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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 49
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Abbenburg den 25sten August 1845.

Ich habe Ihnen einen ellenlangen Brief schreiben wollen, mein liebster Levin; aber Gott weiß, es ist mir nicht möglich gewesen, und ich muß jetzt nur eilen, was ich kann, dieses Wenige zur Post zu schicken. Machen Sie damit, was Sie wollen, d. h. drucken Sie es oder nicht; ich mache gar keine Prätensionen mit diesen GedichtenDas obere Drittel des einzelnen Blattes, auf dem dieser Brief steht, ist auf beiden Seiten mit Versen beschrieben, es sind dies die letzten einundzwanzig Zeilen des erzählenden Gedichtes »Das verlorene Paradies« und – mit II bezeichnet – das geistliche Lied »Gethsemane, die in einem Wirrwarr gemacht sind, wie ich desgleichen nie erlebt und nie wieder zu erleben hoffe. Seit zwei Monaten, wo der Onkel so weit hergestellt ist, daß er täglich einige Stunden Besuch ertragen kann, ists hier zum Schwindligwerden. Alle Tage 3–4 Besuche und jeder 3–4 Mann stark: neun verwandte Familien, vier benachbarte, nebst diversen Pastoren, die sich Alle einbilden, jede Woche wenigstens einmal nachsehn zu müssen, wie die Besserung fortschreitet. Der Onkel hats bequem: sobald ihm der Lärm zu arg wird, zieht er sich als Reconvalescent in seine Privatzimmer zurück, wohin Niemand folgen darf; aber Mama und ich führen ein wahres Schenkwirthsleben, – wir liegen oft noch im Bette, wenn schon ein Wagen anrollen kömmt, und Alle bleiben bis zum späten Abend. Denken Sie, Mama'n bekömmt dies Leben à merveille; sie ist so kregel wie ein Bienchen geworden, und wenn ich an Rüschhaus denke, wo ihr eigentlich jeder Besuch zu viel war, so steht mir der Verstand still. Ich hingegen kanns gar nicht aushalten; ich bin den ganzen Sommer leidend gewesen und muß mich täglich über Nacht aufrappeln. Wenn ich mich darin zugäbe, könnte ich jeden Abend bitterlich weinen. Gegen den 20sten nächsten Monats denkt Mama indessen abzureisen, NB. wenn sie es durchsetzt; der Onkel weiß noch nichts davon, und ich sehe bedeutenden Widerspruch voraus. Schreiben Sie mir also später nicht mehr hierhin, sondern wieder nach unserm guten Rüschhaus, was mir jetzt wie ein Paradies vorkömmt; ein Brief nach unserer Abreise ankommend wäre so gut wie sicher verloren, denn der Onkel ist über die Maßen vergeßlich, und es giebt Eckchen oben auf seinem Schreibtisch, wo er Alles hinsteckt, und woraus keine Erlösung zu hoffen ist.

Ich habe die Gedichte Abends im Bette machen müssen, wenn ich todtmüde war; es ist deshalb auch nicht viel Warmes daran, und ich schicke sie eigentlich nur, um zu zeigen, daß ich für Sie, liebster Levin, gern thue, was ich irgend kann. Zum Durchfeilen ist mir nun vollends weder Zeit noch Geistesklarheit geblieben, doch sind mir, wie Sie sehen, unter dem Schreiben allerlei Varianten eingefallen, unter denen Sie, – falls Sie die Gedichte aufnehmen, was ich aber, aufrichtig gesagt, nicht erwarte, – wählen mögen. Am Liebsten wäre es mir, wenn in diesem Falle meine liebe Louise die Auswahl träfe. Sie, lieber Levin, sind gar zu sehr mit Arbeiten überhäuft, um lange kreuz und quer zu überlegen, wie sämmtliche Abänderungen sich zu einander verhalten müssen, damit sich nicht dasselbe Bild wiederholt, oder dasselbe Wort zu schnell wiederkehrt. Und meine Arbeit ist doch schwach genug auch ohne solche Verstöße. In die späteren Jahrgänge will ich wenn Sie es wünschen, größere Aufsätze liefern, prosaische, weil Ihnen das am liebsten ist, – ich denke, westphälische Sittenschilderungen, entweder in Erzählungen oder Genrebildern. Wenn ich diesen Winter nicht zu krank werde, werde ich tüchtig in Rüschhaus arbeiten können; denn ich habe jetzt Niemanden mehr, der mich besucht, da Rüdigers, die nach Minden versetzt sind, schon vor meiner Ankunft fort sein werden, und Schlüter gar nicht mehr über Land geht. Ich hoffe, Letzterer hat Ihnen Beiträge geschickt; ich habe es ihm früh genug geschrieben und weiß auch schon, daß er sehr erfreut und bereitwillig gewesen ist.

Im Frühling gehn wir wieder nach Meersburg; ich freue mich recht darauf, dort bin ich immer viel gesünder und kann auch viel mehr und leichter arbeiten; Ruhe, poetische Umgebung und besseres Befinden wirken dann zusammen. Auch in Ihrer Nähe bin ich dann, höre oft von Ihnen und kann es vielleicht möglich machen, Sie zu besuchen und mein lieb Pathenjüngelchen zu sehn, – lauter Dinge, wornach ich mich herzlich sehne, aber in diesem Augenblicke lange nicht Kraft und Muth genug habe, es recht lebendig zu hoffen. Sie glauben nicht, wie confus mich diese Lebensweise macht; ich bin so schwindlig wie eine Eule – nicht metaphorisch, sondern wirklich, körperlich; es klingelt mir seit lange fortwährend in den Ohren, und ich sehe Alles doppelt. Wie würde es mich interessiren, die mir von Ihnen bezeichneten Aufsätze zu lesen; aber, lieb Kind, hierhin kommen keine Journale und auch keine Zeitungen außer der Cölner und dem Merkur; ich muß schon noch vier Wochen warten und dann in Münster Jemanden aufzutreiben suchen, der mir ab und an etwas zukommen läßt.

Aber, lieber Levin, soll ich fortan alle Briefe an Sie nach Cöln schicken? Sie schreiben mir: »Bis zum 20sten ist meine Adresse Ostende &c., Ihre späteren Briefe bitte ich nach Cöln, Adresse &c. zu schicken.« Dazu Ihre lange Abwesenheit von Augsburg, – der Plan, den Winter in Paris zuzubringen: sind Sie vielleicht aus der Verbindung mit Cotta getreten? Bitte, antworten Sie mir doch hierauf; Sie können denken, wie es mich interessirt.

Nun habe ich noch einen Auftrag von meinem Onkel August, d. h. einen Auftrag für mich, für Sie nur eine Anfrage. Er hat mir die Hauptpunkte notirt, und ich lege den Zeddel bei, da er mir hinlänglich ausführlich scheint, um Ihnen, mit einigen Erläuterungen von mir, klar zu machen, was er zu wissen wünscht. Er hat nämlich erstens ein bereits sehr vorgeschrittenes Werk über russische Zustände unter der Feder, das Ergebniß seiner auf Kosten der Regierung gemachten Reisen in Rußland; er will es auf eigene Kosten herausgeben, in deutscher und französischer Sprache, und wünscht nun den Betrag dieser Kosten und dann ferner zu wissen, ob vielleicht Cotta oder sonst eine Ihnen bekannte bedeutende Buchhandlung geneigt sein dürfte, beide Auflagen in Commission zu nehmen, und wie die Verhältnisse des Herausgebers zu dem Commissionair (Procente und sonstige Verbindlichkeiten) zu sein pflegen, oder noch besser – wenn Sie sich entschließen könnten, direct anzufragen – grade in diesem Falle sein würden. Das Buch beschäftigt sich mit den verschiedensten Interessen, – bald politisch, bald wissenschaftlich, mitunter hochpoetisch, wenn es auf die Sitten, Gebräuche, Volksglauben, Volkspoesie kömmt. Ich habe hier und dort darin gelesen; es ist gut geschrieben, nicht sehr fließend, aber lebendig und mit vielem Geist. Die Illustrationen sind unbedeutend, meistens Häuser, Geräthe &c. der verschiedenen Stämme, vielleicht ein paar Trachten, Alles in sehr kleinem Format, um so an der Seite oder zwischen den Zeilen angebracht zu werden. Dann hat August zweitens einen einzelnen Aufsatz ähnlichen Inhalts: »Über die freien Kosacken-Gemeinden« – möglicher Weise nur als Probe aus dem größeren Werke entlehnt, was ich nicht weiß und ihn jetzt nicht fragen kann –, den er irgendwo einzurücken und zu diesem Behufe die Honorare der verschiedenen bei Cotta erscheinenden Zeitschriften zu erfahren wünscht. Diesen Aufsatz habe ich ganz gelesen und daraus Alles anwendbar gefunden, was ich über das größere Werk – so weit ich es kenne – gesagt. Mit dem Beiblatt zur Allgemeinen ists nichts; der Aufsatz läßt sich nicht in kleine Absätze theilen, er muß in einem Stück durchgelesen werden. Desto passender scheint er mir aber für irgend eine politisch-wissenschaftlich-belletristische Vierteljahrsschrift oder Jahrbuch, nur nicht für das Rheinische, dessen Tendenz zu ausschließlich belletristisch ist. Bitte, helfen Sie ihm doch mit einiger Auskunft aus, damit er weiß, wo er sich am Passendsten hinwenden kann; Sie können mir die Antworten schreiben, oder wenn lieber ihm selbst, so ist seine Adresse in den nächsten Monaten »Bökendorf bei Brakel« (liegt sieben Stunden von Paderborn).

Nun Adieu, liebster Levin, ärgern sie Sich nicht über meinen Papiergeiz; ich habe so gar kleine Couverts und kann selbst keine andern machen. Tausend Liebes an Louisen; zuerst von mir, und dann von Mama. Sie wollen mich recensiren? Ach, Sie sind gar gut, aber ich bin auch

Ihr treues Mütterchen.

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