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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 44
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Rüschhaus den 31ten (letzten) October 1844.

Lieber Levin!

Nun in Eil zwei Zeilen Antwort auf Ihren Brief, der mich natürlich aufs Unangenehmste überraschen mußte. Ich habe ihn gestern Abend erhalten, heute früh meinen Bruder herüber bitten lassen und schicke Ihnen jetzt statt aller Auseinandersetzung die Copie des Briefs, den derselbe so eben beendet und an Herrn Hüffer geschickt hat; wollen Sie dieselbe gefälligst vorläufig der Cottaischen Buchhandlung mittheilen, so wird die Sache dadurch ohne weitere Weitläufigkeiten erklärt und zugleich die Buchhandlung aller Sorge enthoben werden. Ich bitte, daß Sie derselben mein Bedauern über einen Vorfall ausdrücken wollen, der durch meinen Mangel an Geschäftskenntniß herbei geführt worden ist. Übrigens muß ich auch so anständiges Lehrgeld bezahlen, daß mir in Betracht dessen ein durchaus unwillkürliches und bei einem Frauenzimmer begreifliches Versehn wohl zu verzeihen ist. Werners Brief, dessen Entwurf er mir zur Durchsicht zurückgelassen, ist übrigens in der Eil unrichtig vom 28sten datirt. Es ist eine ekelhafte Geschichte, bei der Hüffern, wie mich dünkt, ein großer Mangel an Rücksicht zur Last bleiben muß, da er doch nicht zweifeln konnte, daß eine Anzeige der Sachlage und des vorhabenden Schrittes, gleichviel ob an mich oder meinen Bruder, ihm den letzteren erspart und die Geschichte weit anständiger beendigt haben würde. Es kömmt mir vor, als habe er es darauf angelegt, mich zu blamiren, – weshalb weiß Gott. Ich mag nicht weitläufiger über die Sache werden, sie ist mir zu ärgerlich; sonst könnte ich Ihnen mehr als eine Äußerung von Hüffern selbst, z. B. gegen meinen Bruder, anführen, die mir die Aussage des Buchhalters, »es seien nur etwa noch 17–18 Exemplare vorhanden«, – denn dies war die genannte Zahl, – als ganz glaublich erscheinen lassen mußte. Da ich das meiner Bestimmung überlassene Honorar mit der Bemerkung, ich fürchte, ihn in Nachtheil zu bringen, völlig abgelehnt hatte, so will ich gern glauben, daß Delicatesse und Schonung ihm nun seinerseits diese Versicherungen der Zufriedenheit mit dem Geschäft eingegeben hatten; um desto schlimmer ist es, daß er zuletzt so schmählich aus der Rolle gefallen ist. Genug von der Sache! Übrigens ist mir jetzt höchst ärgerlich und drückend, daß Cotta durch meine, freilich nicht zu dem Zwecke gegen Sie geäußerte Bemerkung, »Hüffer würde mir fünfhundert Thaler gegeben haben«, zu einer Aenderung des Contracts bewogen ist; denn seit gestern glaube ich dies selbst nicht mehr, obwohl der Freund, der ihn deshalb sondirte, mit so fester Überzeugung, die Sache sei abgemacht, zurückkam, daß er lebhaft in mich drang, Hüffern nur sofort das Manuscript einzuhändigen, wo dann der Druck sogleich beginnen solle. Ich hatte dem guten Manne keinen Auftrag gegeben und längst alle Lust am Hüfferschen Verlage verloren; so machte ich es wie die Spröden und schlug mich in einer, wie ich jetzt fürchten muß, leeren Straße. Ach, Levin, ich bin ganz betrübt, daß Alles zusammen kömmt, um mich in Jedermanns – wahrhaftig, fast in meinen eignen – Augen als eine Renommistin erscheinen zu lassen, während doch, bei allem Hochmuth, die Furcht, meine Verleger durch die geringe Popularität meiner Werke in Schaden zu bringen, mich nie verlassen hat. Was Hüffer eigentlich damals gesagt hat, weiß ich nicht und mag es auch jetzt nicht wissen; dem freiwilligen Unterhändler schien es eine Zusage, d. h. kein Antrag, sondern eine Äußerung seiner entschiedenen Geneigtheit, mir fünfhundert Thaler zu geben, wenn ihm die Gelegenheit geboten würde. Alles wohl nur Wind vor der Hofthür! Trösten Sie mich ein wenig, mein gutes Kind, ich gehöre jetzt zu den leider von mir so oft verlachten »verkannten Seelen«. Punktum, es ist mehr zum Hängen wie zum Lachen. Wollen Sie mich trösten, so schreiben Sie mir einen recht langen, lieben Brief, einen rechten Kleinejungensbrief an sein Mütterchen. – Ists denn wahr oder doch wahrscheinlich, daß die Redaction der Allgemeinen von Augsburg fortkömmt und Sie natürlich mit? Es stand im Merkur. Und wohin würden Sie dann Ihren Stab setzen?

Hier giebts wenig Neues. Herr von Wintgen ist sehr unerwartet gestorben, aber das interessirt Sie nicht. Junkmann ist seit vier Wochen in Bonn, wo er für ein Jahr ein königliches Stipendium zur Vollendung seiner Studien für das Doctorexamen genießt; später will er nach Berlin. Ich erhielt vor seiner Abreise einen durchaus unverständlichen, aber ganz desperaten Brief von ihm, der mich gewaltig erschreckte, und erfuhr von andern Seiten, daß Thereschen ihn entschieden und für immer ausgeschlagen haben soll; ich wär gern nach Münster geflogen – hatte aber schon meinen Winterhusten, der mich noch heute plagt, zwar nicht heftig, aber unausgesetzt, und mich in meinem betrübten, aber längst gewohnten Stubenarrest hält. Könnte ich nur irgend Einen von Schlüters sprechen! Der arme Schelm dauert mich schrecklich und liegt mir bleischwer auf dem Herzen.

Denken Sie, ich habe Münster noch nicht gesehn, außer im Mondschein, als ich vor drei Monaten um Neune durchfuhr; Alles der Husten in Schuld, den ich vom Dampfboot mitbrachte. Wegen Ihres Doctorirens habe ich mich bei Schlüter erkundigen lassen, d. h. im Allgemeinen, und leider nur mündliche Antwort erhalten, bei der ich schon nach einer Stunde meinem Gedächtnisse nicht recht mehr traute und deswegen neue und auch ausführlichere Antworten abwarten wollte, Alles in der Hoffnung auf Besserung, von einem Tage zum andern. Jetzt glaube ich an kein Münstergehn vor dem Frühling mehr und will nochmals schreiben, wenn Ihnen wirklich an der Auskunft gelegen ist. Soviel weiß ich noch: das Doctoriren kostet hundert Thaler, und es müssen zwei Abhandlungen dazu eingesandt werden, eine philosophische, dünkt mich, und die andre? nescio!

Wollen Sie auch von der Bornstedt hören? Ein junger Arzt, Verwandter von Scheiblers, hat die neuesten Nachrichten gebracht. Sie hat sich mit der Tante so schlecht vertragen, daß diese mit Freuden ein anderes Quartier für sie bezahlt und sie dort unterhält. Ihre Stellung ist wo möglich noch schlimmer als in Münster, und Paris scheint nicht vortheilhaft gewirkt zu haben. Sie hat dort ein flammenrothes Sammtkleid und einige Toques mit Schwungfedern acquirirt, die viel Aufsehn und wenig Beifall erregen, und bricht jede Gelegenheit vom Zaun, zu erklären, ihr Nicolaus sei zwar durch ein schriftliches Eheversprechen an sie gebunden, sie dagegen sei frei und könne jeden andern Antrag annehmen. Entweder ist der Herr Doctor ein Witzbold, dem es auf eine Hand voll Worte nicht ankömmt, oder wir haben die Bornstedt im goldnen Zeitalter gekannt, und sie ist jetzt mindestens zum bronzenen gediehen. Der Glaß hat sie geschrieben, »sie habe ihren Nicolaus Gott aufgeopfert«; dergleichen ekelt mich doch sehr – tausendmal besser hautement kokett und unverschämt!

Jetzt auch einige Worte von meinem Treiben. Mit den Erzählungen will es nicht recht voran, ich bin noch an der ersten, – recht schöner Stoff, aber nicht auf westphälischem Boden, und nun fehlen mir alle Quellen, Bücher wie Menschen, um mich wegen der Localitäten Raths zu erholen; so fällt mir alle Augenblicke der Schlagbaum vor der Nase zu. Wär ich in Hülshoff! Aber hier kucken mich meine kahlen Wände an und sagen kein Wort, und von Schlütern ist nichts zu haben; der ist, seit Sie, Lutterbeck und Junkmann ihn verlassen haben, selbst hülflos wie ein Kind und weiß sich selbst nichts zu verschaffen, viel weniger Andern. Hätte ich diese Erzählungen nicht versprochen – und bald –, ich ließ sie wenigstens vorläufig ruhn; nun aber quäle ich mich umsonst ab, wie ein im Traum Laufender. Zwischendurch mache ich Gedichte; die gerathen gut, ich werde sie aber zum Theile ins Cölner Feuilleton geben müssen, und zwar umsonst, um eine schlechte Erzählung der Frau v. Hohenhausen flott zu machen; diese weiß aber NB. nichts davon. Die arme Frau ist sehr betrübt, hat nach vielen Kämpfen das Söhnchen ihrer verstorbenen Tochter an sich gebracht, und nach drei Wochen stirbt ihr das Kind; da kömmt nun Alles zusammen, Kummer, Verdruß, Nachrede, um sie fast verrückt vor Schmerz zu machen. Die Ihrigen reden ihr zu, sich durch gemeinnütziges Wirken aufzurichten, und da hat sie nun eine Erzählung geschrieben, die fast noch langweiliger als tugendhaft ist, was hier viel sagen will. Nun heißts aber: Flottgemacht! Aber wie? Da will ich denn versuchen, der Cölner Zeitung, die sich wiederholt um meine Mitwirkung bemüht hat, dieselbe für einige Zeit unentgeltlich anzubieten; dafür muß sie die Erzählung gegen anständiges Honorar nehmen. Das Letztere der Ehre wegen, denn es wäre doch zu hart für eine früher so beliebte Schriftstellerin, jetzt höchstens umsonst geduldet zu werden; noch härter freilich, wenn sie diese kleine Intrigue ahnden könnte. Deshalb, um Gotteswillen, Levin, lesen Sie dieses Niemanden vor, auch Louisen nicht; es gereut mich schon durch und durch, daß ich es geschrieben habe.

Schreiben Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe, den ich hoffentlich bald erwarten darf, recht viel von Louisen, – was sie treibt, was sie schreibt, sonst arbeitet, – kurz, führen Sie mir Ihre Häuslichkeit mal wieder recht vor Augen, daß ich mich daran erquicken kann. Mein Leben ist immer das gleiche, abgeschlossen, heimlich, ganz wie ich es mag; zög nur der Husten fort und statt dessen zuweilen etwas Neues aus der Litteratur ein, oder ein freundlicher Besuch, der mich ein bischen au courant mit dem Weltlaufe hielt, ich wollte es mir nicht besser wünschen. So werde ich freilich am Ende so eckicht werden wie meine Kristalldrusen. »Wollte Gott, auch so klar!« denkt der Levin – Spiegelberg, ich kenne Dir! Nun Adieu, mein lieb Kind, tausend Liebes an Louise. Meine »zwei Zeilen« haben sich vermehrt wie die Blattmilben, und doch möchte ich noch nicht aufhören; aber ich muß, die oben berührte »Copie« ist noch gar nicht gemacht, und es ist zehn Uhr, und morgen in aller Frühe soll Hermann mit dem Briefe fort. Gute Nacht. Mit alter Treue

Ihr Mütterchen.

Ich habe Cotta'n vor etwa drei Wochen oder vierzehn Tagen für sein Büchergeschenk schriftlich gedankt; es hat mich auch wirklich sehr gefreut, namentlich Lenaus Gedichte. Aber, ach Gott, welch schreckliches Unglück mit dem! Wissen Sie etwas Näheres über seinen jetzigen Zustand?

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