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Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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An Clemens

[Jena, Dezember 1798.]

Mit der artigen N– können Sie nicht fahren; sie war, ohne mein Wissen schon versagt. Wollen Sie aber I– fahren, so bestellen Sie den Schlitten um 1 Uhr und gehen oder schicken Sie diesen Morgen zu ihr. Auch bitte ich Sie, es Frister nur bestimmt zu sagen, aber bald; damit er zu Gruners gehen kann. Guten Morgen! Verzeihung wegen der Störung des heiligen Schlafs!


An Clemens

[Jena, den 4. Februar 1799.]

Sie sind zu scharfsichtig und ich zu wahr, als daß Sie sich über den Grund meiner gestrigen Bewegung irren könnten. Sie haben nicht meinen Stolz, sondern mein Gefühl beleidigt, und daß Sie dies konnten, daß ich dabei fühlte, was ich empfand, dies verbreitet für mich eine große Klarheit über uns beide. Es hat mich ganz unabänderlich bestimmt, eine Idee aus meinem Herzen zu reißen, die, mir selbst unbewußt, dunkel, aber innig darinnen lebte. Lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen. Alles übrige bleibt unverändert.


An Sophie

[Jena, den 5. Februar 1799.]

Denken Sie, in kalten ernsten Stunden, wenn Ihre Leiden, Ihre Armut in den Freuden Sie allein beschäftigt, doch an mich, reimen Sie die Bruchstücke meiner bessern und unwürdigeren Erscheinung zusammen, fällen Sie ein kaltes strenges Urteil über mich, von keiner Welle meines Schimmers, von keiner Genügsamkeit, keinem Mitleid, keiner Schonung bestochen, bleibt dann noch ein Schatten der Idee, die dunkel, aber innig, in der Dämmerung Ihres Herzens lebte, bleibe ich Ihnen dann noch lieb und wert, oh, so muß ich ein Auserwählter sein, in dem sich auch ein kleiner Strahl der Flamme der Göttlichkeit bricht, die so sparsam die Seelen erleuchtet.

Verzeihen Sie, daß ich es wage, über Dinge mit Ihnen zu sprechen, die nie, die nur von Ihnen gefühlt und gesagt werden konnten. Es kann nicht Liebe sein, was ich fühle, oder habe ich sie nie gekannt, mußte ich in die Nahe Ihres Zaubers treten, mußte Ihr Reiz meinen zur Erde gesenkten Blick entfesseln, um in diese Sonne zu schauen, und in mich selbst zurückzutaumeln, in der dunklen Schwermut meines Herzens Erholung vom Glanze zu finden. Es ist ein schreckliches Gefühl zu sprechen und stumm zu sein, ach, glauben Sie immer nur aus Mitleid, daß ich Sie liebe, unaussprechlich liebe, Schonung, Genügsamkeit, kein kaltes Urteil, ich bitte um der Göttlichkeit willen, die nur in diesem Gewande den Menschen nähertreten kann. O dürfte ich wahr, ohne Zagen, gewiß mir zuflüstern: Du liebst mich.


An Sophie

[1799].

Um Euch hat alle Wonne sich gewunden,
Als sich die Liebe schaffend um mich wand,
Tief unter mir ist alle Welt geschwunden,
Seit ich an eines schönen Geistes Hand,
Die Binde von dem Auge losgebunden,
Auf meines Daseins höchster Zinne stand.
Auch wird wohl einst mein krankes Herz gesunden,
Hab ich nur erst die Aussicht wiederfunden.


An Clemens

[Jena, den 22. Mai 1799.]

Ich sende Ihnen hier einen Brief an meine Schwägerin, ein muntres, liebenswürdiges Weib, die ich gebeten habe, Sie mit ihren Schwestern bekannt zu machen. Welch ein beßres Geschenk für Ihre Reise könnte ich Ihnen mitgeben, als die Bekanntschaft ein paar lieber fröhlicher Menschen und zweier Mädchen, wovon die eine sehr schön und die andre sehr gut ist? – in 14 Tagen sehen wir uns; ich fühle, daß ich Sie jetzt nicht sehen darf, nicht sehen will, ob ich gleich gestehe, daß es mir nicht ganz leicht ist. – Suchen Sie aber genau zu erfahren, ob jemand wieder von A– zurück ist. – Gute Nacht! – ich trete ans Fenster, um den Abendlüften einen Gruß an Sie aufzutragen.


An Sophie

[Jena, Sommer 1799.]

Es ist sonderbar, daß Menschen, die sich so schätzen, daß sie sich Dinge vertrauen, die sie kaum denken können, über einzelne Züge im Umgange untereinander, sich wundern, sich kränken können, ich finde dies in diesem Augenblicke, und ist es von einer Seite Schmeichelei, so ist es doch auf der Ihrigen Wahrheit, daß ich es folgendermaßen entwickeln kann. Bei uns beiden ist dies wohl der Fall, weil wir uns sehr früh mit der größesten gehaltvollsten Seite berührt haben. Es ist mir ein beruhigendes Gefühl, daß Sie mich so oft falsch beurteilen, und daß Sie mich doch so nahe zu sich stellten, denn nur so wird mir die Hoffnung, Ihnen je das volle Licht, die selige Empfindung fremder Größe, die sich in uns spiegelt, zurückstrahlen zu können. Wenn Sie wüßten, wie mir zumute war in der Minute, da ich Sie verließ, wie gerade in dieser Minute ich Sie so liebte, daß ich vor Sie hätte niederknien und beten können. Es tat mir innig weh, wie mir es zu Hause auffiel, daß Sie hätten glauben können, die Worte eines Kindes hätten mich bewegen können, die Handlung eines Kindes zu begehen. – Ach, ich bin des seligen Selbstgefühls nicht wert, Augenblicke Sie so zu lieben, daß mir es ahndet, ich könnte Sie und Ihre Liebe ganz erfüllen, ich könnte Ihnen genug werden, wenn ich den nämlichen Augenblick so unwahr in der Erscheinung sein kann, daß ich Ihnen einen Tropfen Kummer mehr in die Fülle hineinträufle.

Ich weiß nicht, warum mir es in jenem Augenblicke so zumute war, ich weiß nur, daß es mir jetzt eben so ist, und daß es mir gestern nachmittag auch so war, ich zittere dann am ganzen Körper, und kann nicht weiterdenken, wenn Sie in solchen Augenblicken freundlich oder kalt gegen mich wären, ich würde sterben. Indem ich dies schreibe, weine ich, und das Herz pocht mir fieberhaft, und das nur, weil mich der Gedanke ergriff, daß Sie in dieser Minute vielleicht an mich denken und mich lieben, ist es denn auch sonderbar? daß ich Ihnen dies schreiben kann.

Aber ich glaube, es ist recht, daß ich es tue, weil ich Sie nicht betrügen will, und ich fasse mich gerade in den Punkten auf, in denen ich beflügelter bin, und die Ihnen entwischen könnten. Sie verzeihen, daß ich gestern nochmals des Abends zu Ihnen kam, aber ich mußte, es ist ein Drang in mir gewesen, Sie zu sehen, Ihnen nah zu sein, der, wenn ich ihn nur stundenlang unbefriedigt ließe, in mich Zerrüttung für lange bringen könnte. Ist der Mensch fürs Glück geschaffen, so werde ich alle meine Wünsche erreichen, denn jetzt habe ich Tage voll unsäglicher Pein, oft leide ich nur Ihre Leiden, aber wenn ich mich dabei noch fühle mit der Unersteiglichkeit meiner Hoffnung, wenn ich fühle, daß Sie sich von mir oft entfernen können, dann ist es mehr, als ich je verschulden kann, und dann sagt mir mein Herz, daß Sie glücklich werden, denn dies allein kann meine Ruhe, mein Genuß werden. O könnte ich eine Sprache finden, in der ich heilig wäre, die den Menschensinn tief unter sich fühlte, um Ihnen sagen zu können, was ich unbeschreibbar fühle, wenn ich an Sie denke. Ich kann sie nicht fühlen, diese Liebe, daß meine Organe dabei in ruhiger, gleichförmiger Wechselwirkung fortleben. Und kaum ist gleich die Zerrüttung in mir, wenn ich meine Sinne allein mit Ihnen beschäftige, der des berauschten, dessen Wohnung ein Erdbeben erschüttert. – Die Menschen müssen wohl vortrefflich sein können, weil Sie vielleicht nur eine Minute lang einen Menschen lieben konnten. Nehmen Sie meinen innigen Dank an, daß Sie mir diese Freude, dies Leben gaben. Ich habe einen heiteren Abend genossen, denn ich habe an Sie gedacht, an Sie allein ohne Ihr Elend, an Ihren Wert, mir war wie dem Beter, der das Bild des Gottes, der seine fabelhafte Geschichte vergißt und in der Natur in der Gottheit selbst betet.


An Clemens

[Jena, Sommer 1799.]

Wenn ich Ihre gestrige eigenmächtige und falsche Deutung meines Schweigens, das Stolz war, vergessen soll, so schwören Sie mir, es fest zu glauben, daß ich nie mit niemand so gewesen bin wie mit Ihnen; können, wollen Sie das nicht, so – fahre wohl, Herz, Liebe, Leben, Lust –

So wollte ich schreiben, aber ich fühlte, daß es mir auf einmal nicht Ernst war. Das ist eine von den wunderlichen Überraschungen meines eignen Wesens. Ich war sehr unglücklich seit gestern, auf einmal ist alles verschwunden, ich fühle ein überschwengliches Glück in mir. Ich fühle in der ganzen Welt nichts weiter als ein Herz, eine Liebe, einen Himmel, das Herz, das ewig stark und unselig schlägt, die Liebe, die die getrennten Teile des großen Herzens zusammenführt, der göttliche Himmel mit seinen Freudenwellen, in denen das Herz ruhig und überglücklich untergeht.

Eben erhalte ich Ihren Brief; es ist eine Art von Tod darinnen, doch kein ewiger; Bettines Brief habe ich noch nicht gelesen. – Ich gehe in diesem Augenblick weg, kommen Sie nicht eher zu mir, bis ich es Ihnen sagen lasse, ich tue es so bald als möglich.


An Sophie

[Jena, den 18./21. August 1799.]

Liebe Sophie! Es ist kaum recht, daß ich Dir heut noch schreibe, da Du heut ohnedies von mir und andern schon so viel bist geliebt worden, aber ich kann nun nicht anders, und zwei Stunden habe ich nun schon auf meinem Sofa gesessen und von Dir geträumt, von Dir gelacht und geweint. Zwei Stunden habe ich schon gedacht, ob ich wohl ohne Dich leben könnte, aber Du arme, es ist wohl nicht möglich. Und wenn es wahr ist, daß Du mich liebst, ach, dann ist es gar nicht möglich! Ich stand an Deinem Wagen, als Du ausstiegst, und wollte Dich berühren, um zu sehen, ob Du denn wirklich in der Welt sein könntest, weil Du mich liebst, und ich mich Dir so ganz so aufrichtig gegeben habe, aber Du sahst mich nicht, und ich stand doch so dicht neben Dir, es war Dir in dem Augenblick gewiß recht wohl, daß Du so lieblich bist und so geliebt, ob gerade von mir, ach nun! das sei gut, weil Du mich nicht sahst. Hättest Du es gewußt, wie glücklich Du mir diesen Abend gemacht hattest, hättest Du mich bemerkt oder mir Deine Hand gegeben, Gott hätte gewiß gemacht, daß Du mich gesehen hättest, aber – ich bin's doch wohl nicht wert. Ich habe wieder recht sehnlich gewünscht, daß Du tot sein mögest, und ich auch, denn es ist mir so leid, daß Du manches erfuhrst, und schmerzt mich so sehr, daß Du nicht weißt und vielleicht nie wissen wirst, wie es dem Menschen so süß an der Wiege gesungen ist, den ich liebe und für den ich lebe. Wenn ich denke, daß wir füreinander und miteinander leben könnten, da ist das andre Leben all vorbei, und wir müßten es wahrlich im geheimen tun, sonst war es nicht recht, denn die andern alle würden sonst sehen, wie sie von Gott mißhandelt sind und wie alle ihre Freuden nur Elend sind. Es ist gut, Sophie, daß Du nicht so geworden bist, was Du werden konntest, wäre Deine Geschichte so wie Du gewesen, sonst hätte ich Dich doch nicht verdient – ach, und doch kann ich so weinen, daß Du so elend bist, Dein Lächeln sieht aus wie die weiße Rose im Totenkranz, und Deine Träne wie die im wütenden Hochzeittanze herabfallende zertretne Perle des Brautkranzes. Ich habe sonderbar an Dich gedacht auf meinem Sofa, meine Zither klimperte recht freundlich drein, und ich war so traurig. Es war mir, als ging ich mit meiner Schwester in einem Garten, der mir gehörte, und sei ein ruhiger ansässiger Mann, in einem Busche stand Dein Bild von Marmor, und ich weinte, es war Dein Denkmal, Du warst Gott sei Dank tot, und ich glaubte drum wieder an einen Himmel, denn Du hattest nicht mit mir Dich vereinigen können, weil Du zu schwach warst, ich kniete vor das Bild nieder und weinte heftig. Da sagte meine Schwester, du Armer, du wirst wohl nimmer wieder froh werden, meine Mutter war auch da und küßte das Bild. Das sah ich alles so lebhaft bei wachenden Augen, daß ich leise an zu weinen fing, nie habe ich so lange und so sanft geweint, meine Tränen stellten sich ein, als sollten sie nicht laut werden, um die traurige Wahrheit in meinem Herzen zu wecken. Wie wird das nun sein, wenn ich Dich nun nicht wiedersehe und Du mich vergißt, mit Gewalt vergißt, weil Du sagen wirst, der Arme, ich kann ihm nicht helfen, und kann nur traurig an ihn denken, so wird er mir's gerne verzeihen, wenn ich ihn vergesse, er liebt mich ja so sehr, denn Liebe, Du wirst es fühlen, wie ich Dich liebe.

Wie wir gestern von der Trisnizz heruntergingen, das werde ich nimmer vergessen, wie Du mir nahe kamst und mir im Gehen die Hand ein bißchen gabst. Ach, es wird mir unendlich wohl, wenn sich unsre Seelen begegnen. Ich ging so fremd neben Dir her, und sprach von meiner Schwester mit Dir, das einzige, was wir vor den Menschen sagen können, was wir beide lieben. In mir da war's, als müßte ich Dich von den Menschen wegstehlen und mich vor Dich hin knien und beten, wie ich Dich liebe. Da gabst Du mir Deine Hand, das wird Dir Gott belohnen, denn ich kann Dir wahrlich nicht mehr geben, Du hast mein ganzes Leben. Recht gut will ich werden, Sophie, damit Du mich noch mehr liebst, und damit ich recht elend werden kann, wenn ich Dich nicht erringe, so elend, daß ich dann sterben muß, weil ich Dich verdiene. – In Dornburg hast Du mich sehr gekränkt, ich war unsern Pfad gegangen und hatte so heftig geweint, alles das war vorbei, ach, und ich kenne Dich so gut, es ist leicht etwas für Dich vorbei, seit Du so schrecklich viel verlorst und so wenig Stärke hast, um etwas zu erringen, ich weiß jedes Wort, das Du mir gesagt hast, und Du vergißt sie alle Augenblicke. Ich kann schwören, daß Du einzig und allein mich beschäftigst und es ewig wirst. Nun also, da ich voll Wehmut in Dornburg zitternd zu Dir trat und Dir sagte, daß ich an allen den Orten war, wo Du mich zu lieben schienst, antwortest Du mit einem kalten Blicke, in der kurzen Zeit, das ist nicht möglich. Wahrlich, ich möchte wohl glauben, daß Du Dich selbst täuschest und mich nur liebst, wenn ich bei Dir bin und Dir so leidend erscheine. Um Gottes willen, wie bist Du – Du würdest erschrecken, wenn Du fühlen könntest, wie mich das alles ruiniert. Während ich mit einer unendlichen Sehnsucht nach Dir die Nacht und den Tag mich quäle und endlich am Abend weinend um Deinen Hals falle und Dich zu verlieren fürchte, hast Du ein Mittagsschläfchen gemacht, und ängstlich um das nötige Mitleid besorgt, sagst Du mir denn, ach, so werden Sie mir nie einen Beweis Ihrer Liebe geben. Du sprichst das alles so leicht, und hörst das alles so leicht, und weißt nicht, daß Du mein Inneres damit zerfleischest, und daß alles, was ich Dir sage, die letzten Wahrheiten, der letzte Wille eines Menschen ist, der dem Tode seines Glaubens an Hoffnung Deiner Liebe nahe stehet. Am Dienstage Nachmittage sahst Du mich so schrecklich kalt an, als brauchtest Du meine Liebe nicht mehr, da Du Deinen Bruder hattest. Du legtest eine Hölle in mir an durch Deine tote Behandlung des Lebens eines Menschen, der nun sich ganz verlassen hat, um bei Dir zu sein, und den Du nicht verlassen mußt, weil er Dich allein kennt und doch so innig liebt. Es war mir so innig wohl, wie ich Dich bei Ekhard auf dem Sofa im Arm Deines Bruders sah. Du vermiedst meinen Blick, und das schmerzte mich. Sage, was habe ich Dir getan, daß Du meine Augen vermiedst, als Freudentränen in ihnen standen, daß ich Dich zum ersten Male im Arme eines andern sah, ohne Dein Dasein verachten zu müssen, denn ich verachte das Dasein der verhandelten Liebe, ach verzeihe, ich bin bitter geworden, bitter aus Liebe und Stolz und Ekel. Ich hatte Deine Hand erschlichen hinter dem Rücken Deiner Schwägerin, das war eine der schönsten Szenen meines Lebens, wie die zwei Enden der freundlichen Linie im Chaos einer berauschten Gesellschaft sich liebend berührten, als werde hier ein schöner Kreis geschlossen, ohne daß der stille Mittelpunkt, Dein Bruder, der die Extreme nicht kennt, was davon wußte. Aber der Kreis verschwand bald wie die Ringe einer stillen Wasserfläche, in der sich Leiden spiegeln und in die meine Träne fiel. Du drohtest mir und warst so schrecklich allgemein in Deinen Worten, daß ich Deine Liebe verlor, es wogte in mir der Sturm der gekränkten Liebe, und in Dir der Sturm eines vergnügten Nachmittags und des schrecklichen Empfindungsgemisches Deiner Jugend und Deiner Gegenwart. Sophie, ich kenne Dich so gut, ach, es entgeht mir keine Deiner Ursachen mehr, selbst die Deiner Täuschung nicht. Du hängst noch schrecklich am Augenblick, und mit Jammer sehe ich Deine Zukunft sterben. Auch mich sehe ich sterben, so elend war ich noch nie. Wenn Du mich nicht liebtest, wenn Du Dich nur täuschtest, das wäre wohl sehr schrecklich, denke doch dran, itzt da Du Deinen Bruder in den Armen hast, ob Du mich nur liebst, wenn ich Dir fehle, und ob ich Dir nur dann fehle, wenn Du nichts hast. In Deinem ganzen Wesen liegt eine Zerrüttung, eine Augenblicklichkeit, ein beständiges Retten mit kleinen Schritten, die mich fürchterlich ängstigt. Wenn Du mich sehen könntest, wie ich gar nichts mehr tun kann, nicht einmal mehr Zither spielen, wie mir die Tränen der Hilflosigkeit aus den Augen stürzen, wenn ich nur einem freundlichen Wesen in die Augen sehe, ach, Du würdest mich auf eine Stunde lieben und denken, daß ich doch ein guter Mensch sei. Warum, warum? mußt Du jede Freude ermorden, die mir aus Deinen Armen übrigbleibt. Ach warum konntest Du mir vorwerfen, ich sei kalt gegen Dich gewesen, da ich zwei Stunden vorher Deinen Leichtsinn und Deine Fähigkeit, mich zu vergessen, in Deinen Armen beweinte. Oft zittere ich, Dir nur zu schreiben, denn durch Dein Betragen entsteht die Idee in mir, daß alles das nur für die Minute ist, und daß ich Dir Dinge sage, die Du belächelst und beweinst, so schnell, wie das Grübchen in Deinen Wangen verschwindet und die Träne Deines Auges vertrocknet. Ach Weib, mache mich nicht so elend, wage mir alles auf einmal zu sagen, mir zu sagen, daß ich Dich vergessen muß, wenn ich Dich nicht ewig beweinen soll. Auch in Deinem Umgange mit mir liegt jenes unbestimmte traurige Hinwandlen, oft ist es mir, als wagtest Du mich langsam zu Tode zu martern, um nicht zu wagen, mir auf einmal meinen Kummer zu reichen. Wie könntest Du denn oft so töricht sprechen, daß ich Dich vergessen werde bei andern Weibern, wie könntest Du sonst wünschen, daß ich andere Weiber lieben sollte. Der Gedanke dieser Möglichkeit kann Dir nicht süß sein, wenn Du mich nicht liebst.


An Clemens

[Jena, Ende November 1799.

Es ist ein sonderbares Gefühl, sich auf dem Papier jemand nähern zu wollen, und ich habe Ihre Entfernung nie mehr gefühlt als jetzt, da ich Ihnen schreiben will. Ich hasse alle Briefe an vertraute Wesen, ob ich sie gleich um keinen Preis missen möchte. – Ein Brief ist mir immer wie ein Roman, – und ich mag lieber zuwenig als zuviel sagen. Das Papier ist ein so ungetreuer Bote, daß es den Blick, den Ton vergißt, und oft sogar einen falschen Sinn überbringt, – und doch ist selbst der Kampf mit Irrungen besser als die fürchterliche Öde, die kein Ton durchhallt.

Ich habe jetzt wochenlang einer freien, poetischen Stimmung genossen; mancher Reim ist aus meiner Feder geflossen, und manchen glücklichen Nachmittag habe ich in meiner Einsamkeit verlebt, bis bei dem kalten Hauch der Notwendigkeit alle die süßen Blumen meines Herzens erstarrt sind. – Ich kämpfe im Leben einen sonderbaren Kampf. Eine unwiderstehliche Neigung drängt mich, mich ganz der Phantasie hinzugeben, das gestaltlose Dasein mit der Dichtung Farben zu umspielen und unbekümmert um das Nötige nur dem Schönen zu leben. Aber ach! Der Nachen meines Schicksals schwimmt auf keiner spiegelhellen Fläche, wo ich, unbekümmert mit Mondschein und Sternen spielend, das Ruder hinlegen könnte, indes ein schmeichelndes Lüftchen den Nachen leicht durch die kräuselnden Wellen treibt - durch Klippen und Wirbel, von Stürmen erschüttert schifft er umher, und ich muß das Ruder ergreifen oder untergehn.

Habe ich es Ihnen nicht gesagt, als Sie noch bei mir waren, daß ich Ihnen nur wenig schreiben dürfte, wenn ich nicht klagen oder schwärmen wollte? – beides will ich nicht, und ich muß mich daher hüten, die Saite zu berühren, wo alles in mir Klang, Stimme, schmerzhafter Gesang wird – und doch ertönt sie so leicht! –

Der Freund ist krank. Ach! wie unglücklich ist er! – ein ganzes Leben ohne Liebe, und eine öde, verengte Brust! und alles fremd um ihn, nur Pflicht und Menschlichkeit, wenn er es fühlen kann – und er fühlt es – was muß er leiden! –

Ihre Briefe sind mir sehr lieb – am liebsten der letzte. Der erste enthält einiges, was mir in einer andern Stimmung hätte weh tun können; so zwang es mir ein Lächeln ab. Der zweite spricht freundlich, wahr und ruhig zu mir, er ist herzlich, wo jener nur witzig ist. – Ihre Schwester ist mir durch Ihre Briefe näher und lieber geworden. Wie freue ich mich, daß Sie beide sich finden! Was können Sie sich sein bei Ihrer großen Verschiedenheit!

Ein schöner Morgen! Mir ist ganz heiter zumut. Überall leichtes Gewölk, das mit dem Lichtglanz kämpft. – Und er siegt! – Möchte mein Leben sein wie dies Bild! romantisches Gewölk, das in voller Klarheit auffliegt! –

Sei stolz und bescheiden. Lebe der Liebe und liebe das Leben.

S. M.


An Clemens

[Jena, Juli 1800.]

Der ruhige Ton Ihres Briefs bürgt mir für die Ruhe Ihres Gemüts – und mich dünkt, ich sehe die niedlichen Hände, die Ihnen jetzt leichte Kränze von Stundenblumen in Ihr Leben flechten und mit niedlicher Sorgfalt die Schroffheiten Ihres Wesens zu ebnen suchen. – Ach! Wie anders ist es mit Ihrem Freund! – Kleine heimtückische Zufälle scheinen wie dunkle Gespenster in allen Ecken auf ihn zu lauern, um sich, wenn er vorüber geht, an ihn zu hängen und ihn zurückzudrängen. – Doch er will nicht klagen. Hat nicht alles sein Ende? und hat er sich nicht seine Grenzen gesetzt? –

Wann das zweite Heft der Schrift erscheinen wird, weiß ich nicht. Hat doch das erste, das schon lange fertig ist, noch nicht die Zeit zur Durchsicht gefunden. Der Verleger ist Frölich in Berlin.

Ich könnte Ihnen manches Scherzhafte sagen, von goldnen Leiern und lieblichen Sonetts – aber solange ich noch den Ernst vermisse, hasse ich den Scherz im Leben, der ohne jenen hohl ist. –

Umarmen Sie mir Karl herzlich; er ist eine von den wenigen Gestalten, die ich ewig am Herzen trage. –

Sie werden nun, hoffe ich, lange nichts von mir hören, und das erste, was Sie wieder hören werden, soll auf jeden Fall ein Ende sein. Adieu!


An Clemens

[Jena, Sommer 1800.]

Der Dichter des Sängers könnte mich mit der Fortsetzung dieses vorzüglichen Produkts, worin sein schönes Talent zur Poesie harmonisch und zweckmäßig zu einem Ganzen geordnet ist, sehr erfreuen. Möchte er sein Talent zum Leben ebenfalls zu einen harmonischen Ganzen bilden – und weh ihm, wenn er es nicht tut!


An Clemens

[Kamburg, November 1801.]

Zwei von Ihren Briefen haben nicht das Glück, mir zu gefallen; der eine ist im Rausch geschrieben, aber in einer Art von Rausch, den Sie wahrscheinlicher ein paar schönen Augen als einem Champagnerglas enttrunken haben – und der andre ist so mystisch, fliegend, aber nicht beflügelt, geistig, aber nicht begeistert. Ihr letzter Brief hat wieder liebe, menschliche, natürliche Zuge – und das sind mir die rein poetischen. Aber was mich alles andre vergessen läßt, ist in Ihrem Brief der Wink von baldigem Wiedersehn. Ich muß es Ihnen sagen, daß dies wohl mit meinen Wünschen, aber nicht mit meinen Plänen zusammen stimmt. Plänen? – ja! ich habe welche, die einzigen, die ich je haben werde. – Das Ziel der Ausführung ist gesteckt; ich weiß, daß ich dabei mein Leben wage, aber ist es zu viel, wenn man, um zu leben, ein Leben wagt, daß ohne dem kein Leben ist? Mehr sage ich Ihnen nicht, aber da ich jetzt niemand sehe, so würde unser Wiedersehen auffallend sein. Ist es daher notwendig, daß Sie hierherkommen, so kommen Sie auf so kurze Zeit, und sehen Sie mich so wenig als möglich.

Auch Ihre Briefe müssen etwas sparsamer werden! – Es kostet mir dies zu sagen, denn diese Briefe sind mir lieber, als ich selbst geglaubt hätte. Aber ob sie gleich nicht an mich gerichtet sind, so ist doch hier alles leicht auffallend, und dies könnte in dem engen Kreis, worinnen man sich hier dreht, leicht zu etwas Auffallendem führen.

Was macht der Feuerwerker? – Ich hoffe, daß Sie ihn mir überlassen und nicht böse werden, wenn ich als ein weiblicher Redakteur vielleicht etwas eigenmächtig damit umgehen sollte. – Auch von den erbetnen Notizen über die neuere italienische Literatur habe ich nichts von Ihnen erhalten.

Adieu. Dieser Brief kömmt mir so sonderbar trocken vor, daß ich, um ihn zu beleben, an die Stelle des Namens einen Kuß drücken muß.


An Clemens

[Kamburg, den 1. Dezember 1801.]

Ihr Brief hat neben dem Vergnügen, das er mir gewährt hat, mich auch von einer großen Qual erlöst – von der Angst, mein letzter Brief, der lange unterweges geblieben sein muß, möchte verlorengegangen sein. Bestimmen Sie die Zeit Ihrer Ankunft in drei Wochen von heut an den 1. Dezember. Ich fürchte und hoffe, Sie zu sehen. Wenn Sie dann kommen, so ist es notwendig, daß Sie dem Freund zuerst einen Besuch machen und ihm sagen, Sie würden nur einige Wochen hierbleiben. Unfehlbar erfahre ich diesen Besuch, und dann lädt Sie der vertraute Telegraph um die bekannte Stunde zu mir ein. Mündlich wollen wir abwägen, welches von unserem beiderseitigen Interesse das wichtigere ist, oder ob sie sich beide vereinigen lassen, und darnach Ihren Aufenthalt bestimmen. Auch mit dem Feuerwerker hat es bis dahin Zeit.

Meine Gegenwart ist eine dumpfe Stille, und die Zukunft steht vor meiner Seele wie eine Wolke, von der ich nicht weiß, ob sie wohltätigen Schatten oder verheerenden Sturm gebiert – ich bin im Fegfeuer, der nächste Zustand muß Himmel oder Hölle sein, A-dio il mio caro!


An Sophie

[Jena, Dezember 1801.]

Nur durch mich wollen Sie etwas von meinem Bruder Clemens hören, wie unglücklich ist nun mein armer Bruder, daß er um so vieles näher bei Ihnen ist als ich, er ist in Jena, liebt Sie und vertraut Ihnen, mir ist er auf beide Arten fern, und ich kann ihm den einzigen Trost nicht verschaffen, daß Sie durch meine unschuldige Vermittlung manchmal seiner gedenken, und sich in Ihrem sanften Sinne sein Bild nach und nach wieder reinigt, damit er seine Ruhe an Ihrer Güte erziehen könne, um zu harren, ob Sie ihm nie wieder freundlich werden wollen, ehe ihm der Tod freundlich wird. Ich habe eine Antwort auf einen Brief, den ich für ihn an Sie schrieb; ich fühle aus dieser Antwort, daß ich nicht bestimmt genug sagte, um was Clemens Sie bat, eine Bitte, die ich einem Unglücklichen, den Sir nicht mehr lieben, nicht abschlagen wurde. Die Stelle seines Briefes an mich heißt so: »Liebe Schwester, warum klagst Du mir Dein Leid, ich kann Dich nicht trösten, dem kein Trost genügt, die Mereau hat eine einfache schöne Handlung begangen, die sie über alles Urteil und alle Verleumdungen erhebt, ach, die sie sogar berechtigt, mich auf ewig zu vergessen und sich keiner der Minuten erinnernd zu erfreuen, in denen sie mich durch Liebe und Sanftmut über alle meine Mängel, ja über die Armut des Lebens erhob, sie weiß nicht, wie ich sie liebe und wie ich in selbstischeren Momenten nun an mir verzweiflen muß, ich bin durch ihre eigne Kälte und die schiefe, mißverstandene Güte der Menschen, unter deren Händen sie mich in dem schrecklichsten Punkte meines Lebens verließ, auf die Fähigkeit erniedrigt worden, sie sehr zu beleidigen, und glaubte damals gerechter als grausam gegen mich zu sein. – Sieh, liebe Schwester, ein solches Leid drückt mich, kannst Du es heben, so lösest Du eine Fessel, die alle meine gute Tätigkeit traurig gefangenhält, und ich kann dann auch Dir und allem Leben und meinem Talente wieder reichen, was ich schimpflich schuldig bleiben soll, wenn sie wüßte, welch mächtiges Bild von ihr drohend, ewig drohend vor mir steht, und mir immer in jeden guten Willen, in jeden Funken Mut und Freude hineinspricht, lasse das, für dich ist kein Segen mehr, sieh, so war mein Herz, das Du und die Welt mißhandeltest, ach, wenn sie das so sehen könnte, sie würde mitleidig und freundlich, mich zu erheben, bitte sie, sich zu mir zu wenden und von mir ruhig zu begehren, was sie mir in betrognen Stunden gab, ich will nichts von ihr, sie hat alles von mir zu begehren, denn ich gab ihr nichts und sie mir alles, ich würde mich stillen können in meiner stummen Wut gegen mich selbst, wenn sie die Liebe, die sie mir gab, nicht so sehr verachtete, sie wieder zurückzufodern, ich wäre dann arm, aber gelehriger, wieder um ihre Güter zu ringen, was ich nicht vermag, da ich traurig in mir um Schätze hergehen muß, die sie mir lieh und für verschwendet hält, so muß ich in den reichen Kleidern ihrer Liebe betteln, bitte sie, so sehr Du mich lieben kannst, daß sie sich auch freundlich von mir trenne, ich will ihr ja nicht sagen, daß ich dann alles verliere, aber ohne Leben ist doch kein Bedürfnis, und das ist Trost.« – So schrieb Clemens, ich muß Ihnen das nicht deutlich gesagt haben, weil er so sehr traurig Ihre Worte las: »Was will dieser wunderbare Mensch vom Leben?« und sie nicht verstand, sollten Sie nicht wissen, was er vom Leben will, der nur neben Ihnen lebte, und kennen Sie die schönen Worte nicht, die Sie ihn lehrten, lebe der Liebe und liebe das Leben, er will sein Leben von Ihnen, um es Ihnen zu geben.

Sonst ist Clemens ruhiger und schonender geworden, er kann in Jena sein und alle seine ehemaligen Leidenswege mit Frieden und einem stillen mutigenden Entzücken an Ihrem Siege über Ihr Geschick gehen, er hat in Jena keinen andern Gram als überall empfunden, und nur einmal geträumt, er habe das Haus gekauft, in dem Sie sonst wohnten, habe in jeder Stube ein Licht angesteckt, und sei ruhig von einer Türe nach der andern gegangen, Sie zu suchen, und als er Sie nicht fand, ging er mit der Idee heraus, Sie müßten wohl schon im Himmel sein, und mauerte alle Öffnungen des Hauses zu, und ließ es weiß anstreichen, als wäre es nicht da, sonst hat er noch gar keine Phantasie gehabt, aber sich immer gedacht, nach Kamburg könne er nie kommen, in Dornburg würden ihm die Gedanken verschwinden, und er würde den Verstand dort um vieles hingeben müssen, was ihm doch nicht gehören werde. Sonst ist er gut und friedlich, und bittet Sie um ein Wort, daß Sie diesen Brief erhielten und verstanden haben, es würde ihn unendlich schmerzen, keine Silbe zu verdienen, an der ihm so viel erwacht, auch bittet er Sie um das Bild seiner Mutter, wenn Sie es haben sollten, er weiß es nicht bestimmt – sehen darf er Sie wohl nicht? – O seien Sie gütig gegen ihn – darf er sie dann wirklich nicht sehen, die ihn nie verläßt – ich kann mir ihn denken, wie er seine Mutter um des Bildes wegen lieben würde, mit dem Sie ihm einige Worte schrieben, auch fragt er Sie, ob er wieder im Kalathiskos arbeiten darf, ach, er hat so ein Herz voll Wunsch und Hoffnung, wenn Sie wieder freundlich würden! Sagen Sie es ihm doch gleich, damit er nicht länger vergebens ist, wo mit Ihnen aller Reiz entfloh. Sie sind so ernst, so still, und nicht glücklich, Gott walte über die Stunde, die Ihnen diesen Brief meines Bruders bringt, und gebe ihm schnell seinen kleinen Lohn, der ihm so viel sein soll. Ach! die böse Stunde, in der Sie sagten, ich liebe Sie nicht mehr, hat ihn mit allen Martern nicht gezwungen, alles zu vergessen, was Sie vorher sagten, soll dann wahrlich in der bösen Stunde nur Wahrheit sein, und in den guten wohnt nur der Traum in Ihnen, Sie sagten einstens zu ihm, ich glaube nicht, daß Sie mir je gleichgültig werden können, hassen würde ich Sie, o wie ist es dann, hassen Sie ihn? und ist keine Hoffnung? wen soll er dann lieben können? wenn Sie ihn hassen müssen, dann kann er mich nicht lieben und sich nicht, aber Sie, Sie, immer, seine Adresse ist bei Fried. Schlegel, oh, geben Sie mir den Trost und den Bruder, und ihm einige Worte.

So schriebe meine Schwester Kunigunde für mich.


An Clemens

[Kamburg, Dezember 1801.]

Es war eine Zeit, wo Sie mir oft und viel von Ihrem innigsten, ganz absichtlosen Wunsch sprachen – dem nämlich, mich befreit und ruhig zu wissen. Dann, sagten Sie, würden alle Schranken niederfallen, die Ihnen das Leben verhüllten, und eine segensvolle Welt würde in Ihnen und durch Sie erschaffen werden.

Ich glaubte an dies Gefühl; ich hielt Sie der schönen Innigkeit fähig, das Unglück eines fremden Wesens so tief zu fühlen, daß wir nur mit der Aufhebung desselben auch uns befreit und lebend fühlen können.

Ist denn dies so, warum klagen Sie? was begehren Sie noch von dem Leben? – Die Zeit ist gekommen, wo das Gemüt derjenigen, die Sie unglücklich sahen, auf ewig eins mit sich selbst ist und sich wohl traurig, aber nicht mehr elend fühlen kann.

Dies ist die Ansicht für unser Verhältnis. Alles andre vergessen Sie – vor allem Ihre Liebe, damit ich vielleicht auch Ihren Haß vergessen könne. – Sehen kann und will ich Sie nicht, und gegen meinen Willen werden Sie mich gewiß auch nicht sehen wollen.

Das schöne Bild Ihrer Mutter können Sie jetzt nicht erhalten; unter andern, mir wichtigen Papieren gab ich es, aus gewissen Gründen, versiegelt meiner Schwester in Verwahrung, und da sie krank ist, kann sie mir es jetzt nicht zurückgeben.


An Sophie

[Weimar, Dezember 1801.]

Meine liebe Freundin!

Muß man vor Ihnen stehen wie ein Bild der Trauer und des tiefen Kummers, um Sie zu rühren? Können Sie einem Menschen, der so tief und so ewig mit Ihnen verbunden ist, auf 3 Briefe voll Sehnsucht nicht einmal ein leeres Blättchen mit dem Worte Ihre Freundin schicken? Wehe Ihnen, wehe mir, wenn Ihre Leiden so groß werden können, daß Sie nicht mehr billig sein können. – Sind meine Briefe aufgefangen, veruntreut, oder ist es Ihnen zu traurig, mir zu sagen, daß ich Sie nicht mehr sehen, Ihnen nicht mehr schreiben, Sie nicht mehr lieben soll. – Madam! ich leide unendlich unter allen diesen Zweifeln, seien Sie versichert, daß ich nie aufhören werde, Ihnen zu schreiben, bis Sie es verbieten, und auch dann werde ich mich zu nichts in der Welt bestimmen, was mich je hindern könnte, Ihnen irgendeine Ruhe, irgendein Glück zu erschaffen. Wer in mir Armen die ewige Angst des Verlustes erhalten kann, der, ach! der kann auch in andern die Ewigkeit des Glaubens der Möglichkeit des traurigsten Besitzes erhalten, und dies alles Leichtsinn – verflucht seien alle Minuten, die der Mensch aus der Folge der Handlung heraustritt, denn er gebiert mitten in einer ewigen Folge eine widernatürliche, ewig widerstrebende andre Zeit, die alle die Herzen, die um ihn leben, zerfleischt. –

Ihre Schwester hat drei Briefe von mir. Heute gibt ihr Kestner den dritten, dieser und der von meiner Schwester, und daß ihn Kestner gibt, ist alles mein Wille, denn es ist meine süße Pflicht, mich soviel als möglich vor den Zweifeln und der Angst zu sichern, die ein Wesen zernichten, das Ihnen zugehört, weil es Ihnen alles verdankt, weil es Ihnen seine Liebe zu Ihnen verdankt. Daß ich Sie in diesem Briefe Sie nenne, ist keine Kälte, es ist der Fall der denkbaren Möglichkeit, daß ich und Sie in Rücksicht auf mich Ihnen unangenehm sind, daß Sie meine Briefe drücken, und ich bemühe mich deswegen, Ihnen die ewig lauten Worte der Vertraulichkeit zu verbergen, bis Sie mir ganz sagen, daß ich nichts mehr, gar nichts mehr in der Welt soll – alors. Schreibe, Sophie, ich bitte Dich, ach, wenn Du nicht schreibst, so werde ich sehr krank, ob ich es wohl schon bin, ach, so war ich es lange.

C. Bre.


An Clemens

[Kamburg, Dezember 1801.]

Hätten Sie meinen Brief erhalten, so dürfte ich vielleicht hoffen, daß Sie jetzt freier und bestimmter über unser Verhältnis dächten. – Ich erinnerte Sie an jene Zeit, wo mein Unglück Sie so tief zu rühren schien, daß Sie mir oft versicherten, die Erfüllung des ganz absichtslosen Wunsches, mich in einer andren Lage zu sehen, sei die Bedingung Ihres eignen Glücks und Ihrer freien Tätigkeit. – Dies ist nun geschehen; der Friede in meinem Innern ist wiederhergestellt, und mit meinen Leiden sollten auch die Schranken verschwunden sein, die Sie von frohem Leben und Wirken zurückhielten. – Oder waren jene Worte ohne Bedeutung? war keine Wahrheit in jenen Momenten?

Sie schreiben mir, daß Sie ein Wesen kennen, dessen Leben an dem Ihrigen hängt – ein solches Wesen müssen Sie lieben, und wenn Sie lieben, sind Sie dann arm, sind Sie beklagenswert? – Ach! nur der Haß macht unglücklich!

Warum wollen Sie mich sehen? – Unser Wiedersehen kann nichts Freudiges haben. Sie versprachen einst, meinen Willen zu ehren; tun Sie es jetzt und sehen Sie mich nicht.

Das Bild Ihrer Mutter, ich schrieb es Ihnen im vorigen Brief, hatte ich unter andern Sachen aus gewissen Gründen versiegelt meiner Schwester in Camburg anvertraut, und da sie krank geworden war, konnte ich es jetzt nicht zurückerhalten.

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