Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Annette von Droste-Hülshoff >

Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 5
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
Schließen

Navigation:

Wahrscheinlich stammt dieser Brief aus den ersten Dezembertagen 1840. Der Anfang ging verloren.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Ich habe mir auch vorgenommen, mal meinem Körper mich zu widmen; es ist doch eine Hauptsache, denn alle Kraft und Schaffensfreudigkeit kommt von ihm. Bei mir wenigstens, ich kann keine Verse machen, als wenn ich etwas Uebermaß von Gesundheit habe. Wenn ich gesund bin, sing' ich auf der Stelle was mir einfällt, und schmetternd ströme ich es aus, »das Sehnen meiner Nachtigallenbrust!« das unmusikalische Menschen mit allerhand schlechten Eigenschaftswörtern benennen, als da sind: heiser, quäkend, heulend, greulich u. s. w. Wenn ich aber Uebermaß von Gesundheit habe, dann mach ich mir die Verse selber, und nun laß Einen mir mit Eigenschaftswörtern kommen! Ich bin so triumphesfreudig dann, daß ich über alle Eigenschaften in der Welt hinausschmettre; es wird wahrhaft grandios.

Es ist bald elf, Mütterchen; schreiben Sie noch? Sie müssen zu Bett, und nicht in der Kälte waschen.

Mütterchen, helfen Sie mir, ich habe so viel zu thun. Bis 15ten December muß ich meinen Aufsatz über Merlin fertig haben für das Immermanns-Album von Freiligrath, dann einen Aufsatz für den historischen Verein hier, dann haben sie mich zum Mitglied des Westfälischen großen Vereins für Alterthumskunde erwählt oder ernannt vielmehr, dann soll ich weiß der Himmel was Alles für die Bornstedt thun und die ganze Welt besuchen.

Neulich war eine prächtige große Gesellschaft bei der Lombard.Karoline Lombard, geb. 1802, lebte zu Münster als Witwe des Geh. Rates Aug. Lombard, des Sohnes von Johann Wilhelm Lombard, dem bekannten Geh. Kabinetsrate. Sie übersetzte Werke von Malebranche, Ozanam und St. Martin, Sie starb zu Cöln 1881. Die Leute unterlassen nichts, mir meinen guten goldnen Stolz in die schlechte Kupfermünze der Eitelkeit umzuschlagen, und darüber wird die arme Bornstedt unglücklich, wie's Wasser tief. Ich war dieser Tage bei ihr, sie war bis in die Unendlichkeit froh, denn sie hatte sich ausgedacht, ein alter schmeichelhafter Brief von einem Unbekannten aus Schwaben über ein Gedicht von ihr im Morgenblatt sei – vom König von Bayern! Gründe? Keine! Was der Mensch wünscht, das glaubt er. Darauf fragte sie nach den Damen, die ich auf der Reise kennen gelernt, und ich erzählte viel von der Liebenswürdigkeit der Stolterfoth und Freiligraths Braut. Siehe da – keine fünf Minuten, und das gnädige Fräulein beschweren sich über ihre großartige Melancholie! Zuweilen kommt mich ein Grauen an vor der Eitelkeit, wozu die Menschen das Versemachen bringt! Auch du Brutus – Zeddel? – nein, nimmermehr. Brutus schläft – wie viel mehr der faule Zeddel! Auch du, Bruta? – Bruta nicht, sie wacht – über sich mit Herrengewalt. Liebes Mütterchen! (dies sprech ich mit einer sehr kleinlauten Stimme) – mein lieb, lieb Mütterchen, ich habe was kaput gemacht – bist Du auch böse – ich will's ja nicht wieder thun, mein Leben nicht – ich habe Dir was kaput geschmissen, eine Ballade! »Wenn's weiter nichts ist«, hör' ich die wachende Bruta sagen, »ich dachte schon, es wäre die holländische Theetasse mit den schönen gemalten, blauen Blumen darauf!« Es ist von einer Dame doch unendlich edler, schöner, weiblicher über eine kaputte Theetasse sich zu ärgern, als über eine kaputte Ballade. Überhaupt ist der Stoicismus eine schöne Sache, wenn man ihn auf seine Balladen anwendet: virtus est in nobis, was gehen uns also unsre Balladen an, die außer uns (d. h. geschrieben und fertig) sind? Auch die Quelle der Balladen ist in uns, die cvirtus balladificandi, und wir lassen eine neue wachsen, wenn eine alte kaput geht. Die Stoa ist eine unendlich erhabene Philosophie; die Kritik vermag nichts gegen sie. Die Kritik ist die Verneinung, d. h. mit andren Worten, die ewige Negation, der Teufel – gegen wen nun der Teufel nichts vermag, ist der nicht selig? Gegen den Stoiker vermag aber der Teufel oder die verneinende Kritik nichts; er läßt eine neue Ballade wachsen, wenn man ihm die alte kaput gemacht hat. Ich will morgen zu Fräulein Bornstedt gehn, damit zu dieser expreß für Poeten erfundenen Weltweisheit sie sich bekehre. Aber Sie lassen mich nicht entschlüpfen – ich muß gestehen – doch denk ich, Sie sind jetzt vorbereitet und dürfen nichts mehr sagen: ich habe nämlich Ihre Ballade »Der Graue« in's Westphalen gesetzt und daraus, um Raum zu gewinnen, die Verse von Nr. 3, »Den Brüßler Kaufherrn freut es kaum« – (kommt darin vor, ich habe die erste Zeile von Nr. 3 vergessen) bis: »Es war tief in die Nacht hinein« weggelassen! Wenn Sie's aber übel nehmen, ist's noch früh genug, in die Presse gesandt ist's noch nicht. –

Gute Nacht – Gottes Segen über mein Mütterchen.

Ihr Levin.

Montag Abend.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.