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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 51
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Rüschhaus den 7ten Februar 1846.

Mein lieber Levin!

Ich habe soeben einen Brief zerrissen, weil er sich gar zu kläglich ausnahm, – einen bereits fertigen Brief an Sie, mein gutes Kind, worin ich zur Entschuldigung meines Stillschweigens das ganze Heer von Trubeln und wirklichen Unfällen, das uns seit vier Monaten verstört hat, aufmarschiren ließ. Wozu das? Es ist ja jetzt vorüber, Manches am Ende nur leere Angst gewesen, und Anderes bereits halb verschmerzt. Lassen Sie mich lieber Ihnen danken für Ihr liebes Geschenk. Wie es mich gefreut hat, mögen Sie daraus abnehmen, daß ich es unter Umständen, die wohl geeignet waren, mich allen Interessen, außer den allernächsten, zu entrücken, bereits dreimal durchgelesen habe. Es ist ein schönes Buch, kein einziges schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Gedicht darin, und dagegen Vieles von überraschender Schönheit; z. B. unter den Balladen: »Ebbo Wittingau, Hiarni, Herzog Ludwig vor Augsburg, Sage von Boppard, Ein Besuch, Mißklänge«; unter den andern: »Linde und Eiche,Der Titel dieses Gedichtes ist »Waldsprache«. Warst Du im Wald, Meinen Lothar, O'Connell, Westfalen, Das alte Stift, Die politischen Dichter, Die Prozession, Landsknechtslieder«. NB. Warum haben Sie denn über Ihrem Gedichte an Junkmann ihn nicht mit vollem Namen genannt, wie ich? Junkmann hat ein zwar abnormes und deshalb nur von Wenigen goutirtes, aber sonst doch unbestreitbares Talent. Vielleicht geht er im Strom der Zeiten völlig unter, d. h. wird völlig unsichtbar durch Verlorengehn der sehr geringen Anzahl cursirender Exemplare seiner Gedichte; vielleicht dagegen gräbt man ihn nach einem paar hundert Jahren wieder auf, und er wird dann als höchst merkwürdige Reliquie hoch geehrt. Jedenfalls ist seine völlige Anerkennung erst von der Zukunft zu erwarten; er wird sie nicht mehr erleben, und doch ist grade ihm Anerkennung ein so großes Bedürfniß. Warum haben Sie ihm die kleine Freude nicht gemacht, die wahrscheinlich für ihn eine sehr große gewesen wäre? Bürger, Stolberg und Matthisson haben durch ihre poetischen Zuschriften den sonst ganz obscuren Namen Boie zu einem fast klassischen gemacht. Es setzt schon eine bedeutende Persönlichkeit voraus, der Freund eines geachteten Schriftstellers zu sein: der mehrerer hat einen Firman, der anerkannt wird, so weit jene Namen reichen. Hüten Sie sich aber, diesen Brief nicht etwa aus Vergessenheit des Inhalts Junkmann in die Hände zu geben; diese absichtliche Nachhülfe seines Ruhms würde ihn höchlich empören, und wir wissen ja auch Beide, daß er unendlich Besseres werth ist, aber – il faut faire son mieux! Oder ist er am Rhein jetzt bekannter? Hier, in seinem Vaterlande, noch immer kein Prophet.

Wie gehts Louisen? Wann sieht sie denn ihren neuen Mutterfreuden entgegen? Ich denke sehr viel an Euch und habe immer zwischendurch an Euch gedacht, wenn mir auswärtiges Denken sonst wohl vergehen mußte. Wir haben binnen wenigen Monaten viel Angst ausgestanden, doch ist Gottlob nur ein Schlag niedergefallen: wir haben den guten Onkel Fritz Haxthausen verloren, – ein recht betrübender Verlust, jedoch einer, wie viele im Leben vorkommen, und womit man sich abfinden muß. Aber daß Mama und ich, seine einzigen Pfleger – denn er war zuletzt hier in Münster – zwei Monate voraus wußten, er sterbe an Magenkrebs und werde wahrscheinlich zuletzt verhungern, das war sehr hart und überstieg zuweilen, wenn er so geduldig und voll Hoffnung war, wirklich unsre Kräfte. Der Himmel ließ es nicht zum Äußersten kommen, ein Schlagfluß trat früher hinzu. Wohl ein Glück, aber doch ein mit vielem Schrecken verbundenes. Seitdem – auch schon früher – waren Mama und ich Beide sehr unwohl und konnten uns auch nicht erholen, da das Unglück es förmlich auf uns gemünzt zu haben schien und ein Schlag nach dem andern drohte, jedoch, wie gesagt, Gottlob keiner mehr niederfiel. Manches nimmt sich hintennach fast lächerlich aus, z. B. daß Werner glaubte, von einem tollen Hunde gebissen zu sein. Das Beest hatte ihn ohne zu bellen und mit hängendem Schwanze angefallen, ihm förmlich ein Stück aus der Wade gerissen, war dann, den Schwanz zwischen den Beinen, von seinem Bauernhofe herunter getrottet und seitdem verschollen. Das sah doch verdächtig aus! Werner ließ sich die Wunde ausbrennen. die natürlich dadurch sehr schlimm und schwärend wurde. Das halbe Dienstpersonale war immer auf der Jagd nach dem verschollenen Hunde; Wunde und Angst brachten Fieber mit ungeheuren Wallungen, der Arzt war selbst nicht wenig beängstet und unsicher. Mit einem Male stellt sich der Bauer ein, seinen ganz gesunden Hund am Stricke – der am vorigen Abende wieder gekommen war –, und stammelt ganz verlegen von des gnädigen Herrn großem Barte und wunderlichem Hut und Rock (Tirolerhut und Paletot), und daß der Hund alle Bettler beiße. Werner machte ein Gesicht wie Bürgers Kaiser, als Hans Bendix ihn zu neunundzwanzig Silberlingen anschlug, und damit war die Sache zu Ende, wir aber drei Wochen lang mehr todt als lebendig gewesen. Wie uns überhaupt das Pech zu Leibe wollte, mögen Sie aus einem Beispiel sehn. Werner bemerkt vor etwa vier Wochen, daß sein sechsjähriger Moritz stark hinkt; man sieht nichts an dem Beinchen, aber das Kind ist skrophulös und das furchtbare »freiwillige Hinken« der zunächst liegende Gedanke. Während der Junge zu Bette gebracht wird, tritt Werner vor die Hausthür, rutscht auf dem Glatteise aus und verletzt sich so hart am Knie, daß ihn zwei Menschen ins Haus führen müssen. Wie er sich eben gesetzt hat und man daran ist, die Verletzung zu untersuchen, wird ihm ein Brief von München gebracht, »Heinrich sei so schwer am Schleimfieber erkrankt, daß man ihn ins Hospital gebracht habe«. Lautet das nicht fabelhaft? Wir sind zwar immer zumeist mit der Angst davongekommen: Werner und Moritzchen sind hergestellt, auch von Heinrich laufen immer bessere Nachrichten ein, obwohl er das Hospital noch nicht verlassen kann, und so hat sich noch manches Andre, zum Schreiben zu Weitläufige, passabel beigezogen; aber die Angst ist selbst ein großes Übel, und ohne einigen Verdruß oder Schmerzen ist es doch nirgends abgegangen.

Den 11ten. Soeben erhalte ich Ihren Brief. Also ein Mädchen! Nun, Gott segne Mutter und Kind. Ich bin herzlich froh, daß Alles so weit ist. Aber mein Lotharchen kömmt nun ganz drunter, der ist nun fortan »der große Junge« und soll viel verständiger und artiger sein, als er kann. Das leide ich aber nicht. Sie erwähnen des armen Stümpchens gar nicht in Ihrem letzten Briefe; das geht nicht, ein Brief ohne meinen Pathenjungen! Versucht er schon, sich auf seine Beinchen zu stellen? Wie gehts mit dem Zahnen? Und wie mit dem Sprechen? Das nächste Mal muß ich einen ordentlichen Bericht haben, oder die Freundschaft hat ein Ende.

Wie gern wäre ich in Cöln und sähe Ihr Lustspiel aufführen! Aber hierhin kömmt nichts; nach Münster schon wenig, und nach Rüschhaus – ich meine Bücher und Zeitungen – gar nichts, seit alle meine Eliasraben fortgeflogen sind. Ich habe mir zwar einen neuen angeschafft, einen gewissen Assessor Kynast, der den besten Willen, aber blutwenig Gelegenheiten hat oder sie nicht zu benutzen weiß. Er faßt meine Wünsche mit dem brennendsten Eifer auf, rennt sich die Beine ab und berichtet mir sehr umständlich seine Erfolge in der stereotypen Form: »Ich war dort, dort, &c, habe aber bis jetzt noch nicht das Glück gehabt &c.« Auch Nanny Scheibler und Louischen Delius, mit denen ich eine zwar etwas nachlässig cultivirte, aber doch von Zeit zu Zeit sich regende Verbindung unterhalte, bieten mir nur zum Erschrecken gelehrte Werke: Dahlmann, Thiers &c., an. Ob sie selbst keine andern lesen oder sie mir nicht anzubieten wagen, meiner übersoliden Jahre wegen? Ich glaube fast das Letzte und studire auf eine gute Manier, vom Throne meiner Ehrwürdigkeit herab zu steigen. Überhaupt ist dieses Verhältnis obwohl gewiß von beiden Seiten herzlich wohlgemeint, noch zu wenig unbefangen, als daß es mir eigentliche Erholung bringen könnte; es war zu wenig vorbereitet, sollte mit einem Male, wie ein Pilz über Nacht, da sein, und nun fühlen sich die guten Mädchen genirt, meinen wie die schönsten Bücher sprechen zu müssen und haben neulich über eine Viertelstunde vor unserer Hausthür gestanden, ohne den Muth hineinzutreten. Wenn sich das erst gegeben hat, hoffe ich noch viel Erfreuliches von ihrem Umgange. Der langen Rede kurzer Sinn ist, daß ich somit vorläufig etwas auf dem Trocknen sitze und allerdings nur vom süßen Merkur gespeist werde. Ich habe auch in den vier Monaten, seit wir von Abbenburg zurückgekehrt sind, mich nach keiner bloß unterhaltenden Lectüre umsehen mögen; es kam mir bisher noch fast unschicklich vor. Heute kömmt indessen unser Assessor und wird mir ja die Nummern der Allgemeinen doch wohl verschaffen können, hoffentlich auch Louisens Frauennovellen; auf das Rheinische Jahrbuch ist jedoch schon diverse Male die oben berührte stereotype Form angewendet worden.

Wissen Sie denn, daß Nanny Brockhausen den Wittwer Zurmühlen, Paulinens Bruder, geheurathet hat? Und haben Sie in der Allgemeinen die verrückte Anzeige von meines armen Onkels Tode gelesen, wo Mama und ich und Laßberg bei den Haaren hinein gezogen sind? Diesen verunglückten Liebesdienst soll mir die Tabouillot erwiesen haben, die mir noch immer nachstellt wie der Teufel der Seele und mich noch immer nicht erwischen kann. Mama wünscht diese Bekanntschaft zu vermeiden, und ich fühle eben auch keine große Sehnsucht, wenn ich ihre Gedichte lese, und die Prosa ist noch schlechter.

Von Schlüters höre ich blutwenig; das Professorchen wird älter, kälter, und immer kränklicher, mag keine Fußtouren mehr unternehmen, – schreiben hat es nie gemocht, – ich kann jetzt auch weder schreiben noch kommen: so bleibt es beim Hinundhergrüßen, wenn sich die seltne Gelegenheit dazu findet. Doch weiß ich, daß Schlüterchen vergnügt ist, – vergnügt in seinem Gott, seinem Bewußtsein, »Welt und Glauben« geschrieben zu haben, und der Dictatur über ein neues Elf-Uhr-Kränzchen, das dem früheren bedeutend nachsteht und ihm somit ein um so angenehmeres Gefühl von Überlegenheit giebt. Das soll kein Spott sein, Levin: ich habe Schlüterchen von Herzen lieb, stelle seinen Charakter und seine Kenntnisse sehr hoch; so war es mir sehr leid, daß er sich in ein Feld wagte, wo keine Lorbeern für ihn wachsen konnten, und freut es mich jetzt sehr, daß die Umstände eine angenehme und natürliche Täuschung herbeiführen; denn seine jetzige Umgebung schwört nicht höher als bei den endlosen Sonetten. Die Lombard ist unzertrennlich von ihm und hat mit an dem Buche geschrieben. Dies zur Nachricht, wenn Sie mit ihr zusammentreffen sollten, wie auch, daß fortwährend die strengste Anonymität behauptet wird und Schlüterchen von den grausamsten Unglücksfällen – Verlust seines Gnadengehalts, gänzliche Leere seines Hörsaals &c. – phantasirt, wenn er auf der Poeterei ertappt würde. Bewahren Sie also dieses öffentliche Geheimniß, ich mag nicht als die Verrätherin genannt werden.

Daß Sie Ihre Gedichte nicht wohl nach Meersburg schicken können, sehe ich ein; doch wäre es sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie dem alten Laßberg mal schrieben und dies anführten. Das ehrt ihn, er sieht dann, daß Sie an ihn gedacht, und ist vielleicht so hitzig auf das »Donum Authoris«, daß er es sich dennoch ausbittet; vielleicht auch läßt er es statt dessen aus Tübingen kommen – in Konstanz ist ja nichts – und schreibt hinein »Ex Intentione Authoris«. Wir gehn diesen Sommer wieder hin. Diese öftere Wiederkehr ist doch merkwürdig! Bei meinem ersten Aufenthalt dort habe ich wahrlich auf keinen dritten zu rechnen gewagt. Sie werden sich erinnern, wie oft ich gesagt, man müsse die Gegend recht genießen, die Wahrscheinlichkeit des Wiedersehns verhalte sich wie eins zu hundert. Das sind ein paar eiserne Naturen, mein Mamachen und der Laßberg! Die Eine würde, mit ihren dreiundsiebzig Jahren, noch vor keiner Reise nach Amerika erschrecken, und der Andre hustet sich zwar jeden Winter halbtodt, aber es schadet ihm nichts; Gott erhalte Beide noch lange so rüstig! Ich weiß nicht, wie Mama sich darin finden will, wenn endlich das gar zu hohe Alter sie weniger mobil macht. Da kömmt Besuch von Hülshoff! Also in schnellster Eile Adieu, lieber Levin; der Brief muß heute fort, morgen und übermorgen ist keine Gelegenheit. Tausend Liebes an Louisen von

Ihrem treuen Mütterchen

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