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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 6
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Montag.Ebenfalls aus dem Dezember 1840.

Liebes Mütterchen, nun wollte ich Ihnen noch gern diesen ganzen Bogen voll schreiben, aber ich muß an die Arbeit; ich habe gestern und heute nichts gethan, als Briefe geschrieben. Eben lese ich in Gustav von Heeringen, der das Malerische und romantische Franken beschrieben hat, und sauge daraus die erneute Überzeugung, daß Westphalen von allen diesen Sectionen die gediegenste wird; der Text von den andren ist gar nicht zu lesen, dies Franken ist noch das Beste, aber auch wie lahm, wie müde geschrieben! Ich bin jetzt bei Münster, gehe dann nach Cappenberg, Dortmund, Soest, Paderborn und Lippstadt.

Über den Freiligrath habe ich gestern einen Brief vom Maler Schlickum bekommen, der in Unkel ist und schreibt, ein sehr leichtsinniger Bursche, Dralle, der lange schon an Freiligrath sich gehängt hatte und fast nur auf seine Kosten lebte, sei nun von Unkel aufgebrochen unter dem Vorgeben, nach Stuttgart zu gehen, aber richtig in Weimar angelangt, wo Freiligrath das alte Leben führe und Champagnerkorkmelodienexperimente mache, auch im Frühjahr heirathen wolle. Doch ich will das Blatt beilegen. Auch den Merlin schicke ich Ihnen nebst Schnaase's Brief; meine Abhandlung ist abgegangen. SchlüterChristoph Bernhard Schlüter, geb. 1801, Professor an der Akademie zu Münster, erblindete schon vor seinem dreißigsten Lebensjahre. Ein schönes Denkmal der Freundschaft, die Annette für ihn hegte, bilden ihre Briefe an ihn. (Münster, 1877 und 1880). Zusammen mit Wilhelm Junkmann gab er nach dem Tode der Dichterin aus ihrem Nachlasse »Das geistliche Jahr« heraus. (Stuttgart, 1851.) Er starb 1884 zu Münster. war wie noch mit keiner meiner Arbeiten zufrieden damit. Wenn nur der Freiligrath sein Gedicht macht auf den Immermann; sonst kommt unser Andenken zu spät und ist auch todt, ehe es lebendig ward.

Schreiben Sie nicht so viele Briefe, Mütterchen, man verzettelt Kräfte und Stimmungen damit, es ist eine abscheuliche Sache. Denken Sie mehr daran, für sich zu sorgen, als immer für Andre – ausgenommen Ihren kleinen Jungen, das dumme Pferd, der nicht genug von Ihnen hören kann.

Es ist doch Tebelholmer wunderbar mit unsrer Ähnlichkeit! Grade so wie Ihnen mit dem Lachen ist es mir gegangen; ich weiß noch, daß es einmal in unsrem Hause hieß, ich hätte den Lachkrampf, weil ich im Bette liegend vor lauter Lachen um nichts Ersichtliches gar nicht wieder zur Vernunft zu bringen war. Daß unsre Ähnlichkeiten noch herab gehn, bis auf die Eselliebhaberei, es ist kurios! Ich will's Ihnen übrigens erklären: es ist erstens die westphälische, zweitens vielleicht auch etwas von Dichternatur in mir, wenn Sie wollen – zudem etwas weiblich Geduldiges, Anschmiegsames in meiner Natur, was mich unter meinen Freunden immer die philisterhaften Charakter- und Gesinnungfesten hat aussuchen lassen, die gewöhnlich sehr beschränkt, aber durch Fleiß und markirtes, festes Wesen sich auszeichneten.. Mit JunkmannWilhelm Junkmann. geb. 1811 zu Münster, studierte Philologie und Geschichte, war von 1839–1843 Hilfslehrer am Gymnasium zu Coesfeld und starb 1886 als Professor der Geschichte zu Breslau. »Die lyrische Poesie, eine weiche und schwermütige Poesie der Gemütsinnigkeit, vertrat ein junger Dichter, W. Junkmann, eine reiche Seele voll Romantik und paradoxer Lebensanschauungen« . . . L. Schücking. »Lebenserinnerungen.« z. B. komme ich gar nicht aus, der ist mir viel zu weiblich, nicht Mann genug. Sie dagegen haben zu weiblicher Beobachtungsgabe einen männlich klaren, ordnenden Verstand bekommen, einen Geist, der mit dem weiblichen Interesse für das Einzelne, Geringe, die Miscelle, – den männlichen Aufschwung von diesem Einzelnen zum Ganzen, von der Miscelle zum System möcht' ich sagen, verbindet. Darum ist mein Mütterchen so'n Genie, und ich will mich angeben, auch so klug zu werden. Es ist aber keine Freude; das Bewußtsein, nun so Vieles zu kennen, zu durchschauen, dadurch ein Gefühl von Macht, die man aber doch nicht ausüben kann, hat etwas Trostloses. Ich habe neulich schon eine Viertelstunde darüber verdrießlich in die Wolken geschaut und dachte dabei, wie langweilig das Ihnen erst sein müßte. Hätte man bei solchem eigentlichen Klugsein wieder eine so große geistige Begabung wie Shakespeare, um, was man erkannt, auch gleich lebendig werden zu lassen in sprechender Figur, dann wär's schon angenehm: so aber ist's nur ein gemischtes Gefühl von Kraft und Schwäche und Illusionenflucht.

Nun habe ich doch den Bogen bald vollgeschrieben. Was wird der Vater LangewiescheDer Verleger des Malerischen und romantischen Westfalen. sagen!

Ihr Levin.

In Beziehung auf die Ballade: die Veränderungen habe ich so gemacht, wie Sie wünschten – alte Garde war nicht gut, weil man dabei an die alte Garde Napoleons auf der Stelle denkt, graue ist viel besser. Wie dank' ich Ihnen für den blonden Waller!Die Ballade »Der Graue.« Wenn der aber in die Damenzeitung kommt, so ist er ja juris publici geworden und ich brauchte mich dann an Ihrem Zorn gar nicht mehr zu stören!

Soll ich Ihnen die Memoiren der Markgräfin von Baireuth senden, oder kennen Sie sie? Schelmuffsky? Simplicissimus? Oder neue Sachen? Was sagen Sie zum Merlin?

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