Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clemens Brentano >

Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
projectid4db88ef7
Schließen

Navigation:

An Sophie

Wiesbaden Donnerstag den [22.] August 1805.

Liebe Frau!

Vorgestern, eine Stunde nach dem Empfange Deines Briefes, bin ich von Frankfurt hierher gereist, Arnim ist noch zurückgeblieben. Ich habe erst heute ein Logis und ein Bad gefunden, wenn es gleich gar nicht mehr sehr voll ist. Heute habe ich zum erstenmal gebadet, das Wetter ist übrigens ungünstig, der Ort ungemein traurig, für die Gäste ist wenig getan, da das Wasser und sein Ruf die Leute doch herlockt, das Beste, was ich hier habe, ist das Gefühl, unter den Badegästen wohl der Gesündeste zu sein, das Wasser ist gelb und schmeckt wie schlechte Kalbfleischbrühe ohne Salz. Eine eklige Reisegesellschaft hatte ich hierher, einen Leipziger alten Buchhändler mit einem lahmen Fuß, der eine junge Frau und einen zweiten Buchhändler zum Schwager hatte, so eingesachst sind meine Ohren nie worden, als da diese steifen, leeren, breiten, anmaßenden Kleinstädter den Rhein erblickten. Interessante Kurgäste sind keine hier, der Maler Keßler von Marburg ausgenommen, wenn mir das Bad nicht hilft, so hilft die Langeweile auch nicht, das erste Bad hat mich sehr ermattet. Ich erwarte den Lichtenberg hierher, er hat mir es versprochen. Übrigens will ich mich zum Zeitvertreib wieder an die Novellen, vielleicht auch an meine Romanzen machen. Hast Du keine Nachricht von Dienemann? Von Hulda schreibst Du mir kein Wort, das finde ich sehr flatterhaft von Dir, Toni sagte mir, sie habe euch beide, besonders aber die Hulda sehr übel aussehend gefunden, hast Du denn den Husten noch, leidet Hulda noch auf der Brust? Ich gedenke wenigstens vierzehn Tage hierzubleiben, es ist sehr teuer. Liebe Frau, laß mich nicht ohne Deine Briefe, aber schreibe mir immer vom Herzen, keine Redensart, ach du lieber Gott, wie gern möchte ich Dich küssen.

Dein ewig treuer

Clemens.


An Clemens

Heidelberg d. 28sten August [1805].

Oh, Lieber, wie lang hab ich nicht mit Dir geredet, wie sehne ich mich, einmal wieder ein herzliches Wort von Dir zu hören! wenn Dir nur das Bad wohl tut, schreibe mir ja und auch bestimmt, wenn Du zurückkömmst, – ich habe seit Deiner Abwesenheit manche helle, gute Stunde gehabt, allein, auf dem Altan, bei unbeschreiblich mildem, herrlichem Abendhimmel. Mit der Rudolphi habe ich einige sehr hohe, erhabne Spaziergänge getan. Warum schreibst Du mir nichts über ihr: schön Hannchen? ich hatte ihr gern ein Wort darüber gesagt. Die Fries grüßt Dich. Die Arme hat neuerlich wieder fürchterlich gelitten an Schmerzen in den Wangenknochen. Ich geh heut zu ihr, meiner Liebe zu ihr sind wieder neue Flügel gewachsen. – Dein Vorwurf der Flatterhaftigkeit wegen Hulda hat mich gottlob! gar nicht getroffen. Ich schwieg von ihr, weil ich Dich mit ihrer Gesundheit überraschen wollte. Sie hat keine Spur von Husten oder Brustschmerzen mehr, ißt, trinkt und schläft und ist sehr vergnügt. Ich selbst hatte einigermaßen dabei gelitten, wahrscheinlich durch das nächtliche Aufstehen. Mein Husten war sehr heftig, aber alles ist schon wieder vorüber, ich bin wieder ganz gesund. – Von Dienemann habe ich noch keinen Brief; ich will noch einmal schreiben. In der Fiametta bin ich ziemlich fortgerückt; doch könnte sie Zimmer, mit dem ich davon sprach, und der mit Schriften von Voß, Creuzer und Daub usw. überschüttet ist, nicht eher drucken, bis Michael übers Jahr, und dies ist zu spät. An Cotta mag ich nicht schreiben, denn als ich ihm vor einiger Zeit wegen Madam Engelhard schrieb, wies er es, als schon zu sehr mit Arbeit überhäuft, ganz ab. Was rätst Du mir? Wer weiß, ob nicht Dein lahmer Reisegefährte? – überleg es und antworte mir sogleich darüber. – Für Christian weiß ich doch noch immer keine Wohnung. Das Zimmerchen, wovon ich Dir schrieb, ist, näher betrachtet, ganz abscheulich und durchaus nicht für ihn. Horstigs denken nicht daran, auszuziehen – und so bleibt nichts als die Wohnung von Fries. Leb wohl! was macht der gute Keßler? – schreibe ja gleich, sonst komme ich zu Dir. Ich wünschte, ich könnte mich in der Quelle auflösen und Dir mit neuer Gesundheit, neuer Kraft, neuer Freude durch alle Adern rinnen.

Hier noch etwas von der Engelhard! Sie wohnt jetzt bei ihrer Tante.

O weh, o weh! eben kommt eine große Kiste, und die Fracht kostet 20 fl. Das hat meinen Beutel so in Schrecken gesetzt, daß er ohnmächtig darniederliegt und ich an seinem Aufkommen zweifle. Tue nun, was Du willst, ihn zu retten. Es sind Bücher und kommen von Paris.


An Sophie

[Wiesbaden, den 28./29. August 1805.]

Liebe Sophie!

Heute bin ich acht Tage hier und habe noch keine Zeile von Dir, nur viele und herzliche Briefe könnten den Nebel, der über dieser Stadt und meinem Herzen liegt, zerteilen. Ich habe nun sieben Bäder genommen und weiß noch nicht, ob sich's bessert, die Wirkung, die ich allein fühle, ist eine unsägliche Müdigkeit durch alle Glieder und vor allem den Fuß, der mir sehr häufig einschläft, so daß ich mit Mühe die kleinsten Spaziergänge mache, ich gehe meistens um halb neune zu Bett und schreibe Dir in diesem Augenblicke im Bett, denn heute gegen Abend befand ich mich besonders übel, so daß dieser Brief wohl nicht so groß werden wird, als ich es wünsche und Dir es gönne, die Augen sinken mir bereits. Guten Morgen! Ich habe eine schlechte Nacht gehabt, Fieber und Schmerz und keinen Schlaf. Vielleicht wird's auf das Bad besser. Ich will heute wieder mit dem Arzt sprechen, man ist sehr verlassen an einem solchen Ort, alle Einrichtungen scheinen bloß gemacht, einen ums Geld zu bringen. Liebe Frau, wenn Du recht gut wärest, so bedächtest Du meine traurige kranke Einsamkeit und schriebst mir täglich, um mich ein wenig aufzurichten. Es ist um 8 des Morgens, ich gehe baden und sehe einem traurigen Tag entgegen.

Dein kranker

Clemens.


An Clemens

Heidelberg d. 30sten August [1805].

Ist es denn wirklich wahr, daß Du krank bist? Dein Brief, der so unendlich müde ist, hat mich so aufgejagt, so in Unruhe versetzt! – Wäre es nur nicht gegen die Vernunft und gegen Deinen Willen, ich reiste gleich zu Dir, aber wenn ich nicht bald Nachricht von Besserung erhalte, so komme ich doch! Das kann ich Dir indessen sagen, daß alle, die dies Bad brauchen, in den ersten 14 Tagen gleiche Wirkung empfinden; nur dann erst äußert sich die wohltätige Kraft, und sie fühlen sich neu belebt. – Auch wir haben hier einen unbeschreiblich trüben Himmel, nur Dämmerungen, keine Tage, das alles sind Folgen des Erdbebens – doch schenkt uns die Sonne, ehe sie schlafen geht, noch immer einige wunderbar, ewig neue, herrliche Augenblicke.

– Ich bin so voll Sorgen, ich kann nun gar nichts denken, als wie es um Dich steht. Und warum sollte ich denn nicht kommen, lieber Engel? bin ich nicht allein darum auf der Welt, um Dir, womöglich, einige Beschwerden zu mildern? – oder neue zu schaffen! – wie, sagtest Du das? Das war nicht recht! o glaub mir, liebes, goldnes Herz, ich bete alle Tag, daß Gott mich klüger mache, um Dir gefällig und nützlich zu sein. Was kann ich für mein armes, voriges Leben? glaub mir, ich fange an, es herzlich zu hassen, weil es Dich oft quält.

Du schreibst mir gar nicht von Arnim, wo ist er? kömmt er zu Dir, ich erwarte mit größter Sehnsucht einen Brief von Dir.

Ist denn Vigelius nicht in Wiesbaden?


An Sophie

[Wiesbaden, den 31. August/] 1. September [1805].

Liebe Frau!

Wenn Du mir gleich keine Zeile schreibst und mich das recht sehr betrübt, weil ich es nicht verdiene, da niemand so nach einem wahren Familienvertrauen und ehlicher Teilnahme sich sehnt als ich, will ich Dir doch nicht vergelten. Ich schreibe aus jener inneren Treue, die allen gerechten Menschen eingewurzelt ist, die ihres Leibes und ihrer Seele Schicksal sich anvertraut haben, und so müßtest Du auch empfinden, ich bin doch von Dir entfernt, Du kennst mich doch, Du sagst doch öfters, daß Du mich liebst, warum schreibst Du nun nicht? Ich kann Dich nicht begreifen, glaubst Du vielleicht, es sei mir wohl ohne Dich – o Sophie, es ist mir nicht wohl ohne das Meinige, ohne mein Weib, ohne meine Qual und meine Freude. – Verzeihe, meine Liebe, der Brief ist um einen Tag verspätet, um einen Tag erfährst Du später, daß ich Dich herzlich liebe, daß ich mich herzlich nach Dir sehne. Lichtenberg ist heute hier angekommen, und Franz, Toni und Betine mit dem H. v. Escherich kamen über hier von einer kleinen Reise an den Rhein zurück. Arnim ist noch in Frankfurt, Korrekturbogen, Getümmel und mannigfache Diners und Soupers bei Bethmann fesseln seinen lebendigen Mut. Georgs liebe gute Frau hat eine fausse couche gemacht, wie mir Betine gesagt hat, ich war bei der Veranlassung zugegen. Wir gingen abends von einer Kirchweihe bei Frankfurt zurück, ein Pferd hatte sich mit der Schere eines Wiskis losgerissen und sprengte unversehens bei der halbschwangern Frau vorüber, sie sank beinahe ohnmächtig in meine Arme, acht Tage darauf trennte sich das tote Kind von ihr! –

Ich sehne mich unsäglich nach Haus, ich fühle mich doch in jeder Entfernung verlassen. Ach, ich fühle, daß ich liebevoll genug bin, selbst manchen zerreißenden Kummer mit Liebe umfangen zu können. Ich habe Dich doch eigentlich unendlich geliebt von jeher und liebe Dich noch, aber eins zerreißt mir das Herz, daß Du mich so lange mit Deinem Verhältnis zu Kipp betrogen hast, liebe Sophie, das hatte ich nicht verdient, das war schrecklich treulos, falsch, ja, alles Vertrauen, alle Ehre, alles Glück in Ewigkeit störend, dies treulose Schweigen gegen alle unwiederbringlich goldne verschwundene Bitten und Fragen liebender Jugend kannst Du nie vor Dir selbst rechtfertigen, weniger als die Tat, Sophie, Sophie, jenes Stillschweigen hat mich verzweiflen gelehrt an meinem Weib, und wahrlich, ich könnte mich dem Teufel ergeben, wenn Du nichts taugtest.

Aber ruhe, armes Herz! Sophie, mein Weib, die mir ihren Leib hinreicht, die mir gern Kinder gebiert (die Gott erhalten möge), lebt, sie lebt, o das ist schon göttlich genug, das ist schon unendlich viel für einen Lebenden, und so bin ich dann glücklich von Herzen, und alles sei vergessen, was schmerzt, und eine wahre gesunde Pflanze der Wahrheit und Liebe sei in unsren Herzen.

In diesem Augenblick erhalte ich Deinen freundlichen Brief, der mich an mich erinnert, und ich fange also an, von mir zu sprechen: Ob mir das Bad nutzt, kann ich nicht sagen, denn wenn ich gleich weniger heftig als einige Zeit vorher an meinem Fuß leide, so kann ich dies ebensogut der in diesen Tagen ziemlich steten warmen Witterung zuschreiben, außerdem leide ich an einem heftigen Husten und Katarrh. Auch greift das Bad mich überhaupt ziemlich an. Lange werde ich keineswegs hierbleiben, da es schrecklich teuer ist, an den Rhein werde ich für mein Teil auch nicht reisen, da ich sehr befürchte, mir durch die dortige Zugluft und Stromkälte und die leichtsinnige Art zu reisen, klettern und steigen das bißchen, was mir vielleicht das Bad genutzt, noch viel ärger zu machen. Gegen Abend befinde ich mich ganz unpaß. Du kannst Dir einen Begriff von der Prellerei hier machen, wenn ich Dir sage, daß ich für die Portion schlechten Kaffee 26 × r und für Schoppen Wein mittags (hier im Weinlande) 30 × zahlen muß. Die gute Nachricht von Hulda freut mich sehr, wenn es nur mit rechten Augen angesehen ist, übrigens mag es dabei bleiben, daß Du mir aus Leichtsinn nicht von ihr geschrieben, denn um mich mit ihrer Gesundheit zu überraschen, hast Du es gewiß nicht getan, ich wollte mein Leben drum lassen, daß dies nur eine Phrase war. Ich wünschte Dir von meiner Gesundheit bald ähnliche Nachrichten geben zu können; ich denke noch ohngefähr acht Tage hier zu baden, und so dann wieder einige Tage in Frankfurt zuzubringen und zu Dir zurückzukehren. Christian hat mir gestern wieder geschrieben wegen dem Quartier, es ist eine wunderliche Sache, sich ein kleines Häuschen bei einem zu bestellen, da es sehr vielerlei Häuschen gibt. Ich bitte Dich aber herzlich, ihm sogleich zu schreiben, was Du eigentlich für Häuschen für ihn weißt, denn durch mich ist es ein Umweg, und er pressiert sehr. Die 20 fl. Porto, das ist etwas enorm, so was konnte Dich allerdings erschrecken. Ich weiß übrigens kein Mittel, Dir zu helfen, als Geld, und das wirst Du Dir von Fries müssen geben lassen, es braucht nicht grade meines Scheins, er wird Dir wohl auch auf Deinen Namen etwas zahlen, ich erwarte, daß Du keine unnötigen Ausgaben machst. Wegen der Fiametta weiß ich Dir nicht zu raten, es muß sehr schlimm mit Dir aussehen, die Du sonst die Buchhändler nur so aus der Tasche ziehst, da Du Dich an mich wendest. Noch wunderlicher kömmt es mir vor, daß Du mich an meinen krummen Reisegefährten erinnerst, den ich zwei Stunden und nicht wieder gesehen habe, und dessen Namen ich nicht einmal kenne, das heiße ich auch wieder einmal vom Zaune abgebrochen, meine Liebe. Buchhändler, denen Du es übrigens antragen könntest, wären etwa Rein in Leipzig, Dienemann, die Realschulbuchhandlung, deren Besitzer ein sehr honetter Mann, ein gewisser Reimer ist, Arnim kennt ihn gut, und wenn Du ihm schreibst, wird er Dich ohne Zweifel mit ihm bekannt machen, sollten Schwan und Götz es nicht gern drucken? Frage Daub. Für Dienemann ist es eigentlich ein Artikel, insoweit ich seine Verlagsart beurteilen kann, auch für Wilmans ist es ein Artikel, aber er wird es nicht beurteilen können. Was macht der gute Keßler? schreibst Du in Deinem Brief, bist Du denn nicht gescheit? mein Kind, und mußt Du dann so zusammenkehren, einen Brief an mich auszufüllen? Grüße die liebe Fries, sage ihr, daß ich sie herzlich lieb habe und ihrer oft freundlich gedenke. Wenn Du mir einen Gefallen tun willst, so lasse aus den zwei großen Dielen und was sonst von brauchbaren Kisten vorhanden ist, ein Bücherbrett zusammensetzen und stelle die Bücher, die in Frohreichs Stube an der Erde liegen, darin auf, nimm dazu den Schreiner Batt, Batts Bruder, er wohnt bei Professor Weis. Wenn Du noch keine Antwort hast wegen Deinem Eid von Lindner, so hast Du eine gute Gelegenheit durch den Herrn von Escherich, der noch in Frankfurt ist, aber auf dem Punkte steht, abzureisen. Er kennt Lindner und sieht ihn oft. Du kannst diesem grade schreiben, was es für eine Bewandtnis mit der Sache hat, denn er ist ein Mensch wie ein Bedienter. Du kannst den Brief per Einschlag an die Toni schicken, und ich zweifle nicht, daß Dir wird geholfen werden. Übrigens lasse Dir diese Lindneriade für Deinen abenteuerlichen Manuskriptenhandel künftig eine Warnung sein. Ich danke der Engelhard für die Lieder, es ist doch einiges Hübsche dabei. Doch ich muß jetzt in das Bad, lebe wohl, schreibe mir bald, gleich wie ich es tue, nehme diese Blätter nicht gleichgültig in die Hand, lege sie nicht gleichgültig von Dir, sie haben meine Augen lange auf sich geheftet, meine Hände haben sie berührt, ich liebe Dich, ich schließe sie mit bewegter Seele, denn sie gehen zu Dir.

Dein treuer Clemens

Denke, daß den achten mein Geburtstag ist, wenn Hulda gesund ist, so laß sie fleißig fort lesen und schreiben und denke, daß sie bald Religionsunterricht erhalte.

Ich wohne in der Rose


An Clemens

[Heidelberg, den 4. September 1805.]

Ich bin so unruhig um Dich und kann es gar nicht erwarten, bis ich Nachricht von Dir habe. Wäre nicht die wunderliche Hexerei des Geldes in der Welt, oder vielmehr, verstünde ich sie nur besser, so brauchte ich nicht lang zu warten, sondern ginge gleich, sie selbst zu holen. Sehr bang hat mir nun noch die Fr. v. Eberstein gemacht, die mir sehr viel Ängstliches von den Wirkungen dieses Bades erzählte. Diese Frau ist übrigens sehr angenehm und vergnüglich, ohne die vielen vortrefflichen Eigenschaften zu rechnen, die sie als Hausfrau, Mutter und Gattin besitzen soll; ihr Mann, der auch sehr vortrefflich sein soll, sieht aus wie Pierer, nur etwas älter. Ich habe mich jetzt im Vorbeigehen ein wenig in dieser mir noch unbekannten Region umgesehen. Wenn ich von Menschen oft sprechen höre und kenne sie nicht, so sind sie mir wie Gespenster; habe ich sie aber nur einmal gesehen und gesprochen, so weiß ich genug und bin weit eher geneigt, sie für Körper ohne Geist, als umgekehrt, zu halten. – Kennst Du nicht einen Baron von Beughem in Frankfurt? er hat mir geschrieben wegen eines Pariser Leseinstituts, welches ich schon kenne und das in seiner Art recht vortrefflich ist. Er schreibt, in Heidelberg bilde sich jetzt ein südliches Athen, u. dgl. Dinge mehr. – Alles dies habe ich bloß hingeschrieben, um nur nicht immer zu schreiben, wie besorgt ich Deinetwegen bin und wie herzlich lieb ich Dich habe; wenn ich aber sagte, daß ich etwas anders gedacht hätte, so war es Lüge. Ich begreife auch gar nicht, wie ich jemals etwas anders denken kann. Ach! schreib mir nur und habe mich auch lieb! Als ich gestern spazierenging, hörte ich ein kleines Vögelchen singen, recht, als sänge es für mich. Ich konnte es verstehen, und das war mir der größte Beweis, daß ich liebte, Dich liebte. Leb wohl.

Eben, da ich den Brief fortschicken wollte, erhalte ich den Deinigen und muß nun noch mehr schreiben. Was Du zu Anfang Deines Briefs mich tadelnd berührst – ach! Lieber! dies, dies allein ist ja die Qual meines Lebens! Wenn Du wüßtest, wie ich mir oft die schwärzesten Vorwürfe über dies Verschweigen mache, wie ich oft bis zum Wahnsinne nachsinne, wie diese Schuld zu büßen sei, wie ich mit ausschweifender Phantasie dann auch jede Deiner trüben Launen auf meine Rechnung schreibe – schreiben kann ich es nicht, aber fragen will ich Dich in einer einsamen, ernsten Stunde: kannst Du wirklich verzeihen? – oder was soll ich tun? – Gott möge mich leiten und mir das Rechte zeigen! –

Lese ich Deinen Brief weiter, so finde ich, daß er mir manches Unrecht tut. Zuerst wegen Hulda – es war nicht Phrase, was ich schrieb, vielleicht war es Eitelkeit, genug, ich wünschte mir diesen kleinen Triumph über Deinen schwachen Glauben. Übrigens dauert ihr Wohlbefinden noch fort. – An Christian will ich heute noch schreiben, die Wohnung von Fries wird am Ende wohl die einzige für ihn sein. Sehr ärgerlich ist mir's, daß Carl nicht schreibt, und noch weit ärger, wenn er gar nicht käme. Ich versprach mir vielen Nutzen für ihn und Freude für mich! – Geld habe ich mir von Fries nicht geben lassen, der überdies verreist ist. Ich will sehen, wie lang ich noch auskommen kann. Das Bücherbrett ist seit 14 Tagen aufgeschlagen und die Bücher aufgestellt. Dein Bett ist durchaus neu gemacht, für Hulda habe ich eine Matratze angeschafft, einiges Steingut gekauft und verschiednes andres Geräte. Ich habe alles aufgeschrieben, ich hoffe, Du wirst nicht unzufrieden sein. Es schmerzt mich immer, wenn ich Dich von Geld sprechen höre, es ist das einzige in meinen Augen, was auf Dein liebes, liebes Bild einen häßlichen Schatten wirft. – Wegen dem Verleger will ich nun schon sorgen. Es war ein Einfall, ein Wurf, ich habe fast immer auf diese Art gewählt, selten nach eigentlichen Gründen, und am Ende kommt es ziemlich auf eins hinaus. – Schreib mir Arnims Adresse in Frankfurt, ich erhielt heute einen Brief von ihm und will ihm auch schreiben. Meine Frage wegen dem guten Keßler war eigentlich sehr bös, Du hast sie aber so arg mißverstanden, daß ich genug davor bestraft bin. Es war mir so lächerlich, wenn ich mir den Menschen mit seinen gepuderten steifen Locken, gleich einem Zeitzer Infanteristen, dachte, daß Du mit diesem gerade im Bade zusammentreffen und gleichsam sein Kollege werden mußtest, daß ich mlr's nicht versagen konnte, Dich ein wenig damit zu necken.

Übrigens hat mich Dein Brief von meiner großen Ängstlichkeit wegen Deiner Genesung genesen lassen. Es ist mir noch einmal so leicht, Dein letzter Brief ist tausendmal gesünder als Dein vorhergehender. Ach! ich käm Dir so gern bis Weinheim entgegen! wenn Du nur nicht böse würdest! auf jeden Fall schreib mir bestimmt den Tag Deiner Reise, vielleicht wird mir die Freude, daß ich kommen kann. Leb wohl, Du denkst jetzt nicht an mich. Es ist mir in diesem Augenblick, als wär ich ganz, ganz allein in der Welt.


An Sophie

[Wiesbaden, den] 7ten 7bre [1805].

Morgen ist mein Geburtstag.

Liebe Sophie! Ich schicke Dir hierbei eine Anweisung auf 100 Gulden, auf Fries oder Loos, wenn ersterer nicht da ist, den Namen kannst Du ausfüllen, dieses Geld kassiere sogleich ein und reise zu mir hierher. Du kannst den Weg recht bequem in einem Tag machen und brauchst nicht über Frankfurt, ich will Dir die Reiseroute sogleich schreiben. Es muß aber dieses sehr schnell, gewissermaßen den Tag nach dem Empfang dieses Briefs geschehn, höchstens einen später, wenn es mir angenehm und nützlich sein soll, ich erwarte es von Deiner Liebe zu mir, die ich gern Deine Pflicht nenne, zeige nun, ob Du aus Liebe zu mir eine angenehme Reise in den schönsten Teil Deutschlands schnell und ohne ungeschickte Verschwendung ausführen kannst. Ich bleibe wohl nicht mehr lange hier und erwarte Dich, weil Du mir sehr nötig bist. Ob ich gesund bin oder krank, wirst Du sehen, eile, um es zu sehen, vor allem ist es nötig, daß Du Hulda auf ohngefähr vierzehn Tage unterbringst, ich fürchte, daß sie uns hier hindern und wir ihrer Kränklichkeit zuviel zumuten könnten. Schwarz, Creuzer oder Fries oder Rudolphi, und ganz gewiß die Engelhard nimmt sie. Du selbst aber schreibst an demselben Tag, als Du diesen Brief empfängst, an mich hierher zurück, daß Du kömmst, daß Du gleich kömmst, und bestimmst den Tag Deiner Ankunft, kömmst aber hoffentlich noch eher als dieser Brief. Nimm wenig Bagage mit Dir, so viel Weißzeug und Kleider, als Du auf ein paar Wochen brauchst, um eine Bürgerfrau zu sein, einen Hut, einen Schleier und Dein liebevolles Herz, um es dicht, dicht an das meinige zu drücken und mich ans Leben festzuhalten, Sophie! wenn Du ein Engel wärst, ich hatte in dem Augenblick Liebe genug, Dich dem lieben Gott abspenstig zu machen, komme, mein ganzes Gluck hängt davon ab, befolge aber meinen Brief, ich schwöre Dir, diese Reise sollst Du nie vergessen. Von den 100 fl. bringst Du soviel mit als möglich. Du wirst ja in Heidelberg nichts zu bezahlen brauchen, bis Du wiederkehrst, die Reise wird Dich höchstens, sage höchstens vier Carolins kosten, es ist nur drei Stunden weiter als Frankfurt. Du mußt, um nicht über Nacht zu bleiben, welches mit Schicklichkeit, Ökonomie und Deiner Begierde, zu mir zu kommen, sehr zusammenhängt, folgendermaßen reisen. Du fährst des Morgens um vier Uhr von Heidelberg ab und akkordierst den Kutscher bis Gehrau, das ist drei Stunden weiter als Darmstadt gegen Mainz zu, er kann auch schon von Heppenheim ab nach Gehrau fahren, wenn er den Weg weiß, dann fährt er um eine Stunde näher. Zu Gehrau nimmst Du sogleich Extrapost nach Wiesbaden, welches 6 Stunden sind oder anderthalb Stationen, und bist dann, wenn Du früh ausfährst, der Heidelberger gut fährt, worauf Du allerdings männlich treiben mußt, abends um 9 Uhr bei mir in der Rose zu Wiesbaden. Der Kutscher muß eine leichte Kutsche nehmen, und Du nimmst außer Deinen Kleidern noch sechs Krüge roten Wein mit für mich. Man darf hier seinen eignen Wein haben, und wenn ich das Weingeld spare, kostet mich Dein kleiner Aufenthalt hier sehr wenig mehr. Vor allem lasse alles im Hause wohl verschlossen zurück, besonders an dem Keller versiegle das Schloß, ebenso bewahre das Holz. Die Magd kann im Hause bleiben, Du kannst sie der Besse ganz übergeben und empfehlen. Ich erwarte sicher, daß Du gleich kömmst und augenblicklich antwortest, welchen Tag Du abreisest. Dienstag könntest Du schon hier sein.

Clemens.

Den Namen in der Anweisung mußt Du ausfüllen. Wenn Du nicht so schnell als möglich kömmst, triffst Du mich hier nicht mehr.


An Sophie

[Trages, Mitte Oktober 1805.]

Liebe Frau!

Den Tag nach meiner Abreise bin ich in Trages abends um 10 Uhr angekommen und habe alle diese Leute angetroffen, als wenn sie nie in Paris gewesen wären, sie sind bis auf das Kind, welches dazu gekommen, nach wie vor gut und lieb und selbst um kein Kleidungsstück verändert, ja, es ist so arg, daß man sogar nie nach etwas von Paris zu fragen Lust hat. Das Kind ist dick und stark, die Gundel säugt es noch, es sieht aus wie ein dicker kleiner schöner Savoyarde; und ist recht froh und ernsthaft. Wir tun hier nichts, als den ganzen Tag auf dem Felde mit der Flinte hin und her gehn und gar nichts schießen, die Unterhaltung besteht einzig darin, daß man sich lieb hat. Ich schlafe wieder in dem kleinen Häuschen. Unter allen Jägern ist Arnim der unermüdlichste, er läuft nach einem Vogel 6-7 Stunden. Ich melde Dir weiter, Savigny geht den Winter nach Marburg, weil es dort ruhig ist und er in seiner Bibliothek arbeiten kann, also kehrt auch Christian zurück dahin, vorher aber kömmt Savigny allein nach Heidelberg auf ein paar Tage. Im Vertrauen sage ich Dir, daß er die Studien für sehr schlecht hält, und besonders Creuzers und Heises Aufsatz, und wie natürlich die Poeten. In höchstens 2 Tagen werde ich kommen und Dir vorher schreiben, vielleicht mit Arnim und Savigny. Hier ist Bostel, Arnim, Christian, Betine, Meline.

Dein Clemens.

Grüß Hulda, liebe mich, sei ruhig, stärke Dein Herz, ich liebe Dich herzlich.

[Nachschrift Arnims:]

Mit blutendem Herzen diese letzten Zeilen. Der arme Vogel, wird der Doktor sagen! Leben Sie recht wohl, ich befinde mich auch recht wohl, so leben wir alle beide wohl und sehen uns wieder am Dienstag um halberneun. Der Jäger.


An Sophie

[Trages] Freitag [Mitte Oktober 1805.]

Liebes Weib!

Diese Nachricht ist hinten widerrufen.Erste Zeile [später eingeschrieben].

Den Dienstagabend, höchstens Mittwoch, kommen wir nach Heidelberg, Arnim, Savigny und ich. Ich schreibe Dir das aus herzlicher Liebe und nicht, um Dich zu benachrichten, denn ich weiß ja nicht, ob ich diesen Brief fortschicken kann, ich muß Dir schreiben, wie ich an Dich denken muß, in der einfachen rauschenden Fröhlichkeit, die mich auch hier mit sich hingerissen hat. Ich war nicht ein einziges Mal betrübt, und das würde ich auch nie bei Dir gewesen sein, wenn Du es früher hättest klar zwischen uns sein lassen, oder wenn Dir so im Herzen gegen mich wäre, wie es mir gegen Dich ist – wenn Du mir nur einmal geschrieben hättest, ich hätte gern alle meinen hiesigen Spaß drum gegeben, aber ich will Dir keine Vorwürfe machen, es reut Dich gewiß, wenn Du denkst, daß Du mir weh durch dies Schweigen getan, die wenigen Zeilen, die ich Dir gleich nach meiner Ankunft geschrieben, hast Du doch wohl erhalten? Ach Sophie, was ist Dir ein Brief von mir? O wäre er das, was er mir ist, wenn ich schreibe, wenn ich denke, wie Du bist, daß ich Dich so treulich lieben muß, lieben über alle Weiber, Du bist doch das Beste, Liebste, wie du jetzt bist, wie Du immer mehr wirst. Es gibt eine Reflexion, die Du hier wie auch zu andern Gelegenheiten vielleicht hast und mit der man allem Guten den Hals brechen kann, nämlich, ich hätte die Wut zu bekehren. Liebe Sophie, ich freue mich nicht, daß ich oder vielmehr Dein Geschick in Deiner Verbindung mit mir vielem ein Ziel gesteckt, was Deine höhere Natur hätte gänzlich unter die Füße eines gemeinen Schimmer Lebens hätte werfen können, des freue ich mich nicht, wenn ich denke, daß ich Dich liebte und Dich liebe, nein, dann freue ich mich nur, daß auch die Liebe den Staub von den Füßen schütteln kann und sich auf Erden rechtfertigen ihres göttlichen Ursprungs, dann freue ich mich, daß ich Dich lieben kann und will und muß, ohne Verderben, ohne Sünde, ohne Betrug, daß es recht ist vor Gott und der Welt und vor dem Gewissen. Ich freue mich, daß diese Liebe frei ist, das heißt, daß sie garantiert ist von der Natur, von der Religion und von der Gesellschaft, diese beiden gehören in die Natur, denn sie sind ihre höchsten Werke. Also carissima Giovane, lasse Dir Deine herzempfindliche Freude an meiner tiefempfundenen Liebesbeteuerung nicht zertreten von jener Idee, ich wolle einen Bekehrer, einen eitlen Bekehrer spielen, denn, gute Seele, ich weiß ja nicht, ob Du besser bist, ich weiß nur, daß ich Dich vom Grund meines Herzens tief ewig hervorquellend liebe, und daß ich diesen Quell höre in meiner Brust mit unsäglicher Freude und Wehmut, wie er immer quillt und sich Dir entgegenströmen möchte, und wie ich so oft leide und traure, es ist nur, daß Du oft sein Bett verschüttest oder ihn hemmst, bis er übertritt in Tränen oder alles zerreißt und uns beide rächend verdirbt, ach, es ist nur Liebe und geht wieder bald ruhig zu Deinen Füßen, ein Spiegel, ein treuer Spiegel, der versiegen möchte, wenn Du über ihn zürnst, daß er ein treuer Spiegel ist.

Während ich hier schreibe, ändern sich die Umstände, und ich muß Dir sagen, daß ich erst einige Tage später komme, da Savigny soeben plötzlich nach Marburg abreist, um zu sehen, ob er dort wohnen kann. Er kommt in zwei Tagen wieder und bat mich, bei der Gundel zu bleiben, bis er wiederkömmt. Dies tut mir zwar leid, denn ich verlange nach Dir herzlich, ich kann es ihm aber nicht abschlagen. Wir haben Hoffnung, vielleicht Savigny noch in unsere Nähe zu bekommen, schreibe mir nach Frankfurt.

Dein Clemens.

Grüße mir die Hulda. Lieb Weib, lieb Weib, ach Gott! habe mich lieb, und sage es mir es.


An Clemens

[Heidelberg, den 18. Juli 1806.]

Diesmal hab' ich Dirs also doch abgewonnen und komme Dir mit einem Brief zuvor, so üble Nach- oder Vorreden Du auch meiner Brieffertigkeit gehalten hast. Und daß ich Dir eigentlich wegen unbedeutender Dinge schreibe, kann Dich überzeugen, wie gern ich's tue. Ein Herr Müller aus Luzern hat Dir geschrieben; ein alter, ehrlicher Bekannter, wie es scheint. Er macht Dir ein Geschenk mit 42 fliegenden Blättern, 1 Bändchen Lieder im helvetischen Volkston vom Pfarrer Hästliger und 1 Band Volkslieder und Gedichte von Kuhn. Es sind meist Schweizer Lieder, durch Sprache und Geist den allemannischen sehr ähnlich, einige sogar eins mit ihnen. Ich glaube, daß Du mehreres tauglich finden wirst, obgleich das Dramatische sich auch hier vermissen läßt, auf jeden Fall scheint es mir doch des Portos von einigen Gulden wert. Ferner schickt Dir die Wieserische Buchhandlung aus Nürnberg einige Kataloge nebst einem Zettelchen, das ich beilege. Die Inlagen, auch Kataloge, sind an Heise, Creuzer und Paetz. Ich habe sie noch nicht abgegeben und will warten, bis Du mir geschrieben. Du könntest sie vielleicht zurückschicken wollen, doch scheint mir dies ebensowenig zweckmäßig als honett. Übrigens war ich bei Voß, wo er in der Freude seines Herzens über sein neuangekommnes Klavier mir mit heiserer Stimme eine Menge noch ungedruckter Lieder von Schulz vorgesungen hat. Sie, die immer gleich Liebe, hat mir eine holsteinische Weise, Zuckererbsen zu bereiten, mitgeteilt, deren Güte ich bei Deiner Rückkunft zuerst an Dir erproben will. Auch sah ich Weinbrenner da. Er ist ein Mann, an Art, Gestalt und Rede seinem Kunstverwandten Genz sehr ähnlich. Starke, behagliche, humoristische Gesichtszüge, feste, fleischige Gestalt und im Gespräch höchst anekdotenvoll, besonders italienischer. Beim Frieschen war ich auch und ging mit beiden spazieren. Man sieht sie gern, das ist alles, was sich von ihr sagen läßt. Die Krappfries hat mich auf ein neues süßes Gericht eingeladen; sie hat einen Hut aus Straßburg bekommen, aus dem sie gar liebreizend heraussieht. Das derbe Bräutchen, das mir – wohlverstanden im guten Sinn – immer wie eine Bauernbraut vorkömmt, hat sich viel niedliche Sachen in Mannheim gekauft. Die Hochzeit wird bald sein. Gestern brachte mir Zimmer das übrige Geld. Ich wollte ihm einen Schein geben, er sagte aber, das sei unter euch beiden nicht üblich; auch erbot er sich, mir zum Lesen zu geben, was ich wollte; er ist doch die liebenswürdigste, honette Buchhändlernatur, die es gibt. – Das Geld hebe ich Dir auf. Vergiß nicht, diesen Brief der Jordis zu geben. Ihre Einladung hat mich recht erfreut, obgleich ich keinen Gebrauch davon machen kann. Leb wohl! ich wünschte, es wäre Dir so zumute, daß Du dichten müßtest, traurig oder froh, nichts Schöneres kann ich Dir wünschen. Leb wohl, mein Geliebter!

Deine Sophie.


An Sophie

[Frankfurt, den 18. Juli 1806]

Liebe Sophie!

Ich hätte Dir gewiß gleich den folgenden Tag geschrieben, wenn ich je dazu hätte kommen können, das beständige Treiben im Haus und die ganz von den meinigen verschiedenen Tagzeiten haben mir keine Zeit gelassen. – Luise hat Dir, glaube ich, angeboten, einige Tage bei ihr auf dem Land, eine Viertelstunde von Frankfurt, zuzubringen, ich glaube, daß es Dir sehr angenehm werden kann, Du kannst die Hulda mitnehmen, es ist ein stilles Haus im Walde, am Ende eines reizenden Dorfs, die Lulu ist ganz allein, abends kömmt Jordis hinaus, und ich komme dann auch manchmal im Tag, es ist merkwürdig, was alle Geschwister hier ruhig und aneinander ausgetobt sind und sich liebhaben. Gall ist der einzige Gegenstand des Gesprächs, Georg hat einen Schädel vor sich, Christian ist leidenschaftlich für Gall, welcher morgen wieder herkömmt, er ist zur Serviere ins Rheingau gereist und fängt Montag seine Vorlesungen wieder an, ich werde ihn nicht hören, weil ich ihn bei uns im Hause, wo er immer liegt, kennenlerne, er soll gar amüsant und toll bei uns sein, hat zwei Affen bei sich und einen Wachspoussierer. Er wird in Heidelberg lesen, und sollte er es umsonst tun, um Ackermann zu überführen, fürchtet aber, daß dieser ihn vermeiden werde, tut er es nicht, so schwört er darauf, daß er ganz gewiß sein bester Freund wird. Ich bleibe nur noch länger hier, weil ich diesen wunderbaren Mann auf diese Weise so genau werde kennenlernen, und mir wäre es auch lieb, sehr lieb, wenn Du so die Bekanntschaft machtest. Begehre daher von Zimmer das ganze Geld und fahre Mittwoch morgens von Heidelberg, so bist Du bei guter Zeit in Darmstadt, den folgenden Morgen um 6 Uhr geht von dort ein Diligence sehr bequem hierher, mit welcher mit Dir zugleich eine Freundin von Lulu, die immer bei ihr den Haushammel macht und die Dich erwartet, hierher fährt. Du wirst also bloß eine Kutsche bis Darmstadt nehmen und Dich nicht viel über 18 bis 20 fl. kosten, von der Du gewiß viel Freude hast. Wenn Du mir gleich schreibst, also am Samstag, und ich es sonntags weiß, daß Du es wünschest, so komme ich Dir nach Darmstadt entgegen, daß Du mich abends dort triffst. Du wirst auf diese Art viel Freude hier haben, Betine und Meline sind hier, Toni wohnt im Mietgarten, dem wunderbarsten, den ich in meinem Leben gesehen und der seiner unendlich tollen, puppenhaften Anlagen wegen der Hulda besonders viel Spaß machen wird. Tu mir die Freude und komme, alles, was Dich stören könnte, ist nicht mehr, ich bin recht verwundert über diese Veränderungen. Die merkwürdigsten Geschichten, die Du hören wirst, sind, daß! Christian! und Betine!!! beinah gar keine Verehrung mehr für Savigny haben, ersterer hält so gar nichts auf seine Gelehrsamkeit, sein Urteil, letztere findet ihn langweilig ect., weiter ein ganz seltsamer, gräßlicher Roman und Briefwechsel eines vor einigen Wochen aus Liebe zu Meline in unserm Hause wahnsinnig und rasend gewordenen Vetters aus Mainz, der jetzt an Ketten liegt, es ist ein wunderliches, trauriges und wegen der entsetzlichen leeren Dummheit des Menschen lächerliches Ereignis. Weiter ist Clodinens Schwester Luise hier angekommen, sie wird nach Paris gehen und dame d'honneur bei der Talleyrand, jetzigen Fürstin von Benevent, werden, es ist ihr leid, nicht von Arnims Wunsch gewußt zu haben, sonst würde sie lieber zur Schliz gegangen sein. Savigny wohnt in Nürnberg in einem ungeheuren prächtigen Garten, wo eine Menge Bade- und Lusthäuser drin sind, eine Anlage, die ein Mann wie der Graf Hodig für sich und seine Maitresse gemacht und drin gestorben ist. Gundel klagt sehr, daß in ganz Nürnberg kein Akkoucheur ist. Liebe Frau, komme ja, der Weg ist gut, und Du kannst die schöne Bergstraße durch die 10 Stunden ja langsam in einem Tage mit Hulda fahren, mir bringe dann noch einige Wäsche mit, kömmst Du nicht, was mir recht sehr leid wäre, so komme ich gleich zurück, schreibe in jedem Fall gleich und keine abschlägige Antwort, und die Hulda bringe ja mit. Gall allein schon wird Dir viele Freude machen. Kuß und Gruß, komme ganz gewiß, wenn Du mich lieb hast, aber bestimmt den Mittwochabend bist Du in Darmstadt, dann laß Du nach Mlle. Ferdinande Baumann, Tochter der Pfarrertwitwe Baumann, fragen, sie ist ein gar gutes Mädchen und wartet auf Dich, mit Dir am Donnerstag zurückzureisen, und ist Dirs lieb und schreib mirs, so bin ich auch dort, Du steigst in Darmstadt im Wirtshaus ab, wo Du schon warst, der Wirt heißt Wiesner, ich glaube im Frankfurter Hof, auch lasse Dir abends den Lichtenberg holen zur Unterhaltung bei Tisch, weil vielleicht Franzosen da sind. Schreibe aber ganz gewiß, augenblicklich – lieber, guter, meiner.

Dein Clemens.


An Clemens

[Heidelberg, den 20, Juli 1806.]

Ich kann Dir es nicht leugnen, Clemens, daß mich Dein Brief ganz unendlich gerührt hat. Eine heilige Flut von Glauben, Hoffen und Lieben drang so gewaltig in mein Herz, daß ich in süßer Wehmut vergehn zu müssen glaubte. Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll, was zuweilen aus Dir spricht, mit wunderbarer Stimme aus Dir heraus schreit, aber es mag wohl etwas Göttliches sein, weil es so viel Gewalt hat und man so viele Schmerzen darum vergessen kann. Und wenn es auch in der Erscheinung vorübergehend ist, so weiß ich doch so gewiß, daß es wahr und eigentlich unvergänglich ist, daß ich darauf sterben wollte. – Ich gönne Dir es recht herzlich, daß Dir so friedlich zumute ist und Du dort mit den Deinigen lebst wie die seligen Götter, denen irdische Sorge und Schmerz nicht nahen darf. Teile diesen Zustand, solange es Dir möglich ist, denn er ist selten und stärkt auf lange. Ich habe Dich herzlich lieb und freue mich recht, Dich wiederzusehen. Dann will ich Dir sagen, daß ich in Deiner Abwesenheit noch oft habe weinen müssen, aber auch, was für neue Hoffnung ich habe. Hulda ist wohl und grüßt Dich.

Sophie.


An Sophie

[Frankfurt] Sonntag [den 20. Juli 1806].

Herzlich erfreut hat mich Dein liebreicher Brief, Du wirst gewiß ein recht gutes, fröhliches Herz unter dem deinigen tragen, weil Du während dieser Schwangerschaft so gütig und munter bist, ich habe Dich auch recht aus Herzensgrund lieb, mein teures Weib. – Heute hatte ich freilich einen Brief von Dir erwartet, weil ich am Freitag schrieb, an welchem Du mir auch geschrieben, Du hast also nichts zum voraus, dessen Du Dich rühmst, und ich habe das zum voraus, daß ich Dich um Verzeihung bitte, nicht früher geschrieben zu haben und Du ein wenig triumphierst. – Wegen Deinem Herkommen bleibt es ganz Deinen Wünschen überlassen und Deiner Überlegung, das ungerne Fahren ist ein großer Grund, tue, was Dir am angenehmsten, es soll mir das liebste sein, ich werde, im Falle Du keinen großen Lust hast und den Donnerstag nicht kömmst, gleich zurückkommen, weil ich hier nichts mehr zu tun habe, als adieu zu sagen. Wenn Du also nicht kömmst, so schicke auch keine Wäsche, weil ich dann sogleich zurückkomme. Gestern hat Gall bei uns gegessen und nach Tisch lange mit mir über Ackermann gesprochen, nein, nicht gesprochen, gewütet, er hat laut gesagt, Ackermann sei ein Lügner, ein rasender und schlechter Mensch, und er werde ihn auf ewig vernichten, seine Schrift gegen Ackermann, in welcher Ackermanns Schrift ganz wörtlich abgedruckt ist, wird in wenigen Tagen bei Bertuch erscheinen. Gall ist ein Mann wie ein katholischer geistlicher Professor, oder besser, wie ein ausgesprungener Mönch aussehend. Seine Zusammenkunft mit Ackermann wird für Ackermann gewiß schlecht ausfallen, denn dieser hat sich ganz was anders gedacht, wahrscheinlich wird er in Heidelberg umsonst lesen, er wird dort Ackermann sogleich besuchen und auffordern, ihm zuzuhören, und will es dieser nicht, es öffentlich bekanntmachen. – Gern möchte ich Dir noch viel schreiben, aber in diesem Augenblick fährt Franz mit mir nach Bergen, wo die Marie ist. Die Toni und Marie sind schwanger wie Du, nur mit der Lulu hält es hart. – Liebes Weib, schone Dich für mich und das Kind, ich liebe Dich sehr und bin recht zufrieden. Die Günterrode hat kurz und überraschend ohne allen Verstand Betinen die Freundschaft aufgesagt.

Dein Clemens.

Alles, was Du von mir mitgebracht wünschest, melde, gelt! einen Hut! – ?


An Sophie

[Frankfurt, den 24. September 1806.]

Liebe Frau!

Gestern, am Dienstagmorgen, ist Tieck und Rumohr abgereist, sie waren beide die ganze Zeit vom Morgen bis in die Nacht in unserm Haus. Tieck riß alle Herzen hin, er hat drei Stücke aus dem Shakespeare gelesen, Betine hat sich in ihn, er in sie verliebt, und beinah weit übers Ärgernis hinaus, Rumohr verliebte sich in Meline und war der Spielball des Hauses. Stelle Dir vor, die Engelhard habe ich noch hier gefunden,Sie ist gestern weg. [Randbemerkung Clemens'. und zwar bei der Jordis eingenistelt, da man sie bei uns nicht beherbergen konnte, daß dieses Geschöpf mit Affektion, Blödsinn, Sinnlichkeit und Eitelkeit je sich so lächerlich machen könne, als sie es hier getan, habe ich nicht geglaubt, ich war nicht mehr gegenwärtig, aber ich habe Horreurs gehört, und wenn ich auch nichts glauben wollte, so muß ich doch glauben, daß diese niedrige Klatsche von uns erzählt, ich sei bei weitem nicht so kalt, als ich scheine, und Du auch nicht, denn sie habe neben uns geschlafen, und Du hättest Deine eheliche Zärtlichkeit so öffentlich und kräftig mit mir gewechselt, daß das ganze Haus darüber gepispert und gezittert hätte; dies hat die Gans Louisen gesagt. Ihre Gedichte hat sie wohl 12mal abgeschrieben und herumgereicht, geweint, kokettiert, gelogen, sich von Bethmann in den Busen greifen lassen – doch ich erzähle Dir mündlich mehr, alles, was sie Tolles und Närrisches getrieben, wäre mir ganz unglaublich gewesen, wenn nicht Claudine und Meline es beteuerten. – Die Marie war seit fünf Tagen mit einem Mädchen in den Wochen, da ich ankam, sie ist bereits aus dem Bett und so gesund, als ich es selbst nie sein kann mitten in dem Getümmel. Betine ist täglich bestimmt zwei Stunden bei der Goethe, ohne die sie und die ohne sie nicht leben kann, sie hat ein großes Buch dort liegen und schreibt aus dem Mund der Mutter die Geschichte der Mutter und des Sohnes in der bekannten kräftigen Manier auf. –

Arnims Brief, den Du mir gesendet, hat mir keine Freude gemacht, nicht wegen der wenigen Hoffnung, ihn zu sehn, nicht wegen der Vaterlandsliebe, sondern wegen der Sauereien. Der Verfasser des Cevennenkriegs war bei mir, ein durchaus ekelhafter Mensch, den ich nicht wiedersehen will. – Wir waren in den letzten Tagen in großer Angst, der kleine Georg, der in Offenbach in einem Erziehungsinstitut ist, ward tödlich krank, die Toni ist noch dort, Franz fuhr täglich zweimal hin, beide waren selbst beinahe wahnsinnig vor Schmerz, jetzt bessert es sich. Das kleine Claudinchen ist wie ein Engel und entzückt alle Welt. Von Claudinens Schwester in Paris bei Talleyrand habe ich eine großes Tagebuch gelesen, das einen hellen Blick in das traurigste große Leben gibt. Sonst bin ich froh und glücklich, und wir lieben uns alle. Georg hat Tiecken sehr gefallen, und dieser ist jetzt auch so klar, einfach und liebenswürdig, daß er alle Herzen nimmt. Betinens Gesang hat Tiecken entzückt, er sagt, nun habe er eine Idee über die Entstehung des Gesangs, er setzt ihn noch über die Kirchenmusik, der alte Klassifikator, doch hier ist er zum Aussprechen seiner Ansichten nicht gekommen. Ich bin den Sonntag gewiß schon bei Dir. –

Dein Clemens.

Grüße Carl und Hulda.

 << Kapitel 16 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.