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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Montag.Wahrscheinlich ist dieser Brief in das Frühjahr 1841 zu verlegen.

O Mütterchen, nun nehmen Sie mir die Wevelsburg nicht wieder, was kümmern uns die Spiegel? Hab' ich darum mein Lebenlang in keinen gesehen, um ihm nun so viel zuzugestehen? Die Wevelsburg ist viel zu schön, die wird gedruckt und ist schon abgegangen. Das ist auch gar nicht aristocratisch von Ihnen, daß Sie meinen, die Spiegel kränke das, – einen ächten Aristocraten kränkt es nie, wenn schon in frühern Jahrhunderten sein Name vorkommt, es sei unter welchen Umständen es wolle. Bin nicht auch ich stolz auf meinen Urgroßvater, den Friedrich der Große ehrte – weil er die Theilung von Polen sehr geistreich und sehr elegant vertheidigte? So sind die Spiegel stolz darauf, daß der Kurt ein Marschalk war, und daß die Leute davon lesen und sagen, es ist doch 'ne alte Familie, die Spiegel. Sehen Sie, Mütterchen, das begreifen Sie nicht, weil Sie eigentlich gar keine Aristocratin sind, sondern eine Monocratin. Und nun gar für Ihren Arnsberger, den greulichen Schlingel, soll ich den kecken Kurt geben! Nein, Mütterchen, der Arnsberger, der könnte schön sein, aber es fehlt ihm, was Hutterus »die Pojente« nennt: der ist zu rasch gemacht, bei allen Federn meines Helms! Dabei ist mir ein Vers aus Shakespeare eingefallen, der ist zu hübsch:

Dichten? ich wär' ein Kitzlein lieber und schrie Miau
Als einer von den Versballadenkrämern.
Ich hör' 'nen ehrnen Leuchter lieber drehn,
Oder ein trocknes Rad die Achse kratzen,
Das würde mir die Zähne so nicht stumpfen,
So sehr nicht, als gezierte Poesie. –
Singen – führt euch grades Wegs dazu,
Schneider zu werden oder Rothkehlchen abzurichten.
Lieben? Ist dies 'ne Welt
Zum Puppenspielen und mit Lippen fechten?

Es ist doch ein einzig humoristischer Mensch, der alte William! – So, liebes Mütterchen, nun ich Ihnen den Arnsberger recht schlecht gemacht habe, daß Sie Ihren Augen nicht trauen und denken:

O fromme Poetin, was ließest so hoch
Deiner Kritik frevelen Muth du steigen?

will ich Ihnen auch sagen, wie mich gerührt hat, daß Sie mir so viel machen, schicken und arbeiten; wenn ich Ihnen danken sollte, ich käme ja nie zu Ende! Und vor Ihren Balladen hab' ich innerlich so viel Respekt – denken Sie, auf Ihre Verheißung von mehreren noch, hab' ich, um desto mehr Raum dafür zu haben, auf der Stelle ein eigenes langes Gedicht mit großartig kräftigen Zügen im Manuscripte durchgestrichen. Sind Sie nun wieder zufrieden, mein Mütterchen? Mehr kann ein Poet des 19ten Jahrhunderts doch nicht thun, und ich weiß auch nicht, ob ich dies über mich vermocht hätte, hätte der Tieck oder der Lenau sich erboten den Raum zu füllen. Sehen Sie, Mütterchen, das kommt daher: ich habe Sie zwar so lieb, daß ich leichter als andre Menschen geneigt bin, Ihre Gedichte schlecht zu finden – grade weil ich meine, was Sie machten, müßte immer gleich ein Wunder von Fürtrefflichkeit sein. Aber trotzdem glaube ich, daß unter unsren Zeitgenossen Niemand mehr ist, der eigentlich classisch schreiben kann, Sie allein ausgenommen. Ich weiß Ihnen nicht ganz auszudrücken, wie ich das fühle. Bei allen Dichtern unsrer Zeit fühle ich ein Dilettantenhaftes, hier und da Mattes, Gemachtes, Freiligrath und Lenau nicht ausgenommen. Das ist nie bei Ihren Sachen der Fall: was Sie schreiben gehört in das Ganze, wie jede einzelne Zacke in einen Dom. Der Dom ist auch nicht aus der Erde gewachsen, sondern von Menschenhänden aufgeführt, aber er ist doch ein Ganzes, Organisches, der außer dem Bereiche aller Willkür liegt, die hier und da einen Stein auch anders hätte setzen können. Und dann ist s noch etwas mit Ihren Gedichten. Les ich ein's vom Freiligrath, vom Dingelstedt, so ist's etwa, als wenn ich etwas läse, was ich mir verwandt, ebenbürtig fühle – es kann mich wohl überraschen, aber nicht mir den Eindruck des Tiefen und Gediegenen, mit wunderbarer Intuition auf einem fremden Felde Gepflückten machen, was Poesien von Shakespeare, W. Scott (Byron nicht, Coleridge zuweilen) und von Ihnen für mich haben. Ich muß dabei bleiben, sie sind classisch, Ihre Gedichte. Vielleicht kann ich so mich expliziren: wie der Jünger Tieck zum Meister Goethe, wie der Jünger Immermann in seinen frühern Sachen zum Meister Tieck, so kommt mir Alles, was jetzt an Sagen und Balladen gedichtet wird, zu Ihren Gedichten sich verhaltend vor. Ihre Sachen sind mir jetzt noch, nachdem alle litterarischen Illusionen mir geschwunden sind, was dem Menschen, der nie einen Vers zu machen sich erkühnt hat, Gedichte überhaupt sind, wunderbare Sachen, von deren Entstehen er recht keinen Begriff hat, und von denen er zu glauben geneigt ist, sie werden wie die Kinder aus dem Brunnen geholt.

Was ich aber sagen wollte, Mütterchen, so was Schönes, wie Sie machen können und im »Grafen von Thal,« in der »Vorgeschichte« und andren gemacht haben, das in seiner Art eben so vollendet ist, wie ein Werk Shakespeares, macht sich nicht ohne Mühe. Shakespeare selbst hat unendlich ausgearbeitet und gefeilt. Wenn Sie mir auch einwerfen: aber ich habe den Grafen von Thal, die Vorgeschichte in zwei Stunden gemacht, so täuschen Sie sich selbst. Der Zeitraum mag nur zwei Stunden lang gewesen sein, aber in dieser kurzen Zeit sind Sie so intensiv lebendig dann gewesen, daß Ihr Leben in diesen zwei Stunden so gut ist wie ein Leben von acht Tagen in weniger angeregter, angespannter Stimmung. Sie irren, wenn Sie schließen: ich habe den Grafen von Thal in zwei Stunden gemacht, also kann ich jetzt von zwei bis vier Uhr auch ein ähnliches Gedicht machen, weil von zwei bis vier zwei Stunden sind. Sie mögen bei Ihrer Geisteskraft und Lebendigkeit immer drei Stunden verleben in zwei; wenn Sie ein Gedicht machen, vier bis fünf in den zwei. Aber zu einem von Ihren schönen Gedichten kommen Sie doch mit vier bis fünf nicht aus. Deshalb müssen Sie mit mehr Muße die Sache überlegen, wenden, feilen, liebes Mütterchen, und ich bin überzeugt, Sie schaffen in jedem neuen Gedicht eine Art von ganz exclusiver Poesie, die Ihnen Niemand nachmacht, ein Meisterstück. Wie wunderschön würde Ihr Arnsberger geworden sein, hätten Sie ein paar Tage den Stoff erst im Kopfe herumgetragen! Jetzt ist er für die Weiberzeitung ein glänzender Beitrag.

Mütterchen, sind Sie mir auch bös, daß ich so kritisch scharf werde? Ich will auch kein Wort mehr sagen, sondern ganz egoistisch denken, es kommt ja nicht darauf an, daß Sie fremden Leuten schöne Gedichte machen, sondern nur, daß Sie thun, was Ihnen Freude macht, nach dem Kopf ist, Sie amüsirt. Der Arnsberger, der dies hervor gerufen hat, der Streitbare, der noch im Grabe die Leute beunruhigt, ist eigentlich ein ganz schönes Gedicht; ich freute mich wahrscheinlich außerordentlich darüber, läs' ich es irgendwo, ich hielte es für meisterhaft gelungen, hätte es die Bornstedt gemacht. Denn es ist keine Schmeichelei, wenn man der Leute Gedichte gleich so schön findet, man liebt sie dann nicht, oder traut ihnen so viel nicht zu: daher die Verwunderung.

Liebes Mütterchen, nun hab' ich auf meine dumme Art wieder einen dummen Streich gemacht, daß ich Ihnen das Alles geschrieben habe. Warum hab' ich nicht gleich geantwortet, als ich Ihren letzten Brief bekam, in der ersten vollen Freude über mein lieb sorgsam Mütterchen, das mir so schöne Balladen macht! Jetzt werden Sie sagen: der Tebelholmer, wenn ich dem kleinen Pferde noch eine Zeile wieder schreibe, da es, statt zu danken, kritisirt! Unterdrück mal Einer seine Natur. Sie haben ja selbst geschrieben, ich sei ein Kritiker – Pardon deshalb, Mütterchen.

Der Eugen Aram ist, so viel ich weiß, wieder da; er steht wenigstens nicht mehr auf meinem Blatte in der Bibliothek.

Diesen Morgen hab' ich endlich einen sehr kurzen Brief von Besser erhalten; er bittet mich seine Proclamation mit der ehrenreichen Jungfrau Elisabeth Schleiermacher in der hiesigen Kirche zu besorgen, da er im Begriffe stehe zu heirathen. Das ist Alles was der Brief enthält, nebst Grüßen an seine Bekannten und der Versicherung, daß er öfter an Münster denke, als dahin schreibe. Gute Nacht, Mütterchen, ich will zu Bett, es ist spät geworden und das Licht ist am Erlöschen. –

Guten Morgen, liebes Mütterchen, haben Sie gut geschlafen und auch hübsch lange genug? Ich habe bis an den lichten Tag geträumt und muß jetzt zur Bibliothek laufen, um zu sehen, ob ich den Nöggerath bekomme, damit ich dies Packet früh genug nach Ahlers schaffe. Mütterchen, wie kommt es, daß alle meine Verse sich um Dome und Kirchen bewegen: es ist merkwürdig, aber meine Stoffe wachsen einzig wie altes Lauch auf den Schieferdächern und aus den Mauerspalten der Cathedralen.

Wie vor des Grales sagenhafter Schale
Die Hände einst Templeisen fromm gefalten,
So steh ich scheu im Chor der Cathedrale,
Vor ihren mondbeglänzten Steingestalten,
Umhuscht, umathmet wie von Geisterweben,
Vor dem die riesenhaften Schatten schweben
Gleich eines Vorhangs wallend langen Falten.

Rings um wie still! – ich hör' des Funkens Sprühen,
Schür' ich der ew'gen Lampe bleiches Glimmen,
In das des Mondes Lichter überglühen,
Um gelb und matt die Quadern zu umschwimmen;
Die Schatten selbst, wag' ich den Docht zu schaukeln,
Beginnen hörbar am Gewölb zu gaukeln,
Und auf und ab die Gurten anzuklimmen.Die beiden ersten Strophen des Gedichts. »Nachts im Dome.« Gedichte von Levin Schücking. Stuttgart und Tübingen, 1846.

Mütterchen, ich wollt' ein Gedicht für Sie machen, aber ich komme nicht weiter, ich muß zur Paulinischen. Adieu, Adieu. –

Denken Sie, von der Bibliothek ist der Nöggerath gestohlen! Que faire maintenant? Hätten Sie nur Ihre Beschreibung nicht zerrissen! Wollen Sie sie mir noch einmal machen? so gut wie's geht? Mein Onkel wird mir schon sagen, was nicht recht ist. Ich habe eben Ihren Arnsberger wieder gelesen: er ist doch schön – der Stoff taugte nur wenig. – Die Geschichte vom Kurt habe ich in BessenJoseph Bessen, Geschichte des Bistums Paderborn. Paderborn, 1820. gefunden, der Bischof ist Ferdinand von Fürstenberg.

Liebstes Mütterchen, in Eile sag ich Ihnen noch tausend Dank für Ihr Packet von diesem Morgen und antworte nächstens ausführlich. Heut will ich Ihnen nur noch sagen, wie lieb ich Sie habe, und wie gut Sie sind, und wie Ihr französisches Motto eben ein französisches ist, und wie ich gar nicht aus Gefälligkeit Ihre Gedichte will, sondern aus Noth, und denke, der Engelbert ist der beste Stoff, der interessanteste, – der Vollmer ist unsichtbar und hat deshalb kein eigentliches menschliches Interesse. Wegen der Geschichte mit dem Engelbert lassen Sie mich nur machen, wenn ich das Gedicht voraussende und die Historie als Erläuterung daran knüpfe, so macht sich das schon. Die andren Sachen sind nicht gut, der Bäcker, das ist zu spät, die Glocke etwa, das stell ich Ihnen anheim. Wie gesagt, der Engelbert ist mir der liebste, weil ich weiß, daß er Sie am Meisten inspiriren wird. Ebenso stelle ich Ihnen das »Fegefeuer« anheim; es hat aber Zeit (bis Sonnabend nur müßte ich das Fegefeuer haben, die andren Sachen eilen nicht). Noch einmal Adieu, liebes Mütterchen, den Grimm will ich ganz schön wahren.

Ihr Levin

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