazu. Es ist mir, als wenn ich lange in einen beschwerlichen Panzer eingeschnürt gewesen wäre, und endlich hätte eine liebe Hand meine Bande gelöst. Ich läge nun auf einem weichen Lager und bewegte mich frei und bequem, unbekümmert, ob alle meine Bewegungen so schulgerecht wären, daß sie einem Maler als Modell dienen könnten.

– Ich habe Dir mancherlei zu sagen.

Zuerst, daß ich heute Deine Büste erhalten. Ich weiß es nicht, warum ich heftig erschrak, als ich sie enthüllte. Sie steht nun auf meinem Schreibpult, und ich mag schreiben oder auf dem Sofa liegen, so seh' ich sie immer vor mir, aber leider hat sie ihre göttlich milde Seite dem Licht zugekehrt, und ich muß mich mit dem boshaften Zug begnügen, der mich nur zu oft an die Leiden der Erde erinnert. Ich habe Tieck sogleich das Geld geschickt und ihn gebeten, die andre Büste schnell abzuschicken, was nun wohl geschehen sein wird.

Ich habe unter meiner Adresse einen Brief von Betinen an Dich erhalten. Ich weiß nicht, hast Du oder sie mir ihn gesendet; im letzten Fall hättest Du ihn noch nicht gesehen, und ich hätte die Freude, Dich damit zu erfreuen.

Gestern schrieb ich wegen meines Stücks an Schiller; er kam selbst zu mir und brachte den ganzen Nachmittag bei mir zu. Wir lasen das Stück, und er sagte, daß es in einigen Wochen aufgeführt werden sollte. Wir besetzten die Rollen gemeinschaftlich und waren sehr lustig; doch hat er mir versprochen, meinen Namen zu verschweigen, und außer ihm und Dir soll niemand etwas davon wissen. Ich muß nun aber wegen der Aufführung noch manches darin verändern, und das ist mir leider wieder eine neue Arbeit. Auch bitte ich Dich, als mein Orakel, zu dem ich in allen Fällen meine Zuflucht nehme, mir einen wohllautenden, spanischen, dreisilbigen weiblichen Namen zu verschaffen, den ich anstatt Chimene setzen kann, denn dieser will Schiller durchaus nicht gefallen. Ich erwarte diesen Namen in Deinem nächsten Brief zuversichtlich.

Freund Majer ist wieder zurück; der Berg hat abermals eine Maus geboren. Es scheint, daß man hier nun alles anwenden will, um ihn in Jena anzustellen, das sich höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit wieder sehr heben wird.

Schreib mir doch, ob Du glaubst, daß ich in Marburg ein hübsches Pianefort kaufen kann? in diesem Fall verkaufe ich das meinige, denn je weniger ich mitnehme, desto besser. Jetzt ist es hier sehr kalt, aber ich hoffe, daß der Himmel mir zu Ehren noch einen langen, langen, schönen Herbst bescheren wird. Nicht meine Arbeiten allein, auch das Geld geniert mich, denn, ob mir gleich in diesem halben Jahr meine Arbeiten über 700 Rtlr. einbringen, so ist dies doch erst zu Ostern zahlbar, und es kostet mir Zeit und Mühe, mir das jetzt nötige Geld zu verschaffen.


An Clemens

[Weimar, den 20./21. September 1803.]

Clemens! Gott verzeihe Dir die Stunden, die ich soeben erlebt habe, die brennenden Tränen, die ich geweint, die qualvollen Schmerzen, die mein Innres zerrüttet haben! – Ich bin zu sehr vernichtet, als daß ich mich verstellen könnte. Jetzt, jetzt erst treffen mich die tödlichen Pfeile, die Du, verhüllt von dem Zauber der Gegenwart, auf mich abdrücktest, O! ich war noch nie unglücklich – jetzt bin ich es erst geworden! Beschimpft zu sein von dem, was man liebt, das ist das einzige, größte Ünglück des Weibes – die einzige Schande, die einzige üble Nachrede, die sie treffen kann! Ich erfuhr es noch nie, bis jetzt, jetzt. – O! warum war ich, Unselige, bestimmt, alle Schmerzen des Lebens zu erfahren, auch diesen, ach! den größten von allen! Durfte kein bittrer Kelch der Erde mir vorübergehen? – Gott, wie hast Du mein Leben vergiftet, die Einsamkeit gibt mir keine Ruhe, und die Menschen fliehe ich – nicht aus Stolz, aus Freude, wie ich es zu tun hoffte, nein! weil ihr Anblick mich verwundet, weil mein Sinn gebrochen ist, weil ich keine Freiheit, keinen Mut mehr fühle. – Gestern verteidigte ich Dich noch, wegen einer Beschuldigung, mit leidenschaftlicher Wärme, – heute aber sagt man mir mit fühlloser Genauigkeit Worte, die Du von mir, von meiner Liebe gesagt – ach! ich erkannte sie zu gut, diese schneidenden, verachtenden, schrecklichen Worte, die niemand gehören können als Dir! aber ich glaubte sie allein zu kennen, nun tönen sie von fremden Lippen mir wider – o! und das tatest Du zu eben der Zeit, wo ich Dich so rein, so innig liebte, wo ich gern mein Leben für Dich gegeben hatte! was ein redlicher Mann selbst gegen Fremde sich nicht erlaubt, das tatest Du an Deiner Freundin! –

Aber nicht Worte allein, auch Züge müssen es mir sagen. »Das ist nun auch vorbei, schriebst Du Deiner Schwester, ich habe die M. geliebt, ich liebe sie nicht mehr; an Heurat ist gar nicht zu denken, aber sie will meine Freundin – dies Wort zweideutig unterstrichen – sein, und sie wird mir durch die ganze Welt nachlaufen.« – Hättest Du nur wahr, nicht schonend sein wollen, so mußtest Du schreiben: Sophie will nicht, daß wir uns heuraten, sie meint, es sei für mich besser, und ich gebe ihr recht. – Aber auch jenes – wenn es Dir angenehmer war – ich hätte es leicht verschmerzt, ja gutmütig hatte ich Dir die Freude gegönnt, gegen Menschen, die Dir wert sind, Deiner Selbstliebe auf meine Kosten kleine Opfer zu bringen. Aber mich hingeopfert zu sehen für alle, ein Triumph für alle, die mich beneideten, das Ziel schmähsüchtiger Reden, die nun sagen: seht! sie hat sich ihm an den Hals geworfen, und er verschmäht sie – sie verfolgt ihn mit ihrer Liebe, die er verachtet. – O, Clemens, war es Dein Plan, mich zu vernichten, so hast Du ihn vollständig erreicht! meine Hoffnungen auf Freude, meinen mutigen, kühnen Sinn, womit ich den Menschen unter die Augen treten konnte, hast Du zerstört. Du hast mir tausend Feinde erweckt. Deine Schmähsucht untergräbt vielleicht den Ruf meiner Arbeiten, auf dem, Du weißt es, meine Existenz beruht, ach! alles, alles – nur die Unschuld meines Herzens war Dir zu erhaben, daß ich Dich rein, himmlisch liebte, das konntest Du nicht zerstören, und das allein mildert diese bittersten Stunden meines Lebens, um deswillen wird mir Gott helfen!

Daß alles wahr ist, daran ist leider kein Zweifel. Du schriebst es Deiner Schwester, die es andern zeigte, die la Röche schrieb es mit einem Anstrich gutmütiger Besorglichkeit für mich hieher, ihr Korrespondent las es laut bei der Herzogin, und so erfuhr ich es wieder, nebst tausend andern Deiner Äußerungen, weil man mein Verhältnis mit Dir für ganz getrennt ansieht und erschrickt, wenn ich vom Gegenteil spreche. – Doch bitte ich Dich, laß es nun bei Dir beruhen, bei Dir begann es, bei Dir endige es, ach! sei mitleidig, bereite mir keine neue Schmach, kein neues Aufsehen! –

Gutmachen kannst Du nichts, denn so arm ist der Mensch, daß er das nicht zurücknehmen kann, was er getan, aber um Gottes willen schreibe gleich. – Ach! so groß ist mein Unglück, daß ich es niemand klagen kann, sondern nur bei der Quelle desselben auch Trost suchen muß. Schreibe mir das Treuherzigste, Einfachste, was Du weißt, nur nichts, was mich an Witz und Genie erinnert. Mache, daß ich lachen muß; damit ich wieder begreifen lerne, ich sei noch dasselbe Wesen wie vorher, und wieder an mich glauben kann.

Ach! stünden nur Deine gottlosen Reden nicht feurig in meinem Gehirn!

Ich bin wohl krank, daß dies alles so auf mich wirkt. Der Arzt sagt, meine Nerven litten – es kann wohl sein, ich denke, es muß sich bald entscheiden – – daß meine Gesundheit nicht in ihrem natürlichen Zustand ist, fühle ich wohl. – Ach! alle meine Ideen sind verrückt, und die Gedanken laufen unordentlich durch meinen Kopf! – Sage selbst, Clemens, ist jetzt nicht der Augenblick, wo Deine Freundin, Deine unglückliche Freundin der Welt, der Freude, dem Leben entsagen sollte; auf immer und ernstlich? ruft es mich nicht jetzt in die Stille, in die Vergessenheit, zu einem frommen pflanzenähnlichen Dasein, jetzt, da mein Herz von diesen Leiden erschöpft ist und ich wohl niemand mehr glücklich machen kann! ich bin nicht mehr frei, ich kann mein Leben nicht mehr der Liebe opfern, wie ich es im Sinn hatte, denn das, was nur von zwei Seelen gekannt das heiligste Verhältnis gewesen wäre, ist durch Deine – Redesucht zur Schande geworden.

Ja, fast unwiderstehlich zieht es mich fort – alle die einsamen Täler sagen: vertraue Dich uns, verlaß die Menschen, Du selbst kannst nichts mehr für sie sein, indes sie nur dein armes Herz verwunden, das nur bei uns sich erholen kann.

So lebe wohl, – lebe Du und mich laß sterben. Benutze mein Unglück, Dich von Deinem Fehler zu bessern – kannst Du es nicht, kannst Du Deine genialische dramatische Grausamkeit nicht aufgeben – nun, so betrübe Dich darum nicht! – Gehe dann leicht und ungebunden über die Erde, vermeide nur alle nähern Verhältnisse, wo Du nur strafbar wirst und unglücklich machst, und laß Dir alles zu einem Gedicht werden.

Ich schreibe Dir wieder mit versöhntem, stillem, friedlichem Gemüt. Ich habe Dir vergeben, ganz, aus reinem Herzen, noch ehe ich Deine Antwort auf meinen Brief erhalte. Nein! Clemens, der Schmerz, den Du mir gabst, kam nicht aus Deinem Herzen, und soll ich wegen solcher Zufälligkeiten die kurze Zeit des Lebens mit feindseligen, traurigen Gedanken anfüllen? ach nein, laß mich mein Herz, solang es noch schlägt, leicht, wahr und liebend zu erhalten streben. – Ich hoffe. Du findest nichts Trauriges in diesen Worten, glaube nicht, daß ich krank bin, ich bin wieder ganz hergestellt, und wenn ich mir den Tod denke, so geschieht dies aus einem Grund – den ich Dir in meinem nächsten Brief sagen will, doch werde ich Dir nicht eher wieder schreiben, als bis ich gewiß weiß, wo Dich mein Brief treffen wird.

Dein letzter Brief war mir sehr lieb, ich habe ihn immer, immer wieder gelesen, und er hat mich sehr erheitert. Ich hoffe nun bald wieder so an Dich denken zu können, wie ich es in der letzten Zeit Deines Hierseins und während der Reise tat. Da war über alles Mißfällige ein seliges Vergessen gebreitet. Ich schwebte wie auf einer Wolke über der Erde, meine Füße berührten den Boden nicht, und mit lächelndem Gesang bog ich nur die Blütenzweige zurück, die mich umstrickten – aber ach! jener Blitzstrahl warf mich wieder auf die Erde, manche schmerzliche Erinnerung griff wieder mit Harpyenklauen nach mir, ich mußte den harten kalten Boden wieder betreten und die Dornen herausziehen, die bis zum Heizen gedrungen waren. – Doch kein Wort mehr, und nie wieder ein Wort davon!

Die Johanna ist seit einigen Tagen bei mir, und ich mag sie gern, obgleich ich von ihrer Geschicklichkeit noch eben keine Proben habe, ja vielmehr über ihre naive Unkunde ganz gewöhnlicher Dinge zuweilen erstaunen muß. Aber sie gefällt Dir, und so wirst Du Dich freuen, sie wiederzusehen. Man hat mir zwar auch hierüber manches von Dir und ihr beibringen wollen; aber desto besser, wenn es wahr ist. Könnte ich nur alles, was Dir gefällt, um Dich versammeln, so würdest Du doch recht glücklich sein. Ich will ja nichts weiter auf der Welt, als Dir Freude machen und jedes Verhältnis, das ich habe, rein erhalten – alles übrige Streben ist fern, fern von meiner still gewordnen Seele.

Seit einiger Zeit ist hier ein Unbekannter, der mich schon oft erschreckt hat. Er ist brünett, von Deiner Gestalt und muß es darauf angelegt haben, Dich in Kleidung, Gang und Bewegung zu kopieren. Er geht täglich vorbei und begegnete mir sogar einigemal auf dem einsamen Spaziergang nach dem Bach zu; aber ich weiß nicht, warum mir diese Ähnlichkeit, anstatt mich zu reizen, nur vielmehr recht herzlich zuwider ist, so daß ich selbst jenen Weg nicht mehr gehe, um ihn zu vermeiden.


An Clemens

[Weimar] den 21. September [1803].

Solltest Du vielleicht in Frankfurt sein und befohlen haben, daß meine Briefe Dir nachgeschickt würden, und dieser Brief fände Dich dort, so beschwöre ich Dich, laß den Inhalt dieser Blätter für alle, wer es auch sei, ein Geheimnis sein. Sei stark und bezwinge Dich um meinetwillen, ach! ich habe es wohl um Dich verdient! – Ich habe Deine zwei letzten Briefe erhalten; sie sind recht lieb, und ich denke nun wieder anders. Daß Du meine zwei Briefe von hier aus nicht erhalten hast, bekümmert mich sehr und ist unbegreiflich. Den ersten schickte ich den 7. September ab, den zweiten acht Tage später. Ich habe sogleich auf die Post geschickt und einen Laufzettel gehen lassen. Es wäre schade, wenn die Briefe nicht zu Dir kämen, denn, ob ich gleich nicht alles mehr weiß, was ich geschrieben, so weiß ich doch, daß sie aus dem Herzen und mit der nachlässigsten Wahrheit geschrieben waren. – Ich sollte Dir diese andern Blätter vielleicht nicht schicken, aber daß es einmal so geschehen ist und so auf mich gewirkt hat, magst Du es auch wissen. Es hätte mich freilich nicht so sehr geschmerzt – obgleich es das Ärgste ist, was ein Weib erdulden kann –, wenn ich nicht krank gewesen wäre, denn es konnte mich ja eigentlich nicht überraschen, ich wußte ja alles schon, ich kannte ja Deine weibliche Eitelkeit, die angebetet sein wollte, um verschmähen zu können.

– Nichts mehr davon. Ich erkenne mich nun als eine Heldin in der Liebe und Standhaftigkeit, da ich diesen Giftbecher leeren mußte und dennoch unverändert bleiben konnte, und was Du auch sagen magst, so ist an der seltnen Vortrefflichkeit meines Wesens nun kein Zweifel mehr. Ich versichre Dich, wenn ich mein ganzes Betragen gegen Dich überdenke, so überfallt mich oft eine freudige Wehmut, wie sie nur zuweilen das Lächeln ganz kleiner, unschuldiger Kinder erregen kann. Dann durchblitzt mich auch wohl die Hoffnung, als dienten alle diese Leiden nur, mich in ein schöneres Dasein einzuführen, als müßte ich sogar aus der Gesellschaft weggedrängt werden, um wieder in mein wahres Leben einzugehen, und all diese Schmerzen wären dann die Engel mit feurigen Schwertern, die mein Paradies vor jedem Ungeweihten bewachten, aber oft habe ich auch Stunden gänzlicher Trostlosigkeit. – Ich mußte lächeln – schmerzlich nämlich – als Du heute in Deinem Briefe schriebst: es sei nichts, was Liebe nicht vergebe. Ach! wohl hattest Du recht, denn sie verzeiht ja in mir, was eigentlich ein Weib nie verzeihen kann! – Doch was Du auch der Welt gelten magst, ich allein kenne Dich anders, ich allein verstehe Deinen Wert! fest drücke ich beide Augen zu, halte die Hände vor beide Ohren, und so springe ich in den Abgrund – in Deine Arme! auch ich sehne mich, in der Welt die Welt zu verlassen, ich möchte mit Flügeln an den Füßen, leise, daß niemand mich hörte, über die Berge zu Dir kommen und mit Dir, wie die Geschlechter der Blumen, in einem Kelch wohnen, der uns vor allen Augen verhüllte.

Clemens! wer weiß, ob wir nicht recht glücklich sein werden? – jetzt ist zwar bei mir gar nicht die Rede davon, ich handle, wie ich muß, und das ganze Leben ist eigentlich ganz gleichgültig. Aber das ist wohl Krankheit, doch ich will bald wieder gesund sein, verlaß Dich darauf. –

Du schreibst vom Herkommen – lieber Clemens, das tue jetzt auf keinen Fall! ich bitte Dich, laß Dich jetzt von mir leiten, mach diese Reise, dieses Aufsehen nicht unnötigerweise, da es so vielleicht nötig ist, daß Du mich abholst. Also jetzt auf keinen, keinen Fall! wenn Du mich nur im mindesten achtest! –

Ich habe dem Buchhändler Dienemann in Penig, der etwas von mir verlegen wollte, spanische und italienische Novellen angeboten, die ich herausgeben wollte. Er hat es angenommen und zahlt 1 Louisdor für den Bogen. Gib Dir nun Mühe, Lieber, mir etwas Italienisches zu verschaffen, das ich übersetzen und dazu benutzen kann; das erste Bändchen kömmt zu Ostern, und das Ganze kann mehrere Jahre fortdauern.

Leb wohl – ich kann nicht mehr schreiben. Ach! ich habe so viel gelitten, daß mir nun wohl wieder etwas Freudiges begegnen muß! nicht wahr, Clemens? und das wird Dein Brief sein. Du wirst mir so vernünftig und so zärtlich, so einfältig und so zufrieden schreiben, daß ich auf der Stelle wieder gesund, mutig und leichtsinnig werden kann.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.