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Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 7
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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An Clemens

[Weimar] Montags. [5.] September. [1803.]

Endlich bin ich gestern wieder hier angekommen und fühle mich recht glücklich. Meine Seele hat gleichsam von ihren Fenstern alle Vorhänge weggezogen, und die Lebenssonne strahlt hell und lachend in die freundliche Wohnung herein. Die Zeit erscheint mir gar nicht wie ein krummgebückter Alter, der die Blumen der Jugend abmäht, sondern wie ein Engelchen mit Flügeln, das die Puppe von einem Schmetterling herabstreift. – Ich ruhe auf Deinem Brief wie auf einem Rosenbett; er ist der erste, worin mir alles, alles lieb ist und gar nichts mich stört und erschreckt. Könnte ich nur gleich die Flügel ausbreiten und zu Dir fliegen! aber daran darf ich jetzt noch gar nicht denken; ehe ich Anstalten zur Reise mache, muß ich vorher meine literarischen Angelegenheiten, die, im Vorbeigehen, ein sehr günstiges Ansehen gewonnen haben, völlig anordnen und zum Teil vollenden. – Doch wird dies alles, wenn ich so einsam und still, wie ich wünsche und hoffe, fortlebe, bald zu berichtigen sein, und ich rechne noch immer darauf, zu Ende Novembers reisen zu können. – Meine Reise von Dresden hat mir vielen Spaß gemacht, den Weg bis Altenburg abgerechnet. Ich mußte die ganze Nacht durch fahren, es war sehr kalt und schauerlich, ich fuhr oft durch Wald, und der Mondschein schuf seltsame Gestalten. Bald sah ich am Weg einen kleinen, aschgrauen Einsiedler sitzen, mit einer ellenlangen weißen Nase, bald trat ein schwarzer vermummter Riese mir im Weg, bald stand ein Sarg mit weißem Kreuz mir zur Seite. Der Aufgang der Sonne verwandelte alles. Ich betete inbrünstig zu dem Quell des Lichts, das auch mich mit seinen Strahlen im Innern erleuchtet, sobald ich still und ergeben bin und mein Leben zum Gebet wird. O! blicke mich immer an, so betete ich, heiliges, beschützendes Auge! laß mir nie das Vertrauen auf Dich schwinden, so bleibt mein Leben schön und kindlich, denn nur wer fest vertrauen kann, der ist wahr und bleibt ewig!

Sehr früh kam ich nach Altenburg, und die Überraschung machte mir großen Spaß. Ich fand mehr Liebe und Herzlichkeit, als ich erwartet hatte, alles hing sich an mich, die frühen Jahre kehrten wieder, und es tat mir wirklich leid, daß ich aus Klugheit doch manches verhehlen mußte, was nicht für sie war. Sie sähen es gern, wenn ich nach Altenburg käme. Ich war in Nobitz, in der Fischerhütte. Sie erkannten mich sogleich wieder und schlugen vor Verwunderung die Hände einfältig über dem Kopf zusammen. Sie fragten mich treuherzig, ob ich wieder heiraten wollte, und gaben mir beim Abschied einen Strauß von Lorbeerzweigen, wovon sie einige Bäumchen in Äschen für die Küche in ihrem Gärtchen ziehen. Auch in Ronneburg war ich bei Julien, die wie eine unbegreifliche Masse von Güte und Treue vor einem steht; sie taten alles, um mich noch länger zu halten; aber ich konnte nicht bleiben, weil ich die brennendste Begier nach Hulda und nach Briefen von Dir empfand. Der Weg ward mir unausstehlich lang – aber mein Entzücken, als ich mein Kind gesund und fröhlich in meine Arme schloß, war unbeschreiblich; sie wird sich ändern, ich fühle es, denn der Liebe kann niemand widerstehen. Deinen Brief mußte ich teuer erkaufen. Ich fand eine Menge leerer unbedeutender Briefe und – keinen von Dir. Meine Empfindung ahndest Du, ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick ganz an Dir zweifelte. Endlich hörte ich, daß mein Wirt, der verreist war, noch einen Brief für mich habe, der verschlossen sei. Ich mußte nun die Pein der Ungeduld bis zum andern Morgen dulden, befahl aber, den Brief sogleich zu fodern und mich damit zu wecken. Und so weckte mich denn Dein Brief aus meinen Traumen, um mich in die süßern Traume der Liebe und Freude zu wiegen.


An Clemens

[Weimar] Dienstag [6.] September. [1803.]

Ich habe nun Deinen zweiten Brief und muß es freilich billig und natürlich finden, daß in meine helle Stimmung nun wieder ein Schatten fällt. Da ich törichterweise Deine letzte Stimmung für gediegner hielt, als sie war, so war mir Deine jetzige Unzufriedenheit befremdlich, ja, ich empfand auf einen Augenblick jenes grauenvolle Zurückbeben vor Dir, was ich sonst wohl zuweilen gefühlt habe. Aber Du kennst mich und weißt, wie schnell mein Mut erwacht. »Es ist nichts«, rief es in meinem Innern, »das ist alles nicht wahr!« und beherzt ging ich auf die Gespenster los, die mir die Bahn meines Lebens zu verfinstern drohten, sie verschwanden alle, ich sah Dich wieder rein und konnte Dich wieder lieben, ohne unglücklich zu sein. Ja, Clemens, es ist nicht möglich, daß dieser gottlose Mißmut, der ganz andre Menschen, ein ganz eigen eingerichtetes Leben begehrt, der gar keinen Sinn für die Mannigfaltigkeit, gar keinen Überblick duldet, von keinem Vertrauen auf Gott weiß, daß dieser Mißmut wirklich in Dir sein kann, – in Dir, den ich anbeten muß, weil ihn die Natur so herrlich ausgestattet. – Glaube mir, Lieber, es ist Krankheit, ich beschwöre Dich, frage einen Arzt, lerne pflügen und Holz sägen, wenn es sein muß, Du bist wirklich krank, ein Gesunder kann in Deiner Lage nicht so fühlen. Ich habe oft eine sonderbare Empfindung. Es ist mir, als stünde Dein Geist noch im Schatten einiger beschwerlicher Vorurteile, also fesselten ihn noch einige dunkle Bande, die ihm den freien Blick ins innre und äußre Leben hemmten, und dann ist mir, als müßte ich Dich auf eine Stufe heben, worauf ich selbst nicht stehe, wo Du frei und herrlich über das Leben hinschauen könntest, wo Du die Menschen liebtest, auch wenn sie Dir nicht gefielen, wo Du nichts über Dir hättest als den Himmel und die ganze Erde unter Dir.

Ach! Clemens, wenn ich nichts für Dein Glück tun könnte, so müßte ich ja verzagen, denn wie sollte ich Dir dann vergelten, was Du an mir getan? – Ja, Du hast mich geweckt, Du hast mir den dichtenden gottliebenden Sinn wiedergegeben, ohne den das Leben mir nur eine unendliche Last ist. Es ist ein herrlicher Mut in mir, und wenn es auch nicht immer so bleibt, so kann es doch nie ganz vergehen. Mir ist, als reichte ein Arm aus den Wolken, der mich führte, und von allem, was ich unternähme, könne nichts mißlingen.

Nun von Geschäften. Die Wohnung muß recht schön sein, und da ich noch immer glaube, daß Carl Ostern hinkömmt, so ist auch der Preis nicht zu hoch. Doch schreibe mir, ob ich für die Meubels, die ich einstweilen im Gebrauch habe, noch besonders bezahlen muß. In diesem Fall wäre es freilich besser, wenn die neuen bis zum November fertig werden könnten, sonst aber hat es mit der Bestellung Zeit, bis ich komme. Auf jeden Fall bitte ich Dich, mir drei Bettstellen zu besorgen; zwei davon so hübsch als möglich, die dritte schlechter. Die Länge 3½ Elle. Auch eine Strohmatratze wünschte ich, weil ich meine Sofakissen mitnehmen will. Sie muß 3[1/4] Elle lang, 1[1/4] breit und etwas über ½ Elle hoch sein, von ganz grober Leinwand, sehr fest mit Stroh gefüllt. Wegen des Holzes und des Transports will ich das nächste Mal schreiben; auch wegen der spanischen Novellen, worüber ich erst noch einen Brief erwarte, um Dir dann zu sagen, was ich damit angefangen. Jetzt nur noch eins. Da ich eine ziemliche Menge Gedichte habe, so könnte ich jetzt für das nächste Jahr einen Almanach akkordieren, dem ich den Namen: romantischer Almanach geben möchte. Doch müßtest Du mir einige Deiner Lieder dafür geben, weil ich durchaus keine fremden Beiträge nehmen werde. Kannst Du das? Schreib mir es bestimmt und bald. Vom Heiraten sprich mir nicht. Du weißt, ich tue alles, alles, was Du begehrst und wovon Du glaubst, es könne Dich glücklicher machen, aber wolle nichts, was Dich nicht zufriedner macht, – und mich auch nicht. Sag jetzt den Leuten, was Du willst, und überlaß mir das übrige ganz; ich werde alles schon einzurichten wissen. Vertraue mir ganz, ich verdiene es, liebe die Menschen und sei lustig. Was soll ich mit einem so unzufriednen Liebhaber anfangen?

Hast Du meinen ersten Brief von Dresden aus nicht erhalten? – Das täte mir leid. Was ist denn aus den Noten geworden, die Du von mir hattest? schreib es mir.


An Sophie

[Marburg, den 7. September 1803.]

Ich bin wieder sehr melancholisch, und das ist hier sehr traurig vor mich, denn es hält hier lange an, wo ich gar keine Zerstreuung habe, die Natur macht mich immer trauriger, und dann das wunderbare, klare, unromantische Wesen Savignys, über das ich doch nicht murren darf, denn es ist sehr vortrefflich, dieser Mensch und ich, wir lieben uns wechselseitig, aber haben eigentlich keinen innern Verkehr miteinander, er spricht sich nie aus gegen mich und nimmt doch alles hin, und wenn er etwas sagt, ist es einfältig, wahr, schonend und tiefsinnig. Wenn ich minutenlang zu ihm hinabgehe, um mit ihm zu sprechen, so redet er mit dem Buch in der Hand, ja, arbeitet während der ganzen Unterredung fort, und kaum bin ich vor der Türe, so bewegt sich die ganze Studiermaschine, der Umgang mit ihm ist gleich dem mit einem geistvollen Weber, Wirker oder dergleichen, ich nun sitze dann oben und studiere halbe Tage traurig über meinen Weber und verzweifle dran, daß ich es grade bin, mit dem er keinen Verkehr hat, weil ich keine seiner Fabrikate brauche, doch ihn selbst kenne ich als so vortrefflich, er hat mich lieb, ich ihn, und doch verzweifle ich an seiner Stummheit. Wenn Du einige Zeit hier wirst gewesen sein, und die Gegend gefällt Dir, und Du liebst mich noch, so hoffe ich sehnlichst von Dir, daß Du mich ganz in Deinen Armen aufnimmst, ich fühle, ich gehe zugrund ohne die ewige Nähe eines treuen, mich allein innig liebenden Wesens. Oft habe ich Momente, die andern Menschen die Haare sträuben würden, mir aber ist es sehr ruhig dabei zumute, wenngleich nicht wohl, wenn ich an Dich, Betinen und Arnim denke, so sollten sie verschwinden, ja, sie verschwinden dann und kehren ewig wieder, sie rauschen wie ein drohender Kranz um meine Stirne und sind traurige Gedanken, diesen Kranz, liebe Sophie, sollst Du verwandten oder lösen. Ich fühle täglich deutlicher, daß ich nur im phantastischsten, romantischsten Leben Ruhe finden kann, Du mußt mir dazu helfen, Du mußt mir dies Leben erfinden helfen, sonst muß ich sterben. Ich habe heute Morgen mit dem Obristen von Henndorf den Mietkontrakt für Dich auf ein halbes Jahr abgeschlossen und bin versichert, daß Du in jeder Hinsicht vollkommen wirst zufrieden sein, das Logis kostet zwar 72 Rtlr., also 12 Taler mehr als in Weimar, aber Du hast auch mehr Raum, übrigens habe ich nur auf 60 Rtlr. für Dich Kommission, und bis Karl kömmt, oder sollte er gar nicht kommen, gehen natürlicherweise diese zwölf Rtlr. mich an. Eines habe ich nicht vermeiden können, der Hausherr wollte nicht anders als vom 8ber an kontrahieren, da er sein Quartier nicht so lange wollte leerstehen lassen; ich habe dieses tun müssen, weil ich sonst kein andres für Dich würde gefunden haben. Wegen dem Transport Deiner Sachen und andrer Einrichtungen schreibe mir auch gleich, auch ob ich Dir nicht einstweilen Holz kaufen soll, und was Du sonst willst, Tisch und Stühle will Dir Dein Hausherr leihen, bis Du Dir welche machen läßt. Soll ich Dir nun noch Bettstellen machen lassen, und wie viele, auch was sonst Dir nötig scheint. Hierbei habe ich Dir einen Plan Deiner hiesigen Wohnung beigelegt, o Sophie, komme bald, ich bin sehr unglücklich ohne Dich, ich will kein Bestreben auf Erden mehr haben, als durch Dich glücklich sein. Schreibe mir doch gleich, o wo magst Du nun sein, wo magst Du mich vergessen haben, Sophie, wenn Du mich vergißt, so gibst Du Veranlassung zu einer schrecklichen Geschichte, die Du nicht überleben wirst. Liebes, seliges Weib, o komme zu mir, verlasse mich nicht, sei nicht leichtsinnig, liebe mich, ich muß sonst mich dem Teufel ergeben, o du mein Gott, ich will Dich ja auf den Händen tragen, o Sophie, schreibe doch, liebe mich doch, Betine grüßt Dich von Herzen.

Dein Clemens

Noch eins, Gundel und Georg sind zurück von ihrer Reise. – Und o Wunder! Winkelmann, welcher Professor in Braunschweig ist, wird wahrscheinlich auf diesen Winter Savigny auf ein paar Monate besuchen, liebe Sophie, dieser Mensch hat mich so belogen und betrogen, daß ich von Dir begehre, Du sollest ihn nicht sehen, wenn er hier ist, solltest Du mir dies versagen, so will ich bei seiner Ankunft die Stadt verlassen, ich kenne Deine Duldung, aber ich kenne auch mein Herz und meine Erfahrung.


An Sophie

[Marburg] den 8ten 7bre
an meinem 25jährigen Geburtstag [1803.]

Es ist heute wieder so ein Tag für Dich, Du lieb Herz, hier im Tal gewesen, er hat Dich überall gesucht, auch bei mir hat er Dich gesucht, und ich habe es ihm betrübt gesagt, daß Du nicht hier seist, »du mußt es ja wohl wissen,« hat er mir erwidert, »du liebst sie wohl sehr und hast oft mit mir von ihr geredet«. Ja, mein lieber Tag, und du hattest wohl gleich heute früh bei mir erfahren können, daß sie nicht da ist, und so wäre deine Mühe gespart gewesen. »Ich war wohl heute früh da, aber du schliefst noch und sprachst im Traum, als wenn sie da sei, und redetest so freundlich mit ihr, daß ich wohl dachte, der dritte wäre hier zu viel, und besonders ich, der oft den Verliebten ihre Seligkeit zerreißt; aber ich eilte dafür durch Wald und Feld und weckte alle Pflanzen und Bäume mit ihrem süßen Namen und flüsterte allen Blumen ins Ohr, daß sie da sei, und so war es, daß alles heute so freundlich war auf Erden und am Himmel, ach, mein Lieber, ich habe mir viele Mühe gegeben, und es ist recht schade, daß sie nicht da war, und du bist so traurig, Liebender, was fehlt dir, kann ich dich trösten?« Es schmerzt mich, wenn ich sehe die roten glühenden Himmelswolken über den schwarzen Wäldern hinschweben, es schmerzt mich, wenn ich sehe, wie du mich verläßt und dies Tal, ach, du hast es so gut gemeint, hast alle die Farben, alle die Freude gebracht für sie, und sie war nicht da. Ist es nicht, als komme der Frühling zur Erde und schmücke sie und finde den Menschen nicht mehr und schmücke sein Grab nur, ist es nicht, als wäre ich zu ihrer Wohnung gegangen mit Hoffnung und Liebe im Herzen und hätte sie nicht gefunden, ach, so ist dir gewiß; es ist dir, wie mir ist. So lebe dann wohl und nehme mit dir die Wünsche, die Sehnsucht, die Liebe nach ihr, und lege sie ihr alle ans Herz, und suche sie an andern Orten, wo sie wohnt, und sage ihr, daß ich sie innig, ruhig, ewig liebe. Ich aber will mich der Nacht ergeben, wenn sich die Erde einhüllt und alles zurückkehrt in sich selbst, da will auch ich sie suchen in mir, wo sie glänzt und leuchtet wie der Mond und die Sterne. O ihr Träume, seid mir günstig und lasset euer fantastisches Spiel, lernet die Kunst und die Liebe, webt mir ein einfaches Bild und freut euch meiner Geliebten. Schweres ist nichts in ihr, ihr braucht kein tiefes Ergründen, ihr braucht nicht zu sinnen, zu rechnen, um sie zu bilden, ich will euch sagen, wie ihr euch vorbereiten mögt, mich glücklich und zum Träumer zu machen, jetzt, ehe die Blumen die Türen verschließen, eilet noch hin in die Glocke, den Kelch, den Stern und die Krone, trinket, wo es euch schmeckt, und stoßt die einschlummernden Gäste, den Käfer und Schmetterling, leise an, und spinnt mit diesen halbtrunknen zarten Gesellen schöne Gespräche an, die Alten besonders, denn sie sind gesprächig und erzählen treue Geschichten, mit den Jungen mögt ihr lachen und Lieder singen, dann, wenn das Herz euch pocht freudig und ehrlich, dann steht schon am Himmel der Mond und die Sterne, und es schließt schon die Blume das Fenster. Eilt dann fröhlich und entzückt durch die Blätter der ernsten Eichen und muntern Birken, und denket ernst und betend an Mond und Sterne, träumt was vom Universum, oder grüßt ihn wie die Fackel eines Liebenden oder die Lampen einer Hochzeitserleuchtung, dann dringt eilend zu mir durch die Luft, daß euch die Locken rückwärts fliehen und der Leib anschmiegt um die Seele, die durchblickt. So kommt zu meinem Lager und seht mich weinend und sinnend, und wie das Herz pocht und die Lippe bebt, spielen Gedanken in meinen Locken, schon sinket die Wimper mir, um die Stirn schlingt euch an, fest verschlingt die Hände, und dreht euch bald leise, bald rascher um sie, denn sie ist ihr Tempel, und in mir wird sie dann helle, und ich sehe sie, wie sie ist, ohne Unglück, ohne Zeit, ohne Tat, wie sie ist in sich, in mir, in der Liebe und nicht in der Welt. Gut Nacht, ich sehe nicht mehr, gut Nacht, liebe Sophie, ich will träumen von Dir. –


[9. September].

Nun ist es wieder Morgen und wieder so schön als gestern, rings um mich die Gärten, sie glänzen alle, der schöne Garten an meiner Wohnung den Berg hinan, alles ist lockend und einladend, und ich kann doch nicht von der Stelle, ich bin so glücklich in der Natur, wenn ich bei Dir bin, und ohne Dich ist mir alles tot. Bedenke nun, wie ich die lange Zeit, die ich ohne Dich lebte, traurig war, die kleine Zeit mit Arnim abgerechnet, und auch damals warst Du es immer, denn bei jedem Schritt am Rhein, der eine neue Gegend zeigte, sagte ich, wenn die Mereau hier mit mir allein ging, so würde sie vielleicht gütiger gegen mich sein, auf allen Schlössern wünschte ich mit Dir zu wohnen, ja im Umriß der Berge suchte ich Dein Bild. O liebe Sophie, ich habe Dich immer geliebt, immer gesucht, ich bin Dir nie ungetreu gewesen, und wo ich einem andern Wesen folgte, so waren es ja nur einzelne Züge von Dir, die ich wieder zu finden glaubte, aber ich bin ja nirgends wieder glücklich gewesen, spräche ich hier nicht die Wahrheit – wie könnte mir dann meine Liebe zu Dir so ernsthaft und wie ein Schicksal geworden sein, wäre alles dieses nicht wahr, wie hätten wir uns dann jetzt so wunderbar und unauflöslich vereinigen können. Ach, ich will ja alles um Dich verlassen, fasse Dich nur zusammen und liebe mich ohne Zerstreuung, wende Deine Augen nie von mir ab und gewähre mir ein romantischeres Dasein. Wunderbar ist es, daß ich nun doch alle Beweise Deiner Liebe habe, daß ich sogar versichert sein soll, Du werdest bald bei mir sein, und doch, wenn ich Dich den ganzen Tag nicht sehe, Dich nicht berühre, so werde ich traurig und glaube manchmal ganze Stunden, es wäre nicht wahr, ich liebe ein Traumbild, Du seist gar nicht auf der Welt, und für mich werde Gott Dich nicht erschaffen. Deinen Brief von Dresden habe ich nur einmal gelesen, und ich darf ihn nicht wieder lesen, er würde mich traurig machen, es ist mir eigentlich so etwas Unerhörtes, geliebt zu werden, daß ich immer erschrecke, es schriftlich in Händen zu haben, und wenn ich es lese, so werde ich leicht grausam und fordre Liebe, wie auf einen Schein. So aber ist mir alles wie ein Traum, wie eine Geschichte, die ich irgendwo gelesen habe, und an die ich immer denken muß. Du kannst nicht glauben, wie melancholisch mir zumute ist, nichts betrübt mich, nichts erfreut mich, ich finde mich in der drückendsten Einsamkeit, wenn ich gleich mancherlei gute und auch einige vortreffliche Leute sehe, aber ich sehne mich, die Welt zu verlassen, und das mußt Du mir hervorbringen, ich sehne mich, mit einem liebevollen romantischen Weib einen poetischen Bund zu schließen und mitten in dem wirklichen prosaischen Leben eine freie poetische phantastische Lebensart anzufangen, ganz in der Stille, so daß die Neugierde uns nicht stört, möchte ich mich von allen Verhältnissen, allen Gewohnheiten trennen, möchte ich in der Stille zu zweit selig, glücklich, das heißt verrückt werden. Unser Leben wäre dann, wie in den wunderbaren Pflanzenwäldern unter dem Wasser, die sich oben bescheiden in einer grünen Rinde über der Fläche enden. Oft denke ich mit großer Betrübnis daran, ja, ich möchte sagen, es ist, was mich so niederdrückt, so mutlos macht, daß ich nichts erfinden, nichts ausführen mag, kein andres Gefühl, als die Empfindung, in einer leeren, langweiligen Zeit, sich selbst parforce in Gedichte auflösen zu müssen, um den undankbaren Laien ihre Feiertage zu dekorieren, die es einem nicht einmal Dank wissen, und darum sehne ich mich so sehr nach Dir, um Mit Dir den Glauben an alles Gewöhnliche, Prosaische abzuschwören, und ohne Rücksicht auf Kritik, auf Forderung der Zeit zu dichten, was mir einfällt. Du wirst dann so gütig sein, mir das Zeug unter Deinem Namen drucken zu lassen, denn sobald ich glücklich bin durch Dich, so habe ich keine Begierde mehr, einen Namen zu haben, und was Dein ist, soll mein sein. Ich, das heißt ich, wie ich eine Person in der Welt bin, befinde mich sehr übel, man begehrt allerlei von mir, man sagt mir, um sich selbst durch Reden die Zeit zu vertreiben, ich sei geistvoll, witzig, ich hätte Talent, ich sollte doch schreiben, und man denkt gar nicht dran, daß ich dadurch in die größte Angst gerate. Ich weiß gar nicht mehr, was ich tun soll, seitdem mich die Leute so in Eid und Pflicht der Talente genommen, ach Sophie, glaube Du allein um Gottes willen so etwas nicht, glaube nur, daß ich ein einziges Talent in mir fühle, das, Dich unendlich zu lieben, alles um Dich zu verlassen, ganz nur an Dich zu glauben und in Dir das Leben wiederzufinden. Es kömmt mir so traurig vor, daß ich, um zu dichten, mit meinen Gedanken immer wie ein Bettler durch poetische Lande der Phantasie wandern soll, ewig alles schöner finden muß, was ich doch nie finde, ewig suchen und dann eingebildete Helden finden lassen soll, was ich vermisse. Ich wünsche oft ein Tischler zu sein, ein Schuster, der sieht doch seinen Stoff grünen und leben, aber so soll ich immer nach Wolken haschen, und wenn ich dann den Leuten eine vorzeige, behaupten sie, es sei doch nicht wahr. Nun glaube ich aber, kann man sehr leicht in der Liebe, da alles doch nur aus zweien besteht die eins sind, ein Leben hervorbringen, in welchem nur Poesie das Element ist oder vielmehr in dem das Element poetisch ist, und das ist es eigentlich, was ich mit Dir vorhabe, wozu Du alle mögliche Anlage hast, und was Dir dann schon ganz wird gelungen sein, wenn Du mich allein liebst und auf alle Seiten Deines Lebens nichts als die Natur und mich einwirken läßt. Ein solches Leben erfordert einen heiligen Glauben an irgend etwas Ewiges, was eben darum nur eine poetische oder religiöse Realität haben darf, denn alles Historische ist vergänglich und nur Materie, es muß etwas sich in uns entzünden, das dem aufgeklärten Pöbel Wahnsinn oder Fanatismus scheint, wir müssen dem Frommen den Eindruck eines religiösen Geheimnisses geben, dem Einfältigen wie ein Wohnhaus der Gespenster, dem irrenden Ritter ein verzaubertes Schloß erscheinen, jeder Tiefsinnige muß uns mit Ehrfurcht betrachten, und alle Kinder, alle Engel müssen uns lieben, fest ineinander verschlungen bilden wir den Kern unsrer ganzen Weltanschauung, und werden nur deswegen von der uns umgebenden Welt nicht entwurzelt, weil sie glaubt, wir seien ein schöner seltner Fruchtbaum ihres Gartens, in dem wir uns im Innern, in dem Geheimnis unsrer Liebe so durchdringen, daß unsre Oberfläche, Blätter, Blüte und Frucht, die Menschen entzücken. Denn es gibt eine Ansicht, welche die Seligkeit des Lebens und seinen Gipfel im Innern findet, und nach welcher alle äußerliche Erscheinung nur der Überfluß ist, der sich gegenseitig umtauscht, das aber, was der poetische Mensch selbst besitzt und seiner Geliebten mitteilt, sind die Früchte seiner innern unsichtbaren Welt, ist sein Heiligstes und der eigentliche Quell seines Lebens. Nicht alle Menschen haben einen solchen innern Schatz, denn ihn haben, heißt ihn kennen, ihn ehren, ihn bilden und mehren. Wenn ich an die verzweiflenden Minuten unsres Umgangs denke, so finde ich jetzt, daß sie gegenseitig daraus entstanden, daß ich bei Dir diesen innern Reichtum vermißte und häufig fühlte, wie Du vieles Unsichtbare, das ich Dir mit Liebe hingab und also sichtbar machte, nicht sahst oder nicht hoch genug hieltest, und daß Du von Deiner Seite meinen fürchterlichen Unmut über Deine Unkenntnis für ein böses feindliches Prinzip in mir hieltest. Aber dieser Schatz war dennoch allerdings in Dir, denn seine äußerlichen Erscheinungen, die milde Schönheit, Anmut, Sanftheit, Güte, sind so himmlisch über Dich verbreitet, nur warst Du nie in Dich selbst eigentlich zurückgekehrt, Du hattest Dich der Welt ergeben und hieltest, von Deinem inneren Reichtum nichts wissend, Deine äußerlichen Zieraten wie Karten und Würfel in der Hand und spieltest mit der Welt, der Du doch nie etwas abgewinnen konntest, Du warst ein artiges Weib, aber kein vortreffliches Weib, und mußtest es doch eigentlich sein. Daß ich recht habe, kann Dir leicht daraus begreiflich werden, daß Dir auf Erden noch nichts gelungen ist, keine Liebe, keine Freundschaft, keine Mütterlichkeit, keine Kunst, keine Andacht. Alles dieses ist Dir kein Vorwurf, wer wollte Dir Dein Unglück vorwerfen, jetzt in dem Augenblick, da Du anfangen willst, glücklich zu sein, o liebe Sophie, halte Wort, verlasse Dich, mich nicht wieder, richte mich nicht zugrunde, halte Dein Versprechen, liebe mich, denn ich fühle für uns beide nur Rettung ineinander. Ich fühle deutlich in mir, wie ich vielen Dingen und Menschen, vielen Hoffnungen und Wünschen gänzlich abgestorben bin, seit ich von Dir geliebt werde, ich fühle die innigste Begierde, mein ganzes Leben in einen Punkt zu treiben, mich nicht mehr auszubreiten und wie ein Eremit in Dich wunderbare romantische Wildnis hin zu ziehen. Ich bin ein Christ geworden und will nur einem Gott dienen, Dich nur will ich lieben, beten, dichten, Dich nur will ich verlangen, umfangen, erlangen. O Du lieber guter Sophus, lies diese Worte nicht ohne einige Rührung, nicht ohne einige Begierde der Erwiderung, nicht ohne stillen Dank, ohne Freude über mich, der sich nur in Liebe opfern kann und weiter nichts. Ich bin sehr betrübt, daß ich keine Briefe mehr von Dir erhalten habe, wenn Du wüßtest, wie ich unendlich einsam hier sitze, so gar keine Ruhe, keinen Trost ohne Dich habe. Du wendetest manche Stunde, die Du mit gleichgültigen Menschen, mit Menschen, die, liebten sie Dich auch, Dich doch nie so lieben könnten wie ich, verplauderst, dazu an, mich mit freundlichen Worten zu erquicken, ach, die Zeit ist ja so ewig lang bis zum Wiedersehen, Wiederküssen, Wiederleben! Betine hat mir nur einmal und wenig geschrieben, seit ich hier bin, auch das macht mich betrübt. O liebe Sophie, sei treu, sei ein Engel, und gib mir alles Glück, das ich nicht habe, ich weiß es ja, wenn ich die Mannigfaltigkeit der Freude, Ruhe und Lust, die Du schon über mich in unterbrochnem Fortgang ergossen hast, zusammenstelle, so kann ich ja wohl wissen, daß Du den ganzen Himmel unter dem Herzen trägst. Liebes, seliges Weib, gedenke meiner, verlasse mich nicht. Morgen schicke ich Dir diesen Brief, morgen erhalte ich vielleicht einen Brief von Dir, o wenn Du mich recht liebtest, so mußtest Du ja gleichsam mit mir Deine Briefe erwarten, sieh, wenn ich Dir schreibe, so sehe ich, wie Du jede Zeile mit Deinen lieben Augen liest, ja ich sehe gar nicht, was ich schreibe, ich sehe nur Deine Augen. Ich möchte auch gar nicht aufhören, Dir zu schreiben, aber es wird mir manchmal so ängstlich wie bei Dir, wenn ich immer redete und fragte und Dich immer ansah, Du aber sahst in einen Winkel und gabst mir keine Antwort. Ach, liebe Sophie, hast Du meinen letzten Brief dann recht verstanden, wirst Du dann mein Weib sein, das heißt vor der Welt? Es ist ja nur der Nachrede wegen, es ist die ganze Welt voll Pöbel, und man mag sich drüber hinaussetzen, wie man will, man ist doch beschimpft, wenn man geschimpft ist; ich versichere Dich, ich will nur deswegen Dich heiraten, um recht unehlich mit Dir leben zu können, um recht ordentlich unordentlich zu zu sein, wenn Du wüßtest, wie mein jetziges Dasein so vag, unbestimmt, verloren ist, wenn Du wüßtest, wie ich in jeder Minute mit den verzweifelsten Gedanken preisgeben kann, weil ich nichts Heiliges, nichts Menschliches habe, was mich hält. Du würdest selbst die Forderung der Ehe an mich machen, es ist wahrhaftig mein inniger wohlbedachter Ernst, ich beschwöre Dich bei allem, befestige mich in Deinen Armen öffentlich, und glaube nicht, daß ich nach der Ehe verlange, um die Ehe zu brechen, nein, ich verlange nach Ruhe, nach Sicherheit und öffentlicher Achtung, um in solcher Ungestörtheit meine Freiheit, meine Plane zu einem schönen ungebundnen reichen, poetischen Leben außer den Augen der Welt wie Mysterien zu beginnen. Wie einsam, wie traurig bring ich jetzt die Abende zu, sonst lag ich um diese Stunde in Deinen Armen, jetzt sitze ich hier und schreibe, es ist zehn Uhr, da war es in Weimar noch gar früh, und oft war es gar früh, wenn Du mich bis zur Türe begleitetest.

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