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Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau

Clemens Brentano: Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau - Kapitel 12
Quellenangabe
typeletter
authorClemens Brentano und Sophie Mereau
titleBriefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau
publisherRütten & Loening
editorHeinz Amelung
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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An Sophie

[Frankfurt, den 22. Oktober 1803.]

Liebe Sophie!

Warum ist mir jene glückliche Beruhigung nicht gegönnt, welche andre Menschen nach der Tat zu empfinden scheinen, warum kann ich nie fertig werden; daß es mich nicht immer anrufe und quäle, fahre fort, fahre fort, nun sind es wenige Minuten, daß ich meinen letzten Brief wegschickte, aber mir ist immer, als hätte ich Dir noch nicht geschrieben, über meinem Herz liegt der bange Druck, den ich immer vor Deiner Türe empfand, und den Dein Anblick, Deine Liebe nur wegnehmen, Deine Kälte oder Laune nur vermehren konnte, und wenn ich Dir schreibe, so bilde ich mir doch ein, als suche ich mich von den Schmerzen meiner Sehnsucht zu erholen, wenn es mir gleich nie gelingt. Ich habe Deinen lieben Brief wieder gelesen, so etwas zerreißt. Wenn zwei Liebende vertrauliche Nähe vereinigt, o dann mögen Worte, Küsse, Gebärden sprechen ohne Zahl, der Tiefsinn aller dieser ewgen Zeichen löst sich in der Begegnung süßer Antwort, und sie gleichen wunderbaren Geistern, die in erdichteten Elementen zur Lust sich in der süßen Bangigkeit phantastischen Schiffbruchs gefallen, untergehen in dem Elemente der Liebe, wie ist's süß, und doch ist's süßer noch, in künstlichem Kampfe mit verhaßtem Lieben schweben, die süßen Reden, Küsse und den ganzen Reichtum lebendig schöner Seelen werfen sie wie Schätze, die durch ihr Gewicht gesündigt, über Bord und verlassen, Verwirrung heuchelnd, Steuer und Segel, ihr Götter, habt Erbarmen, rettet uns, so rufen sie, doch wohl nicht zu des Landes, zu des Himmels Göttern, euch wunderbaren Herren der Untiefen gilt ihr Gebet, zerbrecht des Schiffes engen Raum, zerreißt die Segel, nieder, nieder, alles ist Schranke, und wie sie eitel sind, sie wollen überwältigt sein, und freier Wille kröne doch die Tat, ach, selbst der Leib ist schwer, zieht zu dem Untergang das Schiff, und von dem Kiele nieder springt das kühne Paar, mutwillig Lächeln äffet Todesangst nach, und selbst das Element, das ihnen untief schien, wird solchen kühnen Spöttern seichter Grund, die Tiefe hebt sich, nieder dringt die Flut, auf weichem Rasen, zwischen Blumen halb entseelt, ruht Liebchen und Geliebter sanft zum Strand gehoben, in Liebesaugen sieht sich Liebe gern, o neues Leben, schöner Untergang, o Lust, zu solchem Verderben ewig wiederkehren! Doch durch der Ferne dunkles Sprachrohr klingt ein jedes Liebeswort wie Feuerruf, gebunden bin ich fest, und ach, mich liebet dort fern von mir ein schönes mildes Weib, mit seiner Kette schlägt betrübt den Takt im tiefen Turme gefangen der Liebende zu dem sehnsuchtsvollen Lied des Liebchens, das durchs Fenster klingt, o Sophie, Du bist fern von mir und liebst mich, kannst Dich nach mir sehnen, würdest mich umarmen, wenn ich bei Dir wäre, und soll ich fröhlich sein, da alle Freude fern ist, alles Glück, soll ich lebendig sein, da fremde kalte Mauern nicht mein Arm umfaßt, was ich mehr begehre, als Ruhe in dem Tod, ach, jedes Liebeswort wird in der Ferne zu einem schön gehaunen Sarkophag versäumten Lebens, und aus den Steinen, die sich liebend um mich drängen, steigt endlich um das Leben einmauernd ein kalter Turm, o doppelt schreckliche Gefangenschaft bis auf den Tod, wenn meines Kerkers Wände himmelblau, und grüne Wälder lügen, was ich vermisse, muß ich sehn und hören, und was ich seh' und höre, muß ich vermissen, soll ich nicht traurig sein, da Du schon mein bist, ohne Dich zu sein, und jegliche Minute tötet mir eine Minute voll ewger Lust. Ich kannte eine Zeit, wo ich die Stunden freudig niedersinken sah, denn einsam auf der Erde war jede Minute mir ein Schritt zur Hoffnung in das bessere Leben, und jetzt, da mir mein Himmel vor dem Tod beginnt, da mir die Seligkeit, wie die Gesandten einer überwundenen Stadt dem Sieger, des Himmels Schlüssel diesseits reichen will, jetzt trennen lumpichte Meilen mich von Dir, und jede Stunde mordet mir eine Freude, ach, und keiner weiß, was den Feldherr so betrübt, die Stadt ist's nicht, die ihn so mächtig zieht, der ihm die Schlüssel bringt, es ist sein Freund, sein Bruder, Vater, Gott, sein Weib, sein Leben, und ehe er sie in seine Arme schließt, glaubt irdscher Sinn nicht an die Seligkeit, ehe ich Dich nicht habe, fasse, liebe, nie mehr Dich entbehre, bist Du nicht mein, bin ich ein elender unseliger Mensch, sonst fluchte ich Dich den Göttern und verzweifelte, jetzt brennt mein Herz in grünen Hoffnungsflammen, die Flamme schmerzt, und sieht der müde Beter gleich den Himmel sich erhellen, als wolle sich zu Gottesniederfahrt des Lichtes Pforte öffnen, so kann ihm dies doch nur ein Abendrot, der Sonne Untergang nur sein. O Sophie eile, weine nicht, wenn Du Weimar verläßt, o denke, du gingst zu Deinem Glück, laß alle Farben hinter Dir zu Grau und Schwarz werden, und vor dir denke alles freudig, bunt und froh, ich habe nie Dich so unaussprechlich geliebt wie jetzt, wir werden uns lange in den Armen liegen, wenn wir uns wiedersehen, wie werden wir stille freudig weinen, wie werden wir vieles sagen wollen und schweigen, wie wirst Du mich an Deinen Busen drücken und mir gerne sagen, daß Du mich liebst, und ich werde so bedeutend freudig gerührt vor Dir stehn, wie eine heilge Flammensäule, die sich liebend selbst verbrennt, o Sophie, Du wirst fühlen, daß außer uns kein Glück, und ohne Tränen werden wir rings um uns die Vorzeit verschwinden sehn, und Zukunft wird zur ewgen Gegenwart wie in rückwärts führenden Irrgängen der Lust gefangen sein. Nur in der Ruhe, in harmonsche Kräfte bildendem Verein ist ein Verweilen, nur in dem Streit, in unergänzten Lebens brennender Begierde ist ein schmerzlich müdes Eilen, vier Arme können nur das Leben fangen, vier Arme, die sich innig treu umschlangen, ach, Sophie, auf jede Frage bedarf es ja nur einer Antwort, die die Frage aufhebt, um einen neuen Gedanken hervorzubringen, und es ist so etwas Ungeheures um einen neuen Gedanken. Es gibt ein Gefühl, daß uns die Jugend begleitet, ein zartes, frohes, unschuldiges, unendlich holdes Gefühl, es ist, als legtest Du Deine Hand auf das schlagende Herz eines schlummernden Kindes, solch ein Gefühl gibt mir oft der Gedanke an meine Liebe, solch ein Gefühl müßtest Du haben, könntest Du mein Wesen je ganz ungestört anschauen, aber leider schlief ich bis jetzt selten ruhig, in Deiner Gegenwart beinahe nie. Aber ich fühle es, ich werde bald in Deinem Schoße einschlummern können, hast Du doch schon an meiner Brust geschlummert, da wir von Dornburg fuhren, wenn ich da so auf Dich niedersah, war mir immer als einer Mutter, die ihr neugebornes Kind ausgesetzt hatte und findet es an ihres eignen Hauses Schwelle wieder. – Soeben kömmt meine Büste hier an, sie ist so schön, so wunderschön – – gearbeitet, daß sie ordentlich von Dir küssenswürdig – den Tieck macht. O liebes Weib, wie wirst Du mich so häßlich finden, wenn Du mich wiedersiehst, Du hast Dich nun einmal an den gipsernen Klemens gewöhnt. Betine hat sie so lange angesehen, bis sie weinte, sie nämlich und nicht die Büste – und hat sich mit ihr in ihre Stube eingeschlossen, und da ich wieder hineinkam, hatte sie die Büste mit allen ihren Blumenstöcken umgeben. Tiecks Kunst ist mir von neuem so ehrwürdig geworden, daß ich mich fürchte, ihm meinen Dank schriftlich auszudrücken, aber ich will es auch nicht, denn Betine will ihm schreiben, und die macht es gewiß gut genug. – Schreibe mir doch bestimmt, was Du von Weimar absendest, was Du außerdem bedarfst von Hausrat, Küchengeschirren und dergleichen, das könnte ich Dir von hier alles hinkommen lassen, Kaffee, Zucker, Schokolade, Tee und Wein sollst Du vorrätig finden. Wenn Du meine Büste versendest, so lasse sie Dir ja sorgfältig packen durch Tieck. So auch die Gitarre, aber eile Dich ein wenig zu kommen, Deine Bettstellen wirst Du finden, ich will sie in hübscher Form machen und weiß lackieren lassen, das ist sehr reinlich. Ich weiß nicht, ob Voigts auch über mich räsoniert haben, aber die grüße mir einmal, aber Deine Gräfin, die kömmt mir bis dato noch komisch vor, ist sie noch die Busenfreundin? O liebe Sophie, komme bald, du hast ja Geld und alle Ursache, und nichts fehlt Dir als Dein Junge

Clemens.


An Sophie

[Frankfurt, den 24. Oktober 1803.]

Liebe Sophie!

Ich habe Dir versprochen, sobald ich eine nähere Einsicht in meine Vermögensumstände gehabt hätte, Dir hierüber zu schreiben, ich habe mich in der letzten Zeit darum bekümmert und kann Dir nun mit Gewißheit sagen, daß die Interessen meines Kapitals ohngefähr 1200 Reichstaler jährlich betragen, die ich gern und freudig mit Dir teilen will, ich glaube, daß wir hiermit und dem, was wir verdienen, hinlänglich leben können, ja, daß wir uns noch bei einer vernünftigen Ökonomie eines angemeßnen Überflusses erfreuen können. Auf einen meiner Briefe, der meine dringende Bitte um unsre wirkliche Verehlichung erneuerte, hast Du mir noch nicht geantwortet, und Deine Abneigung hiervor ist das einzige, was mir mein großes Glück, das ich durch Deine Liebe, vortreffliches, geliebtes Weib, gewonnen habe, verbittert. In meinem Innern, liebes, gutes Weib, hat Deine Güte, Deine Anhänglichkeit, Deine Nachsicht eine Hoffnung hervorgebracht, welche nur in der moralischsten Verbesserung meines ganzen Wesens um Deinetwillen erfüllt werden kann. O Sophie, wenn Du in meiner Brust die unsägliche Unruhe verstehen wolltest, so würdest Du sie eine unendliche Begierde, Dich zu beglücken, Dich zu erfreuen, zu lieben nennen. Ich kann keine Nacht mehr ruhig schlafen, ewig sinne ich auf Dich, begehre nach Dir, möchte in jeder Minute mein Leben unter Schmerzen langsam verlieren, wenn Du Wollust dadurch empfinden könntest. Ich habe alle meine Begierde nach Genuß, nach Ruhe, nach Begeisterung, nach Glück auf Deine Liebe, Deinen Mut hinausgestellt. Wenn ich mein Leben bis jetzt betrachte, habe ich noch keine Freude mit Sicherheit und ungestört genossen, denn der Glaube an Vergänglichkeit selbst ist Störung. Wenn Du mein Weib nicht werden willst, werde ich immer einem Menschen gleichen, der aus Furcht, überrascht zu werden, nicht den Mut hat, sich ganz zum Bade zu entkleiden, und wenn Du mir auch vorwerfen wolltest, ich hätte, um mich mehr zu entkleiden, einigemal in Deiner Gegenwart den Leib selbst ablegen müssen, so werde ich doch fürchten, daß mir das Bad zu den Füßen versinkt, wenn Du mein Weib nicht bist und ich Dir einige gerichtliche Schwierigkeiten bei der Scheidung machen kann. Oh, gütig ist der Richter, der Dich mir ewig erhalten soll, es ist mein gutes, treues, liebevolles Herz, meine Arme sollen Dich umschlingen und festhalten, daß meine durstigen Lippen Dich nicht austrinken. Ach Sophie, dies sind keine poetischen Reden, denn ich fühle, wie das Blut in allen meinen Adern nach Dir verlangt, die Sehnsucht schlägt mich nieder, reißt mich in die Höhe, nur einen Augenblick seh ich vor mir, um diesen Augenblick habe ich bis jetzt gelebt. Du wirst mir hingegeben in den Armen ruhen und Deine Augen, Deine Lippen werden mir sagen, daß Du mich liebst, mich unaussprechlich liebst, wohl mir, daß mir die Erde lustig wird. In Dir, Du reiner, lieber Liebesbecher, wird Erde, Himmel, Gott und Kunst zum Wein, der mich in jedem Tropfen auf tausend Punkten des Genusses berauscht, dann lebe wohl, du Tod, Gedanke der Vernichtung, ich lasse gern mich überreden, das gehe ewig so. Sophie, liebe, liebe Sophie, wer hätte das gedacht, ach, jeder Fels, der schwarz einkerkernd vor uns tritt, kann sinken, der reichsten herrlichsten Aussicht schnell gesprengtes Tor, Dich habe ich, was ich um Dich litt, mein Lieben, meine blinde Raserei der Leidenschaft war nicht ohne Bedeutung, willkommen alle Rätsel, alles löst sich, und sterben heißt wohl nichts als selig werden. Mit meinen Geschwistern stehe ich jetzt recht sehr gut, Georg ist durch seine Frau so verändert, er ist nicht mehr kalt, wir haben uns alle hinlänglich lieb. Betine läßt Dich herzlich grüßen, sie hat Dich jetzt sehr, sehr lieb, sie wird ihren Briefwechsel mit mir auf Dich übertragen, sobald wir in Marburg sind. Was zu dem Geschwätze über Dich auch sein Teil beigetragen haben mag, ist der Prinz von Gotha, der hier ist und mit der Laroche und meinen Schwestern oft zusammengekommen ist. Liebes Weib, es trägt nie etwas ein, mit großen Herren bekannt zu sein. Doch diese Geschichten sind unter uns. Die Verwaltung meines Vermögens habe ich meinem Bruder Franz überlassen, von dem ich meine Intressen zu jeder Stunde beziehen kann und der sie mir überall anweisen kann, durch seine Güte genieße ich diesen Vorteil, da ich im entgegengesetzten Fall sicher bei meiner höchsten Unkunde in Geldgeschäften betrogen worden wäre. Den Winter bei einem warmen Ofen wollen wir überlegen, wo wir das Frühjahr hinlaufen wollen, und was wir nicht in der Welt, sondern vielmehr mit der Welt anfangen wollen. Ach, wenn Du mich nur recht lieben kannst, wenn Du nur recht genug an mir hast, damit ich zufrieden, glücklich, Dein, nur Dein bleibe. Wirst Du auch ohne Schauspiel, ohne Gräfin, ohne Thé littéraire den Winter durch in einer rauhen, wilden Gegend mit mir so ziemlich allein froh und glücklich sein können? O Sophie, ich fühle ein Leben in meinem Herzen und eine Freude, ein wohltätiges, liebendes Wirken für Dich, ich könnte mich zu allem an Deiner Seite entschließen, wie ich Dich ehre, liebe, begehre, so hat Dich nie ein Mensch, so hat Dich Gott selbst nie geehrt, geliebt, begehrt. Oh, ist ein Mensch glücklicher auf Erden als ich, der Dich liebt, so innig liebt, der Deiner Liebe würdig ist und dem Du in vollem Maße erwiderst. Sophie! es war uns einigemal doch recht selig miteinander im Garten im Mondschein, im Park, als ich Dich so in den Armen hielt und küßte und Du die Sterne und die hohen Bäume sahst, die Dich lieben, die Du liebst, aber doch nicht wie den Menschen, der Dich küßte, den Du gerne wiederküssest. Um eines bitte ich den Himmel nur, um Ausdauer, festes Vertrauen, stete Hoffnung in Dir, für die kurze Zeit, bis Du mich ganz erkennst, bis meine Liebe, meine Güte Dir der einzige Wert des Lebens sind. Gewiß, ich fühle es, ich werde aus Deinen Armen mein Leben nicht davontragen, ich werde, ich will, ich muß zugrunde gehen ohne Dich. O schließe mich fest an Dein treues, reges, ewig junges Herz, Du einzig geliebtes, unumgängliches Geschöpf, an Dir vorbei geht mir der Weg zur Hölle, mit Dir ist überall der ewge Himmel, ich führe eine wunderbare Rechnung mit dem Schicksal, da wir noch im Streite lebten, fühlte ich oft ein unergründlich unverdientes Leiden in meiner Brust, und plötzlich riß mich der Gedanke nieder, wie schrecklich wirst Du einst noch sündigen müssen, daß dieses Wehe von gerechten Richtern Dir bereitet sei, und jetzt, wenn ich mein Glück, mein unerschöpflich überfließend Heil wie den erschloßnen Himmel vor mir leuchten sehe, jetzt sink ich sinnend in mein Herz zurück und frage, wie gut, wie lieb, wie voll von mildem Segen mußt Du Dein Leben nun ergießen, daß das Geschick an Dir nicht zum Verschwender in Wohltat werde. Alles das hast Du in mir hervorgebracht, alles verdanke ich Dir, Du hast den rauhen, wilden Boden in Schmerz und Lust geebnet, Du hast mit Pein den Fels gesprengt, und wo kein Echo war, springt jetzt Deinem Lobe, dem Lobe der Götter und der Kunst das freundliche gesunde Ebenbild widerhallend entgegen. Kannst Du Dir ein Weib denken, das mich mehr liebt als Du, so will ich Dir verzeihen, daß Du meine Gattin nicht werden willst. Ich armer Schelm glaube so fest an Dich, daß ich mir keine andere Verbindung denken kann, Du kennst meine Ungeduld, meine ewige Unmündigkeit. Wie kann ich je mit einem Weibe leben, das die Welt nicht kennt, mit einem Weibe, das durch mich in die Welt eingeführt, in ihr befestigt werden will. Du bist mein Gatte, ich bin Dein Weib, Du nimmst mich, beherrschest mich, gibst mir ein Los, eine Geschichte. So sehr mich auch das Jüngferliche, Kindische als Anblick rührt, so ist mir die Biegsamkeit, die Unerfahrenheit eines solchen zarten Vogels unausstehlich, entweder ist ein solches Ding voll von der dummen Welt und nimmt mich, um unter die Haube zu kommen, oder sie ist eine Närrin, hält mich für ein Orakel, und das alles par force. Ach liebe Sophie, ich kenne manches solche Jüngferchen, aber sie sind alle über einen Kamm geschoren und sind aus derselben Ursache liebenswürdig, aus welcher die Weimarschen Aktricen die Jamben hören lassen, keine ist eine Virtuosin im Leben, so wie Du, höchstens sind sie korrekt, die übrigen spielen gut naive Rollen, das heißt am Schürzchen zupfen, oder sie sind stark in der Ophelia, das heißt hysterisch sein und etwas schielen. Doch glaube nicht, mich dränge nur ein augenblickliches Gelüsten nach einer festen ewigen Verbindung mit Dir, ich wäre ein niederträchtiger Mann, wenn ich meiner Begierde trauen wollte, wo es drauf ankömmt, das Leben eines herrlichen Wesens, das unendlich viel auf Erden gelitten, wieder unter der Sonne des Glücks und der Liebe neu erblühen zu lassen, nein, die Betrachtung unsers Umgangs selbst, die Betrachtung Deiner Wirkung auf mein ganzes innres Dasein bestimmt mich dazu. Das Schicksal macht keine Sprünge, meine Leidenschaft zu Dir war zu gründlich, zu mächtig, meine Liebe zu Dir hat zu sehr mehr die Gewalt eines göttlichen Bannes als den augenblicklichen Reiz jugendlicher Lüste, als daß ich nicht ewig mit Dir leben sollte. Soll über diesem Kampf, über diesem Erdbeben meines Gemüts ein bunter Schmetterling hervorschweben, nein, eine ganze Landschaft entsteht durch diese Revolution, ein See und Berge, Täler, Flüsse. Willst Du je mich wieder los geben, willst Du mich wieder leichtsinnig von diesem lieben, treuen Herzen reißen? O Sophie, wie kann die Mutter ihr Kind, das sie schon gesäugt, an eine fremde Schwelle tragen, es herrschte bei den alten Deutschen ein Gebrauch, sobald ein Kind gesaugt hatte, durfte es nicht gemordet werden; ach, laß es Dir undenkbar sein, Dich je wieder von mir zu trennen, und gebe uns beiden für das mannigfaltige Weh ein unzertrennlich beseligendes Wechselleben, und ist Dein Heiz nicht menschlich, will Dein Herz, das ich so mit ganzer Seele liebe, nicht ewig an mir hängen, so segne Gott Deinen Leib, so fasse Dich die Natur mit unzerreißlichen Banden, so werde meines Kindes Mutter und gib ihm einen Vater, willst Du seinem Vater gleich kein Weib geben. Morgen gehe ich nach Marburg zurück, wo ich Dich erwarte, von dort aus schreibe ich Dir sogleich den Namen irgendeines Spediteurs in dem Städtchen Alsfeld, dem nächsten Punkt von der Fuhrmannsstraße nach Marburg. Dich selbst bitte ich nochmals um einige Schnelle in Deinen Geschäften, auch Dich auf Deiner Reise gut zu verwahren gegen die rauhe Witterung. Du mußt Deine Sachen sehr bald absenden, da sie doch wenigstens mit Dir zugleich hier sein müssen, übermorgen schreibe ich Dir hoffentlich von Marburg, wo ich gewiß einen Brief von Dir finde. Lebe wohl, teures, geliebtes Weib, lebe wohl und sehne Dich nach mir und bewege Dich, komm, komm.

Dein Clemens.


An Sophie

[Marburg, den 27./28. Oktober 1803.]

Geliebtes Weib!

Mein letzter Brief von Frankfurt sagt Dir, daß ich abreiste, ich bin hier und habe Deinen ernsten, treuen Brief vom 19ten gefunden, es ist mir auffallend, keiner Deiner Briefe spricht mehr von Geschäften, keiner weniger von Liebe, und dennoch ist mir keiner so rührend, so innig ergreifend gewesen als dieser. Ach, er faßt mich, ich stehe in die Erde gewurzelt vor ihm, wie ich oft vor Deinem Hause stand, wie ich oft vor Dir stand, es ist mir, als müsse ein unbegreifliches Wohl oder Wehe da herauskommen, es liegt ein Zauber für mich in diesen Buchstaben. Sophie, was ist es, was Du mir nicht gesagt hast, wobei Du Dich der Worte bedienst – Clemens, was wirst Du sagen? – Ich habe durch diesen Brief eine Empfindung wieder erhalten, die ich ganz für verloren hielt, die Empfindung eines kindischen, süßen Erwartens, es ist so, als sollte nun der Heilige Christ zu mir kommen, das, was Du mir über Deine häuslichen Umstände sagst, ist für mich mit einer tiefen innern Bewegung begleitet gewesen, es war mir, als hätte ich in einer fremden Stadt in der Kirche und bei öffentlichen Festen mich in ein reizendes, zierliches Weib verloren, aber unwissend, wo sie wohne, gehe ich am Abend, um mich zu zerstreuen, durch den Teil der Stadt, wo die ärmeren Bürger wohnen, und da ich in ein kleines Fensterchen sehe, sehe ich sie sitzen und emsig spinnen und wirken, es ist meine Geliebte, die mir im Reichtum der Andacht, Freude und Leidenschaft so fern von allem Bedürfnis erschien, sie bemerkt mich, sie kennt mich, sie ist nicht verlegen, sie führt mich in ihre kleine Stube, und voll von dem Gefühl ihres innern Wertes teilt sie ihr schwer errungenes Abendbrot mit mir. – O Sophie, wenn ich so lese, wie Du mannigfache Sorgen hast, dann fühle ich erst, welcher Engel Du bist. Ich war gestern in Deiner Wohnung, das Ganze ist unendlich vertraulich, und ich glaube, Du wirst Dir sehr drinne gefallen, aber um eines laß mich bitten und gewähre es mir, denn nicht allein unser Verhältnis spricht für mich, sondern meine ganze Lage fordert es, Savigny wünscht wegen Mangel an Platz sehr, daß ich von ihm wegziehen möge, mich selbst drückt der zu nahe Zusammenhang mit ihm, auch sind die Ausgaben seinem und nicht meinem Vermögen angemessen, und was das Unangenehmste ist, sein Bedienter, der mich auf alle Weise betrügt, wohnt mit dem ganzen Geräusche seiner Wirtschaft dicht mit mir zusammen, so daß ich gar nicht arbeiten kann, und meine ganze Lage ist sehr peinlich, willst Du mir nicht vergönnen, mit Dir in einem Hause zu wohnen? wir sind dann ungestörter, bequemer und glücklicher, ich und Du ersparen manches, ich finde in unsrer Getrenntheit der Wohnung nur eine Affektation vor der Welt, die auf uns selbst mit ihrer Unbequemlichkeit strafend zurückfallt. Dir selbst nehme ich keinen Raum, denn ich beziehe den Teil Deiner Wohnung, der mehr als überflüssig ist, den Saal mit der Kammer nach der Stadt zu, es wäre mir unendlich leid, wenn Du mir es abschlügst, ja, es wäre mir unverständlicher und betrübter als Deine Versicherung in dem Brief, Du wollest mir die 60 Friedrichsdors zurückgeben, o Sophie, was hast Du mir zurückzugeben? Etwas, was Du mir nicht genommen, meine Ruhe, meine Ordnung, meine Freude an der Welt; für Dich selbst wird unser Zusammenwohnen mit mancherlei Bequemlichkeit verbunden sein. Deine und Deiner Magd völlige Fremdheit hier wird dadurch aufgehoben, überhaupt finde ich es schon verkehrt von mir, es zu wünschen, da es sich gewissermaßen von selbst versteht, haben wir nicht gleiche Rechte aneinander, folgst Du mir nicht im Leben, lebst Du nicht für mich, ich für Dich? Ich hoffe also, daß es Dir nichts Drückendes hat, wenn Du mich bei unsrer Ankunft in demselben Hause mit Dir antriffst, wenn wir da, wo wir absteigen, uns nicht wieder trennen. Ich wünsche, daß Du nun so bald als möglich aufbrichst, um so mehr, da die Witterung täglich schlechter wird und die Hälfte Deiner Reise hierher durch sehr rauhe Gegenden und auf bösen Wegen ist. Da ich Dir entgegenkommen muß, so wäre es vielleicht besser, wenn Du Deinen Wagen nur bis auf den Punkt des Weges mietetest, wo ich mit Dir zusammentreffe und von wo aus ich Dich mit einem Marburger Mietwagen abholen könnte, was in der Hinsicht bequemer wäre, daß der Marburger Kutscher des Weges kundiger ist, und ich werde Dir ohnedies mit einem Mietwagen entgegenkommen, da es mir die Wüste der Gegend nicht erlaubt, im Winter Tag und Nacht zu fahren. Der bequemste Ort hierzu schien mir wohl Hersfeld zu sein, das erste hessische Städtchen 6 Meilen von Eisenach hierherzu, denn bis dahin kannst Du bequem und sicher ohne anderweitige Begleitung reisen, doch alles stelle ich Dir anheim, wie Du es willst, nur meine Idee, mit dem Wagen zu wechseln, scheint mir vorteilhaft. Weiter rate ich Dir, nur das Notwendigste auf Deinen Wagen zu packen und das meiste so bald als möglich zu versenden, die Versendung von Erfurt aus mag ganz gut angehen, aber die Fuhrleute fahren nicht über Marburg, sondern nach Frankfurt, und dann lassen sie dort wieder alle Waren hierhersenden, welches ein Umweg von wenigstens zehn Meilen ist, lasse daher Deine Sachen an den Kaufmann Johannes Büking & Sohn in Alsfeld senden mit der Ordre, sie sogleich mit billigster Fuhr hierher nach Marburg An Clemens Brentano bei Obrist von Henndorf zu spedieren.

Über einen Punkt schweigst Du seit einiger Zeit ganz, es ist der unsrer Verehlichung, das, was mich am nächsten, am innigsten berührt, dies Schweigen schmerzt mich, selbst in Deinen Äußerungen über meine Auslagen für Dich liegt etwas Befremdendes für mich, betrachtest Du denn das Meinige nicht wie das Deinige? Sophie, ich besitze ja auf Erden nichts als Deine Liebe, willst Du denn mein Weib nicht sein; willst Du die Erleichterung Deines Lebens durch meine zufällige Wohlhabenheit nicht annehmen? Ich sage Dir, ich kann nicht ohne Dich leben, ich kann nicht leben als mit Dir im engsten häuslichen Verein, Du verlierst zweihundert Taler durch Deine Verehlichung, einstens wolltest Du sie gern verlieren, Du weißt vielleicht nicht, daß der Ruf einer Frau, der Ruf einer Mutter mehr als 200 Taler wert ist, meine Familie, die ich zu lieben, zu ehren mannigfache Ursache habe, ist mit der Idee dieser Verbindung vertraut, ja Georg, Marie und Betine freuen sich innig darauf, daß ich glücklich werden werde. Überhaupt begreife ich nicht, wie Du Dir Dein Verhältnis zu mir denkst, Du liebst mich, Du willst mich ruhig, glücklich und ordentlich machen, und wie kannst Du das anders, als indem Du meine Gattin, die Mutter meiner Kinder wirst, ich mache durch meinen Zusammenhang mit Savigny eine Menge unnötiger Ausgaben, ich lebe unbequem, gedrückt und ebensosehr der drückenden Nähe seines Bedienten ausgesetzt, als uns einstens Rose unangenehm war, welche sich doch wenigstens still hielt, was dieser nicht tut. Ziehe ich in eine andere Wohnung, so muß ich sicher noch unbequemer leben und habe gar keine Bedienung oder muß es mit einem neuen Diener wagen, was Dein armer Clemens sich anführen läßt, davon hast Du keine Idee. O liebe Sophie, versage mir das Obdach nicht bei Dir, Du hast ja so viel Raum, daß Du nicht weißt, wohin mit Deiner kleinen Person, die Welt weiß es ja, daß Du zu mir gehst, kömmst Du denn hierher, um Dich von mir zu trennen? O Sophie, das Leben, der Teil des Lebens, in dem man lebt, ist so kurz, laß uns unsere Freude aneinander, den schönsten Teil unsers Lebens nicht durch Ziererei noch mehr verkürzen, laß uns zusammen hausen und arbeiten, ich versichere Dich, ich werde keine Zeile dichten können, wenn Du mir ferne bist, ferne bist Du mir, wenn Dich auch nur hundert Schritte von mir trennen, und meine Nähe mit der schönen Natur ist ja das einzige, was Du hier zu erwarten hast, erschrick nicht darüber, aber es ist hier kein Weib, mit dem Du umgehen könntest, ich bin es allein und der gute, stille, wunderbare, edle Savigny. Ich erwarte also von Dir, daß Du mir die Wohnung bei Dir zugestehst, ich will Dir nur den Teil Deiner Wohnung einnehmen, den Karl eingenommen hätte, und den Du gar nicht gebrauchen kannst, die Stube und Kammer nach der Gasse. Die Idee, Karl hierher zu bereden, scheint mir überhaupt nicht gut, da ich keineswegs hier zu bleiben gedenke, sondern, wie ich Dir gesagt, das Frühjahr mit Dir zu reisen und dann ein kleines Gütchen am Rheine zu kaufen wünsche. Die hiesige Universität ist seit dem Tod und Abgang der besten Mediziner nun auch gar nichts mehr für Karl, und Savigny geht vermutlich auch in Zeit eines Jahres weg. Ich halte es überhaupt für unsere Ruhe und Zufriedenheit für durchaus nötig, unserm Umgang eine feste, bestimmte Form vor der Welt zu geben, und darum sei mein Weib oder meine unzertrennliche Genossin, das erste gibt uns Ruhe, Würde, Sicherheit und die Wohltat bürgerlichen Schutzes, das andre hängt von Deinem Willen, Deinem Mute ab, es nimmt uns manchen Vorteil und ist mir in Hinsicht Deiner Tochter, die nicht schicklich unter so freien Verhältnissen aufwachsen kann, nicht ganz lieb, doch ich stehe in Deiner Hand, mache, was Du willst, es ist mir das liebste, Du bist es allein, die Aufopferungen bringt in diesem Verhältnis, ich habe nichts zu verlieren auf Erden als Dich, nichts zu besitzen als Dich, alles liebe ich nur um Deinetwillen, o Sophie, ich fühle es, ich werde Dir eine tiefe, schöne Einsamkeit werden, ich fühle es, daß in unser Verhältnis keine Seele treten kann als wir beide, und was aus unsrer Liebe entspringt, o wie unendlich viel verdanke ich Dir jetzt schon, durch meinen steten treuen Gedanken an Dich fühle ich sich eine Milde, eine ruhige, fromme Gesinnung in mir von neuem entwicklen, mit der ich früher durch mannigfache böse Eindrücke meine Ruhe verlor, Sophie, ich schwöre Dir bei Gott, wenn ich es möglich glaubte, daß ich mich je wieder von Dir trennen könnte, so würde ich ein schlechter Mensch sein, mich mit Dir zu verbinden, dieser Schritt, den Du jetzt tust, er ist der wichtigste in Deinem Leben, Du hast alles von mir zu erwarten, ich will Dir alles geben, was ich kann, geben heißt es nicht, ach, es hat keinen Namen, lieben heißt es, küssen, ach, ich bin so brennend verlangend nach Dir, daß die ganze Welt um mich vor Begierde zittert wie die Gegenstände in der Nahe des Feuers. Die Begierde, die liebende Sehnsucht nach Dir läßt mich wenig mehr schlafen, ich spreche des Nachts oft leise wachend mit Dir, ich strecke die Arme nach Dir aus, o Du bist es, die mich heilt von allen Schmerzen, Du gibst mir alles, ich würde in wunderlichen Schicksalen unwürdig ruhmlos zugrunde gegangen sein ohne Dich. – Ich verspreche mir mit Gewißheit, daß es Dir hier sehr wohl gefallen wird, wenn Dich die Einsamkeit nicht drücken sollte, denn die Gegend hat für mich einen immer neuen Reiz behalten, und ich ermüde doch leicht an Gegenden, auch von mir verspreche ich mir viel Freude für Dich, denn alle meine Sinne sehnen sich nach Umständen, in denen ich stet und ununterbrochen als ein liebes freundliches Wesen erscheinen möchte nach einer Umgebung, in der man meine gütigen Bemühungen erkennt, nach Liebe und Ordnung. Ich habe Dir so vieles zu sagen, liebes Weib, mein Herz ist so voll, nichts mehr ergreift mich, immer muß ich an Dich denken, o wie will ich Gott danken, wenn Du bei mir bist, daß diese peinliche Unruhe der Sehnsucht mich verläßt, daß ich wieder arbeiten kann. – Bis Montag ist eine Versteigerung von Möbeln hier, worunter einige hübsche Sachen sind, die ich kaufen werde, wenn sie nicht zu teuer sind, und die ich in dem Fall, daß sie Dir nicht anstehen, ohnedies für mich bedarf. Von hier aus kann ich Dir die Woche nur zweimal schreiben, von Frankfurt aus ging die Post viermal, das ist das einzige, was ich hier gegen Frankfurt verliere. Deine Bettstellen habe ich nach beiliegender kleinen Zeichnung bestellt und werde sie weiß lackieren lassen, was sehr reinlich aussieht, für die Magd werde ich eine ordinäre machen lassen, wenn ich nicht in der Vergantung eine kaufe. Sollte es Dir hier so gefallen, daß Du unsern Aufenthalt hier befestigen wolltest, so habe ich auch dagegen nichts, wenn Dir nur wohl ist, so ist mir auch wohl, denn mein einziges Glück wird es sein, Deinem Leben zuzusehen, o wenn nur erst die Zeit herum wäre, die ich noch ohne Dich leben muß, die Erwartung lähmt mir Leib und Seele, ich sehne mich und sehne mich, und es will nicht Abend, nicht Morgen werden, o Sophie, eile Dich, jede Minute ohne Dich ist verloren, mit langsamen Schmerzen verloren, es ist so wunderlich, seit ich Dich wieder so sehr liebe, ist mir bei keinem Menschen wohl, alle andern scheinen mir dürftig, unangenehm, widerlich. Savigny ist noch nicht wieder hier, er ist am Rhein herum gereist, seine Liebschaft mit Gundel scheint mir ernsthaft zu sein, diese Liebschaft kann ich nicht begreifen, Savigny ist angeführt dabei. – Betine hat jetzt eine solche Liebe zu Dir wie zu keinem Menschen, ja, ich möchte sagen, sie liebt Dich mehr als mich, aber ich liebe Dich auch unendlich mehr als sie, Du hast nun keine Nebenbuhlerin mehr auf Erden, Du bist allein, was ich ehre und liebe, ja Sophie, ich könnte die Kunst, ich könnte alles um Dich aufgeben, ich könnte ein Handwerker werden um Deinetwillen, Du bist mir die einzige Bedingung meines Lebens, das einzige Motiv aller meiner Gedanken und Empfindungen.

Solltest Du Deine Sachen schon auf einem andern Weg direkt hierherzusenden wissen, so ist dies im ganzen alleins, auch ist es nicht nötig, daß ich hier sei, um sie zu empfangen, Savigny empfängt und zahlt sie in dem Fall, denn nimm einmal an, wieviel Zeit verlorengeht, bis ich Dir den Empfang angezeigt, da Du die Versendung noch nicht gemacht, und dann mußt Du erst noch unser Zusammentreffen bestimmen, alles das nimmt für Deinen armen, sehnsüchtigen Liebhaber eine ewige Zeit weg oder vielmehr dauert eine ewige Zeit. Ich wünsche also, daß Du mir in Deinem nächsten Brief den Empfang der 60 Louisdors, die Versendung Deiner Sachen und unser Zusammentreffen, wie, wo und wann bestimmt meldest. Savigny ist heute früh mit vielen Büchern angekommen, er läßt Dich freundlich grüßen und wünscht sehr, daß ich ihm die ganze Wohnung überlassen möchte, wenn ich mit Dir zusammenkomme, nehme ich einen armen jungen Menschen von hier in Diensten, der wunderschön zeichnet, hübsch schreibt und sehr unschuldig, fleißig und brav ist, er versteht auch etwas vom Buchbinderhandweik und wird uns viel nützen. Ich bin fest überzeugt, daß Du sehr glücklich hier sein wirst, wenn Du mich so aufrichtig liebst, wie es mir Dein lieber teurer Brief wahr und treu versichert. In meiner Bibliothek, die an seltnen wunderlichen Büchern täglich reicher wird und in der ich nächstens mehrere altdeutsche poetische Manuskripte erwarte, wirst Du für alle Deine Arbeiten reichhaltigen Stoff finden, auch an schönen Kupferstichen, zierlichen Gewändern und allen hübschen Sachen, die ich Dir geben kann, sollst Du mannigfach erfreut werden, ich habe bis jetzt auf zierliche Dinge nicht geachtet, weil ich niemand hatte, in dessen Händen sie würdig verwahrt waren, ach Sophie, wenn Du ohne einen gewissen Diamant wie eine kranke Märchenprinzessin nicht fröhlich werden könntest, ich wollte mich selbst gegen ihn verkaufen. – Noch einmal bitte ich Dich herzlich, mir zu sagen, was Dich in meinen Briefen gerührt hat und warum Deine letzte Zeile, eine gleichgültige Frage, mich in so wunderbare hoffende Bangigkeit setzt, ich wage nicht zu fragen, nicht zu raten, o liebe Sophie, schreibe gleich, schreibe bestimmt, ich lebe in der Treue, Liebe und Wahrheit Deines Briefes.

Dein               
Clemens.


An Clemens

[Weimar, etwa 28. Oktober 1803.]

Clemens, ich werde Dein Weib – und zwar so bald als möglich. Die Natur gebietet es, und so unwahrscheinlich es mir bis jetzt noch immer war, darf ich doch nun nicht mehr daran zweifeln. Meine Gesundheit, Deine Jugend, meine jetzige Kränklichkeit – ist Dir, Unbefangnen, denn nie etwas dabei eingefallen? – Ich weiß nicht, warum es mir kostet, Dir zu sagen, und doch kann ich nicht länger schweigen. – Wärst Du bei mir, so wollt' ich Dir es sagen mit einem Kuß, doch will die Feder nicht zu schreiben wagen den Götterschluß. Geheimnisvollstes Wunder so auf Erden, die Götter tun, was nie enthüllt, nie kann verborgen werden – so rate nun! denk Schmerz, Lust, Leben, Tod in Einem Wesen verschlungen ruhn, denk, daß ein ahndungsvoller Sänger Du gewesen – errätst Du's nun?

Wärst Du in Deine vorigen Grausamkeiten zurückgefallen, so war ich fest entschlossen, eine Diebin zu werden und mit Deinem Eigentum an einen Ort zu flüchten, den ich mir schon ersehen hatte, wo Du mich nie, nie wiedergefunden hättest; so aber, da Deine Briefe in schönen Zusammenhang, sich wie eine Kette von goldnen Blumen um mich geschlungen und mich ununterbrochen immer näher zu Dir geführt haben, will ich Dir Dein Eigentum zurückbringen und sorgsam bewahren. Mein Herz ist jetzt so frei, so leicht, so mutig, daß ich kaum noch weiß, ob ich eins habe – und meinen Kopf entführen mir Menschen, Geschäfte und Briefe. Ich habe diese Woche eine Menge Besuche gehabt – wie froh will ich sein, wenn ich nur Einen Menschen sehen, nur Ein Geschäft haben und gar keine Briefe mehr schreiben werde! – Ich habe Deinetwegen schon wieder Streit gehabt. Es ist sonderbar, daß auch nicht Ein Mensch ist, der nicht iDeine Talente bewundert und Deinen Charakter fürchtet. – Nur ich, ich fürchte ihn nicht; es macht mich ganz fröhlich, mich einmal so ganz allein keck der ganzen Welt entgegenzustellen. Ich werde mit Dir glücklich sein, das weiß ich; ob ich es bleiben werde, das weiß ich nicht, aber was geht mich die Zukunft an? – Kann ich nicht sterben, eh' ich unglücklich werde? – Es müßte recht angenehm sein, in Deinen Armen und von Dir beweint zu sterben – besser aber doch ist's, zu leben und sich mit Dir des goldnen Lichts zu freuen, und ich versichre Dich, im Vertrauen, ich habe den Glauben, den Mut, die Gewißheit, daß Du mich gar nicht unglücklich machen kannst.

Meine Idee nun wäre, daß ich mich mit Dir schon auf der Reise trauen ließe. Du kämest mir bis Eisenach entgegen; ich besorgte hier in Weimar alles, was mir, um getraut zu werden, nötig ist, Du tätest dies dort ebenfalls, und dann gingen wir zu dem Prediger des ersten Dorfs, um uns in seiner Kirche trauen zu lassen. Oder willst Du es lieber auf der Wartburg? – Schreib mir hierüber ganz bestimmt und mit der nächsten Post. Du hast nun 2 Briefe von mir, auf welche ich noch keine Antwort von Dir habe, dieser ist der dritte. – Ich weiß nicht, ob es Dich beleidigt, wenn ich Dich bitte, meine Gründe, nun gleich Dein Weib zu werden, jetzt vor allen andern ein Geheimnis bleiben zu lassen; es kann sein, daß es sich von selbst versteht, aber ich verstehe mich nicht genug auf die Feinheit des männlichen Takts, um dies zu wissen.

So eilet ihr Tage, mit klingenden Schwingen,
mir schnell den Erwünschten, den Liebsten zu bringen,
verschwunden sind Stunden voll finstrer Schmerzen,
nur festliche Kerzen erhellen die Herzen.

O! laßt mich nicht sterben, ich kann nicht vergehen!
Er ist es, ich habe den Liebsten gesehen!
Er ist mir erschienen in goldnem Gewande,
ein Engel, zu lösen die irdischen Bande.

Ich habe Dein Gold erhalten, wovon ich Dir den dritten Teil gleich wieder bar mitbringen werde, und Deine Briefe, die mir noch weit goldner sind als Dein Gold. Es ist sonderbar, daß meine Sehnsucht nach Deinen Briefen immer höher steigt. Die Stunde, wo ich sie erwarte, laßt mir keine Ruhe; ich bin an das Fenster gebannt, und schon in der Esplanade entdeck ich das Kleid des ersehnten Boten, das mir schöner als alle Farben der Iris schimmert. Nun hör ich seinen wohlbekannten Tritt, der mich nie täuscht, ich trete heraus und bin ordentlich verliebt in den Mann, der überdies gar nicht häßlich ist, und der, von meiner Freundlichkeit verführt, nie unterläßt, mich halb verliebt, halb schalkhaft anzublicken. – Weinen sollt' ich, wenn ich Weimar verlasse? – Wie irrst Du Dich! ich scheid' aus diesen Gründen mit freier Brust, die Liebe such' ich, weiß sie mir zu finden, o süße Lust! Was ich gesehn in früher Jugend Träumen, das holde Bild, mein harrte es, in ferner Zukunft Räumen – nun ist's erfüllt! – An Jena könnte ich wohl eher mit Wehmut denken, und hätte nicht die Liebe mich beherrscht, so wurde ich diesem armen, verlaßnen Städtchen durch meine Gegenwart – lassen Sie Ihre Spöttereien, mein Freund! – sicher neues Leben, neuen Trost gebracht haben.

– Es ist sonderbar, wie stark der feste Wille, die Zuversicht eines Menschen auf andre wirkt; seitdem diese Freudigkeit, diese Gewißheit in mir ist, seh' ich wie alle, deren Meinung erst mir so ganz entgegengesetzt war, sich unwillkürlich zu der meinigen gezogen fühlen. Ach! wenn Du wüßtest, wie überschwänglich selig mein Herz ist, wenn Du sagst, daß Du Dich glücklich fühlst! wie inbrünstig ich oft für Dein Glück gebetet, gerungen, wie ich es gern mit Glück und Leben, nur mit keiner Lüge, hätte erkaufen mögen! Mein Verhältnis zu Dir ist das erste ganz reine und schöne, das ich je auf Erden gehabt. – Ich kann Dir nicht mehr schreiben, ich bin so ungeduldig, und es genügt mir nicht. – Schreibe mir ganz bestimmt wegen der Reise und allem andern. Wohin und an wen ich die Sachen, die in Büchern, Betten für die Magd und einigen andern Dingen bestehen, adressieren soll. Aber alles bestimmt und unverzüglich.

Gute Nacht, meine Zukunft, mein Gebieter – und doch mein Eigentum!

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