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Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 14
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
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An Clemens

Heidelberg, d. 2ten Novbr. [1804].

Ich empfing Deinen Brief mit vieler Freude, ward traurig, als ich ihn las, und lächelte, als ich ihn gelesen hatte. Ich muß Dir doch manches über Dich und Deine Lage sagen, ob ich gleich weiß, daß Du wenigstens ebenso gescheit bist wie ich und alles ebensogut wissen kannst. Ich verwundere mich immer, daß es Dich traurig macht, wenn Du unter fremde Menschen trittst, da dies doch Dein eigentlicher Beruf, Deine Amtsgeschäfte auf Erden sind, und ich kann es gar nicht leiden, wenn Du davon oft so klein und unbürgerlich denkst. Wie dieser Dekrete ausfertigt und jener auf dem Rednerstuhl tritt, so bist Du bestimmt, durch Dein Leben, durch Deine Reden, Deinen Witz, Eifer, Deine Experimentenlust die Menschen zu wecken, in den dunklen Kammern eine Kerze anzuzünden, manches Neue alt und manches Alte neu zu machen – und daß es Dir so Ernst damit ist, daß Du nicht wie die meisten gebildeten Menschen gegen das Leben, gegen Geschäfte, Künste, ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke gehst, und lebst, wie man ein Pack Zeitungen ließt, nur damit man sie loswerde – das macht Dir viel Ehre, nur bisweilen überfällt Dich eine seltsame Blödsinnigkeit, daß Dir die Tage unnütz vorkommen und Du meinst, es wäre nichts und käme zu nichts, weil das, was durch Dich entstanden, nicht wie ein beschriebner Bogen Papier vor Dir liegt. – Ah! Die Entfernung ist doch auch zu loben; wärest Du bei mir gewesen, so hättest Du mich das alles nicht sagen lassen, und doch ist mir ganz leicht darnach, nur das füge ich noch hinzu, daß der Lebensbalsam, den Du für andre hast, einem feinen geistigen Öl in einem verschloßnen Gefäß gleich ist. Nur mäßig verbreitet erquickt und belebt es, ganz geöffnet betäubt, tötet es und verzehrt sich selbst.

Was Deine Vermögensumstände betrifft, so scheinen sie mir selbst bedenklich genug, obgleich ich nun ein für allemal darüber nicht ängstlich werden kann. Auf jeden Fall kannst Du Deine Reise mit frohem Mut und leichtem Herzen fortsetzen und Deinen Aufenthalt froh genießen, denn kömmt es nicht so schlimm, als man fürchtet, so kannst Du dies Geld leicht verschmerzen, und kömmt es wirklich, so kannst Du froh sein, dies wenigstens noch genossen zu haben. Ich höre von so vielen Leuten von Krieg sprechen, daß mir selbst der Verlust Deiner Einkünfte wirklich wahrscheinlich wird, und deshalb wiederhole ich Dir sehr ernstlich den Rat, den ich Dir schon mehrmal gegeben. Nämlich: in kurzer Zeit die Summe von 10 000–20 000 fl. Dir auszahlen zu lassen und dies irgendwo anders auf eine sichre Art, die ich wohl auffinden wollte, gegen 4 bis 5 Prozent auszuleihen. Ich bitte Dich, dies zu bedenken; es ist die vernünftigste, die einzige Art, der Gefahr auszuweichen.

Ich habe den Hfr. Jung in Gesellschaft gesehen, und er hat meine ganze Aufmerksamkeit an sich gebunden. Der Mann hat etwas Liebes, man sieht, daß sein Leben aus einem Guß ist, daß sich von seiner Jugend bis ins Alter eine grade Linie zieht und er mehr die Umstände bestimmt hat, als sich von ihnen bestimmen lassen. Selbst seine breite Eitelkeit, mit der er unaufhörlich Fürsten und Prinzen bei den Haaren herbeizieht, indem er sich ihren Namen von seiner Frau soufflieren läßt, hat etwas Treuherziges und beleidigt nicht. Auch Heise und Bätz habe ich gesehen; sie sind mehrmals bei mir gewesen, der erste hat mich gebeten, mir seine Frau bringen zu dürfen, der zweite erinnert mich sehr an Maier, ich weiß selbst nicht warum.

Es ist jetzt so kalt, daß ich zittre, wenn ich denke, daß Du unterweges sein könntest. Es reut mich sehr, daß Du Dir nicht noch einen Mantel hast machen lassen, so wie ich jetzt viele sehe, mit so breiten Kragen, daß sie ganz wie ein Mantel und ein Mäntelchen aussehen. Ich friere nun doppelt, einmal ohne Dich und einmal mit Dir, das heißt, wenn ich, wie jetzt, will schlafen gehen, denn am Tage wollt ich gern die Wärme mit Dir teilen, weil sich mein Zimmer unbegreiflich gut heizt. Deine Bücher sind wohlverwahrt und hat sie noch niemand zu sehen bekommen. Mein Schlafzimmer habe ich sehr zierlich mit Bildern aufgeputzt, und es sieht sehr appetitlich aus. Arnims Bild ist immer ganz verhüllt, nur an ganz trüben Tagen wird der Vorhang weggezogen, weil es da nicht trüber wird und mir die trüben Tage hell macht. Kreuzer sieht in Unterhandlungen mit Würzburg, und sobald man ihm annehmliche Vorschläge tut, geht er bestimmt und so bald als möglich hin. Er hat hier viel Feinde und wünscht sich sehr weg und würde sogleich reisen und seine Frau einstweilen zurücklassen. Die beiden gefallen mir nicht mehr zusammen, die Würdigkeit ihres Verhältnisses ist nicht wiederherzustellen; sie geben nur das ewig wiederholte Schauspiel einer verunglückten Ehe. D. Loos hat mich auch besucht; er ist doch ein guter Mann, sein Besuch macht einem alle Zeitungen und Wochenblätter entbehrlich.


[10. November.]

Ich habe Deinen zweiten, bunten Brief erhalten. Wie kannst Du nur zweifeln, daß Du zum Reisen geboren bist? wem auf der Welt als Dir könnten nur so schnell eine Menge lustiger und seltsamer kleiner Abenteuer begegnen? wer hat Dein Auge, sie zu sehen, Deine Feder, sie zu erzählen? – ich hätte diesen Brief schon nach Berlin geschickt, aber ich wußte Deine Adresse nicht und mußte erst nach Frankfurt schreiben, sie zu erhalten. – Deine Beschreibung von Walldürn hat mich fest bestimmt, bei der nächsten Wallfahrt hinzureisen. Ich sehne mich schon so lange, ein katholisches Fest zu sehn! Als jetzt Allerheiligen war, war es mir sehr intressant um Deinetwillen. Ich ging mit Kreuzer in die Kirche, aber es war ein Fest ohne alle Festlichkeit.

Manches, was Dir die Niethammer sagte, wunderte mich und ärgerte mich, ich kann's nicht leugnen. Ich denke dann manchmal, was andern so scheint, könnte ja auch so sein. Und wie kannst Du Dich wundern, daß Niethammers das, was Du über mich vermocht, als Heldentat ansehen, da Du es selbst so betrachten mußt, denn sonst würdest Du nicht so oft davon sprechen? Mir gefällt das nicht von Dir, es ist kleinlich, prahlerisch und Deiner unwert. – Daß Maier in Würzburg ist, ist komisch; er wird nun Wohl noch zehnmal dicker geworden sein, und so ist es ihm leicht, wie eine leere Blase auf dem Strom der Welt zu schwimmen. Daß es Dir bei Geißlers wohl ist, freut mich sehr. Doch verweile nur nicht so lange, damit nicht irgendein häßlicher Irrtum Dich um die Wahrheit betrügt. – Es ist heute so trüb, so trüb wie nirgends in der Welt, man möchte sich vor lauter Trübsinn verlieben. Die Nebel nehmen hier die seltsamsten Gestalten an, und der Regen fällt zuweilen auf kleinen Stellen nicht tropfenweis, sondern aus einem Guß herab. Diese Trübheit macht mir Kopfweh, weil ich überhaupt jetzt nichts so sehr als Deutlichkeit und Klarheit liebe, so reizend mir sonst öfters Dunkelheit, Verworrenheit und Undeutlichkeit dünkte. - Keine andre Wohnung habe ich noch nicht finden können; alle sind häßlich und teuer, und die andern sind mit ihren Wohnungen noch weit unzufriedner, wie zum Beispiel Heise und die M. Kalm, die ich habe kennenlernen. Sie hat in ihrem Gesicht einen Zug von Gemeinheit und von großer Festigkeit, zeichnet schön und spricht sehr gebildet und sicher. Ihr Kind ist lieb. Alle sind nach meiner Wohnung lüstern, vorzüglich Schwarz, der schon Pläne macht, eine Küche anzubringen. Schick mir eine Anweisung auf 50 fl. an Loos, damit ich die Fr. Registratorn bezahlen kann; doch will ich mir das Geld, wenn sie es nicht verlangt, erst zu Weihnachten von Loos auszahlen lassen. Hier ein Brief von dem Kölner Bücherwurm, ich kannte die Hand und öffnete den Brief, wenn vielleicht etwas Eiliges darin gewesen wäre. Auch kam ein groß Packt Bücher an Dich adressiert, dessen Fracht ich bezahlt habe. Leb wohl, ich liebe Dich, nicht wie immer, sondern anders. Wie freu ich mich auf Deine Briefe!

Von Hulda sehr herzliche Grüße, sie hat Dich sehr lieb.


An Sophie

7. 9bre Abend 11 Uhr 1804, Gotha.

Liebes Weib! Morgen früh um fünf Uhr fahre ich aus dem Hause Deiner und nun auch meiner gütigen Freunde nach Leipzig, ohne nach Weimar oder Jena zu kommen, ich habe unsägliche Liebe bei Geißler genossen, er war den ganzen Tag mit mir zusammen, ja er bediente mich beinahe wie ein Diener, es rührt mich sehr, daß er mich zu lieben scheint. Nie habe ich Menschen gesehen, denen ihr Überfluß so überflüssig ist. Sein Unglück ist unstreitig, daß er ohne Enthusiasmus und eigentlichen wissenschaftlichen Sinn ist, die Langeweile plagt ihn. Er will nun den Winter auf mein Anraten den Tristan studieren, vielleicht freut es ihn, und er hilft, daß die Gothaer poetische Manuskripte gedruckt werden. Er hat immer noch großen Lust, nach Heidelberg zu ziehen und besonders nach Neuenhein, auch sie wünscht es, es wäre dies für uns sehr vorteilhaft und ihm, wenn ich ihn zu irgendeiner Unternehmung bewegen könnte, wornach er sich sehr sehnt, auch sehr wohltätig. Alles kömmt darauf an, ob er sein Haus gut los wird. Ich bitte Dich, in der Stille ihm auch zuzureden. Geißlers Kinder sind allerliebst, und die Frau gefällt mir von Herzen in ihrer Umgebung, Du hast sie eigentlich viel zu wenig gegen mich verteidigt in Heidelberg. Ich habe überhaupt in Gotha recht glücklich gelebt, täglich war ich auf der Bibliothek, wo ich bin wie zu Hause, so ungeniert genießt man die Bücher, so gefällig sind die Leute. Ich habe eine seltne gedruckte Geschichte, die nicht sehr groß ist, drauf gefunden. Geißler läßt sie Dir abschreiben und schickt sie Dir, ich glaube, Du kannst sie gut unter Deine Aufsätze bearbeiten. Sieh, wie ich immer an Dich denke. Arnim hat mir geschrieben, wenige Worte. Schreibe mir nach Berlin, bei Baron Ludw. Achim Arnim, hinter dem neuen Packhof. Halte mich lieb, schreibe mir oft, sonst bin ich in ewiger Unruhe, denn ich liebe Dich herzlich, sieh drauf, daß Hulda was lernt, denke, wie sie Talente so nötig hat, schone Deinen Leib und mein Kind, Sophie, liebe mich, sei treu und trage Deine Seele über die Eitelkeit empor, ach liebes Weib, das Leben ist so kurz, und doch kann man so gut drinne sein, den ewigen Himmel zu verdienen. Besonders bedenke unsre Armut.

Dein treuer Clemens.


An Sophie

Leipzig am 9ten November. Abends 11 Uhr.1804.

Mein geliebtes teures Weib! gestern Morgen, ehe ich Gotha verließ, schickte ich Dir einen Brief, heute Abend, da ich in Leipzig ankomme, schreibe ich Dir noch, damit es der Kutscher wieder bis Gotha zurücknehme, weil die Post erst Montag abgeht. Viel werde ich Dir nicht schreiben können, es ist schon 11, aber daß ich Dich liebe, ist ja so viel, und Du für Dich doch oft so wenig. Du glaubst nicht, Sophie, wie leid es mir tut, von Dir hinweggegangen zu sein, es war eine Torheit, zu der Du mich gezwungen hast, in einer ewigen Unruhe bin ich Deinethalben, Eifersucht, Sehnsucht, alles plagt mich, lange bleibe ich nicht hinweg, ich fühle es schon, und es wäre auch sehr unsinnig. Ich war heute den ganzen Tag so tief bewegt und traurig, das ist nun der vierte Brief, den Du erhältst, und ich armer Schelm werde auf wenige Zeilen lange noch harren, nicht rufen, nicht verlangen wirst Du mich, nein, Du wirst mir etwa Glück wünschen, daß ich in Berlin bin, wirst Dich etwa auch in eine leere Fremde sehnen, o Sophie, wie selig ist der, nach dem man sich sehnt, nach dem man verlangt, lange habe ich nicht die innige zaubernde Begierde nach Dir empfunden, die so wie Muttermilch um das Herz leppert, ich kann's nicht anders ausdrücken, nehme es, wie Du willst. Ach liebes Kind, Du warst so auf guten Wegen, als ich Dich verließ, o laß Dich so wiederfinden, sanft, arbeitsam, gefällig, und um eins noch bitte ich Dich, mäßige Deine Begierde nach Jette, ich weiß nicht, warum ich vor einer Zusammenkunft zwischen Euch zittere, ich fürchte immer, sie könnte manches, was mich an Dir zu verändern so viele bittere Tränen gekostet hat, wieder erschaffen, verzeih, Sophie, aber ich kann nicht anders, ich meine, Du tätest besser, Dir die Zerstreuung zu machen, wenn Du kannst, nach Würzburg zu gehn, es würde auch weniger kosten; ich bin fest entschlossen, in höchstens drei Monaten wieder in Deinen Armen zu liegen, denn ich fühle mich arm und elend ohne Dich. O schreibe mir viel und weitläufig, ich werde nicht eher glauben, daß Du mich liebst, als bis Du wahre volle Briefe schreibst. In keinem Falle werde ich Deine Ordre abwarten, zurückzukommen, ich will Dir die Freiheit nicht gestatten, an mir eine kalte Tyrannin zu werden, ich werde kommen, wenn mein Herz es mich heißt, ach, und in diesem Augenblick möchte ich schon umkehren, aber ich würde mich vor Arnim schämen, ich schwöre Dir, Sophie, Du kannst nicht so Dich sehnen, nicht so lieben wie ich, ich armer, innerlich entzündeter Junge, heute schon den ganzen Weg zerreißt mich die Erinnerung an Deine verfluchte Berliner Reise mit Schmidt, bei jedem Gegenstand denke ich an Dich und daß er unterwegs in einer Stube mit Dir schlief, dann ergreift mich eine innere zerreißende Wut, es ist, als könntest Du mich betrügen, als hättest Du mich weggesandt, frei zu sein, ach Sophie! Du bist nicht deutlich, Dein Herz, Dein Sinn ist nicht deutlich, wie konntest Du nur von mir fordern, zu glauben, Du habest mit Schmidt so vor nichts und wieder nichts gereist und geschlafen, sieh, das zerreißt, nie, nie hätte ich diesen Weg gehen sollen, der meinen alten Schmerz über Deinen Leichtsinn, Deinen bösen Ruf erweckt, o Sophie, verzeihe, steh, ich ringe die Hände, indem ich dieses schreibe, ich liebe Dich, ich bin behext, aber ich bin auch sehr unglücklich, daß Du nicht aufrichtig bist gegen mich. Es ist bereits zwei Uhr, die Augen wollen mir zufallen, bis Dienstag bin ich in Berlin, 71 Meilen von Dir, aber lange nicht, ehe Du Dich versiehst, gehe ich zurück, ich bin sogar fest entschlossen, Dir vorher nicht zu schreiben, ich will sehen, ob Du vor Freuden weinen kannst, mich plötzlich wiederzusehen, halte Dich gut, liebe mich, gedenke mein, o teures Weib, die ich so innig liebe.

Clemens.


NG. ohne Wert

Ich bin durch Weimar gekommen und ohngefähr 2 Stunden dort gewesen, Vogt und seine Frau waren nicht zu Haus, natürlich um die Möbel im Schlosse zu sehen, Tieck kam zu mir, seine Schwester ist noch in W., ich sah sie nicht, auch die Alberii ist dort, nach Hamburg zurückzukehren, Möller nebst Frau sind nach Münster zu dem katholischen Stolberg, bei der Ahlefeld soll's die alte Leier sein, sie klagt, von Dir nicht zu wissen. Als ich durch Weimar fuhr, war alles voll Ankommender zu dem Ankunftsfest, bei dem Schlosse war ein Triumphbogen für 3000 Rth. gebaut und bis Auerstädt noch 4 andere von Tannenholz, alle Soldaten, alle Förster sind beisammen, ich begegnete sie bei Naumburg. Ich schrieb Dir dieses, weil ich weiß, daß Neuigkeiten Dich freuen, der Rat Beker aus Gotha, von Wien kommend, begegnete mir in Weißenfels, er hatte einige Male mit Franz und Tonie gegessen und grüßt. Tieck sieht noch elender aus als sonst, war aber himmlisch freundlich und froh, mich zu sehn, er wohnt jetzt im ehemaligen Quartier der Imhof. Der Herzog von Gotha hat jetzt den Maler Grassi bei sich, der ihm alle die Personen zu einem Roman malen muß, an welchem er noch arbeitet. Grüße alles, schreibe mir auch alles, was Du weißt, und vergiß das Datum nicht. Sophie, o wäre ich bei Dir, o könnte ich Dich umarmen. Ach, auf Erden ist keine vollkommene Erwiderung, drum wirst Du im Himmel erst recht mein sein müssen.


An Sophie

[Berlin, den 14. November 1804.]

Geliebtes Weib!

Dienstag, den [13.] November, also gestern Morgen, bin ich in Berlin angekommen. Mein und Arnims Wiedersehen war rührend für beide, ich kann nicht sagen, wie mir zumute, er ist immer noch derselbe, nur durch seine Krankheit wenig magrer. Er hat zu meiner Ankunft expreß ein weiteres Quartier gemietet, vier Stuben im Levischen Hause parterre hinter dem neuen Packhofe. Er hat alles Geräte für mich eingekauft wie für eine Frau, wir haben uns recht lieb, nichts betrübt mich manchmal, als daß ich mich nicht recht herzlich freuen kann, weil ich immer denke, daß Du so allein bist. Arnim möchte gar gerne, Du kämst auch noch zu uns und zögst mit uns zusammen, auch ich freute mich, aber die Ausführbarkeit ist so schwer, und es könnte unsre Umstände verwirren, doch ist der Plan noch nicht aufgegeben, und es ist sehr möglich, daß wir plötzlich kommen und Dich entführen, es ziemte sich nicht, in den ersten paar Tagen darüber deutlich zu reden, kurz, Arnim zweifelt sehr dran, wozu er auch ein großes Recht hat, daß ich auf längere Zeit von Dir entfernt fröhlich sein könnte. Denn ich muß wenigstens nächster Tage kommen und fühlen, ob mein Kind unter Deinem Herzen hüpft, ich muß gewiß bald wiederkommen, denn Du wirst mir nicht genugsam schreiben. Was meine poetischen Wünsche angeht, so ist Arnim zu allem sehr geneigt, wenn ihn nur nicht das unendliche Quellen eigner Produktion daran stören mag. Die Zahl seiner auf seinen Reisen geschriebenen originellen seltsamen Lieder macht (es klingt lächerlich, aber bloß, weil es wahr ist) einen tischhohen Stoß Papier, man erschrickt, wenn man nur ihre Menge sieht, und fürchtet, daß er sie herausgeben möge, um auf hundert Jahre Verse genug zu liefern. Seine persönliche Lage ist so, ohne Eltern teilt er sich mit seinem Bruder in die Güter, die, wenngleich groß und bedeutend, doch wieder sehr verschuldet sind. Er will mich nächstens mit auf eines nehmen, wenn er Gerichtstag hält, es liegt bei Dresden, das heißt, ohngefähr 10 Meilen davon. Ich habe den Onkel Carl hier aufgesucht, bei dem ich in Schönebeck war, er haust hier und war nebst seiner sehr lieben Frau recht gütig gegen mich. Er hat mir seinen Tisch angeboten, wovon dann und wann Gebrauch machen werde, er ist auf die Großmutter nicht allzu gut zu sprechen. Eine Frau Schwester, die er bei sich hat, und von der ich immer viel Gutes gehört, ist ein sehr charaktervolles, freundliches Mädchen, die einen sehr geselligen Eindruck macht, sie ist ohngefähr 25 Jahre alt und ist eine neue Tante, die ich noch nicht kannte. Übrigens sehe ich hier recht, wie unnütz mir vieles Reisen sein würde, denn ich habe auch gar keine Freude an dieser sozusagen schönen Stadt, man verliert nur mehr Zeit, durch die Gassen zu gehen, und der Wind weht einem an. Das Brandenburger Tor ist sehr schön, aber es ist mir, als halte es die Stadt nicht recht warm, und der Wind weht herein, auch ist es zu hoch für die hiesigen Grenadier und zu niedrig für die Vögel aller Welt. Es ist alles sehr teuer hier, man fürchtet eine Hungersnot. Seltsam ist es, daß ich niemand besuchen mag, selbst zum Theater habe ich keinen Lusten, ich lese Arnim den Schelmuffsky und den Tristan vor, die ihn entzücken, er will den Tristan bearbeiten, und ich hoffe beinahe vortrefflich, A. W. Schlegel hat ihn auch schon begonnen, aber sehr süß und geschniegelt, wie ich höre. Ziebingen, wo Tieck bei Burgsdorf wohnt, ist ohngefähr dreizehn Meilen von hier, wir wollen ihn nächstens besuchen. Alles das kömmt Dir wohl recht beneidenswert vor für mich, aber ich will Dir nicht verhehlen, daß mein Herz sich ohne Dich und jene Einsamkeit, nach derein Ideal ich strebe, in Sehnsucht krankt. Ich schäme mich nicht, es Dir zu sagen, daß ich es nicht der Mühe wert fühle, Menschen kennenzulernen, wenn man welche kennt und liebt, und ich kenne Dich und liebe Dich, wenn auch manche Narbe in Deiner Seele ihre volle Anmut beschränkt, so bist Du mir doch und wirst mir ewig bleiben die höchste Annäherung an jenes Weib, das ich in Dir gesehen, wie (um in der Ferne meine Begierde wenigstens wörtlich zu erfüllen) eine gewisse Narbe in Deinem Leib alle seine Anmut umschränkt, welche mir ist und ewig sein wird die süßeste Annäherung an jenes Weib, das ich in Dir geküßt.


[17. November.]

Heute ist schon Sonnabend, ich habe aus Unwissenheit eine Post versäumt, wahrhaftig, es ist keine Vergessenheit, stündlich denke ich und Arnim Deiner, der überhaupt mein ganzes Berlin ist. Wir sitzen viel beieinander und sinnen über guten Plänen, aber es ist schwer etwas auszuführen. Im Mondschein hat Berlin etwas sehr Reizendes, die Architektur wird dann so herrschend über das Nützliche in ihr. Gestern hat mich Laroche mit in das Haus des Geheimen Finanzrat Rosenstiel genommen, der über die Porzellanfabrik ist, er ist ein alter Freund von der Larochischen Familie, ich habe dort zu Nacht gegessen, dieses Haus soll, wie ich nachher gehört habe, den wahren superfeinen Berliner Ton haben, ich habe nichts davon gemerkt als eine wunderliche, unbefangne Geschwätzigkeit im feinen Stil von seiten der Töchter, die mich etwas anekelte, alle diese Leute können doch bei der Gundel in die Schule gehn. Ich habe wieder in dieser Gesellschaft eine rechte Freude an der obenerwähnten Schwägrin Larochens gehabt, ich habe wenige Frauenzimmer gesehen, die so durchaus wohltätig in der Gesellschaft erscheinen, sie hat in ihrem Ganzen etwas Ähnliches mit Claudine, nur ohne die Schwäche dieser, auch hat sie mehr sogenannten Verstand, und in Claudine ist das Kindische überwiegend, ich glaube, Du könntest sie recht lieb gewinnen. Was die unverschämte, sich gewissermaßen gar nicht über sich selbst verwundrende Unzucht dieser Stadt betrifft, nur folgendes Beispiel, neben beiliegender artiger Satire auf Merkel, der hier in allgemeiner Verachtung lebt, hing an dem Fenster eines ordentlichen Buchhändlers öffentlich ausgehängt die Abbildung der nackigten Madame Baranius, jetzigen Ritz, in bunten Farben schön gestochen, die die Beine auseinanderreißt und die geheimsten Teile in schändlicher Deutlichkeit zeigt, mit der Unterschrift, die göttliche B. Die Frau des Buchhändlers legte sie mir nebst andren Blättern, ohne sich zu schämen, hin, und ich begab mich indigniert von dannen. Von Merkel folgende wahre Anekdote. Einige Gendarmoffiziere hatten sich vorgenommen, ihn bei der Table d'hote so lange allerlei Wortspiele, Merkel Ferkel, hören zu lassen, bis er grob würde, und ihn dann zu prüglen. Der Wirt, der es erfuhr, warnte Merkeln deswegen, und dieser begab sich deswegen sogleich zum Stadtkommandanten von Götz, der sehr, grob ist. Mein Herr Kommandant, einige Herrn Gendarme wollen mich prüglen. – Haben Sie die Prügel schon? – Nein, morgen soll's geschehen. – So, dann kommen Sie wieder, wenn Sie geprügelt sind, und ich will Ihnen Satisfaktion schaffen. – Die Sache ist wörtlich wahr und lustig, Doktor Loos wird nicht verfehlen, sie an le Pique und Wedekind zu melden. Bei Hufelands war ich noch nicht, will aber nächstens hingehn. Apropos, was Deine Unternehmung bei Willmans angeht, wünscht Arnim, Dir dann und wann einige Beiträge schicken zu dürfen, er hat eine Menge kleiner Erzählungen und Lieder, die Dir recht willkommen sein könnten, und es erleichtert Dir Deinen Gewinn und ziert Dein Buch. Er will, wenn Du es begehrst, seinen Namen dazusetzen, überhaupt kann es so eine Zeitschrift gewissermaßen werden, ich denke, das wird Dir lieb sein, und ich bitte Dich, Deine Einwilligung bald zu schreiben, wie überhaupt zu schreiben; dies ist nun mein 5ter Brief, und keine Zeile, bedenke doch meine Sorge, ob Du nicht krank bist, o Sophie, erkalte die schöne freundliche Gesinnung, die Du mir in den letzten Tagen so wohltätig bewiest, nicht in Dir. Sollte dann und wann meiner Feder etwas entfließen, was Dich schmerzte, so verzeihe mir's, sei meiner unendlichen Liebe versichert, die schriftlich in ihrer Begierde sich ganz zu entwicklen oft undeutlich und sich selbst schädlich erscheinen mag. Schreibe mir ja, sobald Du Leben unterm Herzen fühlst, o ihr glücklichen Weiber, die ihr doppelt leben könnt. Teures, geliebtes Weib, werde, sei eine gute Mutter, sei meine gute Gattin, zwinge mich, den Moment zu benedeien, der mich Dir vereinte, ich weiß nichts mehr von allem Schmerz, nur die liebende Erinnerung ist mir geblieben, Du sollst mich wiedersehen wie einen neuen, feurig liebenden Jungen. O lasse Dein treues Herz eine Wohnung treuer Sehnsucht nach mir werden, wie es das meinige zu Dir ist, laß Deinen Schoß eine Wiege meines Kindes sein und einen dürstenden Becher nach meiner Umarmung. O könnte ich Dich izt umfassen, könntest Du in mein Aug sehn, mein Herz fühlen, die Lippen, den Leib den meinigen verbinden, o Sophie, sehne Dich in treuer, keuscher Liebe, verschenke mir keine Rede, keinen Blick, und glaube, daß ich es verdiene, es ist süß, ja wollüstig, treu zu sein und es zu fühlen. Schreibe mir auch bald von Deiner Wohnung, Deinem Auskommen, o lasse mich nicht länger so ausgestoßen sein aus Deiner Nähe. Hast Du das Geld, die 4 Carolins von Würzburg, erhalten? Grüße Hulda, sorge für ihren Unterricht, bedenke, daß sie arm ist und von ihren Talenten ein großer Teil ihres Glücks und Deiner Ruhe abhängt. Ich lebe im ganzen hier wie in Heidelberg, so einfach, alle Woche sollst Du einen Brief von mir haben, mache es auch so wie ich, schreibe mir täglich einige Zeilen, sieh, jeder Tag, an dem ich nicht etwas für Dich getan habe, ist mir ein Gewissensbiß. Du hast ja Zeit, schenke meinem Andenken täglich einige Minuten, da Deinem ich Stunden schenke.


An Clemens

[Heidelberg] den l2ten 9br. [1804]

Ich träume oft von Dir, ohne gerade an Dich zu denken; doch ist dies wohl das eigentlichste, tiefste Denken. Aber fast immer seh ich Dich mit schönen Frauen, mit denen Du sehr intressante, kleine Romane spielst. Zwei waren besonders lebhaft. Die eine hieß Jeannette und war eine Abenteurerin, eine schöne Sünderin, wie Du sie liebst. Sie war bei Dir unter mancherlei Verkleidungen, und Du machtest mir ein Geheimnis daraus, bis ich es endlich erfuhr und aus dem Haus lief, Deiner Falschheit wegen. Die zweite war eine schöne, kokette Frau aus meiner frühern Bekanntschaft, sie war sehr zärtlich gegen Dich, Du fuhrst die ganze Nacht mit ihr spazieren, und am Morgen frühstücktet ihr in einem schönen Garten, wo mir ein kleines Mädchen Euren Aufenthalt verriet und mich heimlich hinführte. Ich sah Euch sitzen, Du schienst kalt und zerstreut, doch wußte ich nicht, was Du dachtest, welches mich sehr ärgerte, da ich doch bei diesem Spiel Spieler und Zuschauer zugleich war. Genug vom Träumen! Ich gehe sehr oft spazieren, und die Gegend gefällt mir jetzt besser als jemals. Alles sieht so ehrlich aus; die Berge haben ihren täuschenden grünen Schmuck abgelegt und zeigen ihre wahren Gesichter, alle Felsen heben frei ihre braunen Häupter empor, und nur der gediegne Efeu saugt seine geheimnisvolle Milch aus ihren steinernen Brüsten. Zwischen durch laufen die frischen, kindischen Wässerchen und breiten, so weit sie nur mit ihren Ärmchen reichen können, einen wundergrünen jungen Teppich aus. – Meine Arbeiten rücken fort, und ich arbeite fast immer mit vieler Lust. Die Erzählung ist zu Ende, ich habe sie Kreuzer vorgelesen, und sie schien ihm sehr zu gefallen. Er sagte, er sei sehr überrascht, sie so sehr schön zu finden, er habe das nicht erwartet. – Wenn ich alles recht gut mache, so weiß ich auch, daß mir Dein strenges Gewissen noch den Tristan zugesteht. Es hat ihn doch keiner so lieb wie ich und – versteht ihn auch niemand so gut. Sag mir, hast Du denn die Fastnachtsspiele und den Sternbald mitgenommen?

d. 13ten.

Ich habe Deinen letzten Brief aus Gotha; die Nachricht, daß Geißlers noch herzukommen gedenken, hat mich sehr erfreut. Er selbst hat mir deshalb geschrieben. Verlaß Dich drauf, daß ich alles, was in meinen Kräften steht, zur Ausführung dieses Entschlusses beitragen werde. Es war mir gar zu lieb! Mit Neuenheim ist es nichts. Ich habe Nachrichten eingezogen; alle Häuser sind schlecht eingerichtet, von Holz gebaut, ohne Grundstücke, und selbst die Lage, des Wassers wegen, der Gesundheit nicht zuträglich, auch ist jetzt keines verkäuflich. Doch sind wohl andre schöne und nahe gelegene Güter zu kaufen, ich werde deshalb Nachrichten einziehen, aber mein Wille ist, Geißler zu bewegen, auf jeden Fall hieherzuziehen und sich dann anzukaufen; für eine gute Wohnung will ich ihm schon sorgen. Ich selbst habe noch keine andre Wohnung, doch hat mir die Fries noch Hoffnung gemacht. Sie war einigemal bei mir, es ist ein muntres, freundliches Weib, die oft ein recht holdes Wesen, nur leider ein paar Dutzend Ideen zu wenig hat. Indessen bin ich jetzt recht froh, in diesem Haus zu wohnen, das seines stillen, ehrbaren Ansehens wegen sehr für mich paßt und mir vorzüglich seiner dicken, wirtlichen Mauern und seiner sichern, stets verschloßnen Türen wegen sehr gefällt. Die ersten schützen mich vor Winden, die zweiten vor Dieben, von denen man hier häufig hört. Der Rudolphi sind mehrere hundert Gulden gestohlen worden. Auch ist unsre ehrliche Wirtin noch gefälliger gegen mich als sonst. – Schreib mir doch von dem Befinden Deines schätzbaren Beines. Du weißt nicht, wie es mich intressiert und was für Folgerungen ich aus seinem Gut- oder Übelbefinden zu ziehen wissen werde.

d. 17ten.

Soll ich weinend oder lachend auf Deinen letzten Brief antworten? – einen größern Don Quichotte wie Dich trug gewiß nie die prosaische Erde! Zu Hause sitzt sein treues Weib, liebt ihn, lebt eingezogen, arbeitsam trägt ihn in und unter dem Herzen und ist ganz zufrieden – er reist ganz lustig durch die Welt zu einem geliebten, wunderholden, einzigen Freund, er könnte ganz ruhig und glücklich sein, aber weil er nun gar nichts weiß, ihm gar nichts fehlt, so kämpft er gegen Windmühlen und trägt sich mit den unwesentlichsten Grillen! – Ich bitte Dich, nimm doch das Gute wahr das Dein ist, es nicht genießen, ist auch Sünde, und bekämpfe diesen unbeschreiblichen Hang, stets nach dem Fernen Dich zu sehnen. Diese ewige Sehnsucht gehört nur Gott. – Meine Liebe, meine ich, müßte Dich umgeben wie ein warmes, weiches Kleid, das Du überall mit Dir trägst und in dem Du Dich wohlbefindest, aber es scheint, als bedürfe Dein Gefühl, um zu fühlen, öfters einen Reiz, der wie spanische Fliegen Blasen zieht. Du bist es, nicht ich, der ewig nach der Fremde trachtet. Deine Begierde nach mir ist eben das, was Du oft bei mir empfunden, was Dich jetzt zu mir zieht, zog Dich oft von mir weg, es ist ein allgemeines Gefühl, eine stetes Sehnen nach dem Entfernten, das mich eigentlich insbesondre gar nichts angeht. Ich bitte Dich, lieber Fremdling, komm doch endlich einmal nach Hause, Du bist stets nicht bei Dir, und es ist so hübsch bei Dir; versuch es nur und komm zu Dir selbst, Du wirst die Heimat finden, sie lieben und dann immer mit Dir tragen! –

Es ist wahr, ein Gefühl ist in mir, ein einziges, welches nicht Dein gehört. Es ist das Gefühl der Freiheit. Was es ist, weiß ich nicht, es ist mir angeboren, und Du verletzest es zuweilen. Verteidigen kann ich es nicht, denn wer sich verteidigen muß, ist nicht frei; betrügen kann ich nicht, denn Betrug ist Zwang, kannst Du es also mehr schonen wie bisher, so bin ich zufriedner. Von meinem Leben kann ich Dir nichts schreiben, es ist einfach und arbeitsam; es wär unmöglich, daß ich so viel arbeiten könnte, wenn Du hier wärest. Hulda war einige Tage und Nächte sehr krank an heftigem Husten. Doktor Loos, der täglich zu mir kömmt, hat sie sehr gut behandelt, und sie ist jetzt fast ganz hergestellt. Er ist auch jetzt Arzt im Hause der Rudolphi. Er grüßt Dich wie auch Kreuzer.

Wegen Jette folgendes. Es ist jetzt mein wichtigstes Geschäft auf der Welt, für das neue zarte Leben in mir die größte Sorge zu tragen. Ich bin fest entschlossen, es die ganze erste Zeit über bei Tag und Nacht in keine fremde Hände zu geben – denn ich weiß, was mich noch jetzt für Vermutungen wegen des armen Ariels, an den ich jetzt oft denke, quälen, und wie schlecht ich jede erkaufte Pflege, auch die bezahlteste, gefunden habe. Ich selbst möchte von keinem Mietling Dienste empfangen, und Jette ist die einzige treue Seele für mich auf der Welt, die mir das alles gern leistet, von der ich es gern annehme. Kann ich also von meinem Erwerb ihre Reise bestreiten, so laß ich sie kommen, wenn sie kommen kann, und ich weiß, Du wirst es billig finden und diese mir so nötige Einrichtung auf keine Weise stören. Doch habe ich ihr noch nicht deshalb geschrieben.

Nun lebe wohl, mein Kind,
Dein Sinn sei leicht wie Wind,
Dein Lieb sei schwer wie Gold,
so bin ich stets Dir hold!


An Sophie

[Berlin, den 20. November 1804]

Teures Weib, ich habe gestern, den 19. November, Deinen geliebten Brief vom 2ten erhalten, stelle Dir vor, wie langsam die Post geht, und dafür mußte ich 14 Ggr. Porto zahlen. Vorgestern, den 18ten, schickte ich Dir einen Brief, frankiert bis Duderstadt, wofür ich 6 Ggr. gezahlt, und diesen heutigen will ich sehen über Erfurt zu senden, indem ich ihn an Geißler einschlage. Daß die Briefe so lange unterwegs bleiben, macht mir sehr bange, stelle Dir vor, Du würdest krank, so könnte ich gar nicht schnell zu Dir kommen, dieser Gedanke quält mich sehr, besonders, da man stark vom gelben Fieber redet, das bereits an einigen deutschen Orten sein soll. Wenn nun bei irgendeiner solchen Vermutung eine Briefsperrung oder ein wirklicher Kordon sollte gezogen werden, was auch sehr leicht bei irgendeinem ausbrechenden Kriege geschehen könnte, so wäre es leicht möglich, daß ich ganz von Dir getrennt würde. Ich habe daher eine stete wunderbare Angst in mir und sehne mich immer nach Deiner Nähe. Ich schwöre Dir, daß ich seit meiner Abwesenheit von Dir noch keine Stunde zugebracht habe, ohne an Dich zu denken, Du weißt selbst, wie einig wir in der letzten Zeit gewesen, mir war, als hättest Du Dich mir genähert, Du warst freundlich und tätig um mich, und weiter habe ich ja nie mehr gewünscht. Heut nun gar ist gar keine Rast in meinem Herzen, ich sitze zu Haus und möchte Dich immer rufen und umarmen, das Beste gefällt mir nicht, denn Dein Brief hat mich weinen gemacht. Du schließest, ich liebe Dich nicht wie immer, sondern anders, das ängstet mich sehr, ach, wie liebst Du mich denn, wie anders, wie hast Du mich denn geliebt? Ich werde ganz verzweifelt, wenn ich solche Worte höre, die mir wie Musik tönen, denn sie kommen aus geliebtem Munde, aus Deinem süßen, küssigten Munde, aber ich weiß nicht, wie es Dir dabei ums Herz ist, weiß nicht, ob Du still nach mir verlangen kannst, ob ich, von Dir unsichtbar gezogen, zu Dir zurückkehren werde oder ob es der ewige Wahn ist, der mich treibt. Sage, wie ist dies nun, beglücktes Weib, denn zu Dir ist viel Liebe in meinem Herzen, wie ist es? daß ich hier nicht glücklich bin, nicht in Jauchzen und Freude, wo ich einen fröhlichen, muntern Gesellen habe, geistreich und Lieder voll, wie es keiner ist, daß ich nur nach Dir mich sehne, als hätte ich Tristans Liebestrank getrunken. O Sophie! diesen Bann zu Dir hin, mit allem seinen Kampf, mit seiner ganzen bittern Süßigkeit, ich muß ihn ehren, es ist die höchste Gottesgewalt, die mich je ergriffen, sage, warum ist mir nicht auch ein solcher Liebreiz gegeben, daß Du meiner verlangen könntest. Warum muß ich nur sehnen und bin unersehnt. O laß dieser meiner großen, traurigen Liebe zu Dir eine Ruhestätte in Deinem Herzen, die nie kein fremder Gedanke betrat. Gönne ihr ein reines, einziges, vertrautes Kämmerlein in Deinem Gemüt, durch meine Liebe dieser Liebe erbaut. Zürne keiner Rede, keiner Härte, keiner Wankelmut, die Treue wohnt tief in meiner Brust, was ich fühle, was mich brennt und drängt, Du magst es kühnlich Zauber nennen, Zauber zu Dir hin, Begierde nach Dir, ewiges Verlangen, Deine Seele in mir in Liebe neu zu gebären, und ob es gelingen mag? will ich nicht fragen, sollst Du nicht fragen – was mag gelingen? an allen Grenzen steht der Tod, o lasse in Deinen Armen, treuen Armen mit frommer Gesinnung mich entleiben, ich weiß auf Erden keine Rettung als in Liebe, ich weiß keine Liebe für mich als in Dir, wer mag nochmals durch tausend Mißverständnisse mit mir wandeln, wem mag von neuem mit neuer Qual ich alle Worte sagen. O Sophie, laß alle Liebe, alle schwere Herzensarbeit nicht verloren sein, sieh, ich bin ja unerschöpflich an Milde, in Härte schöpfe ich nur Atem zu neuer Liebeslust, drum sei gütig, könne nach mir verlangen, könne mir verzeihen und mich herzlich lieben. – Arnim läßt Dich nochmals herzlich bitten, in Deine Sammlungen dann und wann einiges von ihm aufzunehmen, er hat so unendlichen Vorrat und weiß es ohnedies nicht unterzubringen, auch hat er selbst nie Honorar von dem Buchhändler empfangen und freut sich, auf diese Art einen kleinen Beitrag, wo nicht mit dem Interesse Deines Buches, doch zu dem unsers Hausstandes zu machen. Ich dächte, Du nähmst es freundlich an und schriebst mir nächstens, ob und wieviel Du wohl brauchen kannst. Wir könnten leicht, wenn Du nicht unzu-* *-frieden damit wärst, das Ganze in ein Journal hinüberspielen, ich wollte dann auch mitarbeiten, aber nur in Deiner Nähe, denn bei Gott, hier nun gar ist keine Zeile zu dichten, zu sehnen, nur nach Dir ewig zu sehnen ist, den ganzen Tag möchte ich Dir schreiben, nur Dich möchte ich sehen, Dich nur haben, Dich nur küssen. Wenn Du wieder schreibst, schreibe auf recht dünnes Papier, recht eng und klein, damit der Brief fein dünn wird, und schicke ihn per Einschlag an Geißler, der ihn gleich zu bestellen hat, denn sonst läuft er erst durch ganz Preußen. Arnim und ich arbeiten jetzt, den Ponce zusammenzuziehen, um ihn womöglich aufs Theater zu bringen, auch haben wir einen Plan, unsre Lieder zusammen herauszugeben, den ich Dir nächstens mitteile. Reichard habe ich gestern nebst Arnim besucht, er wird die Lieder in dem Ponce komponieren, wenn es dazu kommt. Vor allem schreibe mir ausführlich, was in dem angekommenen Bücherpackt für Sachen sind und woher sie sind. Wenn Briefe drin sind, brich sie auf und melde den Inhalt, gib auch acht, ob Bücher doppelt eingebunden sind, und melde alle Titel

Deinem treuen Clemens.

Ich schriebe gewiß die andre Seite voll, wenn die Post nicht abginge, die Anweisung nächsten Sonntag.

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