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Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 6
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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An Clemens

[Dresden] Dienstags, [30.] August. [1803.]

Morgen ganz früh reise ich von Dresden ab, und ich habe eine Punschpartie ausgeschlagen, um heute noch an Dich zu schreiben. Doch will ich Dir gestehen, daß das Gefühl einer unendlichen Müdigkeit auch seinen Teil an dieser Entsagung hat. Überhaupt habe ich mich während dieser ganzen Zeit körperlich nicht wohl gefühlt. Ein heftiger Schnupfen und ein zur Hälfte geschwollnes Gesicht haben mich nicht verlassen; vielleicht wollte mein Körper noch auf seine eigene Hand Deinen Abschied betrauern. – Ich will Dir nun noch eine kurze Skizze von meinem hiesigen Aufenthalt geben. Ich habe einige mir liebe Bekanntschaften gemacht. Der Maler Hartmann hat mir sehr gefallen, er hat ein wunderbares, allegorisches, äußerst tief und poetisch erdachtes Bild gemalt; vielleicht beschreibe ich es Dir ein andermal. Auch eine Malerin, Fr. v. Bose, war sehr gefällig und liebenswürdig. – Ich habe eine Menge Gedichte entworfen, die ich Dir abschreiben und Deiner Kritik unterwerfen will. – Freitags waren wir zu Tieck gebeten, die Bernhardi war da; über sie einst mündlich. Nur dies, als wir auf der Straße waren, war das erste, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach, hingegen die A. mit der Braut von Messina ausrief: »O! wär' ich tausend Meilen weit von hier!« – Doch verschweige auch dies; ich habe sehr wichtige Gründe dazu, und so etwas wird leicht zur Anekdote, die Länder durchwandelt und zuletzt in unrechte Hände gerät. – Überhaupt ist alles, was ich tue und tat, ein Beweis, daß ich ein grenzenlos Vertrauen in Dich setze.

Sonnabend waren wir wie gewöhnlich auf der Galerie. Nachmittags aber mit der schon erwähnten Bagage in einem Garten, wo ich wieder Bekannte fand und ohne die A. mich sehr gelangweilt hätte. – Sonntags in der katholischen Kirche; da war ich selig, ich vergaß alles um mich her und lebte nur noch in Tönen und Gebeten. Mittags wieder in langweiliger Gesellschaft; nachmittag in einem öffentlichen Garten und dann im Theater. Das Stück: Barbarei und Größe, war schlecht genug, um zu amüsieren. Nächste Woche werden hier die Hussiten und gleich darauf Herodes vor Bethlehem gegeben. Gestern in der Galerie. – Wie mannigfaltig mir der hiesige Aufenthalt für mich selbst genützt hat, wünsche ich Dir einst mündlich zu sagen; geschrieben wird es leicht pedantisch. Den Nachmittag taten wir in Gesellschaft eine herrliche Fahrt auf der Elbe. Der Abend war unbeschreiblich schön. Ich habe dieses Farbenspiel, diesen göttlichen Glanz auf und über dem Wasser nie geahndet. – Heute war ein sehr stürmischer Tag. Bei dem lieben Hartmann, auf der Galerie, bei dem Maler Grassy, Graf, den Antiken – bei Tieck, der mir noch sehr freundlich war, und von dem ich Dich grüßen soll, auch von der A. – Ich bin ganz zerschmettert an Seel und Leib von all diesen Eindrücken. Morgen trenne ich mich nun von der A. Wir sind sehr vertraulich geworden, und sie ist wirklich recht unglücklich. Ich habe mich aus allen Kräften bemüht, sie zu trösten, und es ist mir auch gelungen; jetzt aber, da sie weiter reist, will nichts mehr helfen. Sie sagt, das Leben sei nun aus, und behauptet es so fest, daß ich am Ende selbst beistimme und traurig werde. – Doch mich selbst läßt meine Leichtigkeit nicht untergehen. Jetzt will ich schlafen.

Ade, die Äuglein fallen zu,
Gott geb' Dir, Liebchen, sanfte Ruh!


An Sophie

[Marburg, den 26. August 1803.]

Liebes, vertrautes Herz, am Mittewoch Abend bin ich in meiner Einsiedelei eingetroffen, ach, wärst Du nur schon hier, da die Natur noch so schön ist, und könntest die herrliche Gegend genießen, ich bin recht fröhlich gerührt in dies schöne einfache Leben zurückgetreten, ich bin unendlich mehr wert hier, Du wirst mich hier unendlich mehr lieben; in dem Augenblick, da ich in Weimar meine Wohnung verließ, erhielt ich Deinen liebevollen, herrlichen Brief, das war der erste Brief, den ich von Dir erhielt, o Sophie, wie werden wir glücklich sein in unsrer Liebe, da ich Dich nun auch achte und ehre, sieh, ich schreibe dies hier ohne alle Leidenschaft nieder, nichts betrübt, nichts stört mich, als daß ich keine Ausdrücke mehr für meine Empfindung für Dich habe, ich kann Dir nicht sagen, wie ich Dich liebe, so ruhig, so glücklich, so genug, so allein mit Dir, aber ich will es Dir beweisen durch Schonung, Freundlichkeit, Treue und Güte, o wie kann je wieder uns etwas stören in unsrem Glück, kein Zweifel an Dir kann mehr in mir entstehen, denn wäre auch das Unmögliche möglich, wäre es möglich, daß Du nicht ein solcher Engel wärst, wie ich Dich fühle, so wäre und bleibt es doch unmöglich, daß Du es nicht werden würdest durch meine Liebe, meine Treue an Dir. Sophie, wir wollen beide täglich, stündlich besser werden, eines durch des andern Liebe, das sei unsrer Liebe Werk. Die Natur, die ich Dir hier so schön beschrieben, ist bei weitem schöner, denn da ich sie zuletzt sah, war ich noch nicht wieder glücklich und hatte keine Freude an ihr, aber jetzt sehe ich erst, in welchem Feenpalast ich lebe. Ich habe Hoffnung, daß Du in dem nämlichen Haus noch höher und schöner wohnen kannst als ich, in jedem Falle aber sicher neben mir und ebenso schön. Savigny freut sich innig auf Dich, o verwandle Deinen Vorsatz nicht, bleibe nicht aus, mache mich nicht unglücklich, ich bin eine Sensitiva, da Du auf Erden wandeltst, schlugst Du mich nieder, jetzt, da Du mir am Himmel stehst, wende ich mich zu Dir; Du glaubst nicht, welches Glück ich auf Dich baue für Dich und mich, ich habe eine Hoffnung, so reich wie meine Liebe. – Deine Begierde, Dein Kind wieder zu verwandeln, wenn sie wahr und beständig ist, ist Deiner Unschuld und Tugend würdig, nur bin ich versichert, daß es Dir nicht gelingen wird, ich bin fest überzeugt, daß sie ganz natürlich verwildern muß, damit ihr die verdammte Kultur, die Lüge, vergehe. Das Nonnenkloster, in dem meine Geschwister waren, 10 Stunden von hier, zu Fritzlar, und welches auch Protestanten aufnimmt, ist sehr wohlfeil, einfach und natürlich, und Betine erinnert sich stets mit Freude daran, ich glaube, die Pension besteht aus 10 Louisdors jährlich, doch hierüber mündlich mehr. Ich bitte Dich nochmals innig um alles in der Welt, komme bald zu mir, jeder Tag ist Dir verloren, mir verloren, ich kann nicht leben, nicht dichten ohne Dich, ich kann nicht spazierengehn, ja, ich bin ein Krüppel, der die Stube nicht verläßt, selbst an Dich schreiben läßt mich meine Sehnsucht nicht, was soll ich Dir sagen, soll ich froh sein, glücklich, da ich Dich nicht in den Armen halte? Halte Wort, Du liebevoller süßer Schutzengel, komme bald zu mir, denn ich versichre Dich, Du wirst hier, was man nennt, zu Dir selbst kommen. In meinem nächsten Brief gedenke ich Dir schon Dein Logis bestimmt abzuzeichnen und Dich zu fragen, was ich Dir an Möblen bestellen soll, liebe Seele, ich glaube, Du wirst Marburg so bald nicht wieder verlassen können, so reizend erscheint es mir, wie ich Dir in Dornburg auf dem Berge sagte, die Aussicht aus Deinem Fenster wird schöner sein. Savigny, der Dich recht sehr lieb hat, wird Dir ein Freund sein, wie Du Dir auf Erden nie etwas träumen ließest, o wie freue ich mich unendlich auf mein ganzes Leben, alles steht in Gottes Hand, in Deiner Hand. Mein Herz ist voll, so voll, aber ich kann nicht reden, ich sehe aus wie meine Büste, Tieck hat mich gegriffen aus Deinem Herzen, wie Du mich liebst, wie Du mich neu gebären wirst. Da ich nun von hier aus dieser Ruhe, dieser Milde, dieser Einsamkeit, dieser lieben Heimat, dieser Werkstätte meiner Sehnsucht nach Dir, o Du mein schönstes einziges Werk, nach Dir zurückblicke, wie schön, unendlich schöner malt die Ferne Dich, wie blühen alle Deine Worte, Blicke, Küsse zu Unschuld, Liebe, Wollust vor mir auf. O Sophie! göttlich liebes Weib, komme zu mir. Wenn ich jetzt an mein Fenster trete, liegt unter mir eine ganze Stadt, neben mir sehe ich, eine Meile im Umkreis, Garten, Feld, Wiese, Wald, Fluß, Weg, Tal, Berg, alles so nah und vertraulich, so fern und verheißend, ach, und Dich in einer solchen Mondnacht im Arm am Fenster oder auf einer der Terrassen unsres Gartens oder auf unserm Turm, und Du sagst mir mit Deiner Ruhe, Deiner Seligkeit, daß Du mich liebst, daß Du glücklich, besser durch mich bist, und ich mache es wett und sage ebenso, und am Ende haben wir beide recht, o Sophie, ich sehe Dich vor Augen, ich weiß, wie Du gehen, stehen, blicken, ein Engel sein wirst an Leib und Leben in dieser Umgebung, o wie freue ich mich, ich schwöre Dir, die Natur, die Liebe, die Freundschaft, das ganze Leben kann hier nichts für Dich sein als eine Toilette, an der Dich die Engel aufputzen, daß Gott und Menschen ihre Freude an Dir haben. Verzeihe mir, die Seligkeit, die ich für mich und Dich aus Deinem Aufenthalt hier weiß, sie ist so groß, daß sie mir immer unmöglich scheint, es ist mir so wohl auf Erden noch nicht geworden, ach, tue es, komm um Deines eignen Glückes willen, gieße einmal alle Freude über mich, ob ich es aushalte, ob ich nicht sterbe vor Lust. Wenn ich an unsren Abschied denke, so meine ich beinahe, er sei eine unsrer schönsten Stunden gewesen, wie einig und glücklich warm wir nicht, und dann Dein Brief, Dein Brief! Da Du mir ihn schriebst, da war Dir so, wie ich nicht glaubte, daß Du noch sein könntest, da warst Du voll Drang, Liebe und Begierde, Du hattest noch jenen jungfräulichen bangen Vorwitz, Du mußtest mich lieben, und wußtest doch nicht, was Liebe ist. Deine Reise betrübt mich noch immer, denn nun weiß ich nicht, wo Du bist, alle meine Pole sind mir verrückt, ich weiß nicht, wohin mich mit meinen Gedanken wenden.

Ach lieber Gott, sprich ihr ins Herz,
Sprecht ihr von mir, ihr Steine,
Dann blickt mein Liebchen himmelwärts
Und ist mir nicht mehr ferne.

O Sophie, denkst Du dann auch an mich, wieviel tausend Lieder aus allen Zeiten singen von untreuer Liebe, wieviel tausend Schwüren ist das Herz gebrochen, o sei aufrichtig, sprich, liebst Du mich noch – wenn Du mir trauest, so will ich Deiner Liebe eine Verstärkung schicken, damit sie mutig und tapfer sich hält, bis ich sie entsetze (dies wäre nicht entsetzlich), nämlich wisse, daß ich in Weimar gar nicht liebenswürdig war, daß ich, wenn ich zurückdenke, mich sehr schlecht fühle, jetzt, hier in diesem Momente bin ich so lieb, so gut, und ich schwöre Dir, dieser Moment ist ewig hier, ich kann in meiner einfachen Lage nur diesen Moment haben und keinen andern, o so verschmähe dann Dein Glück nicht und komme gewiß. Schreibe bald, lebe wohl, küsse Dich von mir, reite nicht, sei lieb, wie ich Dich liebe.

Clemens


An Sophie

[Marburg, den 30. August 1803.]

Liebe Sophie!

Mein Herz schlägt nicht gleich und ruhig, oft pocht es heftig, oft leise wie ein Gläubiger oder ein Bettler, und wie im Druck liebender Hände die Gewalt steigt, so habe ich Minuten, wo ich es bestimmt fühle, daß ich doch nicht gut ohne Dich leben kann, daß ich Dich lieben muß, nach Dir verlangen wie nach Trost und Hilfe. Ach, das Leben wird so leicht neben Dir, an mir zieht alles mit Gewichten, ich kann keinen Menschen finden, der mich so recht lieben kann, kannst Du es, lieber Engel? O so sprich laut, so laut Du kannst, damit auch Echo es mir wieder sagt, ich sei glücklich, denn ich weiß es nicht zu fühlen, fleh, das ist nun wieder so eine von meinen Stimmungen, aber die Saiten dazu wurzeln in meinem Herzen, und Du mußt mich lieben, lieben, lieben, daß ich alles das verlerne. Morgen sind es nun acht Tage, daß ich hier bin, und ich bin schon wieder betrübt; es ist die unendliche Einsamkeit, die es tut, und eben diese Einsamkeit wird durch Savigny hervorgebracht, der sich so gar nicht mitteilt, alles hört er mit großer Liebe an, einer unendlich treuen, reinen Teilnahme, aber von ihm erhält man nichts, keinem Menschen gehört er an. Mit der Gundel und dem Winkelmann steht er in einem weitläufigen Briefwechsel, in dem eine unabsehbare Zärtlichkeit herrscht, er findet nicht einmal Ursache, mir zu sagen, in welcher Stadt der Schweiz die Gundel jetzt lebt, da er doch keinen Anstand nimmt, alles Vertrauen von mir sogar zu begehren, mit jenen beiden, deren lügenhaftes, oft ganz verzerrtes Wesen er mir oft sonst eingesteht, unterhält er sich gern und weitläufig. Ich erhielt kurze Zettelchen von ihm, und was das Ärgste ist, mit Betinen kann er nicht leben, dies hat er mir zu meiner großen Verwunderung selbst vertraut. Bei allem dem hat er mich sehr lieb, und auch ich kenne keinen so vortrefflichen Menschen, der eine solche Klarheit, Ruhe, Bildung, Unbefangenheit, Unschuld, Gelehrsamkeit hat, aber sein Verhältnis zur mitlebenden Welt ist ganz ein pädagogisches, und sein ganzes Wesen wird daher durch meine Unerziehbarkeit zerstört, deswegen streckt er selten vor mir die Hörner heraus, sondern steckt immer in seinem Schneckenpalast, um so rührender ist mir dies, da er mich durch das Horn durch liebt und mir gern erlaubt, daß ich ihn um und um kugle, doch wird dies immer seltner der Fall, je fester er sich an die Wissenschaft ansaugt, selten kommt er zu mir auf meine Stube freundlichen Verkehrs halber, er ist in eine Welt von Büchern eingefangen, wir essen zusammen, dann ist viel Mitteilung von meiner Seite, von ihm nur dann Gedankenwechsel, wenn ich von Dingen, nie beinahe, wenn ich von Menschen, sehr selten, wenn ich von Büchern rede, er hat ein unendlich wohltätiges Talent zu hören, das Bewußtsein mit einem so teilnehmenden, wahren, tugendhaften, reinen Menschen zu reden, lockt einem die Worte mit Wollust von den Lippen, und erst Stunden, nachdem er weg ist, fällt es einem ein, daß er beinahe nichts gesagt, doch lieben ihn alle Menschen, die meisten legen ihr Schicksal gern in seine Hände, und besonders alle Weiber hängen sich leicht mit einer Leidenschaft kindlicher Verehrung an ihn. Selbst ich bewundere und ehre ihn, ja liebe ihn sogar dann und wann, und weiß jetzt keinen Mann, mit dem es der Wert wäre, aus einer Schüssel zu essen als ihn. (NB. Der Arnim ist in England, und von diesem kann die Rede nicht sein, denn er ist ein Gott.) Dieser Savigny freut sich sehr, daß Du hierher kömmst, alles, was ich auf Erden liebte, habe ich mit ihm geteilt, er hat nichts als seinen Umgang mir gegeben, sein Verhältnis mit meinen Freunden bleibt mir ewig ein Geheimnis, Winkelmann liebt er, Gundel liebt er, wie, warum, das weiß ich nicht, nur was mich allein ganz versteht, was mich unendlich liebt, das kann er nicht lieben, Betinen, und doch nimmt er leidenschaftlich teil an ihr. Auch Dich führe ich ihm nun zu, wenn Du mich mehr lieben wirst als ihn, daran werde ich erkennen, ob Du auf Erden die Meinige bist. – Liebes Weib, lerne mich ganz kennen, liebe mich, sei mir alles, o heiliger Gott! wenn Du es dahin bringen könntest, daß ich die Erde vergessen könnte, wenn ich alle Menschen, alle Mühe, allen Tod vergessen könnte durch Dich, Du liebes, gütiges Wesen, wenn wir es dahin bringen könnten, daß wir uns Betinen eng vereinigten, ich weiß es, wenn sie Dich kennen wird, sie wird Dich lieben, dann wäre sie mein Gedanken, Du mein Leben, und ich wäre dann ein tiefes Denken über die Schönheit. Teures, geliebtes Weib, ehre Dich, halte Dich heilig. Du hast noch eine hohe Bestimmung auf Erden, Du hast die Bestimmung, mich ruhig und glücklich zu machen, ich fühle, daß Du es kannst, ich war in der letzten Zeit einigemal so unendlich durch Dich in dem innersten Herzen erquickt, ich habe ein untrügliches Wahrzeichen für das Talent, mich glücklich zu machen, in andern, jene Menschen sind es, durch die mir die Natur reizend und lieb wird. Wenn ich mit Betinen spazierengehe, so überrascht mich jede einzelne Blume, wenn ich mit Arnim bin, redet Wald und Berg mit mir, und auch mit Dir, mit Dir mehr als irgendeinem Wesen auf Erden mehr, als mit Betinen mehr als mit Arnim bin ich in der Natur glücklich, sieh, ich schaue in die unendlich schöne Aussicht aus meinem Fenster ohne Freude wie auf ein weißes Blatt, ach, was könnte da stehen Schönes, Liebes, so denke ich, welch herrliches Lied könnte da stehn, welche Aussicht, für das reine kindische Herz meiner Sophie. O sei Du der Engel, der mich mit dem Leben und der Ewigkeit aussöhnt, liebe mich so innig, so überschwenglich, daß ich um Deinetwillen dem Dasein und Gott vertrauen kann, weil er mir durch Deine Liebe etwas schaffen konnte, das mir genügte; das sollst Du nicht von mir nennen, ist der arme in Meereswellen schwimmende Stolz, der sich nach einem Mäste, nach einem Brette sehnt, so sollst Du dies auch nicht geringschätzig von Dir geredet nennen, wenn ich Dich einer bloßen Trümmer vergleiche, denn einem Schiffe könnte ich mich nicht vertrauen, weil es Menschen fassen kann, die meine Feinde sind, und deren Sklave ich sein müßte. Liebe Sophie, wenn ich mein Leben betrachte, wie es so vor mir und in mir liegt, so erwarte ich keine Freude mehr als durch Dich, ich will mich Dir ganz zu eigen geben, mache mit mir, was Du willst. Seltsam scheint es mir, daß meine Idee, Dich zu heiraten, mir, seit ich Dich verlassen, wieder unendlich lieb und teuer ist, und ich bitte Dich herzlich, lasse Deinen Entschluß nicht unauflösbar sein, so, wie wir es jetzt vorhaben, wird unser Verhältnis doch manches Drückende durch das Gerede der Menschen mit sich führen, und wir müssen alle unsre Liebe mit Flüstern, Scheu und Mühseligkeit genießen. Allein kann ich ohnmöglich leben, und schon die Einsamkeit mit Savigny zerdrückt mich oft, o dieser Savigny! er ist ein göttlicher Mensch, aber so einsam, so einsam, ich bin versichert, er wird Dir die merkwürdigste Erscheinung Deines Lebens sein. Ich wünschte sehr, daß Du Deine Liebe zu mir hier zu keinem Geheimnis machen möchtest, sondern daß ich Dich ganz wie meine Braut vor den Leuten behandeln dürfte, unser Umgang würde den Menschen dann weniger Anstößiges haben, und unsre Verehlichung können wir ja aus Familienursachen so lange hinausschieben, als wir wollen. Um so besser ist dies, da es hier nicht mehr unbekannt ist, daß ich in Weimar geheiratet hätte, und zwar Dich, weil es Rabe und Wolf von Kassel aus hierher erschallen ließen. Doch ist hierzu noch immer Zeit genug, wenn wir es für nötig halten, und wir können es dann erst erklären, wenn Du holdseliger Engel alle Menschen hier schon so entzückt hast, daß sie Dich wie in Weimar Deiner Verirrung zu mir wegen innig bedauren. Eine große unsägliche Mühe macht es mir, Dir ein schönes Logis zu finden. Wo ich mit Savigny wohne, fehlt die Küche, neben uns bei Professor Tiedemann ist die Hausfrau ein wahrer Teufel, und so fort. Heute Morgen aber habe ich eine Wohnung besehen, schöner als Deine in Weimar, und eine Aussicht, so reich, so wunderschön, schöner als die meinige, nur begehrt er für den Monat ein Carolin, Du hast dafür drei sehr schöne Stuben ensuite mit der reichen Aussicht ins Tal, eine große und schöne Stube mit Kammer nach der Straße in die Stadt, Küche und dergleichen. Dies macht zwölf Rthlr. mehr als in Weimar, aber das Ganze ist so, daß Du Karl, wenn er zu Dir kommen sollte, sehr gut logieren kannst, Du hast einen Ausgang nach der Stadt und kannst auch aus dem Haus auf vielen steinernen Treppen hinunter ins Tal. Dein Hausherr würde dann ein alter Obrister und seine Frau, zwei wundergute Leute, sein, die Du bald ganz für Dich einnehmen kannst und die Dich auch recht lieben würden. Das Schöne ist, daß Du die notwendigen Meubel, die alle recht artig sind, so lange behalten kannst, bis Du Dir welche nach Deinem Sinne verschafft hast, zugleich hast Du das Angenehme, daß Deine Hausleute Dich ohnstreitig fetieren und Dir die Bekanntschaft mancher artigen Edelfrau verschaffen könnten, die hier wohl verborgen stecken mag. Du glaubst nicht, wie mir der alte Herr Obriste von Henndorf gefallen hat, als er mir das Quartier zeigte, es war nötig, daß ich ihm sagte, wer Du seist, und zwar, weil er auf ein reines und artiges Haus hält, das ganze Quartier ist tapeziert, angenehm und wohlgelegen, und ich muß es mieten, denn schöner kannst Du nicht wohnen, ja, der Wohnung selbst wegen, hättest Du sie gesehen, wurdest Du schon hierher ziehen. Die Aussicht hat durch das Gedrängte des Gebirgs, des Flusses, der vielen hochbaumichten Gärten auch im Winter viel Reiz, es ist im Winter, als schautest Du in eine wunderbar kristallisierte Grotte. Morgen geht dieser Brief an Dich ab, und heute abend denke ich noch den Mietkontrakt auf ein halbes Jahr abzuschließen, werde Dir ihn daher diesem Brief schon vielleicht beilegen können, Du erhältst so wieder einen abgeschlossenen Stock, und wenn es Dir gutdünkt, so kann ich in eine geräumige Stube über Dir dann einstens auch einziehen. Dich in dieser herrlichen Aussicht bald zu sehen, ist nun meine neuste freudigste Hoffnung auf Erden, ich mag die ganze Gegend nicht mehr anschauen, ich gehe nicht mehr aus und wende meinen Schreibtisch gegen die Wand, denn von Dir will ich die Natur für mich hier aufgeschlossen sehen, alles, was schön ist für mich auf Erden, gebe ich unter Deinen Schlüssel, Du sollst mir mit Deinen Augen alle die Lust, Unschuld und Freude der Welt aufschließen, nur durch Dich, o geliebtes, kindisch geliebtes Weib, will, kann ich glücklich sein. – Gelt, liebes Kind, Du reitest nicht mehr, Du schminkst Dich nie wieder, mich lieben, mich beglücken, das soll Deine einzige Lust sein. O durch Dich wird mir das ganze Leben wieder eine Bedeutung erhalten. Eile dann, komme bald, komme früher, als Du selbst gedachtest, denn ich muß Deine Wohnung schon vom Oktober an mieten, ich bitte Dich um alles in der Welt, verziehe nicht mehr lange. Du kannst es nicht begreifen, wie ich mich nach Dir sehne, steh, ich kann gar nichts tun und lebe in einer wahren Verzweiflung ohne Dich. Gute Nacht, mein liebes Kind, es ist wieder so Heller Vollmond, ach wäre ich bei Dir, so wäre mir wohl.


An Sophie

[Marburg den 4ten 7bre 1803.
den achten ist mein 25jährigster Geburtstag.

Liebes, teures Weib!

Zum erstenmal in meinem Leben habe ich diese Empfindung, die ich hatte, als ich da oben hinschrieb »liebes, teures Weib«, es ist eine herrliche Empfindung, die Worte schweben so über dem Brief wie Engel, als Gott den Mond schuf, da war's ihm vielleicht noch zärtlicher zumut, denn er hatte keinen Leser, und da er seinen Leser ins Paradies gesetzt hatte, da hatte er noch keinen Sündenfall – so weit ging nur die Seligkeit. Aber bin ich gleich ein Mensch, sterblich, arm und hülflos mit tausenderlei Bedürfnis oder vielmehr einer Liebe an die Erde gebannt, so habe ich doch auch ein Herz wie ein Mensch, und darauf halten sie viel, o Sophie, glaube mir's, ich spiele einen Trumpf aus und schlage mit der Faust ans Herz, glaube mir's, ich liebe Dich unendlich. Ich bin betrübt, ich habe keine Ruhe, ich möchte krank sein auf den Tod, um sterbend nicht an Gott zu denken, nur an Dich. Ich habe Deinen liebevollen Brief, diesen fröhlichen, zärtlichen, treuen Pilgrim aus Dresden eine Stunde, nachdem mein zweiter Brief an Dich gegangen, erhalten; Du selbst wirst Dir zur eignen Lust empfinden können, daß er mich innig rühren und erfreuen mußte, denn er ist aus Deinem zärtlichen, mutigen Herzen entsprungen, o wärst Du bei mir, damit ich einen Menschen hätte, dem ich ihn vorlesen könnte, o wärst Du bei mir, damit ich ruhig und glücklich sein könnte. Es ist mir nun, seit ich von Dir, kein Unfall, selbst kein Hindernis begegnet, aber das ganze Leben, selbst das vortrefflichste, was ich vorher gekannt, wirkt so trostlos, so ekelhaft prosaisch auf mich, daß ich wohl nie in meinem Leben so deprimiert war. Ich sitze den ganzen Tag auf einem Fleck und denke an Dich nur mit eilenden, rastlosen Gedanken, und es kommt keine Ruhe in mein Herz. Nach Frankfurt werde ich vielleicht gar nicht gehen, ich habe seit einiger Zeit einen größern Widerwill gegen die Meinigen als je, Betinen unter diesm Menschen gefangen und nach und nach zerdrückt zu sehen, werde ich nicht mehr ertragen können. O Du bist es gewiß, Du holdes, freundliches Geschöpf, Du fehlst mir, das Leben fehlt, Liebe fehlt mir, ich bin wohl nicht krank. Sieh, sonst könnte ich ja noch etwas anders denken als Dich, etwas anders begehren, wenn ich Dir nicht schreibe, so tue ich auch gar nichts, nur dazu fühle ich noch einen tiefen, lebendigen Trieb. Der Abend ist wieder schön, über den Bergen hat er schon tausendmal so gestanden, schon seitdem Berg und Abend da sind. Es war eine Zeit, da saß ich auf dem Berg bei Heidelberg immer bei einem alten Hirten am Abend, wir waren uns beide gut und sprachen nicht viel, der alte Hirte lebt nicht mehr und der kleine Schüler Clemens ist auch gestorben. Jetzt sehe ich die Welt ganz anders an, und sie mich, aber jetzt liebst Du mich, und ich liebe Dich, o Sophie, wenn Du bei mir wärst, das Leben ist nur ein Augenblick, unsre langen, süßen Küsse sind alle vorüber, alle die freundlichen Worte, und auch seit diesen wenigen Worten haben die Farben des Himmels dreimal gewechselt. Liebes Weib, ich habe, seit ich von Dir bin, vieles ernstlich überlegt, nicht mit dem Verstände allein, nein, mit dem ganzen Herzen, mit allem dem, was nur Dein Eigentum ist, ich habe die ernstliche, herzliche Bitte an Dich, Dich ganz mit mir zu vereinigen und jeden Moment des Lebens mit mir zu teilen. Deine großmütige liebevolle Idee, unehlich mit mir zu leben, laß sie vorübergehen, sie hat das ihrige redlich vollbracht, sie ist es, die Dich mir ganz in Deiner reichen, gütigen Wesenheit gezeigt, seit jenem Entschluß liebe ich Dich unaussprechlich, und nun, da diese Idee, nachdem der erste Taumel der Freude gewichen, mir wie der Engel aus der Wolke klar entgegentritt, fühle ich, daß ich sie nicht ertragen kann. Wenn Du in Deiner Lage selbst, in den Verträgen Deiner Scheidung keine Hindernisse findest, so weiß ich nicht, warum Du mein Weib nicht sein willst, Deine Güte, mich nicht binden zu wollen, bleibt einmal wie das andre Mal dieselbe, und sollte das Traurigste in meinem Leben möglich sein, sollte es möglich sein, daß wir uns trennten, so ist es ein Frevel, es zu denken, und werde ich dann freier sein, wenn Du mein Weib nicht warst, glaubst Du mich fähig, je mich mit einem andern Weibe zu verbinden, solange Du lebst, oder glaubst Du, mich werde eine andre lieber nehmen, weil Du meine unehliche Geliebte, als weil Du mein Weib gewesen wärst. O liebe Sophie, laß uns nicht einer Formalität wegen, die uns nicht bindet, die unsrer Liebe nur ein treuer Wächter, eine Laube, eine Einsiedelei wird, die Menschen gegen uns erbittern. Bedenke, wie ich die Zucht meiner Geschwister, die Unschuld Betinens beleidige, wenn ich so mit Dir lebe, wird sie nicht dann erst Ursache haben, Dich nicht zu lieben, wenn sie wähnen kann, Du habest mich in ein moralisches Verderben gezogen, und Dein Ruf, der bis jetzt Dein ungeschickter, größter Feind war, wirst Du ihm nicht eine gerechte Waffe in die Hände geben, ich bitte Dich, geliebtes, einziges Weib, laß uns nicht diesen armen, aufgeklärten Zeiten zur Beute werden, laß für uns die alte, ehrliche, treue Liebeszeit zugegen sein, laß uns eine Familie bilden. Brot werden wir haben, und so gerne ich Dich essen sah, so gerne ich mit Dir aß, so gerne will ich Dir Dein Brot verdienen helfen. Die wichtigste, unhebbarste Ursache meines Begehrens aber ist mein deutlichstes Gefühl, daß ich nie ruhig, nie glücklich auf Erden werden kann, als indem mir heilige schöne Naturpflichten den Staat ehrwürdig machen, meine Gedanken können nicht länger ewig ermüdet, doch rastlos herumschweifen, ich muß etwas haben, das ich unendlich liebe, etwas, um das ich gern lebe, und das wird sein, wenn Du mein Weib bist, ich fühle es deutlich, Gott gebe, daß auch Du es fühlen kannst. Du liebst mich so herzlich, Du kennst mich, meinen Unmut, meine Trauer, sobald ich allein bin, kannst Du Deinen Geliebten, das Beste, Jüngste, Eigenste, was Du auf Erden besitzest, je wieder von Dir lassen, Du weißt, geliebtes Weib, wie schwer ich Deine Stube immer verließ, soll ich wieder täglich so Dich meiden, und soll mir immer die traurige Ansicht genährt werden, daß nichts besteht, o geliebtes Weib, das wirst Du nicht an mir tun, laß uns in ruhigem Besitze uns einander lebendig werden und der Welt absterben, indem wir küssen, was wir lieben, und dichten, wie wir es können. – Ich will durch diesen meinen Vorschlag nichts hervorbringen, als unsre Ehre retten und den Ruf meiner Schwester schonen, unsre Verehlichung selbst brauchen wir niemand anzuzeigen, bis sie vollzogen ist, meine Familie wird dann sicher nichts mehr dagegen haben, denn sie hat schon jetzt nichts dagegen, das ganze war ein Geschwätz, und ich bin versichert, wenn ich nach Frankfurt gehe, wird niemand davon reden, ich kenne diese Menschen, die sich leider mehr zuwenig als zuviel um einen bekümmern. – Ich fühle es deutlich, ich kann nicht ruhig in derselben Stadt unter einem andern Dache als Du selbst wohnen, denn jetzt schon treibt es mich täglich ein paar Stunden nach der Wohnung, die ich Dir gemietet habe, ich suche Dich in allen Winkeln und möchte nicht wieder weg, denn ich meine immer, Du müßtest noch kommen. Liebes Weib, ich kann nicht so lieben, wie Du meinst, kommen und gehen, ich muß immer bei Dir sein, Dich immer sehen und in jeder Minute mich von meinem Glücke überzeugen können, meine Seele muß in Deinem Dasein wohnen wie in ihrem Leib, dann werde ich wieder lernen zu glauben und mutig zu sein. Es wäre mir schrecklich, wenn Du, die den Mut und die Liebe hat, mir zu folgen, mir nun versagen wollte, mich zu ihrem Hausgenossen zu nehmen; ich ehre Savigny wie keinen Menschen auf der Erde, auch Du wirst es begreifen lernen, wie dies nicht anders möglich ist, aber ich fühle zugleich deutlich, wie ich nicht mehr lange mit ihm zusammen leben kann, die traurige Empfindung, daß er sich gegen mich nicht aussprechen kann, wenn ich ihm gleich mehr vertraue, ihn mehr liebe als irgendeinen Menschen auf der Erde, diese traurige Erfahrung betrübt mich täglich mehr als einmal und bringt oft mitten in unsren freundlichsten Gesprächen ein sehr schmerzhaftes Verstummen für uns beide. Allein wohnen, das kann ich nicht, und bei ihm lebe ich gewissermaßen mehr als allein, denn er nimmt, und die Einsamkeit gibt nur nicht, ohne doch zu nehmen. Liebe Sophie! und Du wolltest Dich meiner nicht erbarmen, wolltest nicht einwilligen, mit mir in engem häuslichem Verein zu leben. Zu fürchten hast Du nichts von mir, Deine unendliche göttliche Sanftmut hat alles Heftige, Rauhe in mir bis auf die Wurzel vertilgt, ich muß weinen, wenn ich an vieles denke, was ich Dir gesagt habe, womit ich den unschuldigen Kinderschlaf Deines Lebens oft grausam gestört habe, o Du meine einzige Hoffnung, sei gütig und vergesse alles, sei wie Dein Werk, das stille liebende Verlangen nach Dir. Seit ich Dich verließ, ist mir kein wilder Gedanke in die Seele gekommen, ich sehe Dich ewig vor mir stehen, Du Bild der Sanftmut, ich kann nichts Finsteres mehr denken, als daß ich sterben muß ohne Dich, daß ich nicht ruhig sein werde, wenn Du nicht mein Weib bist, daß ich Dich nie haben werde, wenn Du es nicht unmöglich findest, ohne mich zu leben. So bin ich eingeschlummert mit meiner Feindseligkeit in Deinem Schoße, ein schwermütiger Traum liegt auf meiner Brust, mir träumt, Du habest mein Haupt leise aus Deinem Schoß auf ein Kissen gelegt und seist weggegangen in mancherlei Geschäften, aber zweimal schon hörte ich Dich aus der Ferne ein süßes liebes Schlummerlied für Deinen Clemens singen, das weht kühl über mich hin, und ich atme leichter, o Sophie, laß, wenn ich erwache, das erste, was mir begegnet, Deine süßen träumerischen Blicke sein, umfange mich mit Deinen Armen, führe mich in ein neues schönres Leben, in das vertraute unzertrennliche Zusammenleben mit Dir, ich fühle es deutlich, alles vorige war ein Irrtum, nur Du warst mein Leben, nur Du bist meine Seligkeit. Wenn Du mein Weib, mein Geselle, mein einziger Freund auf Erden sein wirst, dann gibt es keinen Schmerz mehr, als daß ich nicht wissen werde, wie Dir es sagen, daß ich unendlich glücklich bin durch Dich. O was hast Du in mir hervorgebracht! es ist die Hoffnung, die neue belebende Hoffnung, daß mir alle meine Poesie zur schönen lebendigen Wahrheit wird, wie freuen mich nicht schon die Lieder, die ich in Weimar geschrieben, habe ich das Schöne in ihnen nicht alle erlebt durch Deine göttliche beseelende Nähe, Du liebreicher Engel, o Sophie, verstehe meine Empfindung, ehre meine Empfindung, denn sie ist nichts als innige wahre treue Liebe zu Dir; solltest Du meiner flehentlichen Bitte, Dich ganz mit mir zu vereinigen, kein Gehör geben können, solltest Du die Wahrheit aller meiner ruhig überlegten Gründe nicht glauben können, so wäre das die letzte traurige Erfahrung, die ich auf Erden machen könnte, ach, wer wird mich dann noch lieben, wer wird mir noch trauen, wenn Du es nicht mehr kannst; aber auch das will ich Dir aufopfern, meine Ruhe, mein Glück, willst Du nicht mein Weib sein, so will ich Verzicht tun auf Zufriedenheit, auf Achtung und persönliche Gewissensruhe, ich will ewig Dein zweiflender verzweifelnder Geliebter sein; Du wirst mich dann früher verlieren, nicht meine Liebe, nein, mein Leben, denn ich fühle, wie mich dieses vage, unzuverlässige Schwanken ohne Grund und Boden innerlich aufreibt, ich sehne mich unendlich nach Liebe, nach heiliger, ruhiger, würdiger Liebe, o Sophie, führe mich ins Leben, führe mich in die Ordnung, gib mir ein Haus, ein Weib, ein Kind, einen Gott; und endlich noch mein letzter Grund, den mir die treue Liebe zu Dir gibt, denn er betrifft Dich allein. Du hast ein Kind, Du hast Dir vorgenommen, aus diesem Kinde eine züchtige tugendhafte Jungfrau zu erziehen, wie wirst Du dies vollbringen können, wenn Du es aufwachsen läßt im Angesicht einer unordentlichen Liebe, wie wird Dein nur zu aufmerksames, spitzfindiges Kind unschuldig einfach und tugendhaft werden können, wenn wir ihm seine Tugend nicht mit Unschuld und Recht umgeben? Ich rede weiter nicht von dieser Sache, es ist mein Wille, mein Wunsch, meine Liebe, die es von Dir begehren, Du sollst mir nicht antworten als mit ja oder nein, damit ich glücklich und ruhig werde oder verstumme. – Das Lied, das Du mir geschrieben hast, ist recht schön und einfach, ich liebe es als Dein bestes Lied und als ein Lied Deiner besten Empfindung, Deiner Liebe zu mir. Die ganze Art, wie Du mir Deine Reise beschreibst, entzückt mich, Deine Fröhlichkeit, Deine Unschuld, Deine Liebe zu mir, es ist mir, als wärst Du mein weiblicher Arnim, o Du liebes Kind, wie wirst Du alle das Schwere, Betrübte meines Lebens beflügeln, wie wirst Du mich neu hervorbringen. Aber eile bald, bald hierher, denn wahrlich, ich bin sehr krank ohne Dich, ich erwarte alles von Dir. Wenn Du jetzt schon in die Idee Deiner Verbindung mit mir eingehen kannst, so beziehe ich die große Stube und Kammer Deiner Wohnung, die nach der Straße gehen, und Du findest bei Deiner Ankunft schon einen geliebten glückseligen Wirt, ich werde von dieser Idee nicht mehr abgehen, ich kann nicht glücklich durch Dich sein, bis Du mein Weib bist. Ich bitte Dich noch einmal um Deine Aufträge, ob ich Dir Bettstellen soll verfertigen lassen oder was Du sonst begehrst. Daß Du Tieck treiben mögest, die Büsten zu vollenden, dazu brauche ich Dich wohl nicht zu treiben. Von Weimar weiß ich nichts mehr, alle die Menschen sind mir verschwunden, ich sehe nur Deine treuen milden Augen, wie sie mir zum letztenmal nachsahen, wie die Sterne heller und heller am Himmel werden, wie die übrige Welt in den Schatten tritt, und wie ich den Sternen immer heftiger in die Augen sehe, ach, alles ist mir ja verschwunden, wie Betine aussieht, ich weiß es ja nicht mehr, Du hast eine wunderbare Beleuchtung ins Leben gebracht, ich sehe nur Deinen lächlenden unendlich süßen Mund, Deine wunderlichen träumerischen Augen, weißt Du denn, Du lieber Engel, wie Deine Augen aussehen? grade so, als wenn man in den tiefen, reinen, grünen Wald in jenem ehrlichen Bache guckt, und wenn Du recht fröhlich wirst, so wimmeln eben solche silberne lustige Tierchen drinne herum, die kein Mensch erwischen kann, wie dort jene an der kleinen Brücke. Ich will auch nun keinen Menschen mehr kennenlernen, denn ich betrüge doch am Ende die Leute, ich habe keine Zeit mehr, andre zu lieben, Dich, Dich, Dich liebe ich allein, Dich sehe ich allein, o wie glücklich muß der Mensch sein, der eine einzige Wissenschaft so recht bis auf den Grund verfolgen kann, an meiner Liebe zu Dir begreife ich erst recht das Glück Savignys in seinen Studien, Du sollst das meinige sein, in Dir will ich zu Hause sein, Deine Leiden, Deine Freuden, Deine Ansichten, Deine Liebe, Dein ganzes Leben will ich begreifen, verstehen und mir zu eigen machen, um Dich zu lieben, um eines geliebt zu haben, um eines recht getan zu haben, dann kann ich einstens ruhig sterben, und die mich kennen, werden mir mit Achtung nachsprechen, »er war ein braver, fleißiger, tugendhafter Mann, er hat die Mereau treu, innig und tief geliebt, er hat Gott erkannt, geliebt und hat zu ihm gerungen in einem seiner schönsten Werke, in jener milden, schönen, liebevollen, gütigen Frau, die auf Erden viel gelitten hat«. Werde ich nicht darum allein einen Lorbeer erringen, daß ich Dich glücklich gemacht, daß ich Dich vergessen gemacht, daß es Unglück, Widerspruch und unheilbare Wunden gibt auf Erden, und ist es kein irdischer Ruhm, so wird es eine himmlische Seligkeit – ach, aller Nachruhm ist ja eine Leichenmusik, und alle Freude, aller Frühling ist zu erwarten bei Gott. Liebes Weib, spanne alles, was tönend ist in Dir, wie Saiten einer Laute auf, Deine Liebe werde ein Ohr, denn meine Liebe wird ein großer Tonkünstler werden, und Du sollst Lieder in Dir, über Dir und von Dir klingen hören, zu denen Du selbst wirst, und endlich, wie ich ein größerer Künstler der Liebe werde, so werde ich für jede Verstimmung die Tonleiter finden und auch auf einer einzigen Saite Dir singen können, wie ich Dich liebe. Gute Nacht, Du Lieb, Lieb.

Clemens.

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