Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clemens Brentano >

Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
projectid4db88ef7
Schließen

Navigation:

An Clemens

[Weimar, etwa 20. Januar 1803.]

Ihr Brief, junger Mann, hat mir Veranlassung zu mannigfaltigen Reflexionen gegeben. Ich muß auf der einen Seite Ihren Scharfsinn bewundern, obgleich ich auf der andern Ihren strafbaren Mutwillen beseufzen muß, der freilich Ihrer Jugend zuzuschreiben ist. – Ich danke Ihnen, daß Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und meinen Charakter anerkennen. Ja, es ist wahr, daß ich ein ganz andres Wesen geworden bin, das immer streng nach Grundsätzen handelt und alles Unwillkürliche verabscheut. Sonst freilich, lieber Himmel! – gab es viele Augenblicke, wo mir das Unwillkürliche im Menschen als das einzig Göttliche erschien, ja, ich hatte sogar Momente der Begeisterung, wo ich mich mit unsichtbaren Mächten auf das innigste verbunden fühlte. Schwärmerei! Nein, jetzt geht mir der Verstand über alles, und ich würde mich schämen, etwas zu glauben, was ich nicht begreifen könnte. Ein paar Jahre können freilich viel zur Reife unsers Geistes beitragen, und es war auch hohe Zeit, wie Sie, lieber, junger Freund, auch zu fühlen scheinen, da Sie mich an mein Alter erinnern. Ehedem hatte ich freilich den Wahn, die Jahre bestimmten das Alter gar nicht, das läge nur im Gemüt, und es gäbe Menschen, die alt geboren würden, und andre, die jung stürben, sie möchten noch so lange leben.

Was Sie mir über die weiblichen Schriftsteller und insbesondere über meine geringen Versuche sagen, hat mich recht ergriffen, ja erbaut. Gewiß ziemt es sich eigentlich gar nicht für unser Geschlecht, und nur die außerordentliche Großmut der Männer hat diesen Unfug so lange gelassen zusehen können. Ich würde recht zittern wegen einiger Arbeiten, die leider! schon unter der Presse sind, wenn ich nicht in dem Gedanken an ihre Unbedeutsamkeit und Unschädlichkeit einigen Trost fände. Aber für die Zukunft werde ich wenigstens mit Versemachen meine Zeit nicht mehr verschwenden, und wenn ich mich ja genötigt sehen sollte, zu schreiben, nur gute moralische oder Kochbücher zu verfertigen suchen. Und wer weiß, ob Ihr gelehrtes Werk, auf dessen Erscheinung Sie mich gütigst aufmerksam gemacht haben, mich nicht ganz und gar bestimmt, die Feder auf immer mit der Nadel zu vertauschen.

Ich bin entschlossen, für jetzt noch in Weimar zu bleiben. Lieber Himmel! sonst wußte ich gar nicht, was einen Entschluß fassen heißt, ja, ich dachte oft, jeder Entschluß sei Sünde und nur Eingebungen müsse man folgen. Wie ridikül! Und können Sie denken, daß mich noch vor kurzem ein solcher Moment überrascht hat? – Ich hatte einen Traum, worin mein Vater mir erschien – aber nein! das hieße Ihrem Witz zuviel Waffen gegen mich in die Hand geben!

Die Memoiren der Clairon hatte ich noch nicht gelesen, aber da mich Ihr Brief sehr begierig danach gemacht hatte, wußte ich sie mir bald von einem meiner literarischen Freunde zu verschaffen. Zu meiner großen Beschämung wollten Sie mir aber gar nicht gefallen, ja sie kamen mir ordentlich pedantisch und langweilig vor. Indes habe ich alle Mühe angewandt, mich recht hineinzustudieren und mit den Prinzipien der Verfasserin vertraut zu werden, so daß es mir endlich gelungen ist, sie ganz vortrefflich zu finden. – Über Ihren Einfall, sich mit H. von S. – zu vergleichen, habe ich recht lächeln müssen. Das ist so einer von Ihren witzigen Einfällen! – Im Grund ist es Ihnen recht wohl, indes Sie dabei andre aufs bitterste beleidigen. Gleichwohl verlangen Sie beklagt zu werden, bloß um zuletzt über die andern zu schimpfen, sie mögen es tun oder nicht.

Ich hätte Ihnen noch mancherlei zu schreiben, aber ich sehe mit Erstaunen die enorme Länge dieses Briefs, bitte Sie deshalb um Verzeihung und bin mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihre Dienerin

Sophie Friederike Mereau geb. Schubert.

Sollten Sie mir wieder schreiben, Clemens, so verlange ich, daß Sie mir die artigsten Sachen schreiben, die übrigens gar nicht wahr zu sein brauchen. Ihre Wahrheiten sagen Sie nur Ihrer Geliebten, die ich, wie Sie selbst sagen, gar nicht kenne; aber da meine Persönlichkeit, die Sie gar nie geliebt haben und gar nicht genug herabzusetzen wissen, doch Ihre Briefe lesen muß, so ist es billig, daß Sie ihr entweder gar keine oder angenehme Briefe schreiben. Sie nennen mich Psyche – warum, das verstehe ich nicht, das kümmert mich auch nicht, aber der Name gefällt mir. Denn ich leugne nicht, daß, obgleich ich jetzt auf der Welt kein andres Leiden habe, als daß es einen Winter gibt, und daß ich nicht schön bin, doch – aber was geht das Sie an? – Leben Sie wohl, Clemens.


An Sophie

[Marburg, Februar 1803.]

Liebe Sophie!

Nichts hat mich auf eine rührendere Art im Leben überrascht, als Ihr gütiger freundlicher Brief, ich darf Ihnen noch schreiben, Sie denken noch an mich, Sie haben mir geantwortet, Sie hatten keine Ursache dazu, ich hatte es nicht verdient, nicht verdienen wollen, sollten Sie meinen vorigen Brief verstanden haben, sollten Sie bemerkt haben, daß Leidenschaft, die sich selbst ehrt, die nicht mehr zudringlich sein will, die sich im Innern verhöhnt und mißverstanden wähnt, daß diese Leidenschaft solche Briefe schreiben kann, ach, dieser Wahn ist zu süß! Sie haben meinen Brief nicht verstanden, Sie wollten sich nur an mir rächen, indem Sie ruhig und freundlich mich mit scherzhaften Reden strafen, weil ich Sie beleidigt habe – ich nehme Ihre Rüge mit Demut an, ist mir doch selbst das Gefühl eine Wollust, daß ich Sie noch beleidigen kann, wenn ich Sie noch beleidigen konnte, so kann ich noch büßen, so können Sie noch strafen, ach! und Sie können ja nur verzeihen. Sie können ja nicht strafen, Sophie! Wenn es möglich wäre, wenn es möglich wäre! Sie hätten mich nur lieben gelehrt – und wenn Sie es mir auch verzeihen, so will ich selbst büßen, ich will nicht länger mehr vor Ihnen verschweigen, daß ich Sie noch liebe, daß ich Sie ewig lieben werde, ich will es Ihnen von neuem versichern, Sie sollen es mir von neuem nicht glauben, ich will wieder alle die Wunden aufreißen, ich will wieder elend werden, o liebe Sophie, wolle mir verzeihen, lasse mich wieder büßen, lasse mich wieder die süßen Schmerzen leiden, mit unendlichem Durst unerquickt vergebens Linderung von Dir zu erflehen, lasse mich wieder ein Bettler werden, der sich in Deinem Anblicke berauscht und in Deinem Geize verschmachtet. Es ist mir nicht möglich, Ihnen heute auf Ihren Brief mehr zu antworten, es ist heute kein Festtag, kein Freudentag, diese wenigen Zeilen, die mein volles Herz ergießt, verschmähen Sie sie nicht, sie seien den gütigen Göttern der Versöhnung eine Libation, und ich will mich vorbereiten, beten, alles Gute in meiner Seele versammlen, alle Denkmäler der Rührung, alle schönen, frommen Minuten meines Lebens will ich zusammenrufen, um Ihren Brief selbst zu beantworten, o gütiger Gott, wenn uns deine Hilfe am fernsten scheint, am Abgrund, in der Verzweiflung, faßt uns dein Engel, o gütiger Gott, du bist allgegenwärtig, du bist in mir und in ihr, o laß dich von mir anbeten in ihr, wo du so menschlich, so göttlich freundlich erscheinst, o wolle handeln in mir, daß sie mich erkenne, daß sie mir vergebe, daß sie mir wieder lebendig, ja das Leben wird. Lebe wohl, liebe, liebe Sophie, nur eine kleine Gunst gebe mir, sehe meinem nächsten Briefe freundlich entgegen und nehme ihn ohne Vorurteil in Deine lieben Hände, Gott segne Dich –

Clemens

O liebe, gute Sophie, ich habe gelogen, es ist heut ein Festtag, es ist ein Freudetag, ich muß Dir schreiben, gleich, ich will heute Nacht nicht zu Bette gehn und immer immer fortschreiben, ich kann meine Hoffnung, meine Sehnsucht nicht teilen, ich will glücklich sein heute Nacht, o das Leben ist so ungetreu, vielleicht nimmst du mir bald meinen frohen Wahn, jetzt glaube ich noch so fest, jetzt muß ich alles sagen. Du liebst nur den Verstand, ach, wenn mir die Liebe den Verstand nicht genommen hätte! Wenn ich so einsam mit Dir heute nacht spreche, wenn ich nur den Verstand nicht verliere. Aber ich will mich zusammennehmen, ich will so kalt, so kalt sein, als säße ich bei Dir. O daß ich nicht bei Dir bin, das Schreiben fällt schwer, um ein einziges Wort kann ich meine Hoffnung sterben sehn, ich kann zu kühn sein, kann Dich nicht um Verzeihung bitten. Da ich noch um Dich war, da hast Du mich einen Blick gelehrt, den Du vielleicht wieder vergessen hast, ich kann kaum auf das Papier sehen, immer schlage ich die Augen so in die Höhe, als säße ich zu Deinen Füßen, und empfinde eine unendliche Seligkeit, aber ich finde Dich nicht. Ich will mich auf die Erde setzen, so bin ich Dir näher; es ist wunderbar, liebe Sophie, welche ewige Gesetze die kleinsten Handlungen, die in meinem Umgang mit Dir ihren Ursprung haben, meiner Natur geworden sind, wenn ich mich zur Erde setze, so bin ich weichherzig gerührt und ein kleines Kind – ich fühle es, liebe Sophie, ich fühle es mit Tränen, wir haben uns beiden Unrecht getan, ich fühle es, daß ich Dich liebe, und daß Du nicht ewig mit mir zürnen wirst, o könnte ich Dich rauben und an dem Drachenfels am Rheine Dir eine Hütte bauen und Dein Feld bauen, o könnte ich Dich zwischen den beiden freudigen Ufern hinauf und hinab fahren. Es ist eine freie poetische Existenz möglich, die fern von dem Abenteuer ist und fern von dem häuslichen Tod, ich kenne diese Existenz, ich lebe sie, aber ich bin einsam, und kein Mensch lebt, mit dem ich freudig teilen mag, Leib und Leben und Gedanken; o wirf mir nicht mehr vor, daß ein Dämon mich bewohne, der mir alle Ruhe nähme, o rate mir nicht mehr zu ackern und zu pflügen, um ruhig zu werden, ich kann nur Dein Feld bauen, nur in Dir liegen meine Schätze begraben und mein Frieden, Sophie, lehre mich Dich verdienen, Du selbst sollst reicher durch mich werden, ich will mich Dir ja ganz hingeben, wahrlich, die Liebe ist keine Gabe, die Liebe ist ein göttlicher Wucher, diesen Wucher hast Du nie gekannt, Du traust der Liebe nicht, aber ich traue ihr ewig, ich glaube wieder an Dich, ich hoffe auf Dich, ich begehre alles von Dir. Wir sind nun beide ruhig, wir sind frei und ungebunden, bin ich nicht wert, um Dich zu werben, da Du glücklich und ruhig bist, da ich es wert war, da Du unglücklich warst, wie magst Du mich verdammen, den armen unerfahrnen, durch Dein Leid und seine Lust zerdrückten Knaben. Unter reinem, freiem Himmel laß mich, mich Dir nähern, und verdamme mich dann. Liebe Sophie, die alte Zeit ist vorüber und aller Schmerz, es gibt nur eine Zukunft, ich liebe Sie, ich liebe Dich, o sei eins mit dieser Zukunft, störe den neuen Frühling nicht in mir und Dir, gönne einmal mir noch mich Dir zu nähern. Dich einmal noch zu lieben. Ich kann heute nicht weiter schreiben, mein Glück, die bunte Seifenblase, in der freudig mein Leben widerstrahlt, ich will sie nicht in meinen Händen brechen sehn, gute Nacht, Du Engel, Du gütiger Engel, o schreibe gleich nur wenige Worte, nimm alles, oder gib.


An Clemens

[Weimar, März 1803.]

Der zurückgekehrte Winter

Blaue Räume, lindes Wehen,
ferne Träume, Wiedersehen,
Frühlingsdüfte, süßes Wähnen,
laue Lüfte, leises Sehnen.

Laue Lüfte, leises Sehnen,
doch der Winter kehret wieder,
Frühlingsdüfte, süßes Wähnen
töten seine starren Glieder.

Töten seine starren Glieder;
eingehüllt in kalte Flocken,
denn der Winter kehrte wieder,
muß der Erde Leben stocken.

Muß der Erde Leben stocken,
so mit eisigem Gefieder,
eingehüllt in kalte Flocken,
kehret die Erinnerung wieder.

Kehret die Erinnerung wieder,
laue Lüfte, leises Sehnen,
sinken sterbend vor ihr nieder,
Frühlingsdüfte, süßes Wähnen.

Es ist nicht unmöglich, daß wir uns wiedersehen; hier in Weimar aber niemals! Überlassen Sie es dem Schicksal oder Ihrer Gottheit, wenn Sie eine anerkennen.


An Sophie

[Marburg, den 18. März 1803.]

Liebe Freundin!

Die Art, mit der Sie abzubrechen pflegen, ist bloß durch das mir nichts dir nichts überraschend, und ist bloß leidlich, weil man schwören kann, wenn man Sie gesehen, daß Sie die Sache wenigstens über einem schönen Knie brechen. Leichtsinnig sind Sie in allen Arten, nur selten so leichtsinnig einzugestehen, daß Sie sich da gar nicht der Zweideutigkeit scheuen, wo das Glück des andern an bestimmten ruhigen Worten hängt. Auf das Recht, Sie zu richtern, habe ich Verzicht getan, seit ich Sie liebe, wenn Sie mich liebten, wenn ich Sie besäße (wenn Sie mich kennten, heißt das), dann würden Sie mir selbst eingestehn, daß ich unfähig bin, Ihnen Unrecht anzutun, und daß nur ich Sie lieben kann. Ob ich es verdiene, von Ihnen geliebt zu werden, davon ist bei mir keine Rede mehr, seit ich mich und Sie begriffen habe, ja die Art, wie ich Ihren letzten Brief gelesen habe, wäre wohl schon entscheidend für dieses Verdienst. Sie ermahnen mich immer zur Ruhe, zum Vernünftigsein, liebe Sophie, Sie haben noch vor kurzem mir ordentlich bange machen wollen mit Ihrer Versicherung, daß Sie selbst so vernünftig geworden seien, Sie erklären mich immer für phantastisch und werfen mir poetische Selbsttäuschungen vor, ich habe alle diese Vorwürfe nie empfunden und Ihnen nur deswegen nie erwidert, weil ich sie Ihnen nicht mit dem entschuldigenden Prädikat – poetisch – zurückzugeben wagte, ohne Ihnen Unwahrheit zu sagen. Wären Sie gerecht, Sie hätten mir schon längst geschrieben: »Mein lieber Clemens, wenn ich gleich Ihnen weder klar und deutlich und wahr schreibe noch erscheine, so meine ich es doch sehr gut mit Ihnen, und freue mich recht, daß Sie mir auf meine ungeschickten Briefe so vernünftig antworten, auch verzeihe ich es Ihnen recht von Herzen, daß Sie so sehr nach meiner artigen Gegenwart verlangen, denn ich fühle, wie wehe es Ihnen tun muß, wenn Sie mir so aus vollem treuen Herzen schreiben und ich Ihnen dann über Berg und Tal herüber nur so ein unbegreifliches tausenddeutiges Mäulchen mache.« Ach du lieber Himmel, hätten Sie Ihre orakelhaft grausame Undeutlichkeit gegen mich nur nicht in Versen, und zwar in der alten neuen Art ausgeübt, wo man alles hinter sich und vor sich lesen kann, um hinten nichts und vornen nichts zu finden. Ich bin so erbittert auf dieses Silbenmaß, das mir durch seine unseligen Wiederholungen nur wiederholt, wie Sie mir gar nichts zu sagen haben, so erbittert bin ich, daß ich in diesem Silbenmaß eine Satire auf meine Beharrlichkeit schreiben will, ich will mich in diesem Silbenmaße auslachen, daß ich gar nicht aufhören kann, Sie zu lieben, Sie mögen sich auch anstellen, wie Sie wollen. Aber ernstlich, liebe Sophie, fühlen Sie denn gar kein Unrecht, mir so unbestimmt zu sagen, ich soll harren und nicht harren, ich soll glauben und nicht glauben. – Ich versichere Sie, so wahr als ich meinen Hut wie ehemals unter einen Stuhl legen und zu Ihnen hingehen und Ihnen die Hand küssen würde, wenn ich Sie wiedersähe, nein, das ist nicht wahr genug, so ruhig könnte ich nicht sein, ich würde viel ruhiger sein, ich würde gar den Hut nicht abtun, ich würde in die Stube treten und an den Boden sehn, ich würde weinen und lachen, ach, ich könnte Dich nicht ansehen, liebe Sophie, bis Du gelacht hättest und gesprochen: »Nun, wie geht es Ihm, närrischer Brentano, unkluger Brentano? Was ist das für eine Art, eine schöne Witwe zu besuchen, Er ist ja ganz verwildert, wunderlicher Mensch, man muß Ihn wieder erziehen.« Sage, liebe Sophie, glaubst Du wohl, daß ich ein Wort reden könnte, wenn ich Dich wiedersähe? Du lieber Himmel, wenn ich Dich wiedersähe! Doch ich glaube, ich wollte Ihnen etwas versichern, also, so wahr, als ich hier vor lauter Freude bei dem Gedanken des Wiedersehns vergessen habe, wie wahr es ist, so wahr liebe ich Dich noch immer gar herzlich, und so gewiß werde ich Ihnen gefallen, so gewiß werden Sie mich recht artig und liebenswürdig finden, wenn Sie mich wiedersehen. Wenn Sie nur eine Wette mit mir eingehen wollten, liebe Sophie, ich will allen meinen Bewerbungen um Sie aus immer und ewig entsagen, wenn ich Ihnen nicht lieb, recht lieb werde, wenn Sie mich wiedersehen wollen. Ich muß mich wohl sehr verbessert haben, denn alle meine Geschwister achten und lieben mich, und ich bin zum Richter aller ihrer Herzensangelegenheiten geworden, ich habe eine so moralische Korrespondenz mit meinen Schwestern wie ein kleiner Beichtvater, ach, und was meinem Glücke die Krone aufsetzt, es ist Betinens Liebe, ein Geschöpf, Sophie, Sie würden sich selbst bei ihr vergessen können, einen solchen Engel hat Goethe noch nicht gedacht, Sie haben Sophien gekannt, wenn Sie Betinen kennten, Sie würden aufhören zu dichten, zu tändlen, zu sehnen, Sie würden ruhig werden und zum erstenmal lieben. Dies Mädchen, Sophie, ist mein, mein allein, und wenn ich gut bin, so bin ich es, um ihr zu gleichen, um ihre Liebe und ihren süßen Vorwurf, daß sie alles durch mich sei, zu verdienen. Die verstorbne Sophie verhält sich zu ihr wie die prächtigen Gemächer der M. de Bonaparte zum Frühling, wie ein Flitterfächer zur Sonne. Aber, liebe Freundin, sie ist meine Schwester, ach, und wie verdiente sie, die Ihrige zu werden. Erschrecken Sie nicht, spotten Sie nicht, ich verstehe es in dem bürgerlichsten Sinne, sie ist schön, Sie sind schön, o wären Sie schöne Schwestern belles sœurs. In allem diesem liegt ein einfacher, gut zu verstehender Verstand, ich bin ein sehr natürlicher Mensch und rede von natürlichen Dingen und wünsche zu besitzen, was ich mich zu befriedigen, zu beglücken getraue. Sophie, reden Sie so vernünftig mit mir wie ich mit Ihnen, geben Sie mir eine Hoffnung, wie sie einem vernünftigen Manne gebührt, schreiben Sie mir wie ein Weib, das ich ehren soll, und dem ich meine Treue anvertrauen kann, o schreiben Sie mir nicht mehr so undeutlich geziert und hinhaltend. Ich fühle, was ich mir schuldig bin, wenn ich Sie nicht als ein Tor, sondern als ein denkender, kluger Mann lieben soll, machen Sie mich nicht zum Laffen, und wenn Sie mich gleich nie wieder lieben zu müssen hoffen, wenn Sie gleich sich fest einbilden, ich würde nie der Mühe wert sein, daß Sie meiner begehrten, so behandeln Sie doch den Menschen, der Sie in den Mittelpunkt seines besten Lebens stellt, würdiger, Sie haben Gelegenheit dazu, denn er ehret sich selbst, und zwar um Ihrentwillen. Sie halten es für nicht unmöglich, daß ich Sie wiedersehe, aber in Weimar nie, wo dann, wie? ich soll einer Gottheit vertrauen, wenn ich eine anerkenne, – ist das eine Phrase? so ist es eine, wo ein wahres, ernstes Wort hingehört hätte, denn mir ist es wahr und ernst zumute gewesen, da ich Sie fragte. – Eine Gottheit? Wollen Sie diese Gottheit sein? So werden Sie Mensch, und erlösen Sie mich, ich habe keine Gottheit im Leben als Wahrheit, einfachen Sinn, Güte, Menschenverstand und so viel Poesie, als man hat, wenn das in Ihnen liegt, so sind Sie es gewesen, die ich einstens ahndete, und deren liebster, frömmster Diener ich jetzt bin, sind Sie dies nicht, so waren Sie ein Götze, und jenes lebt in mir. Liebe Sophie, sein Sie verständiger, nennen Sie verständig sein nicht eine trockne, ärmliche Mäßigung in der Lebenslust, nennen Sie verständig sein klar sein, billig sein, deutlich sein, herrschen durch wahre harmonische Ausbildung der Empfindung und der Rede, nennen Sie verständig sein Ihrem treuen liebenden Clemens hübsch deutlich und gütig antworten und ihm einen Bescheid geben, was Sie von ihm dulden und nicht dulden.

C.B.

Wenn Sie mich mit einer Antwort erfreuen wollen, so schreiben Sie mir nach Frankfurt. Ich höre soeben, daß Betine nicht wohl ist, und da will ich sie heilen – aber erfreuen – erfreuen mit der Antwort – liebe Sophie.


An Clemens

[Weimar, Anfang April 1803]

Ich will Sie sehn – Sie werden mir eine neue Bekanntschaft sein. Wie kann ich wissen, was ich für Sie fühle, da ich Sie nicht mehr kenne? – Fern sei der täuschende Eindruck der Ferne, der Einbildung, des betrügerischen Buchstabens! – den wahren, lebendigen Eindruck der Gegenwart begehre ich – er mag entscheiden!

Es ist nötig, daß ich jetzt eine kleine Reise tue – sobald ich zurückgekehrt bin, werde ich Ihnen bestimmt schreiben, wenn und wie ich Sie zu sehen wünsche. Schreiben Sie mir unterdessen, wo mein nächster Brief Sie findet.

S.


An Clemens

[Weimar, April 1803.]

Ich habe Ihr Bild betrachtet, Ihr glückliches Bild! - Mögen Sie diesem Bilde immer ähnlicher werden, wenn Sie jetzt der nicht mehr sind, den diese sanft begeisterten Züge darstellen!

Ich habe gebetet, daß der Fluch, welcher auf Ihrer unglücklichen Familie zu ruhen scheint – denn da Sophie nicht glücklich war, wer ist berechtigt, sich so zu nennen? –, nicht länger auf Ihnen ruhe, und ich glaube an mein Gebet.

Gebrauchen Sie die einfachsten, natürlichsten Mittel, den Dämon namenloser Unruhe zu verbannen, der in Ihnen, nicht außer Ihnen wohnt. Sie haben viel Talente; aber viel Talente ohne Willenskraft gleichen einem zarten, blütenbeladenen Zweig ohne Stütze, den seine Zierde selbst nur tiefer herabzieht. Talente können Ehrfurcht für sich selbst einflößen, aber keine Achtung. Suchen Sie durch einfache Beschäftigung, Arbeit, körperliche Anstrengung ruhiger zu werden; aber ernstlich und ausdauernd. Ich fordre es von Ihnen. Sie haben mich selbst dazu berechtigt, und es wird also nun für Sie Pflicht, es zu tun. Sie erhalten hier ein wohlbekanntes Buch und einen Zettel, den ich Ihnen schrieb, eh' ich Ihren Brief erhielt.


An Sophie

[Frankfurt, April 1803.]

Ich glaube kaum Ihrem Briefe, so überraschend ist mir sein Inhalt, sprechen läßt sich hierüber nichts mehr, Gott gebe, daß wir uns so sehen, wie wir es wünschen, daß wir uns lieben, wie wir es verdienen, liebe Frau, ich bin sehr begierig auf mich und Sie bei dieser Zusammenkunft, eins nur begehre ich, sein Sie nicht geputzt, wenn wir uns wiedersehen, Sie waren es, da wir uns trennten, sein Sie nicht von der Stunde unterrichtet, Sie waren es damals. Ach, wie werden Sie sein? Ihren Briefen, Ihren Schriften gleichen Sie nicht; etwas betrübt mich manchmal, Betine liebt Sie nicht, aber sie wird es, wenn Sie nur dieses Kind durch mich kennenlernen, so haben Sie mir vieles zu danken, und ich kann nie Ihr Schuldner werden. Daß Betine Sie nicht liebt, mag wohl daher kommen, daß sie eine so wunderbare Liebe zu mir hat, die nicht begreifen konnte, wie Sie sich je von mir wenden konnten, aber sie ist zu unschuldig, um irgendeine Notwendigkeit als die, mich zu lieben, begreifen zu können. Ich möchte Ihnen noch vieles von mir sagen, wie ich mich verändert habe, aber ich will mir nicht vorgreifen; und ist es denn auch gewiß wahr, bin ich denn auch wirklich verändert? Das kann ich nicht wissen, ich kann nur wissen, daß ich jahrelang ohne Sie war, daß ich Sie wiedersehen soll, und was ich vor Ihnen sein werde, das bin ich geworden; o sein Sie auch geworden, was Sie vor mir sein werden, sein Sie redlich – liebe Sophie, Sie sind in Ihrem Leben viel mit genug schlechten Menschen umgegangen, vieles ist Ihnen ganz unbekannt, und das meiste davon besitze ich. – Was Ihre Schriftstellerei betrifft, auch in der Hinsicht will ich Ihnen vieles raten, was Ihnen lieb sein wird, und wenn Sie es nicht unter die glücklichsten Stunden Ihres Lebens zählen, mich wiedergesehen zu haben, so soll es Ihnen doch eine nützliche, angenehme Erinnerung werden. Sie sollen alles von mir wissen, was ich je für und gegen Sie empfand, o machen Sie mich nicht irre, sein Sie wahr, ungeschmückt und recht ehrlich, adieu auf Wiedersehen, liebe Seele.

Dein               
Clemens.

Wenn Sie mir wiederschreiben, so adressieren Sie den Brief an Betine Brentano, sie weiß immer allein, wo ich bin. Schreiben Sie mir bestimmt, wo und wann ich Sie sehen kann, damit ich Ihnen antworte, ob es ganz möglich, wie Sie es wünschen, eins vor allem, ich sehe Sie nicht in Gegenwart eines andern, was mich betrifft, so ist mir dies gleich, ich würde vor allen Menschen Ihnen sagen, was ich Ihnen in der vertraulichsten Einsamkeit sagen möchte, aber ich fürchte, vor andern werden Sie anders gegen mich sein, wenn Sie sich zu einem ähnlichen Selbstvertrauen erheben können, so sehen Sie mich in jeder Gesellschaft, in der Gesellschaft eines Weibes, das Sie lieben, aber welche verdient es? Adieu, adieu, Du Engel.


An Sophie

[Jena, den 10. Mai 1803.]

Liebe Freundin!

Ich bin seit zwei Tagen in Jena und glaube Ihnen Rechenschaft schuldig zu sein, warum ich einen Ort wieder betrete, an dem wir beide sehr unglücklich waren, einer der treusten Freunde von mir, Wrangel, geht nach Rußland zurück, ich wollte ihn noch einmal recht lieben und versuchen, ob ich es ihm unmöglich machen könne, mich ganz zu verlieren, und wir sind schon einig, er liebt mich so, daß er wiederkömmt und bei mir bleibt. Da ich Ihren letzten gütigen Brief erhielt, in dem Sie mir versprachen, daß ich Sie sehen soll, war ich im Begriff, zu Arnim nach Paris zu gehen, ich habe sogleich auf diese Reise Verzicht getan und bitte Sie nun recht herzlich, mich armen Jungen nicht zu vergessen, ich habe bis jetzt umsonst auf Ihre nähere Antwort geharrt. Sollten Sie Ihre gütige Gesinnung für mich wieder verändert haben, so verhehlen Sie mir es nicht, für neue Schmerzen, neue Freuden ist keine Stelle in meinem Herzen, Sie haben Freude und Schmerz in mir erschaffen, beide stehen fest in mir, ich habe sie gebildet, es ist ein schöner Schmerz, eine schöne Freude, sie sind ewig und außer der Gewalt des Menschen. Wenn es Ihnen möglich ist, liebe Sophie, die Erfüllung Ihres Versprechens mit meinem Hiersein zu verbinden, so wäre mir das, ach! wie lieb, wollen Sie aber nicht, so bescheide ich mich gern Ihrem Willen, nur trösten Sie mich mit einigen Worten, denn, liebe Sophie, so fremd bin ich Ihrem Herzen doch wohl nicht geworden, daß Sie nicht fühlen sollten, es müsse mir recht wehe tun, Sie so nahe zu wissen und zu hören, Sie wollten mich nicht sehen. Ich bin weder keck noch demütig, sonst würde ich Sie überraschen oder Sie anflehen, ich bin bescheiden genug, es Ihnen nicht zu verargen, wenn Sie mich nicht sehen wollen, und stolz genug, zu fühlen, daß Sie uns beiden vielleicht dadurch unrecht tun. Sie werden täglich von so vielen gleichgültigen Menschen besucht, Ihre Magd geht bei Ihnen aus und ein, sein Sie einfach, lassen Sie mich ebenso ruhig Ihre Treppe hinaufsteigen, Sie grüßen, ich will Ihnen nicht sagen, daß ich jener bin, der Ihrem Herzen einstens nah war. Können Sie wieder eine vertraulichere Empfindung für mich gewinnen, so wollen wir uns anblicken wie Menschen, die sich einstens schon vertraut waren, die nicht mehr wissen, wo sie sich geliebt und ihr unbegreifliches Wiedersehen sich durch einen frommen Glauben an Ewigkeit freundlich erklären, liebe Sophie, treu bin ich, treu wie Gold, schonen Sie meiner nicht, sagen Sie mir, komme, oder bleibe weg, meine Seele ist doch bei Ihnen, und Sie werden mich nie verlieren können. Wie kann es Sie stören? mich in Weimar zu sehen, wo ich nirgends keinen Schritt hin tun werde als zu Ihnen und von Ihnen zurück hierher, mich kennen wenige Menschen in Weimar, wer wird mich unbedeutenden Menschen bemerken, und noch eins – frei wie Sie sind, Ihre eigne Richterin, warum wollen Sie mich nicht sehen, – schämen Sie sich meiner? O dann will ich Sie nicht sehen, nicht lieben, denn wahrlich keiner soll durch mich Ihnen gegenüberstehen, den Sie nicht ehren dürfen, liebe Sophie, so schreiben Sie mir denn sogleich bestimmt, was sie begehren, und wollen Sie mich sehen, so bestimmen Sie fest den Tag und Ihre Wohnung, ich bitte Sie recht herzlich, ich will Sie gewiß recht erfreuen, ob mich Hulda wohl noch kennen wird, ob Du mich noch kennen wirst?

Dein               
Clemens.

bei Doktor Fries in Jena.


An Sophie

[Weimar, den 27. Mai 1803.]

Am Sophientag

Süßer Mai, du Quell des Lebens,
Bist so süßer Blumen voll,
Liebe sucht auch nicht vergebens,
Wem sie Kränze widmen soll.

Süßer Mai, mit Blumenglocken
Läutest du das Fest mir ein.
Ich bekränze ihre Locken,
Will ein frommer Gast auch sein.

Süßer Mai, zum Lebensmahle
Trägst du Blumenkelche ein,
Blütensäulen stehn im Saale,
Drüber wölbt sich Sonnenschein.

Süßer Mai, in deinen Kelchen
Küssen fromme Bienen sich,
Aber unter allen welchen
Hast du eingefüllt für mich!

Süßer Mai! du bringest nieder
Blume, Blüte, Sonnenschein,
Daß ich wisse, wem die Lieder,
Wem das Herz, das Leben weihn.

Clemens.


An Sophie

[Weimar, Anfang Juni 1803.]

Ich bin heute so reich an Friede und Liebe zu Ihnen gekommen, und so bettelarm haben Sie mich gehen lassen, nicht einmal Ihre Lippen haben Sie mir gegeben, Sie hätten mich nicht so sollen gehen lassen, denn gestehen Sie aufrichtig, woran soll ich glauben lernen, daß Sie noch lieben können, als daran, daß Sie küssen können. Sie haben keine Schonung für mich, ich habe Ihnen oft erklärt, wie fürchterlich die leere, ewig ungelöste Spannung, in die Sie mich setzen, meine Gesundheit untergräbt, ich fühle die Folgen meines Umgangs mit Ihnen zerrüttender für meine männliche Seele und meinen männlichen Leib, als hatte ich mit sechs unersättlichen Weibern im engsten Sinne des Worts in der Tat gelebt. Ich kann nicht besser, nicht lieber, nicht klüger, nicht angenehmer sein, als ich es bei Ihnen bin, denn ich fühle leider zu oft, daß ich nackt neben Ihnen stehe, wenn mich Ihre Hand mit kalten Schlägen trifft oder ich den Harnisch umwerfen muß, ohne Sie verletzen zu dürfen, denn Sie sind ein Weib, die die Rechte Ihres Geschlechts noch geltend machen mag. – Sie haben gesagt, wir seien verschroben, ich habe Ihnen solche Sachen auf ewig vergeben, aber ich fühle deutlich, daß ich Sie nicht lieben kann, wenn Sie mich nicht achten können, ich verlange daher, daß Sie sich deutlich gegen mich erklären, daß Sie aufhören zu träumen, daß Sie nicht länger lieber an die Erde sehen als in meine Augen, wenn Sie mich lieben können. Das bedeutungslose Spiel von redender Kälte und stummer Zärtlichkeit betrübte mich, machte mich verzweifeln, und wenn ich fühle, was ich tauge, was ich soll auf Erden, was ich können werde, wenn ich mein Verhältnis zu Gott und der Kunst recht begreife, so erbittert es mich. Darum, liebe Sophie, nehmen Sie sich zusammen, ergeben Sie sich mir, oder stehen Sie so vortrefflich vor mir, daß ich mich Ihnen ohne mich zu mißhandeln ergeben kann. Gute Nacht, liebes Kind, das hat nicht der Clemens geschrieben, das alles nicht, es hat es der beste Freund des Clemens geschrieben, der Dich so fruchtlos liebt.

– Das habe ich gestern abend geschrieben, ich war kalt und ernst, jetzt bin ich müd und krank, denn Du hast mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen und hielst mich in unerfreulicher Störung, ich bin nun müde und schwach und würde Dir den Brief nicht schicken, wenn ich nicht fürchtete, dadurch unwahr zu sein. Ich verlange von Ihnen, daß Sie mich heute sprechen, daß dieses Gespräch entscheidend sei, denn Sie selbst mögen wohl fühlen, daß die Art, in der Sie mit mir umgehen, für mich nicht irgendeine Gattung der Vergnüglichkeiten mit sich führt, die den Jüngling an einen unbedingten, zeitlosen Verkehr mit den Weibern zu binden pflegen. Ich hoffe, liebes Weib, so stark wird Dein Gedächtnis sein, daß Du Dich wenigstens einiger Artigkeiten erinnerst, die Du von ungefähr etwa mir entwickelt hast, um dieser Artigkeiten willen schone meiner und sei menschlich, ich muß Dich heute sehen, sonst wird es ein verdammter Tag, Du mußt mich sehen, und wäre es auch bloß, um mir auf eine minder tödliche Art zu sagen als je, ich liebe Sie nicht mehr, ach, Sophie, wann wirst Du aufhören können, mir das zu sagen. Ich bitte Dich um alles in der Welt, Sophie, wisse, was Du willst, und bedenke, daß alle Liebe ein Ende haben kann, denn man kann sich das Leben nehmen, wozu ich zwar keinen Lüsten habe, und eben deswegen, weil ich nicht sterben will, drum will ich auch nicht so jämmerlich leben. Ich schicke Dir Betinens Brief nochmals, Du sollst ihn nochmals lesen, sie besinnt sich auf einen solchen Brief nicht solange, als Du oft, ob Du mich küssen sollst oder nicht, ob Du mich sehen sollst oder nicht. O liebe, liebe Sophie, wie gehst Du in aller Unschuld schlecht mit mir um, denn wahrlich, Du kannst nichts dazu, es ist – doch ich erinnere mich schmerzlich, wie oft ich alles dieses gesprochen und geklagt, Gott kann mich nicht verdammen, wenn ich an den Wert meiner Worte bei Dir nicht mehr glaube, so sage ich dann das letzte. Ich liebe Dich, ich werde von Dir gepeinigt durch Trägheit und Kälte, denn wahrlich, Du bist fleißiger, mit Hans und Kunz zu tanzen oder diskurieren, als mich zu lieben, liebe mich wieder und peinige mich nicht mehr.


An Clemens

[Weimar, Anfang Juni 1803.]

Voigts wollen heute zu mir kommen; es würde mir lieb sein, wenn Sie und Maier auch kommen wollen, und noch lieber, wenn Sie etwas vorzulesen mitbringen, denn ich bin entsetzlich stumm und dumm.


An Sophie

[Weimar. Anfang Juni 1803.]

Liebe Sophie!

Carl ist schon fort nach Camburg gewesen, ich schicke Ihnen daher das Gold wieder, da ich nicht weiß, wie es zu ihm gelangen kann. Denken Sie manchmal an mich auf Ihren Spazierwegen, und seien Sie barmherzig, gehen Sie bald wieder nach Weimar, ich vertraure sonst, am Abend, da ich Sie noch einmal sah, da waren Sie so freundlich, daß ich beinah fest versichert war, Sie liebten mich, ich verdiene es gewiß, Liebe, ich verdiene noch mehr, ich verdiene alles, ich verdiene, [daß Sie] aus Liebe zu mir wieder glücklich werden und daß Sie nicht wieder traurig werden, wenn ich in Betinens Brief schreibe, was Sie alles verloren haben, Sie haben alles verloren, aber mich nicht, und das soll Sie für alles trösten, und setzest Du nicht das Leben ein, wie kann dann das Leben gewonnen sein.

Dein               
Clemens.


An Sophie

[Jena. Anfang Juni 1803.]

Liebe Sophie!

Sie haben mir, da ich Sie zuletzt sah, so freundlich gesagt, sie wollten hier an mich denken, ja, stellen Sie sich vor, Sie waren so kühn, mir zu versichern, Sie würden sich nach mir sehnen, und ich glaubte es Ihnen und war so glücklich. Auf diesen Glauben gründe ich diese Zeilen, sie sollen Sie erfreuen, sie sollen Sie rühren, wenn Sie auch gar nichts wollen, o liebe Sophie, übe das Vergeltungsrecht aus, freue Dich an diesem Briefchen, wie ich mich erfreute, wenn ich Deine Gestalt bei Vermehren am Fenster sah, ich habe von zehn bis zwei Uhr dem Hause gegenüber gesessen und einigemal Deine Stimme gehört, daß Du diese Äußerung meiner Liebe nicht begreifst und vielleicht deswegen nicht würdigst, habe ich früher schon in schmerzlichen Lehrjahren beweint, und doch, Sophie, liebe ich Dich nie mehr als in solchen Minuten, ich liebe Dich dann, als seist Du mein durch Gott, und ich müßte Dir nahestehn, damit doch einer nicht fern sei, der alles um Dich wagt, der Dich liebt, der Dich erkennt, der das Höchste, das Beste in Dir liebt, von dem die andern alle nichts wissen, denen es verliehen ist, dem Flitter zu erliegen. Hast Du mich erkannt, als ich vor Dir hergelaufen war, um Dir zu begegnen? Eingehüllt und bang ging ich an Dir vorüber, aber ich hatte mir von dem Verstande die Hände binden lassen, sonst hätte ich Dich in die Arme gefaßt und wäre mit Dir fortgelaufen. Montag gehe ich wieder nach Weimar, ich bitte Dich, beweise mir meine Seligkeit, o komme bald zurück, ach, wenn ich erst einmal wieder ganz ohne Zweifel bin, dann bin ich wieder ein Kind und voll Mut, dann wirst Du mich recht lieben und alles, alles um mich vergessen können. Sieh, Liebe, es ist doch so natürlich, daß Du nach mir verlangst, wenn Du mich liebst, so natürlich, daß ich an Dir verzweifeln muß, und gar traurig werden werde, wenn Du länger hier verweilst, als Du mir versprochen hast. Ich will Dich recht gut unterhalten in Weimar, ich will schöne Sachen lesen, Arnims Briefe, Betinens Briefe, viele Lieder und Geschichten, und der Gräfin will ich gefallen und allen Menschen, die Du liebst, Sophie, wärst Du ein naschhaftes Kind, ich wollte mich dann ruinieren in Zuckerbrot. Stelle Dir vor, wie betrübt ich lebe in Weimar, wenn Du nicht da bist, da sitze ich ganz allein auf der Welt, und noch alleiner, als gegen Vermehrens Haus über, da ist keine Musik und kein Tanz, ach, und Du bist auch nicht da. Liebe Seele, o verstehe mich, es ist um deinetwillen, meinetwillen, des Lebens willen, es ist Gottes Wille.

Dein               
C. B.


An Sophie

[Weimar, Juli 1803]

Ich bitte Sie um ein Ja! oder Nein! ob man wohl heute zur Gräfin gehen kann. Guten Morgen.

F. Maier

Ich habe gestern einen Abend zugebracht im Park, der in der Geselligkeit das war, was Sie mir dort in der Liebe gewesen, so wohl ist es mir lange nicht geworden, im Mondschein saß ich unter freundlichen Menschen, und war mir selbst ein Fremdling aus einer unendlich bessern Welt, alle Menschen haben sich an mir und meinem frommen und milden Gesang herzlich erfreut, aber ich wußte nichts von allen den Menschen, ich habe mit meinem eignen Herzen vor den andern laut in der geheimsten Vertraulichkeit gelebt, und war so liebend gegen mich, daß ich allen lieb erschien, ach, wenn Du mich nur recht lieben wolltest, so recht innig, wie ich es noch kaum selbst, wie es nur Betine versucht hat, wahrhaftig, ich kann die Menschen glücklich machen, so werde denn wieder recht ein Mensch. Heute nach Tisch bringe ich Ihnen den sanften, lieben, scheuen Stoll. Heute abend halte ich Dich in meinen Armen, und küsse ich Dich, und erfreue Dich, und mache Dir das Leben süß, und lese Dir noch einige Briefe von Betinen, die ich gefunden habe, und laufe von Dir wieder in den Park, und singe den Leuten, viel kindischer und glücklicher noch als gestern, denn gestern hast Du mich nicht geküßt, gestern hast Du allerlei närrische Reminiszenzen von jeher gehabt, morgen früh um drei Uhr fahre ich mit Genz und Stoll nach Lauchstedt und sehe die Eugenie, und komme wieder, habe Dich wieder, küsse Dich wieder, o Sophie, tue die Augen auf, liebe mich, sehr, sehr liebe mich, vergiß das Leben, vergiß, daß Du eine artige Frau bist, Herz habe, Arme habe, Lippen habe für mich allein, trinke mich aus, solange ich schäume, dann kannst Du Dich im reinen Kelche mit Freuden spieglen, denn Du wirst neu, lebendig, schön und verjüngt sein, wenn Du Dich in mir berauscht hast, o lasse mich nicht stehen, wenn Du den Schaum zerrinnen läßt und in mich blickst, so bist Du nüchtern, so siehst Du Dich ungenesen, mit den Wunden Deines vorigen Lebens, geschlagen in mir, und trauerst, o Sophie, trinke, trinke, werde gesund, mache mich gesund.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.