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Briefe von und an Georg Büchner

Georg Büchner: Briefe von und an Georg Büchner - Kapitel 7
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typeletter
authorGeorg Büchner
titleBriefe von und an Georg Büchner
publisherDeutscher Klassiker Verlag
seriesDeutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch
volumeBand 13
editorHenri Poschmann
year1999
isbn9783618680130
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1836

68

An Ludwig Büchner

1. Januar 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

Prost Neujahr Hammelmaus!

Ich höre, daß Du ein braver Junge bist, die Eltern haben ihre Freude an Dir. Mache, daß es immer so sei. Es ist mir ein schönes Weihnachtgeschenk, dies von Dir zu hören. Du zeichnest nett, fahre so fort, Louis Jaeglé hatte große Freude daran und am Büchsenlecker und da läßt er Dir durch mich ein Buch mit Zeichnungen schicken. Da hast Du etwas um Dich zu üben. – Ist Lottchen Cellarius mit Dir zufrieden und ist es mit dem Stück am Weihnachtabend gut gegangen? Wenn Du in die Klavierstunde gehst, so sage der Fräulein Lottchen einen schönen Gruß von mir, aber sage um des Himmelswillen Niemand ein Wort davon.

Nächstes Frühjahr gehe ich in die Schweiz. Wenn Du brav bist und etwas größer, als jetzt, so mußt Du Stock und Ranzen nehmen und mich besuchen. Erst gehst Du auf das Straßburger Münster und dann gehn wir an den Rheinfall nach Schaffhausen und an dem Vierwaldstätter-See nach der Tellenplatte und der Tellskapelle. Adieu Mäuschen, ich denke Du bist jetzt eine Maus und wenn Du so fort machst, kannst Du es noch weit bringen; ich hoffe, daß Du für den grauen Bieberrock jetzt zu groß bist.

Lebwohl
Dein Bruder Georg.

69

An die Familie

1. Januar 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

(...) Das Verbot der deutschen Revue schadet mir nichts. Einige Artikel, die für sie bereit lagen, kann ich an den Phönix schicken. Ich muß lachen, wie fromm und moralisch plötzlich unsere Regierungen werden; der König von (Bayern) läßt unsittliche Bücher verbieten! da darf er seine Biographie nicht erscheinen lassen, denn die wäre das Schmutzigste, was je geschrieben worden! Der Großherzog von (Baden), erster Ritter vom doppelten M(opsorden), macht sich zum Ritter vom heiligen Geist und läßt Gutzkow arretieren, und der liebe deutsche Michel glaubt, es geschähe Alles aus Religion und Christentum und klatscht in die Hände. Ich kenne die Bücher nicht, von denen überall die Rede ist; sie sind nicht in den Leihbibliotheken und zu teuer, als daß ich Geld daran wenden sollte. Sollte auch Alles sein, wie man sagt, so könnte ich darin nur die Verirrungen eines durch philosophische Sophismen falsch geleiteten Geistes sehen. Es ist der gewöhnlichste Kunstgriff, den großen Haufen auf seine Seite zu bekommen, wenn man mit recht vollen Backen: »unmoralisch!« schreit. Übrigens gehört sehr viel Mut dazu, einen Schriftsteller anzugreifen, der von einem deutschen Gefängnis aus antworten soll. Gutzkow hat bisher einen edlen, kräftigen Charakter gezeigt, er hat Proben von großem Talent abgelegt; woher denn plötzlich das Geschrei? Es kommt mir vor, als stritte man sehr um das Reich von dieser Welt, während man sich stellt, als müsse man der heiligen Dreifaltigkeit das Leben retten. Gutzkow hat in seiner Sphäre mutig für die Freiheit gekämpft; man muß doch die Wenigen, welche noch aufrecht stehn und zu sprechen wagen, verstummen machen! Übrigens gehöre ich für meine Person keineswegs zu dem sogenannten Jungen Deutschland, der literarischen Partei Gutzkow's und Heine's. Nur ein völliges Mißkennen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse konnte die Leute glauben machen, daß durch die Tagesliteratur eine völlige Umgestaltung unserer religiösen und gesellschaftlichen Ideen möglich sei. Auch teile ich keineswegs ihre Meinung über die Ehe und das Christentum, aber ich ärgere mich doch, wenn Leute, die in der Praxis tausendfältig mehr gesündigt, als diese in der Theorie, gleich moralische Gesichter ziehn und den Stein auf ein jugendliches, tüchtiges Talent werfen. Ich gehe meinen Weg für mich und bleibe auf dem Felde des Drama's, das mit all diesen Streitfragen nichts zu tun hat; ich zeichne meine Charaktere, wie ich sie der Natur und der Geschichte angemessen halte, und lache über die Leute, welche mich für die Moralität oder Immoralität derselben verantwortlich machen wollen. Ich habe darüber meine eignen Gedanken. ...

... Ich komme vom Christkindelsmarkt, überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter. (...)

70

An Karl Gutzkow

Mitte/Ende Januar 1836

Aus Straßburg nach Mannheim

Mein Lieber!

Ich weiß nicht ob bei der verdächtigen Adresse diese Zeilen in ihre Hände gelangen werden.

Haben Sie den Brief von Boulet erhalten? Ich habe ihn nach Mannheim geschickt. Ich wagte damals nicht, einige Zeilen an Sie beizulegen. Ich hielt die Sache für ernsthafter. Nach den Zeitungen müssen Sie bald frei sein. 4 Wochen, das ist bald herum. Dann habe ich noch besondere Nachrichten über Sie aus Mannheim. Ihre Haft ist leicht. Sie dürfen Besuche annehmen, sogar aus gehen. Verhält es sich so?

Haben Sie nichts weiter zu fürchten? Geben Sie mir Auskunft so bald, als möglich! Die Frage ist nicht müßig. Glauben Sie, daß man sie frei läßt, nach Verlauf der bestimmten Frist? Sie sitzen im Amthaus, nicht wahr?

So bald Sie frei sind, verlassen Sie Teutschland so schnell als möglich. Sie haben von Glück zu sagen, daß es so abzulaufen scheint. Es sollte mich wundern.

Im Fall Sie den Weg über Straßburg nehmen, so fragen Sie nach mir bei Herrn Schroot Gastwirt zum Rebstock.

Ich erwarte Sie mit Ungeduld.

Ihr G.

71

Von Eugène Boeckel

16. Januar 1836

Aus Göttingen nach Straßburg

Mademoiselle Wilhelmine Jägle

Entschuldigen Sie gütigst die Freiheit die ich mir nehme den Brief an Sie zu adressieren, ich tue es um mir das Vergnügen zu machen, mich meiner Freundin ins Gedächtnis zurückzurufen, und um unserm George Unannehmlichkeiten zu ersparen.

Ihr Freund Eugène.

N.B. Da in dem Brief medicinische Gegenstände zur Sprache kommen muß ich Sie bitten zu tun was Ihnen gefällt.

 

Mein lieber George, wahrscheinlich wirst Du schon einiges von meiner Reise erfahren haben durch meinen Bruder und Deine Eltern, bei denen ich gerne länger verweilt hätte wenn es die Jahreszeit und die übrigen Umstände gelitten hätten. Es war mir auf jeden Fall angenehm und interessant die Familie meines lieben Freundes kennen zu lernen, Deine Mutter ist übrigens eine der angenehmsten und unterhaltensten Personen welche ich jemalen gesehn habe, ich würde mich sehr freuen Deine Mutter und Deine Schwester in Straßburg nächsten Ostern zu sehn wenn es möglich wäre – Dein Vater ist billig aber mit Recht etwas ungehalten über Dich – Deine Großmutter ist besonders gut conserviert – Dein kleiner Bruder Louis gleicht Dir außerordentlich. Du kannst leicht denken daß wir sehr viel von Dir und D elle Wilhelmine sprachen –

In Heidelberg wurden wir sehr gut von Nägele empfangen, ich logierte daselbst auf Kosten des Großherzogs in der Geburtshülflichen Anstalt mit 36, andern schwangern Weibern, ich konnte ohne Übertreibung kaum einen Schritt im Hausgang machen ohne an eine wohlbeleibte Person zu stoßen. Übrigens bewohnte ich ein großes hübsches Zimmer wo gewöhnlich die vornehmen Sünderinnen sich ihrer Last und Sünde zu entledigen pflegen. Von Heidelberg bis Frankfurth hatten wir einige aventuren, deren Erzählung Du mir ersparen wirst da ich von Cassel aus schon einen ziemlich detaillierten Brief hierüber an meine Familie geschrieben habe. In Cassel hielten wir uns einen Tag auf und bestiegen daselbst die Wilhelm's Höhe, die Gegend um Cassel herum ist eine der schönsten und anziehensten in der schönen Jahreszeit, aber wir treffen leider überall Schnee, Regen, Nässe und Kälte an, so daß wir eigentlich die Schönheiten einer Gegend nicht beurteilen können, dies sah ich namentlich bei Heidelberg das ein sehr tristes Aussehn hatte in dieser Winterzeit. D(ur)ch Giesen fuhren wir Nachts so daß ich Deine liebe Musen-Stadt nicht recht genießen konnte. In Marburg hielten wir uns eine halbe Stunde auf, ich sah doch soviel davon um mich zu überzeugen daß es viel hübscher gelegen ist als Giesen. Wirklich sitze ich in Göttingen wo ich den 15 ten ankam, den 20 sten dieses Monats reisen wir nach Berlin den 22 sten werde ich in Berlin ankommen si diis placet. Wir hatten zuerst beschlossen über Braunschweig und Magedeburg durch den Harz zu reisen allein das geht nicht bei dieser Jahrszeit. Zu Fuß können wir nicht gehn wegen des Kotes und der kurzen Tage und zu Wagen geht es langsam und unbequem und teuer. Reisen wir mit Eilwagen über Braunschweig und Magdeburg so müssen wir entweder bloß durch diese Städte fahren ohne etwas zu sehn oder an jedem Ort mehrere Tage liegen bleiben. Also sind wir entschlossen den kürzesten Weg über Halle zu nehmen. Dafür bleiben wir fünf Tage in Göttinguen denn ich denke es ist besser wenig Universitäten recht zu sehn als bloß sich einen Tag aufhalten damit man sagen kann ich bin dort gewesen.

Studiert habe ich nicht viel während meiner Reise, ich glaube auch es wäre sehr deplaciert gewesen – Bloß in Heidelberg habe ich während acht Tagen einen Teil von Siebold, Frauenzimmerkrankheiten, und Cooper über Blasen-Kkht. studiert, ich hatte daselbst beinahe Hausarrest wegen meines podagra's. In Heidelberg habe ich das Clinicum von Chelius und Nägele besucht, und hauptsächlich mich im touchieren geübt weil die Gelegenheit dazu vortrefflich war bei meinen 36 Hausgenossen – In Göttinguen besuchte ich diesen Morgen Langenbeck, Siebold und Conradi, von beiden letztern wurden wir besonders gut empfangen und hauptsächlich von D r. Conradi, Sohn des Professors, welcher den ganzen Tag mit uns herumlief, und uns alle möglichen renseignemens über die hiesige Universität gab. Morgen werden wir bei Konradi den Café trinken. Auf der ganzen Reise mußten wir unsere Pässe bloß in Kehl und Frankfurth vorweisen, an keinem andern Ort kümmerte sich irgend ein Polizei-Diener um uns.

Wie geht es Dir mein lieber? ist die Dissertation geschrieben, werden wir Dich in Zürich treffen. Kommst Du oft zu Baum – Deine Mutter (läßt) Dir sagen Du sollst nicht oft Nachts arbeiten, und ich füge mein(e) Bitte und meinen wohlmeinenden ärztlichen Rat bei, allein ich fürchte vergebens, ferner sollst Du die Fechtstunde fortsetzen und dies tue mir Deiner Mutter, und Deiner Gesundheit zu gefallen –

Frage meinen Bruder ob der Doctor den Brief erhielt den ich ihm von Heidelberg aus schrieb, ferner ob D r. Schützenberger meinen Brief erhielt, und endlich ob die Epistel angelangt die ich von Cassel aus an M e Marie Boeckel schrieb, diese Aufträge vergiß nicht. Sage auch meinem Bruder daß ich den 22 Januar in Berlin anlange meiner Berechnung nach und man soll mir dorthin schreiben, poste restante, was tante Schneegans macht. Sobald ich am Ziel meiner Reise bin schreibe ich an Baum meine Adresse, wenn ich ihm nicht noch diese Tage von Göttinguen aus schreibe, es ist meine lieblings-Beschäftigung mich Abends mit meinen Freunden und Freundinnen schriftlich zu unterhalten weil es mir unmöglich ist mich mündlich zu unterhalten mit ihnen – Mit meinem Reise-Compagnon D r. Schwebel bin ich complet zufrieden, er läßt Dir einen freundlichen Gruß entbieten, er sitzt in diesem Augenblick bei mir und schreibt an seine Eltern. Die Aufträge an Hoffmann habe ich ausgerichtet darüber ausführlicher an Baum – Ich habe die chronologische Ordnung in meinem Briefe nicht befolgt weil ich meine Reise in dieser Ordnung an meine Familie beschrieb und weil ich mich nicht entschließen kann zweimal das(s)elbe zu schreiben.

Grüße mir Baum, Deinen Schwager und Gust. Schneegans, wenn Du mit ihm Schach spielst so denke an mich.

Dein Freund Eugène.

 

Sage meiner Familie ich sei immer lustig und immer bei Gelde, depensiert habe ich in den 14 Tagen 160 fr. circiter immer economisiert, freilich auf der Reise muß man an table d'hôte essen, Wein und Café trinken, sich nichts abgehn lassen

72

An Wilhelm Braubach

26. Januar 1836

Aus Straßburg nach Zürich

Lieber Kater!

Eben bringt mir Fasan den beiliegenden Brief. Er lag 2 Tage in Deiner ehemaligen Wohnung. Es ist mir leid. Niemand wußte etwas davon. Er kommt aus Butzbach, wie mir Fasan sagt.

Es ist mir leid, daß Deine Schritte bisher so erfolglos waren. Deine Aufträge habe ich besorgt. Hier ist Alles beim Alten. Nächste Ostern bin ich definitiv in Zürich. Wilgens hat souteniert. Aus der Heimat haben wir nichts erfahren, als daß 2 von den Darmstädter Gefangnen sich zu entleiben versucht haben, der eine durch Öffnen der Adern, der andre durch d. Strick. Beide Versuche sind mißglückt. Wer? Das wissen wir nicht.

Grüße die Strömer. Wellers Brief habe ich erhalten. Ich lasse ihm vielmals danken. Lebewohl.

Dein G. Büchner.

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Von Karl Gutzkow

6. Februar 1836

Aus Mannheim nach Straßburg

Mein lieber Freund!

In kurzer Zeit 3 Briefe von Ihnen: 2 die ziemlich gleich lauteten und einen, der den Alsabildern beilag. Ihre Ratschläge sind entschieden; aber ich möchte sie noch nicht befolgen. Eine Entfernung aus Deutschland brächte mich um die Voraussetzung eines guten Gewissens, auf das ich mich dreist berufe. Wenn auch von Menzel als strikter Republikaner denunziert, so tritt doch die politische Seite meiner Anschuldigungen ziemlich in den Hintergrund, und sogar in Preußen scheint man ein andres und milderes Benehmen einleiten zu wollen. Meine Taktik muß die sein, Preußen (ich bin aus Berlin gebürtig) so lange zu vermeiden, bis ich das entschiedene Wort des Ministeriums hab, daß meiner Freiheit nichts in den Weg tritt. Da Laube und Mundt frei passieren, würde man vielleicht auch Anstand nehmen, gegen mich persönlich einzuschreiten. Solange ich kann, halt' ich mich um Frkft herum; denn ich bin daselbst verlobt; aber die elenden Krämer werden mich unsanft empfangen, und das binnen 24 Stunden hör' ich schon, wie natürlich. Diese Menschen wissen nun Alle, daß mich nichts nach Frkft zieht, als meine Braut; und doch sind sie spitzbübisch genug, mir andre Zwecke unterzuschieben. Kurz, ich sehe Not und Plage voraus und werde soviel gehänselt werden, daß ich zuletzt doch im »Rebstöckel« nachfragen könnte. Aber die Freude, Sie zu sehen, müßt' ich dann teuer erkaufen, da mir schwerlich der Rückweg dann offen bliebe.

Die gegen mich bereits erhobene Appellation ist zurückgenommen durch die Minister in Carlsruhe. Ich danke Gott, von dieser Ungewißheit befreit zu sein. Am 10 Februar bin ich nun frei: mit der Weisung, Baden zu verlassen. Ich saß dann 2 ½ Monate und zwar wie Sie richtig annahmen im Amtshause oder Kaufhause, wie der ganze Arcadenwürfel heißt. Behandlung war erst massiv; dann milderte sie sich und endete zuletzt in entschied. Höflichkeit. Erst wollte man mich steinigen, und jetzt bin ich ziemlich populär. Die Deutschen sind wenigstens gutmütig und können Niemanden lange leiden sehen.

Können Sie denn in Str. vollkommen die deutschen Affairen seit einem halb. Jahre übersehen? Eine Kette von Nichtswürdigkeiten und Dummheiten: die gänzliche innre Auflösung Deutschlands chrakterisierend. Ich will mich nicht in Schutz nehmen, ich weiß, daß ich outriert habe; aber was erlaubte man sich nicht dagegen! Vieles ist sehr versteckt und Sie erfahren es nocheinmal mündlich.

Ich höre gern von Ihren Beschäftigungen. Eine Novelle Lenz war einmal beabsichtigt. Schrieben Sie mir nicht, daß Lenz Göthes Stelle bei Friederiken vertrat. Was Göthe von ihm in Straßburg erzählt, die Art, wie er eine ihm in Commission gegebene Geliebte zu schützen suchte, ist auch schon ein sehr geeigneter Stoff.

Sie studieren Medizin und sind, wie ich höre, an eine junge Dame in Str. gefesselt, von früherher, wo Ihnen die Flucht dorthin sehr willkommen war. So sagte man mir wenigstens in Rödelheim.

Wenn Sie mir schreiben, so addressieren Sie: Generalconsul Freinsheim in Frankfurt a/M. Wolfseck.

Freundlich grüßend

Ihr Gutzkow

74

An die Familie

15. März 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

... Ich begreife nicht, daß man gegen K(üchle)r etwas in Händen haben soll; ich dachte, er sei mit nichts beschäftigt, als seine Praxis und Kenntnisse zu erweitern. Wenn er auch nur kurze Zeit sitzt, so ist doch wohl seine ganze Zukunft zerstört: man setzt ihn vorläufig in Freiheit, spricht ihn von der Instanz los, läßt ihn versprechen, das Land nicht zu verlassen, und verbietet ihm seine Praxis, was man nach den neusten Verfügungen kann. – Als sicher und gewiß kann ich Euch sagen, daß man vor Kurzem in Bayern zwei junge Leute, nachdem sie seit fast vier Jahren in strenger Haft gesessen, als unschuldig in Freiheit gesetzt hat! Außer K(üchle)r und Groß sind noch drei Bürger aus Gießen verhaftet worden. Zwei von ihnen haben ihr Geschäft, und der eine ist obendrein Familienvater. Auch hörten wir, Max v. Biegeleben sei verhaftet, aber gleich darauf wieder gegen Caution in Freiheit gesetzt worden. Gladbach soll vor einiger Zeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden sein; das Urteil sei aber wieder umgestoßen, und die Untersuchung fange von Neuem an. Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr mir über Beides Auskunft gäbet.

Ich will euch dafür sogleich eine sonderbare Geschichte erzählen, die Herr J(aeglé) in den englischen Blättern gelesen, und die, wie dazu bemerkt, in den deutschen Blättern nicht mitgeteilt werden durfte. Der Direktor des Theaters zu (Braunschweig) ist der bekannte Componist Methfessel. Er hat eine hübsche Frau, die dem Herzog gefällt, und ein Paar Augen, die er gern zudrückt, und ein Paar Hände, die er gern aufmacht. Der Herzog hat die sonderbare Manie, Madame Methfessel im Kostüm zu bewundern. Er befindet sich daher gewöhnlich vor Anfang des Schauspiels mit ihr allein auf der Bühne. Nun intriguiert Methfessel gegen einen bekannten Schauspieler, dessen Name mir entfallen ist. Der Schauspieler will sich rächen, er gewinnt den Maschinisten, der Maschinist zieht an einem schönen Abend den Vorhang ein Viertelstündchen früher auf, und der Herzog spielt mit Madame Methfessel die erste Scene. Er gerät außer sich, zieht den Degen und ersticht den Maschinisten; der Schauspieler hat sich geflüchtet. –

Ich kann euch versichern, daß nicht das geringste politische Treiben unter den Flüchtlingen hier herrscht; die vielen und guten Examina, die hier gemacht werden, beweisen hinlänglich das Gegenteil. Übrigens sind wir Flüchtigen und Verhafteten gerade nicht die Unwissendsten, Einfältigsten oder Liederlichsten! Ich sage nicht zuviel, daß bis jetzt die besten Schüler des Gymnasiums und die fleißigsten und unterrichtetsten Studenten dies Schicksal getroffen hat, die mitgerechnet, welche von Examen und Staatsdienst zurückgewiesen sind. Es ist doch im Ganzen ein armseliges, junges Geschlecht, was eben in (Darmstadt) herumläuft und sich ein Ämtchen zu erkriechen sucht! (...)

75

Von Eugène Boeckel

15. Mai 1836

Aus Wien nach Straßburg

Ma Demoiselle

Erlauben Sie daß ich noch einmal meine Zuflucht zu Ihnen nehme um einen Brief an Büchner gelangen zu lassen, ich weiß durchaus nicht ob er noch in Strasburg od. Zürich ist. Seit vier Monaten erhielt ich gestern die erste Kunde von ihm – Ich ersuche Sie auch die Gefälligkeit zu haben meinem Bruder d. Doctor melden zu lassen daß ich seinen Brief vom ersten Mai empfangen habe – Verzeihen Sie George zu Gefallen, die Freiheit die ich mir nehme an Sie zu schreiben, und seien Sie versichert daß ich die aufrichtigsten Wünsche hege zum Glücke von Ihnen beiden – Ich danke Ihnen wegen des Grußes den Sie durch Büchner an mich sandten, und verbleibe Ihr Freund

Eug. Boeckel

P.S. Ich erneuere meine Bemerkung daß in d. Brief zuweilen medizinische Gegenstände verhandelt werden – Sie werden tun was Ihnen beliebt.

 

Mein lieber Freund. Gestern erhielt ich durch Deinen Vetter einen Brief von Dir, adressiert v. d. 18 März, dazumalen konntest Du natürlich meine adresse nicht wissen, denn ich wußte sie selbst nicht. Von meinem Aufenthalt in Berlin wirst Du Nachricht erhalten haben durch Baum, welchem ich von Dresden und zuletzt von hier aus schrieb – Freund Baum hat sich wie immer sehr nachlässig gezeigt und mir ein einzigesmal geschrieben – Von Dir, mein lieber erwartete ich auch nichts besseres und habe mich in meiner Prognose auch nicht getäuscht.

Ende des Monats März zogen wir von Berlin weg über Leipzig nach Dresden. In beiden Städten hielten wir uns mehrere Tage auf um die medizinischen Anstalten und die übrigen Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehn – An Abenteuer aller Art und beinahe noch ärger als Dir hat es uns durchaus nicht gefehlt, wenn Du noch in Strasburg bist so kann Dir Baum etwas davon erzählen – Dresden ist überaus hübsch gelegen an den Ufern d. Elbe – Von Dresden gingen wir nach Töplitz und Prag durch die böhmischen Wälder in tiefem Schnee – In Prag wo wir während vier Tagen das abscheulichste Wetter hatten mußten wir größtenteils auf die Besuchung d. Umgegend Verzicht leisten. Den ersten Tag gleich besuchten wir Charles X. et sa chère famille auf d. Hradschin – Das Theater in Prag ist vortrefflich.

Von Prag nach Wien hatten wir wieder eine abenteuerliche winterliche Reise in den böhmischen und mährischen Wäldern und d. schlechten böhmischen Kneipen. In Wien befinde ich mich seit dem 17 ten April – In medizinischer Rücksicht gewährt diese Stadt einem jungen Arzt sehr viele Vorteile, aber Berlin für ein Winter-semester noch mehr – Die maternité hier ist sehr groß täglich sind 6-8 accouchemens aber Fremde haben Mühe zum touchieren zugelassen zu werden, doch geht es wenn man sich recht darum bewirbt – Was hier vorzüglich gut ist das ist die Augenheilkunde bei Rosas und Jäger, bei d. letztern nehme ich hierüber ein privatissim. und ebenfalls eines bei Koletschka üb. Anat. patholgq. welche man hier sehr gut studieren kann wegen der großen Anzahl v. Autopsien in einem Hospital wo mehrere tausend Kranke sich befinden. Was mich hier speziell interessierte ist die Cholera welche sich wieder hier gezeigt hat, wir hatten einen Bestand von 20 Cholera Kranke, täglich 2 Tote, jetzt hat die Cholera wied. abgenommen, die Anzahl d. Kranken im Hospital ist auf zehne heruntergekommen. An Intensität hat die Krankheit nicht abgenommen ich sah mehrere in 6-8 Stunden sterben – Ich habe hierüber ausführlicher an meinen Bruder geschrieben. 30-40 typhus Kranke – 10-15 metro peritonite, Kindbettfieb. oft mit tödlichem Ausgang – Was Annehmlichkeiten anbelangt so bietet Wien Alles dar was sich ein Fremder nur wünschen kann. Die Gegend um Wien ist herrlich. Zwei drei Stunden von d. Stadt befindet man sich mitten in d. Gebirge in den herrlichsten Tälern, gewöhnlich machen wir Sonntags eine Excursion, heute hindert uns das schlechte Wetter daran – Die boulevards und glacis um Wien selbst herum bieten schon die angenehmsten Spaziergänge mit einer herrlichen Aus(s)icht – Die Bekanntschaften mit den vielen jungen Ärzten aus allen Ländern, Holland, Schweden, Rußland, Preußen etc. etc. ist sehr interessant angenehm und instructiv wenn man es zu benutzen weiß – Der Aufenthalt hier ist angenehmer als man es sich in Frankreich denkt. Es herrschen viele Vorurteile wider Oestreich welche man ablegt wenn man in das Land selbst kommt. Die Weine hier sind sehr wohlfeil und gut hauptsächlich d. ungarischen – Theater haben wir fünfe, drei sind ziemlich schlecht. Zwei sind vorzüglich gut – Die italienische Oper am Kärntner-Tor und das Burgtheater, dieses letzte ist wohl das beste für Schauspiel seit ich in Teutschland bin, bin ich ein Liebhaber vom Theater, ich gehe wöchentlich 2-4 mal hinein. Löwe, D. l. Roche, Costenoble, Anchütz d. anmutige M e Rettich, M e Peche, und M elle Müller sind ausgezeichnet.

Wirklich gastiert auch hier Devrient aus Dresden, welcher gestern die Rolle v Ferdinand in Kabale und Liebe hatte – Hamlet, d. Ring und mehrere andere pièces wurden ausgezeichnet gut gegeben – In Dresden ist das Lustspiel sehr gut, in Prag die Opern, Ballnacht, Zampa etc. in Berlin die Oper und das ballet. In Prag hat mir D elle Lutzer am besten gefallen, ich weiß nicht ob sie am besten singt, aber sie ist hübsch, anmutig und hat eine liebliche Stimme, viel angenehmes in ihrem Betragen –

Dein Cousin lief hier 12 Tage herum ohne mich zu finden, er scheint ein solider junger Mann zu sein – Du wirst praeceps d. h. über Hals und Kopf an Deiner These arbeiten, ich zweifle nicht daran daß sie gut ausfallen wird. Sie auf diese Art drucken zu lassen ist sehr bequem – Du wirst durch Baum wahrscheinlich erfahren haben daß ich nicht durch die Schweitz nach Paris gehe sondern über Würzburg, wo ich mich bei professor D'Outrepont, Sept. und Okt. noch speziell mit accouchem. beschäftigen werde – Also werden wir uns sobald nicht sehn, deswegen müssen wir uns durch schriftliche Unterhaltung trösten wenn es Dir möglich ist. Wo Du auch sein magst kannst Du bis zum ersten Juli inclus. Briefe an mich nach Wien adressieren, Du wirst wissen daß alle Briefe bis an die oestreiche Grenze frankiert sein müssen, und ebenso muß ich alle Briefe bis an die Grenze frankieren. Denn die oestreiche Regierung steht in dieser Beziehung in Rechnung mit kein, andern gouvernement – Ich finde nichts angenehmeres und interessanter's als Reisen, auch bin ich ganz zufrieden und glücklich ( ) es ist dieses die glücklichste Zeit meines Lebens, übrigens ist es bei m(   ) Augenblick zu genießen und nicht sein Glück in einer verborgenen Zukunft zu suchen. Wenn Dich dieser Brief noch in Strasburg trifft so frage Baum ob er meinen Brief erhielt von hier aus adressiert den 4ten Mai. Schreibe mir auch von Lambossy und Held, diese beiden werden wahrscheinlich in Paris sein wo ich sie nächsten Winter zu treffen gedenke. Ich bin jetzt bald fünf Monate in Teutschland und denke noch fünfe zu bleiben, Ende Juli's gehe ich über Lintz, Salzburg, Inspruck nach München. Grüße d. Schwager Louis und meine übrigen Freunde

Dein Dich liebd. Freund
Eugène

Meine adresse: E. B. Alser-Vorstadt, Wikburg-gasse N° 18. in Wien –

76

An die Familie

Ende Mai/Anfang Juni 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

(...) Ich bin fest entschlossen, bis zum nächsten Herbste hier zu bleiben. Die letzten Vorfälle in Zürich geben mir einen Hauptgrund dazu. Ihr wißt vielleicht, daß man unter dem Vorwande, die deutschen Flüchtlinge beabsichtigten einen Einfall in Deutschland, Verhaftungen unter denselben vorgenommen hat. Das Nämliche geschah an anderen Punkten der Schweiz. Selbst hier äußerte die einfältige Geschichte ihre Wirkung, und es war ziemlich ungewiß, ob wir hier bleiben dürften, weil man wissen wollte, daß wir (höchstens noch sieben bis acht an der Zahl) mit bewaffneter Hand über den Rhein gehen sollten! Doch hat sich Alles in Güte gemacht, und wir haben keine weiteren Schwierigkeiten zu besorgen. Unsere hessische Regierung scheint unserer zuweilen mit Liebe zu gedenken. ...

... Was an der ganzen Sache eigentlich ist, weiß ich nicht; da ich jedoch weiß, daß die Mehrzahl der Flüchtlinge jeden direkten revolutionären Versuch unter den jetzigen Verhältnissen für Unsinn hält, so konnte höchstens eine ganz unbedeutende, durch keine Erfahrung belehrte Minderzahl an dergleichen gedacht haben. Die Hauptrolle unter den Verschworenen soll ein gewisser Herr v. Eib gespielt haben. Daß dieses Individuum ein Agent des Bundestags sei, ist mehr als wahrscheinlich; die Pässe, welche die Züricher Polizei bei ihm fand, und der Umstand, daß er starke Summen von einem Frankfurter Handelshause bezog, sprechen auf das direkteste dafür. Der Kerl soll ein ehemaliger Schuster sein, und dabei zieht er mit einer liederlichen Person aus Mannheim herum, die er für eine ungarische Gräfin ausgibt. Er scheint wirklich einige Esel unter den Flüchtlingen übertölpelt zu haben. Die ganze Geschichte hatte keinen andern Zweck, als, im Falle die Flüchtlinge sich zu einem öffentlichen Schritt hätten verleiten lassen, dem Bundestag einen gegründeten Vorwand zu geben, um auf die Ausweisung aller Refugiés aus der Schweiz zu dringen. Übrigens war dieser v. Eib schon früher verdächtig, und man war schon mehrmals vor ihm gewarnt worden. Jedenfalls ist der Plan vereitelt und die Sache wird für die Mehrzahl der Flüchtlinge ohne Folgen bleiben. Nichts destoweniger fände ich es nicht rätlich, im Augenblick nach Zürich zu gehen; unter solchen Umständen hält man sich besser fern. Die Züricher Regierung ist natürlich eben etwas ängstlich und mißtrauisch, und so könnte man wohl unter den jetzigen Verhältnissen meinem Aufenthalte Schwierigkeiten machen. In Zeit von zwei bis drei Monaten ist dagegen die ganze Geschichte vergessen. (...)

77

An Eugène Boeckel

1. Juni 1836

Aus Straßburg nach Wien

Mein lieber Eugen!

Ich sitze noch hier, wie Du aus dem Datum siehst. »Sehr unvernünftig!« wirst Du sagen und ich sage: meinetwegen! Erst gestern ist meine Abhandlung vollständig fertig geworden. Sie hat sich viel weiter ausgedehnt, als ich Anfangs dachte und ich habe viel gute Zeit mit verloren; doch bilde ich mir dafür ein, sie sei gut ausgefallen – und die société d'histoire naturelle scheint der nämlichen Meinung zu sein. Ich habe in 3 verschiedenen Sitzungen 3 Vorträge darüber gehalten, worauf die Gesellschaft sogleich beschloß, sie unter ihren Memoiren abdrucken zu lassen; obendrein machte sie mich zu ihrem korrespondierenden Mitglied. Du siehst, der Zufall hat mir wieder aus der Klemme geholfen, ich bin ihm überhaupt großen Dank schuldig und mein Leichtsinn, der im Grund genommen das unbegrenzteste Gottvertrauen ist, hat dadurch wieder großen Zuwachs erhalten. Ich brauche ihn aber auch; wenn ich meinen Doctor bezahlt habe, so bleibt mir kein Heller mehr und schreiben habe ich die Zeit nichts können. Ich muß eine Zeitlang vom lieben Kredit leben und sehen, wie ich mir in den nächsten 6-8 Wochen Rock und Hosen aus meinen großen weißen Papierbogen, die ich vollschmieren soll, schneiden werde. Ich denke »befiehl du deine Wege.« und lasse mich nicht stören.

Habe ich lange geschwiegen? Doch Du weißt warum und verzeihst mir. Ich war wie ein Kranker der eine ekelhafte Arznei so schnell, als möglich mit einem Schluck nimmt, ich konnte nichts weiter, als mir die fatale Arbeit vom Hals schaffen. Es ist mir unendlich wohl, seit ich das Ding aus dem Haus habe. – Ich denke den Sommer noch hier zu bleiben. Meine Mutter kommt im Herbst. Jetzt nach Zürich, im Herbst wieder zurück, Zeit und Geld verlieren, das wäre Unsinn. Jedenfalls fange ich aber nächsten Wintersemester meinen Kurs an, auf den ich mich jetzt in aller Gemächlichkeit fertig präpariere.

Du hast frohe Tage auf Deiner Reise, wie es scheint. Ich freue mich darüber. Das Leben ist überhaupt etwas recht Schönes und jedenfalls ist es nicht so langweilig, als wenn es noch einmal so langweilig wäre. Spute Dich etwas im nächsten Herbst, komme zeitig, dann sehe ich Dich noch hier. Hast Du viel gelernt unterwegs? Ist Dir die Kranken und Leichenschau noch nicht zur Last geworden? Ich meine eine Tour durch die Spitäler von halb Europa müßte einem sehr melancholisch und die Tour durch die Hörsäle unserer Professor (en) müßte einem halb verrückt und die Tour durch unsere teutschen Staaten müßte einem ganz wütend machen. 3 Dinge, die man übrigens auch ohne die drei Touren sehr leicht werden kann z. B. wenn es regnet und kalt ist, wie eben; wenn man Zahnweh hat, wie ich vor 8 Tagen, und wenn man einen vollen Winter und ein halbes Frühjahr nicht aus seinen 4 Wänden gekommen, wie ich dies Jahr.

Du siehst, ich stehe viel aus, und ehe ich mir neulich meinen hohlen Zahn ausziehen lassen, habe ich im vollständigsten Ernst überlegt, ob ich mich nicht lieber totschießen sollte, was jedenfalls weniger schmerzhaft ist.

Baum seufzt jeden Tag, bekommt dabei einen ungeheuren Bauch und macht ein so selbstmörderisches Gesicht, daß ich fürchte, er will sich auf subtile Weise durch einen Schlagfluß aus der Welt schaffen. Er ärgert sich dabei regelmäßig jeden Tag, seit ich ihn versichert habe, daß Ärger der Gesundheit sehr zuträglich sei. Das Fechten hat er eingestellt und ist dabei so entsetzlich faul, daß er zum großen Verdruß Deines Bruders noch keinen von Deinen Aufträgen ausgerichtet hat. Was ist mit dem Menschen anzufangen? Er muß Pfarrer werden, er zeigt die schönsten Dispositionen.

Die beiden Stöber sitzen noch in Oberbrunn. Leider bestätigt sich das Gerücht hinsichtlich der Frau Pfarrerin. Das arme Mädel hier ist ganz verlassen und unten sollen die Leute über die poetische Bedeutung des Ehebruchs philosophieren. Letztes glaube ich nicht, – aber zweideutig ist die Geschichte.

Was macht unser Freund und Vetter, Zipfel? Ist ihm die Zeit nirgends weiter gezündet worden? Siehst Du meinen Vetter aus Holland zuweilen? Grüße Beide vielmals von mir.

Wilhelmine war lange Zeit unwohl, sie litt an einem chronischen Friesel, ohne jedoch je bedenklich krank gewesen zu sein.

à propos, sie hat mir Deine beiden Briefe, unerbrochen gegeben, dennoch hätte ich es passender gefunden, Du hättest schicklichkeitshalber eine Couverte um Deinen Brief gemacht; konnte ein Frau(en)zimmer ihn nicht lesen, so war es unpassend ihn auch an ein Frau(en)zimmer zu adressieren; mit einer Couverte ist es etwas andres. Ich hoffe Du verdenkst mir diese kleine Zurechtweisung nicht.

Jedenfalls bin ich die nächsten 4 Wochen noch hier, während des Drucks meiner Abhandlung. Wirst Du mich noch mit einem Brief erfreuen, ehe Du aus Wien abreisest? á propos, Du machst ja ganz ästhetische Studien, Dem. Peche ist eine alte Bekanntin von mir.

Lebw(ohl) Dein G. B.

78

An Karl Gutzow

Anfang Juni 1836

Aus Straßburg nach Frankfurt am Main

Lieber Freund!

War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester zu Zürich einen Kurs über die Entwickelung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu muß ich mein Diplom haben und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut aufzusetzen.

Was war da zu machen?

Sie sind in Frankfurt, und unangefochten?

Es ist mir leid und doch wieder lieb, daß Sie noch nicht im Rebstöckel angeklopft haben. Über den Stand der modernen Literatur in Deutschland weiß ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschüren, die, ich weiß nicht wie, über den Rhein gekommen, fielen mir in die Hände.

Es zeigt sich in dem Kampf gegen Sie eine gründliche Niederträchtigkeit, eine recht gesunde Niederträchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natürlich sein können! Und Menzels Hohn über die politischen Narren in den deutschen Festungen – und das von Leuten! mein Gott, ich könnte Ihnen übrigens erbauliche Geschichten erzählen.

Es hat mich im Tiefsten empört; meine armen Freunde! Glauben Sie nicht, daß Menzel nächstens eine Professur in München erhält?

Übrigens; um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.

Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Concessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältnis zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brot – und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man muß in socialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. Zu was soll ein Ding, wie diese, zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben desselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann. (...)

79

Von Karl Gutzkow

10. Juni 1836

Aus Frankfurt am Main nach Straßburg

Mein lieber Freund!

Sie geben mir ein Lebenszeichen und wollen eines haben. Allmälig kehr' ich auch wieder unter die Menschen zurück, und lerne vor erträglicher Gegenwart die Vergangenheit vergessen. Es geht mir gut, und es würde noch besser gehen, wenn mir in meiner Resignation nicht die Zeit lang würde.

Sie scheinen die Arzeneikunst verlassen zu wollen, womit Sie, wie ich höre, Ihrem Vater keine Freude machen. Seien Sie nicht ungerecht gegen dies Studium; denn diesem scheinen Sie mir Ihre hauptsächliche Force zu verdanken, ich meine, Ihre seltene Unbefangenheit, fast möcht' ich sagen, Ihre Autopsie, die aus allem spricht, was Sie schreiben. Wenn Sie mit dieser Ungeniertheit unter die deutschen Philosophen treten, muß es einen neuen Effekt geben. Wann werden Sie nach Zürich abgehen?

Die Flüchtigen in der Schweiz spielen nun auch mit dem jungen Deutschl. Komödie. Dadurch wird der Name, hoff ich, von mir und meinen Freunden mit der Zeit abgewälzt, wie fatal es mir auch im Augenblick ist, daß der wunderliche Titel auf diese neue Weise adoptiert wurde. Mit der Zeit wird es ein pappener Begriff werden und sich abnutzen, was immer gut ist unter Umständen, wie die heutigen, wo die Massen schwach sind und das Tüchtige nur aus runden und vollkommenen Individualitäten geboren werden kann. So werden auch Sie gewiß die Berührungen vermeiden, welche sich in der Schweiz genug darbieten und meinem Ihnen schon früher oft genug gegebenen Zurufe folgen, daß Sie Ihre ungeschwächte K(raf)t der Literatur opfern.

Von Ihren »Ferkeldramen« erwarte ich mehr als Ferkelhaftes. Ihr Danton zog nicht: vielleicht wissen Sie den Grund nicht? Weil Sie die Geschichte nicht betrogen haben: weil einige der bekannten heroice Dicta in Ihre Komödie hineinliefen und von den Leuten drin gesprochen wurden, als käme der Witz von Ihnen. Darüber vergaß man, daß in der Tat doch mehr von Ihnen gekommen ist, als von der Geschichte und machte aus dem Ganzen ein dramatisiertes Kapitel des Thiers. Schicken Sie mir, was Sie haben; ich will sehen, was sich tun läßt.

Von mir ist soeben eine Schrift erschienen: Über Göthe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte. Hätt' ich schon meine Freiexempl. würd ich Ihnen eines schicken. Also künftig!

Ihr Gutzkow.

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Von Eugène Boeckel

18. Juni 1836

Aus Wien nach Straßburg

Wie sehr mich, Dein lang erwartetes liebes Schreiben freute kannst Du aus meiner schnellen Antwort sehn. Ich rechne es Dir doppelt hoch an wenn Du einmal Dich hinsetzest und mir einen ordentlichen Brief schreibst, denn Du weißt wie wenig ich mir in dieser Hinsicht von Dir verspreche. Mit dem wohlbeleibten lustig, fidelgrämlichen pädagogen ist also gar nichts zu machen wie ich aus Deinem Brief ersehe. Sage ihm doch daß ich seinen Brief vom 2ten Juni empfangen, ich werde ihm nächstens antworten – Was Du von d. couverte und der adresse meines Briefes sagtest, daran hast Du vollkommen recht peccavi; ich wollte Dir übrigens das Brief-Porto nicht verteuern. Was das Lesen des Briefes anbetrifft traue ich es nicht jedem Frauenzimmer zu der Neugierde zu widerstehn, aber in diesem speziellen Fall hat mich doch nicht meine Menschen-Kenntnis verlassen. Es soll Dir Freude machen durch meinen Fehler, diese Eigenschaft erkannt zu haben – Was Du von Deiner These mir schreibst freuet mich, ich hoffe Du läßt mir ein exemplar davon in Strasburg. Zu Deinem Beitritt zur société d'hist. nat. gratuliere ich, Du hast also die Ehre der Collega d. prof. Duvernoy zu sein. Ist Lauth bald profess. d. physiolog. wie steht es im übrigen mit unserer medizinischen Fakultät in Strasburg.

Was Du mir v. Stöber schreibst, ist sehr betrübend und für mich bis jetzt unglaublich, ich traue Christ mehr Gefühl zu – Wenn übrigens eine Erkältung eingetreten so fragt es sich ob nicht die Erkältung durch gegenseitige Entfernung und Entfremdung kam – Was macht Apostel Petrus? Er wird mit 1100 Fr. in Weissenburg heiraten, und er hat recht wenn es ihm Vergnügen macht.

Dein cousin ist ein liebenswürdiger, artiger, vernünftiger naiver Holländer. Er hat Anatomie und physiolog. gut los, und dabei hat er die praktische Medizin nicht vernachlässigt. Er macht uns vielen Spaß und es tut mir leid daß ich mich auf ewig von ihm trennen muß. Er spricht originell, naiv holländisch Teutsch.

Die tournée durch die teutschen Hospitäler und Hörsäle ist für mich nicht so unangenehm wie Du glaubst. Was die Hörsäle betrifft, d. h. die theoretischen Colleg. so gehe ich nicht od. äußerst selten hinein, also fällt dieses weg. Zwei privatissima habe ich. Das eine bei Jäger, ophthalmolog. Operat. mit Übung, einer phacectomie, das andere bei Koletschka: Anatom, patholog – Hier ist nur ein Hospital, Du kannst also denken welche unzähl. v. Leichen sich da vorfinden, so daß man in zwei Monaten alle möglich. Fälle d. Anat. patholog. und viele Fälle med. forens. sehn kann – Diese privatiss. dauern v. 3 – 6-7 Uhr. Morgens besuche ich den Hospital, da gibt es viele Variationen und interessante Gegenstände. Abends gehe ich öfters in das treffliche Burgtheater, od. auf die superben promenaden rings um die Stadt herum – Sonntags mache ich in Gesellschaft excursionen in die Gebirge in den schönsten Gegenden, Baden, Schönbrunn, Laxenburg, Dornbach etc. etc. Dabei habe ich hier eine angenehme interessante Gesellschaft – die ungarischen Weine sind sehr gut, die Cotelettes, Boeuf d'été, Schnitzel etc. etc. ebenfalls, es wird einem hier so behaglich zu Mute daß es selbst Dir und sogar d. pädagogen recht gefallen würde. Freilich würde dieser letztere mit ein. bedeutenden Bauch so groß wie der eines schwangeren Frauenzimmers zurückkehren – Nennst Du dies ein unangenehm Leben?

Was die politischen Verhältnisse anbelangt so kümmere ich mich wenig darum, od. vielmehr sie genieren mich nicht, denn Fremde können sich in dieser Rücksicht nicht beklagen, sie sind in sehr vieler Hinsicht hier so frei wie in Frankreich – Wenn Du übrigens Dich einige Zeit in Oestreich aufhalten würdest, so könntest Du Dich überzeugen daß die hiesige Regierung unter ihrer jetzigen Form notwendig und wohltätig für das Land ist, gänzlich den Bedürfnissen und Begriffen der Untertanen angemessen, denn sie ist durch die öffentliche Meinung sanctioniert. Es wäre lächerlich und unsinnig einem Volk daß sich glücklich fühlt und zufrieden ist eine Form aufzuzwingen die ihm zuwider ist und nicht für dasselbe paßt.

sed absint politica – Mit d. Cholera hier geht es schlecht sie macht progresse, noch niemalen seit mein. hiesigen Aufenthalt war sie so heftig wie jetzt, und hauptsächlich in der Vorstadt wo ich wohne, und den zwei zunächst gelegenen. Es ist aber nicht nötig mein Lieber daß Du dieses meiner Familie mitteilst, da man in Strasburg noch nicht an die Cholera gewohnt ist so ist es noch daselbst ein rechtes Schreckbild, hier sind die Leute vernünftiger in dieser Beziehung. Heute beläuft sich die Anzahl der Cholera-Kranken im Hospital auf 60–70 | 30 darunter sind übrigens mehr od. minder leichte Fälle. Nur Cholerine, die echt charakteristischen exemplare sind in geringerer Anzahl – Ich bleibe hier bis Mitte Juli's wo ich Juli und August zubringe weiß ich noch nicht bestimmt, wahrscheinlich in Triest Venedig und Mayland – Sept. und Okt. in Würzburg, wenn Du v. Straßburg weg bist so schicke Deine adresse an meinen Bruder – Schreibe ich Dir unterdessen, so schreibe ich Dir über Strasburg mit ein. Couverte.

Bis jetzt bin ich keineswegs gesonnen sobald definitivement in's Elsaß zurückzuke(hren,) ich werde später wo möglich v. Paris aus suchen weiter zu kommen. Ich bin das (Reisen) noch keineswegs müde, auch wäre es noch zu frühe, denn es sind kaum 6 Mon(ate, daß) ich von zu Haus weg bin.

Lambossy hat souteniert wie ich v. Baum erfahren, er wird hoffentlich nächsten Winter in Paris sein, wo ich ihn zu treffen hoffe. Von meinen hiesigen Bekannten werde ich 6–8 wieder in Paris sehn, einige gehn nach Berlin, mehrere davon siehst Du vielleicht in Zürich. Dieses Jahr gehe ich bestimmt nicht nach d. Schweiz, vielleicht später v. Paris aus si diis placet. Vor dem November dieses Jahres komme ich auch nicht nach Strasburg wenn ich überhaupt hin komme also muß ich darauf Verzicht leisten Dich dieses Jahr zu sehn – Ist Baum nicht zu bewegen nächsten Winter nach Paris zu kommen, er hat freilich eine Kette am Fuß und dies ist verflucht unangenehm.

Was Du mir über den Leichtsinn schreibst, daran hast Du vollkommen recht, wer nicht leichtsinnig ist soll sich Mühe geben es zu werden, es trägt viel zu den Annehmlichkeiten dieses Lebens bei; ich habe mir ziemlich Mühe gegeben diesen Grundsätzen gemäß zu denken und es ist mir auch so ziemlich gelungen. Was die Identität des Leichtsinnes und des Gottes-Vertrauen betrifft, so ist es bloß wahr für einige Menschen die größere Anzahl sind eben bloß leichtsinnig, wenigstens kommt es mir so vor, und ich glaube der pädagog wird hierin meiner Meinung sein. Die Anspielung des letztern in Beziehung d. Geschichte Lambossy auf Wien ist sehr verzeihlich aber vielleicht nicht gegründet – Meinen Bruder Charles kannst Du gelegentlich fragen ob er den Brief erhielt den ich ihm den 17 ten Juni schrieb – Grüße Freund Lambossy und Heidenreich – Ich muß enden um in's josephinum zu gehn, die superben italienischen Wachspräparaten (Anatomia) zu sehn, Samstags ist das Cabinet offen und ich habe bis jetzt noch keinen versäumt hin zu gehn. Lebe wohl

Wenn Du Deine Mutter früher od. später siehst so grüße Sie vielmal von mir so wie die übrigen Mitglieder Deiner Familie, D elle Wilhelm, nicht zu vergessen

– Dein Eugène –

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An Georg Geilfus

Um den 26. Juli 1836

Aus Straßburg nach Zürich

Wertester Hund!

Ich hoffe diese Zeilen treffen Dich noch in Zürich, widrigenfalls erfährst Du nichts von ihnen, was Dich jedenfalls sehr bekümmern wird. Ich ersuche Dich um einen Gefallen, schreibe mir doch sobald als möglich, ob der Professor und Dekan der philosophischen Fakultät Baiter noch unter den Lebenden ist. Ich habe dem Menschen vor längerer Zeit geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Da ich nun im Begriff bin meine Abhandlung nebst Doctorgebühren an ihn zu adressieren, so möchte ich doch sicher gehn. Du brauchst nur Weller zu fragen, der kennt ihn. Auß(er)dem würdst Du mich sehr verbinden, wenn Du mir eine so weit es in Deine(n) Kräften steht menschliche Auskunft über den Stand der Dinge in Zürich gäbst. Soll wirklich eine von Rußland, Preußen, Östreich, Frankreich und England unt(er)zeichnete Note bei der Tagsatzung eingereicht worden sein, welche die unbedingte Ausweisung aller Flüchtlinge begehrt? und, verhält es sich so, welche Resolution glaubt man, daß die Tagsatzung fassen dürfte? Oder scheint es daß die Ausweisung sich nur auf die bei den letzten Vorfällen Beteiligten erstrecken wird? – Geht Alles gut, so denke ich nächsten Winter meinen Kurs über Philosophie zu lesen, und bin im Oktober in Zürich. Glaubst Du daß ich Aussichten dort habe? Die Sachen sehen etwas bunt aus. – Aus Frankreich werden alle ehemaligen und jetzigen Mitgli(e)de des jungen Teutschland verwiesen. Es ist doch ein Jammer was die lächerlichsten Dinge für Folge haben können. Anfangs amüsierte es einem die alten Esel wie kleine Buben spielen zu sehen, – und jetzt ist Alles verzweifelt ernsthaft. Es ist gar kein Verhältnis zwischen der Veranlassung und der Folge, es ist doch jämmerlich sich mit einer hölzernen Pistole zu erschießen und mit einem blechernen Dolch zu erstechen – und wenn (man) noch gar bedenkt wie pathetisch und wichtig die Leute dabei zu Werk gehn. – Aus Darmstadt nichts Neues, als daß Advokat Briel auf Befehl des Appellationsgerichts gegen Handgelöbnis in Freiheit gesetzt worden ist.

Hier ist Alles beim Alten. Schnaps hat sein zweites Examen glücklich gemacht!

Was machen Weller, Mikes e.c.t? Ist Zopf noch in Liestal?

Viel Grüße an Alle.

Ich bitte dringend um baldige Antwort.

Lebwohl Dein
G. Bü.

Daß Medici(n)alrat Graf und Ploennies zum Bericht aufgefordert worden sind, ob Weidig Prügel vertragen könne und daß ihre Antwort bejahend ausgefallen sei, scheint nicht wohl bezweifelt werden zu können.

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An die Familie

August 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

(...) Es ist nicht im Entferntesten daran zu denken, daß im Augenblick ein Staat das Asylrecht aufgibt, weil ein solches Aufgeben ihn den Staaten gegenüber, auf deren Verlangen es geschieht, politisch annullieren würde. Die Schweiz würde durch einen solchen Schritt sich von den liberalen Staaten, zu denen sie ihrer Verfassung nach natürlich gehört, lossagen und sich an die absoluten anschließen, ein Verhältnis, woran unter den jetzigen politischen Constellationen nicht zu denken ist. Daß man aber Flüchtlinge, welche die Sicherheit des Staates, der sie aufgenommen, und das Verhältnis desselben zu den Nachbarstaaten compromittieren, ausweist, ist ganz natürlich und hebt das Asylrecht nicht auf. Auch hat die Tagsatzung bereits ihren Beschluß erlassen. Es werden nur diejenigen Flüchtlinge ausgewiesen, welche als Teilnehmer an dem Savoyer Zuge schon früher waren ausgewiesen worden, und diejenigen, welche an den letzten Vorfällen Teil genommen haben. Dies ist authentisch. Die Mehrzahl der Flüchtlinge bleibt also ungefährdet, und es bleibt Jedem unbenommen, sich in die Schweiz zu begeben. Nur ist man in vielen Kantonen gezwungen, eine Caution zu stellen, was sich aber schon seit längerer Zeit so verhält. Meiner Reise nach Zürich steht also kein Hindernis im Weg. Ihr wißt, daß unsere Regierung uns hier chicaniert, und daß die Rede davon war, uns auszuweisen, weil wir mit den Narren in der Schweiz in Verbindung ständen. Der Präfect wollte genaue Auskunft, wie wir uns hier beschäftigten. Ich gab dem Polizeikommissär mein Diplom als Mitglied der Société d'histoire naturelle nebst einem von den Professoren mir ausgestellten Zeugnisse. Der Präfect war damit außerordentlich zufrieden, und man sagte mir, daß ich namentlich ganz ruhig sein könne. (...)

83

An Wilhelm Büchner

2. September 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

(...) Ich bin ganz vergnügt in mir selbst, ausgenommen, wenn wir Landregen oder Nordwestwind haben, wo ich freilich einer von denjenigen werde, die Abends vor dem Bettgehn, wenn sie den einen Strumpf vom Fuß haben, im Stande sind, sich an ihre Stubentür zu hängen, weil es ihnen der Mühe zuviel ist, den andern ebenfalls auszuziehen. ... Ich habe mich jetzt ganz auf das Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie gelegt, und werde in Kurzem nach Zürich gehen, um in meiner Eigenschaft als überflüssiges Mitglied der Gesellschaft meinen Mitmenschen Vorlesungen über etwas ebenfalls höchst Überflüssiges, nämlich über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza, zu halten. – Dabei bin ich gerade daran, sich einige Menschen auf dem Papier totschlagen oder verheiraten zu lassen, und bitte den lieben Gott um einen einfältigen Buchhändler und ein groß Publikum mit so wenig Geschmack, als möglich. Man braucht einmal zu vielerlei Dingen unter der Sonne Mut, sogar, um Privatdocent der Philosophie zu sein. (...)

84

Von Eugène Boeckel

4. September 1836

Aus Würzburg nach Straßburg

Mein lieber Büchner, wo Du bist weiß ich nicht gewiß, und darum muß ich aufs neue mich an Deine Geliebte wenden (sous enveloppe) um Dir den Brief zukommen zu lassen – Ich ließ zwar Deine adresse bei M elle Jägle begehren, allein ich erhielt sie nicht, wie mein Bruder versichert durch die Nachlässigkeit v. M elle – Du wirst hoffentlich den Brief erhalten haben welchen ich Dir den 18 ten Juni v. Wien aus schrieb, mit d. adresse bei Hr. Siegfried etc – Meine jetzige adresse ist bis Ende Oktobers – Würzburg. E. B. bei Hr. Broili, erstes Distrikt No 262 – Bist Du noch in Straßburg so gebe meine adresse unserm vielgeliebten dickbauchigen Pädagog. – Vielleicht hat er wieder einmal Lust zu schreiben. Was freilich äußerst selten vorkömmt. Zweimal seit meiner Abreise v. Straßburg. Ich habe ihm 4 mal geschrieben. Jetzt mache ich es aber wie d. pädagog, und schreibe nicht mehr – Mit Dir mein lieber bin ich um so mehr zufrieden da ich aus der Kenntnis Deines Karakters kaum einen Brief zu hoffen wagte. Ich habe mich gänzlich geirrt, dies ist mir sehr lieb und angenehm – Ich denke Du weißt daß ich den zehnten Juli v. Wien wegreisete über Graz nach Triest, eine angenehme gebirgige interessante Gegend. V. Triest nach Venedig dann Verona, Mantua, Mayland und über d. Garda-See, Roveredo, Trient und Botzen nach Inspruck, v. Inspruck nach Salzburg, dann München und endlich Würzburg – Diese Reise wenigstens wirst Du nicht für langweilig und trocken halten, wie die tournée durch die Hörsaale der teutschen Professoren. Ich würde Dir eine detaillierte Reise-Beschreibung machen allein ich habe schon soviel davon geschrieben daß ich mich nicht dazu entschließen kann. An Baum schrieb ich v. Triest, an meinen Schwager v. Trient, an mein. Bruder v. München, und an meine Schwester v. hier aus – In Teutschland befinde ich mich sehr wohl, es ist nicht halb so schlimm wie Du glaubst. Ich glaube es gibt keinen besser organisierten Staat in Europa wie Preußen beinahe in aller Beziehung – Die Regierung herrscht nach den bestehenden Gesetzen kraftvoll und energisch, und von eigendichem Despotismus habe ich wenig od. nichts gesehn – Über Politik darf man sich, und hauptsächlich Fremde, ziemlich freimütig äußern, nur nicht gegen die bestehende Regierungs-Verfassung. Was ich hauptsächlich in Preußen bewundere dies sind die militärischen Institutionen, es ist nicht zu leugnen da(ß) Preußen der erste und best organisierte Militair-Staat der Erde ist, und d. h. viel. Ich wünschte daß das preußische Militair-System nach Frankreich verpflanzt würde. Man unterscheidet in Preußen die National-Garde nicht von den Linien-Truppen. Die garde nationale bei uns wählt ihre Offiziere selbst ich wollte gern auf dieses Privilegium Verzicht leisten und von der Regierung tüchtige Offiziere ernannt sehn – Denn mit unsern Wahlen werden wir nie tüchtige Offiziere bekommen. Nikolaus d. russische Fürst wird wohl einer der trefflichsten und besten Fürsten sein. Er hat viel gegen den hohen Adel zu kämpfen und sucht einen eigentlichen Bürgerstand zu gründen – Wirklich arbeitet er an der Aufhebung der Leibeigenschaft. Was Polen betrifft so weißt Du wie sehr ich wünsche in aller Beziehung und hauptsächlich als Franzose daß die Polen den Sieg davon getragen hätten. Aber an Nikolaus Stelle als Kaiser von Rußland hätte ich mir wahrhaftig auch nicht Polen entreißen lassen. Was er tat war er dem Ruhme Rußlands und seinem Throne schuldig.

Die Oestreicher sind zufrieden und glücklich sie verehren ihren Kaiser mehr als ein von Gott eingesetztes Oberhaupt was brauchen sie mehr. Zudem wäre eine andere Verfassung als die absolute der Ruin der östreichischen Monarchie bei diesen heterogenen Massen ist es eine Unmöglichkeit eine konstitutionelle Verfassung zu bilden. – Die Italiener verdienen in aller Beziehung ihr Los, jetzt wünschen sie daß die Franzosen sie von der östreichischen Herrschaft befreien. Wenn die Franzosen ein Jahr daselbst wären würden sie die Östreicher wieder zurückrufen – Denn die Italiener taten niemalen selbst etwas, sie schauten zu wie sich die Teutschen und Franzosen um Italien schlugen – Meiner Ansicht nach ist die östreichische Regierung eine wahre Wohltat für Italien, wo Ostreich herrscht kann man wenigstens mit Sicherheit reisen – Du siehst daß ich meine politischen Ansichten in mancher Rücksicht erweitert und geläutert habe.

Ich wünschte die adresse Deines cousin's zu haben also sobald Du dieselbe erfährst schreibe mir. Bis Ende Oktobers hieher, wenn Du später meine adresse nicht kennst so kannst Du die Briefe immer Eug. Boeckel, librairie Treuttel et Würz à Strasbg. adressieren. Ich reise von hier aus nach Paris über Straßburg. Vielleicht komme ich auch nach Darmstadt, ich wünsche also zu wissen ob ich Anfangs November Deine Familie in Darmstadt antreffe. Dich werde ich leider in keinem Fall weder in Darmstadt noch in Strasburg treffen, aber im August und September 37. werden wir uns aller Wahrscheinlichkeit nach sehn – In München hat es mir sehr gut gefallen, ich finde diese Stadt verdient in aller Beziehung den Namen des neuen Athens, auch ist der Zudrang der Fre(mden) so groß daß man viele Mühe hat in einem ordentlichen Gasthof unterzuko(mmen.) Ich wäre sehr gerne 8 Tage in München geblieben und hätte auch noch hi(nlänglich) Zeit und Geld dazu gehabt, aber v. Salzburg aus reisete ich mit einer ( ) interessanten, schönen, liebenswürdigen Dame, diese blieb nur drei Tage in München und reisete dann über Würzburg nach Frankfurt. Sie redete mir zu mitzureisen, und schönen jungen Damen kann ich nichts abschlagen also blieb ich auch nur drei Tage in München. Hier mußte ich mich leider von meiner angenehmen Reisegefährtin trennen – Das privatissimum bei D'Outrepont hat seit sechs Tagen angefangen ich bin ganz damit zufrieden, an Gelegenheiten aller Art etwas zu lernen fehlt es nicht. Ich habe hier eigentlich nur einen Bekannten und lebe viel zurückgezogener und regelmäßiger als in Wien, auch hat man durchaus diese vielen Zerstreuungen nicht wie in Wien, ich studiere hier Me Lachapelle einzelne Abhandlungen v. D'Outrepont über Geburtshülfe, Wigand etc. dann einige Schriften über Cholera – In Strasburg hoffe ich Deine dissertatio vorzufinden. Held war einige Tage hier, ich wurde allenthalben gefragt ob ich diesen jungen Windbeutel kenne. Er soll sich oft geäußert haben die hiesigen Institutionen mögen gut sein für die Studierenden, aber er docteur en médecine wisse hier nichts zu lernen. Lambossy ist in Paris. Schwebel wird nächstens auch dort eintreffen – In Hoffnung bald einen Brief von Dir zu erhalten schließe ich den meinigen.

Dein Freund Eugène

Adr. E. B. D. M. bei Hr. Broili, erstes Distrikt, N° 262 in Würzburg.

85

An Johann Jakob Hess

22. September 1836

Aus Straßburg nach Zürich

Euer Wohlgeboren

werden, wie ich hoffe, einen Fremden entschuldigen, der sich die Freiheit nimmt in einer für ihn höchst wichtigen Angelegenheit Ihre Güte in Anspruch zu nehmen.

Die politischen Verhältnisse Teutschlands zwangen mich mein Vaterland vor ungefähr anderthalb Jahren zu verlassen. Ich hatte mich der akademischen Laufbahn bestimmt. Ein Ziel aufzugeben, auf dessen Erreichung bisher all meine Kräfte gerichtet waren, konnte ich mich nicht entschließen und so setzte ich in Straßburg meine Studien fort, in der Hoffnung in der Schweiz meine Wünsche realisieren zu können. Wirklich hatte ich vor Kurzem die Ehre von der philosophischen Fakultät zu Zürich einmütig zum Doctor kreiert zu werden. Nach einem so günstigen Urteile über meine wissenschaftliche Befähigung konnte ich wohl hoffen auch als Privatdocent von der Züricher Universität angenommen zu werden und, im günstigen Fall, im nächsten Semester meine Vorlesungen beginnen zu können. Ich suchte daher bei den hiesigen Behörden um einen Paß nach. Diese erklärten mir jedoch, es sei ihnen durch das Ministerium des Innern, auf Ansuchen der Schweiz, untersagt einem Flüchtling einen Paß auszustellen, der nicht von einer Schweizerbehörde die schriftliche Autorisation zum Aufenthalt in ihrem Bezirk vorweisen könne. In dieser Verlegenheit nun wende ich mich an Sie, hochgeehrtester Herr, als die oberste Magistratsperson Zürichs, mit der Bitte um die von den hiesigen Behörden verlangte Autorisation. Das beiliegende Zeugnis kann beweisen, daß ich seit der Entfernung aus meinem Vaterlande allen politischen Umtrieben fremd geblieben bin und somit nicht unter die Kategorie derjenigen Flüchtlinge gehöre, gegen welche die Schweiz und Frankreich neuerdings die bekannten Maßregeln ergriffen haben. Ich glaube daher auf die Erfüllung einer Bitte zählen zu dürfen, deren Verweigerung die Vernichtung meines ganzen Lebensplanes zur Folge haben würde.

Sollten Euer Wohlgeboren gesonnen sein, mich mit einer Antwort auf dies Gesuch zu beehren, so bitte ich dieselbe unter der Adresse: Dr. Büchner bei Herrn Weinhändler Siegfried an der Douane zu Straßburg, an mich gelangen zu lassen.

Mit der größten Hochachtung

Ihr ergebenster
Dr. Büchner.

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An das Präsidium des Erziehungsrats Zürich

26. September 1836

Aus Straßburg nach Zürich

Herr Präsident, hochgeachtete Herren!

Nach Einreichung einer Abhandlung über einen naturhistorischen Gegenstand, hatte ich die Ehre von der philosophischen Facultät zu Zürich in ihrer Sitzung vom 3 ten dieses Monats einmütig zum Doctor philosophiae ernannt zu werden. Gestützt auf dieses Urteil über meine wissenschafdiche Befähigung wünsche ich mich als Privatdocent für Vorlesungen an der philosophischen Facultät zu Zürich zu habilitieren. Ich habe daher die Ehre mich an Sie mit der Bitte um Zulassung zu der für diesen Fall nach §157 des Organisationsgesetzes über das Unterrichtswesen erforderlichen öffentlichen Probevorlesung zu wenden.

Mit der größten Hochachtung und Ergebenheit

G. Büchner
Dr. phil.

87

An die Familie

September 1836

Aus Straßburg nach Darmstadt

(...) Ich habe meine zwei Dramen noch nicht aus den Händen gegeben, ich bin noch mit Manchem unzufrieden und will nicht, daß es mir geht, wie das erste Mal. Das sind Arbeiten, mit denen man nicht zu einer bestimmten Zeit fertig werden kann, wie der Schneider mit seinem Kleid. (...)

88

An die Famile

26. Oktober 1836

Aus Zürich nach Darmstadt

(...) Wie es mit dem Streite der Schweiz mit Frankreich gehen wird, weiß der Himmel. Doch hörte ich neulich Jemand sagen: »die Schweiz wird einen kleinen Knicks machen, und Frankreich wird sagen, es sei ein großer gewesen.« (...)

89

Von Caroline Büchner

30. Oktober 1836

Aus Darmstadt nach Zürich

Lieber Georg!

Welche Freude als Dein Brief vom 25 ten Oktober das Postzeichen Zürich darauf ankam. Ich jubelte laut; denn obgleich wir uns gegenseitig nichts sagten; so hatten wir alle große Angst, und wir glaubten kaum daß Du glücklich über die Grenze kommen würdest. Die Sache hat mir vielen heimlichen Kummer gemacht, nun Gott lob auch dies ging glücklich vorüber. –

Wir waren die Zeit sehr beschäftiget, Mittwochs legte ich große Wasche ein, und Montags zuvor kamen Beckers aus Frankfurt und blieben bis Donnerstag, sie erkundigten sich sehr nach Dir, und freuten sich recht über Deine guten Aussichten, wir hatten einige sehr vergnügte Tage. Auf Deinen Geburtstag tranken wir alle zusammen Deine Gesundheit. –

Wie Dein Brief ankam den 27 ten biegelte ich gerade das letzte Stück, Vater war im Theater, ich kann Dir gar nicht sagen wie sehr er sich freute als er nach Hause kam. Er stimmt ganz mit Beiter überein und ermahnt Dich dringend ja über vergleichende Anatomie Vorlesungen zu halten, er glaubt sicher, daß Du darin am ersten einen festen Fuß fassen und Dich am ehrenvollsten emporhelfen könntest. –

Willhelm war ohngefähr 14 Tage hier, und nun ist er seit Mittwoch nach Heidelberg mit Schenk abgereist. Mit Giesen war es für diesen Winter nichts. Ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich über diesen Jungen beunruhige, es ist noch ein gar zu großer Kindskopf, hat gar keinen Begrief vom Schaden hat einen falschen Ehrgeiz, und ist hinter seinem Retzeptiertisch gar zu schro geworden. Wie wir Briefe von ihm erhalten, werde ich ihm schreiben, ihm Deine Addresse schicken, damit er auch an Dich schreiben kann. Antworte ihm nur gleich und ermahne ihn recht. Mathilde wird selbsten an Dich schreiben, sonsten ist alles bei uns beim Alten. Den 25 ten Ok. war Alexanders Geburtstag er wurde 9 Jahre alt, heute wird er solenn gefeiert, er hat sich 10 Jungens gebeten, der Chokolade ist bereits gekocht könnte ich Dir doch auch eine Tasse einschenken. Onkel Georg ist bei seinem Leutnant, auch noch so ein Stück Stallmeister 2i geworden. Der bekannte Stall Schenk, zeither Stallmeister bei Prinz Louis ist am Nervenfieber gestorben, und nun reitet Onkel die Pferde vom Prinzen, er hofft auch die vom Prinzen Karl zu bekommen, und dann trägt es ihm immer 200 fl ein. Das Reiten ist seine Liebhaberei, er ist sehr vergnügt darüber. –

Wenn Du hörst daß hier das Nervenfieber grasierte, so ängstige Dich nicht es ist nicht so arg, als es die Leute machen, es sind zwar schon viele Menschen daran gestorben. Kürzlich starben aus einer Familie drei jungen Leute. Zwei Söhne und eine Tochter, sie wurden an einem Tage begraben, und gestern soll auch die Mutter gestorben sein. –

Der Vater ist Hoboist. Leider wurde kürzlich ein Mörder hingerichtet die Kinder sahen ihm auf dem Markt den Stab brechen, und Louis ging mit Vater auf die Richtstätte; er hatte vor 2 Jahren einen Förster erschlagen. –

Wie es hier mit den Gefangenen geht weiß Gott, es ist alles still. –

Der junge Baron von Bechtold ist Leutnant geworden, und wurde nach Butzbach versetzt, und heute hörten wir daß Herr Regierungs(rat) von Bechtold Ministerialrat geworden sei. Dies unsere Neuigkeiten. – Ich kann nun gar nicht erwarten bis Dein nächster Brief kommt, lasse uns nur nicht lange warten, gehe nur recht unter Menschen und suche Dich zu zerstreuen. Doch hoffe ich, daß ich Dich nicht mehr zu ermahnen brauche, Dich von alle(m) politischen Treiben entfernt zu halten, Du bist nun mitten darin Du wirst Dich denke ich nicht anstecken lassen, es wird mir doch manchmal himmel Angst. – Morgen schreibe ich und Mathilde an Mina, sie dauert mich gar zu sehr, ich kann das Frühjahr kaum erwarten, dann hoffe ich fest, sie bei uns zu sehen. Mathilde läßt Dich tausendmal grüßen; wie sie endlich anfing zu schreiben bekam sie Besuch sie will es also aufsparen bis ich wieder schreibe. –

Vater schickt Dir hier ein Recept für Deine Nase, er bittet Dich sehr es einmal recht ernstlich und anhaltend zu gebrauchen, und ihm über den Erfolg zu berichten. Wie hast Du die Straßburger noch ( ) einander verlassen? hast Du die Tante Reuß noch gesprochen, w(arst) Du bei Himmlies? Wenn Du wieder schreibst so gib mir Nachricht. Deine Kost und Logie finden wir sehr billig, freilich eine Kost wie bei Fräulein Jäkele wirst Du nicht leicht wieder finden, nun man muß sich an alles gewöhnen. Schreibe uns nur immer recht ausführlich, ich meine seit Du von Straßburg weg bist nun seist Du erst in der Fremde, in Straßburg glaubte ich Dich immer in meiner Nähe. Wirst Du denn mein Geschmier lesen können? Ich schreibe aber in einem solchen Tumult daß ich gar nicht weiß wo mir der Kopf steht. Großmutter grüßt Dich vielmals schreibe ihr bald, weil es ihr Freude macht, sie ist immer sehr niedergeschlagen, denn sie sieht fast gar nichts mehr. Es ist sehr betrübt, und für uns alle traurige Aussichten. Alles grüßt Dich jung und alt, auch Erna die eben da ist auch die träge Mathilde. Nun lebe wohl und schreibe bald wieder Deiner treuen

Mutter C. Büchner

90

An die Familie

20. November 1836

Aus Zürich nach Darmstadt

(...) Was das politische Treiben anlangt, so könnt Ihr ganz ruhig sein. Laßt Euch nur nicht durch die Ammenmärchen in unseren Zeitungen stören. Die Schweiz ist eine Republik, und weil die Leute sich gewöhnlich nicht anders zu helfen wissen, als daß sie sagen, jede Republik sei unmöglich, so erzählen sie den guten Deutschen jeden Tag von Anarchie, Mord und Totschlag. Ihr werdet überrascht sein, wenn ihr mich besucht; schon unterwegs überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern, und dann, je mehr Ihr Euch Zürich nähert und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand; Dörfer und Städtchen haben ein Aussehen, wovon man bei uns keinen Begriff hat. Die Straßen laufen hier nicht voll Soldaten, Accessisten und faulen Staatsdienern, man riskiert nicht von einer adligen Kutsche überfahren zu werden; dafür überall ein gesundes, kräftiges Volk, und um wenig Geld eine einfache, gute, rein republikanische Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhält, eine Art Steuer, die man bei 2! uns überall als den Gipfel der Anarchie ausschreien würde ...

Minnigerode ist tot, wie man mir schreibt, das heißt, er ist drei Jahre lang tot gequält worden. Drei Jahre! Die französischen Blutmänner brachten einen doch in ein paar Stunden um, das Urteil und dann die Guillotine! Aber drei Jahre! Wir haben eine gar menschliche Regierung, sie kann kein Blut sehen. Und so sitzen noch an vierzig Menschen, und das ist keine Anarchie, das ist Ordnung und Recht, und die Herren fühlen sich empört, wenn sie an die anarchische Schweiz denken! Bei Gott, die Leute nehmen ein großes Kapital auf, das ihnen einmal mit schweren Zinsen kann abgetragen werden, mit sehr schweren. – (...)

91

An Wilhelm Büchner

November 1836

Aus Zürich nach Heidelberg

(...) Eine genaue Bekanntschaft mit dem Treiben der deutschen Revolutionärs im Auslande hat mich überzeugt, daß auch von dieser Seite nicht das Geringste zu hoffen ist. Es herrscht unter ihnen eine babylonische Verwirrung, die nie gelöst werden wird. Hoffen wir auf die Zeit! (...)

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Von Ernst Büchner

18. Dezember 1836

Aus Darmstadt nach Zürich

Lieber Georg!

Es ist schon lange her daß ich nicht persönlich an Dich geschrieben habe. Um Dich einigermaßen dafür zu entschädigen, soll Dir das Christkindlein diese Zeilen bescheren und ich zweifele nicht daran, daß sie Dir eine angenehme Erscheinung sein werden. Meine Besorgnis um Dein künftiges Wohl war bisher noch zu groß und mein Gemüt war noch zu tieferschüttert, durch die Unannehmlichkeiten alle, welche Du uns durch Dein unvorsichtiges Verhalten bereitet und gar viele trübe Stunden verursacht hast, als daß ich mich hätte entschließen können, in herzliche Relation mit Dir zu treten; wobei ich jedoch nicht ermangelt habe, Dir pünktlich die nötigen Geldmitteln, bis zu der Dir bekannten Summe, welche ich zu Deiner Ausbildung für hinreichend erachtete, zufließen zu lassen. –

Nach dem Du nun aber mir den Beweis geliefert, daß Du diese Mittel nicht mutwillig oder leichtsinnig vergeudet, sondern wirklich zu Deinem wahren Besten angewendet und ein gewisses Ziel erreicht hast, von welchem Standpunkte aus Du weiter vorwärts schreiten wirst, und ich mit Dir über Dein ferneres Gedeihen der Zukunft beruhigt entgegen sehen darf, sollst Du auch so gleich wieder den gütigen und besorgten Vater um das Glück seiner Kinder in mir erkennen.

Um Dir hiervon sogleich einen Beweis zu geben, habe ich Deinem Wunsche »v. Froriep's Notizen« von mir zu erhalten, alsbald entsprochen, welche längstens bis zum 24ten d. M. per Kiste und ganz franco bei Dir eintreffen werden. Dieselben sind als eine kleine Bibliothek zu betrachten und werden Dir vielen Nutzen gewähren. Bis iezt ist der 50ste Band im Erscheinen. Ich besaß nur 26 Bände welche mich, ohne Einband, 93 fl. 36 kr. kosteten und diese mache ich Dir zum Weihnachtsgeschenk. Die Bände 29-46, welche Du ebenfalls iezt erhälst, habe ich für Deine dereinstige Rechnung mit Deinen Geschwistern um 20 fl. 52 x erkauft und um diesen 3teil Preis sollst Du durch mich die Fortsetzung und eben so die fehlenden Bände 27 und 28 erhalten. Sollten Dir meine anatomischen Tafelen von Weber, welche Dir schon genau bekannt sind und die ich iezt vollständig habe nötig sein, so will ich Dir auch diese schicken, oder wenn Du sonst Bücher nötig hast, so mache mir solche namhaft und bemerke mir genau den Ladenpreis, um welchen Du solche in Zürich würdest erhalten können. Auch findest Du in der Kiste unter anderem 2 Exemplare meiner Nadelgeschichte, die mir beim Packen als altes Papier in die Hände fielen. Vielleicht kannst Du Deinen Schülern gelegentlich eine Erzählung davon machen. So dann legte ich auch eine Beilage zu unsrer Zeitung in die Kiste, worin eine Concurrenzeröffnung von Zürich aus bekannt gemacht wird. Hättest Du früher meinen so wohlgemeinten Rat befolgt und Dich mehr mit Mathematik beschäftigt, so könntest Du vieleicht iezt mit concurrieren. Doch dies sei bloß nebenher bemerkt. Deine Abhandlung hat mir recht viel Freude gemacht, und nicht weniger war ich erfreut über Deine Crei(e)rung zum Doctor der Philosophie, so wie überhaupt über Deine gute Aufnahme in Zürich. Sei nur recht (vorsichtig) in Deinem Benehmen und in Deinen Äußerungen gegen und über jederman. Bedenke stets daß man Freunde nötig hat und daß auch der geringste Feind schaden kann. Ich bin recht begierig zu hören, wie es Dir bisher mit Deinen Vorlesungen ergangen und worauf besonders Dein weiterer Plan gerichtet ist. Zoologie und vergleichende Anatomie sind Felder worin noch viel zu lernen ist und wer Fleiß darauf verwendet dem kann es nirgends fehlen, merks tibi. Auch Kaups systematische Beschreibung des Tierreichs, wovon das 10 Heft erschienen ist, könnte ich Dir schicken. –

Bei uns ist alles wohl und es werden die nötigen Vorbereitungen zur Weinachten gemacht. Deine weitere Bescherung findest Du ebenfalls in der Kiste. In Reinheim ist kürzlich Oheim's jüngstes Kind, ein schöner Knabe von 1½ J. gestorben. Deine Mutter wollte meinem Brief noch einige Zeilen beilegen, bei dem teuren Porto aber, wollen wir es unterlassen, zumal Du per Kiste Briefe erhälst. Mutter und Tante Helene sitzen oben bei der Großmutter, welche iezt beinahe völlig blind ist. Im Frühling soll das eine Auge operiert werden. Mathilde und Louise sind in der Oper »Die Stumme«. Louis ist wahrscheinlich mit Anfertigung von Weinachtsgeschenken beschäftigt und Alexander liest wie gewöhnlich sehr emsig die Geschichte. Dieser wird ein ruhiger Gelehrter werden in allem Ernste. Endlich ich sitze am Schreibtische und schreibe in diesem Augenblicke am Ende meines Briefes meinen Namen.

E. Büchner

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