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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 41
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 20sten Juni 1844.

Ich schreibe Ihnen in einer gelinden Verzweiflung, liebe Louise; Sie haben wohl schon vorausgesetzt, daß ich so liebe Geschenke und herzliche Worte nur so lange unbeantwortet ließ, um Paulinen's Adresse beifügen zu können, die ich eigentlich schon vor Ihrer Sendung hätte erwarten dürfen. Soeben kömmt der Brief an: nichts wie Geschäfte, Familienscenen, zuletzt einige Worte über Pauline, aber keine Adresse, und ich hatte doch so dringend darum gebeten, in Brief und Nachschrift, und so dick unterstrichen! Aber es ist eben zu viel Anderes und Wichtiges dazwischen gekommen und mein Brief beim Schreiben nicht zur Hand genommen worden. Von Neuem zu schreiben nutzt nichts; die störenden Geschäftsverwickelungen dauern fort und werden sogar meine Correspondentin, die deshalb auch ihre Tour hieher aufgegeben hat, zu allerlei Hin- und Herreisen nöthigen, so daß ich sie vorläufig gar nicht zu finden wüßte. Ihnen bleibt also jetzt nichts übrig, als der Tante Louise zu schreiben, die ohne Zweifel Auskunft wird geben können und vielleicht in diesem dringenden Falle einmal von ihrer gewohnten Saumseligkeit abgeht. Ärgern und reden Sie sich erst ein Bischen hierüber aus, ehe Sie weiter lesen! Daß und wie sehr ich Sie vermisse, brauche ich nicht zu sagen; ich bin sehr fleißig, lese, lerne, zeichne, habe aber zum Dichten erst die halbe Stimmung wieder gewonnen; ich finde eben keine Theilnahme, weiß nicht, wem ich Freude damit machen könnte, und so möchte ich es lieber bloß denken. Doch habe ich gestern und vorgestern wieder Einiges zu Stande gebracht, und hoffe nun im Zuge zu bleiben.

Ihre Erzählung im Morgenblatte habe ich gelesen, von so weit an es mir möglich war; die Blätter liegen nämlich nur bis zum Schluß des Monats im Museum vor, wo sie dann geheftet werden und fortan nur im Lesecirkel zu erhalten sind, in dem die schlechte Gewohnheit herrscht, daß man die neuesten Hefte, statt sie wieder einzuliefern, einander leiht, so daß sie oft Monate lang nicht zu haben sind: so stehn Ihre ersten Nummern im Maiheft, und ich habe sie noch nicht erwischen können. Doch enthalten, denke ich mir, die Juniblätter wohl den größeren Theil, und hiernach zu urtheilen, muß ich diesem Ihrem neuesten Product unbedingt den Vorzug vor allen früheren, auch der Maske, geben; es liegt eine tiefe Herzlichkeit, eine einfache Natürlichkeit und Richtigkeit der Gefühle darin, die mir wenigstens über Alles geht. Ob mein Urtheil mit dem allgemeinen übereinstimmt, weiß ich freilich nicht, da ich zu wenig Neues lese, um genau zu wissen, bis zu welchem Punkte der gegenwärtige Geschmack seinen Cyclus durchlaufen hat; seine nächste Richtung läßt sich zwar mit Gewißheit voraussagen, ich weiß aber nicht, wie weit er schon das Übergewicht dahin genommen hat. Jedenfalls wird Ihre Erzählung binnen Kurzem völlige Anerkennung finden, und wahrscheinlich findet sie es jetzt schon. Eugène Sue und namentlich seine Mystères de Paris haben so viele Nachahmungen hervorgerufen, das Geschraubte und Überreizende ist so auf die Spitze getrieben worden, daß der Umschwung nothwendig ganz nahe sein muß.

Über des Schwarzburgers glückliche Erfolge in Oldenburg habe ich mich sehr gefreut und wenigstens insofern recht prophezeit, daß ich das Stück für sehr geeignet zur Darstellung gehalten habe; auch ist es überhaupt ein gutes Stück; nur meinte ich bisher, Levins Talent für den Roman und das Lustspiel sei noch bedeutender als das zum ernsten Drama, und kann auch noch nicht von diesem Glauben lassen. Glänzende Poesie in Gedanken und Stil nebst Humor scheinen mir so vorherrschend seine starken Seiten, daß ich meine, er müsse sich am Besten auf dem Terrain befinden, wo diese am Freiesten walten können.

Nun zu Euern Geschenken. Ihr gutes Volk, ich habe mich recht tüchtig darüber gefreut; kindisch, würde Louise vielleicht sagen, aber das schadet nicht, die Freude bleibt mir doch. Louise hat übrigens Recht, die Lorgnette ist mir zu lieb, als daß ich sie nicht immer bei mir haben sollte, wenn auch nicht immer an mir. Beim Schreiben und Zeichnen liegt sie neben mir auf dem Tische, weil ich sie an der Kante zu verbiegen fürchte; aber sowie ich aus meinem Thurm tauche, wird sie umgehängt und verläßt mich selbst des Nachts nicht, wo sie, wie ein treues Hündchen, auf einem Seidenpapier-Kissen neben meinem Bette schläft. Es ist aber auch ein gar niedliches Ding, mit seinem Blumenkränzchen wie ein Bräutchen, und ich werde mich eigends ihm zu Liebe mal herausputzen, d. h. mein schwarzseidnes Kleid anziehen, denn höher kann ich es nicht treiben. Auch die Kupfer sind gar hübsch; ich habe sie in meinem grünen Kasten auf der Kommode bewahrt und bis jetzt noch alle Tage ein paarmal besehn. Die beiden oberen Blätter habe ich zwar den Kindern gegeben, aber – werdet nicht böse darüber – ihnen sogleich wieder für Spielsachen abgetauscht, weil ich mich nicht davon trennen konnte. Louisen wird dies vielleicht ein Bischen thöricht scheinen, aber Levin kennt meine Passion für dergleichen kleine Kupferstiche; ich habe eine ganze Sammlung davon, und diese sind gar nicht in Münster zu haben. Welch eine Menge Sachen habe ich jetzt von Euch: Mineralien, Versteinerungen, Autographen, Münzen, Kupfer, Lorgnette – ich hatte sie neulich hübsch ausgelegt und geordnet; es war ein ganzer Tisch voll, und ich schämte mich ordentlich. Ich habe jetzt auch einen famosen Kauf gethan, eine ohngefähr, mit dem Piedestal, zwei Fuß hohe Statue des heiligen Bruno, von Alabaster, wunderschön von Figur und Faltenwurf, und Kopf und Hände noch schöner; sie ist von einem bedeutenden Meister und das Modell – aber aufs Vollkommenste ausgeführt – zu einer größeren Statue in Salmansweiler. Und was habe ich dafür gegeben? Sieben Gulden. Sie hat dem Abt von Salmansweiler gehört und war bei der Ausplünderung und Verschleuderung der Klostereffekten für noch geringeren Preis an eine Wittwe gekommen, eine reiche, ungebildete Frau, die keinen Sinn für dergleichen hat und, echt schweizerisch, sie für ein paar Gulden Profit mit Freuden hingab. Jetzt macht mir nur der Transport Sorge. Könnte Louise doch einmal in Rüschhaus sein, um alle meine Siebensachen zu sehn; ich zeige sie so gern!

Hier wäre Alles schon in der Ordnung, wenn nicht das ganze Haus hustete, ich obenan, und habe wieder Zimmerarrest. Jenny hat Ihren Brief erhalten, Laßberg dito, und grüßen herzlichst. Jenny war ganz angegriffen nach Eurer Abreise; sie hält große Stücke auf Levin und ist auch schon in dem Alter, wo man weiß, wie unsicher und jedenfalls wie ganz unähnlich dem früheren jedes spätere Zusammenleben ist. Der Laßberg hingegen ist ein leichtsinniger Patron, meint, das Leben sei in ihm eingerostet, und pflanzt Obstkerne, um nach dreißig Jahren satt Kirschen essen zu können. Er spricht wohl mal von Nichtwiedersehn, aber es ist ihm kein Ernst, oder wenigstens nur momentan, und dann gehts wieder mit allen Segeln in die Unendlichkeit, – er spricht von Eurem nächsten und nochmaligen und unendlich multiplicirten Wiederkommen, als wäre dies sicher wie das Neujahr und er der ewige Jude. Ich glaube, dieser sorglose Sinn läßt ihn auch so alt werden und rüstig bleiben. Gottlob!

Wir werden jetzt, da wir allein reisen, vor der Mitte nächsten Monats nicht fortgehn. Gott gebe, daß wir jetzt nur nicht durchs Paderbörnische müssen, zu einer Rundtour bei allen Verwandten! Das würde bis zum Herbst hinhalten und ist ein fatales Hängen zwischen Himmel und Erde – überall in den allerengsten Beschlag genommen und doch nirgends heimisch und bequem, ein Reisesack die stehende Equipage und keine Minute für sich zum Arbeiten oder Ruhen –; dagegen wart Ihr doch noch Könige in Eurer Traube! Ad vocem »Traube«: das Haus ist mir förmlich fatal, seit Ihr nicht mehr darin seid. In den ersten Tagen wäre ich gern hinein gegangen, um Eure zurückgelassenen Papierschnitzel und Bindfäden zu sehn, ehe sie ausgefegt wurden; ich habe es aber versäumt, und jetzt wäre es mir schrecklich öde darinnen, und es ist mir nur lieb, daß die Läden zu sind, – also noch kein neuer Miethsmann! Lieber Levin, ich besuche jetzt unsre alten Plätze am See sehr selten oder vielmehr gar nicht. Die alten Erinnerungen sind nothwendig durch neue verdrängt, und da prädominiren die Figelei und der öde Stein; solche Plätze sind eben nur, was man selbst hineinlegt. Ich wollte, ich wäre in diesem Augenblicke gesund und könnte auf dem öden Stein stehen, – am Liebsten mit Euch. Es stürmt furchtbar, der See wirft haushohe Spritzwellen und ist von einem Farbenspiel, wie ich ihn nie gesehn, – im Vordergrund tief smaragdgrün, dann eine dunkelviolette Bahn und am Horizont wie junges Buchenlaub, und alle Farben von der größten Reinheit und Bestimmtheit. Das ist nur so bei starkem Sturme mit Sonnenschein dabei und war im vorigen Herbste öfters, aber seitdem nicht wieder; Ihr habt es recht übel getroffen, keinen solchen Tag hier erlebt zu haben; dann sieht man erst, was die Landschaft sein kann.

Aber Levin ist keineswegs mein guter Junge, sondern ein kleines Pferd; was braucht er mir die schlechte Recension jenes Schnorr oder Schorr – ich kann's nicht recht lesen – unter die Nase zu reiben, mir, die ich nicht mal gute mit Anstand verschnupfe? Und wenn er sie nun mal zu einem Versuche heilsamer Besserung verwenden wollte, warum hat er dies nicht schon hier gethan, wo er nur die gute Seite, die Aufnahme des Grafen von Thal, herauskehrte? Da hätte ich doch noch gegen ihn losprusten können, statt daß ich es jetzt gegen die vier Wände habe thun müssen. Ist das nicht perfide, mir die Sache anfangs als eine Ehre vorzustellen und mir hintennach, gleichsam im Postscript, zu melden, daß es eigentlich eine Blamage ist? Babah!!! Ich wollte übrigens, ich käm erst wieder recht ans Schreiben; ich habe seit einigen Tagen enorme Lust dazu, aber durchaus keine Zeit. So lange dieser nervöse Husten anhält, darf ich nicht, weil es ihn sehr verschlimmert, und dann gehen die Vorqualen der Abreise schon an, das Packen meiner verschiedenen Kisten und die Abschiedsbesuche nach Berg, Herschberg und Wartensee, – Gaugreben, Salms und Pearsalls – nach jedem der Orte für mehrere Tage, auch noch nach Constanz und Bischofszell. Mir wird schon im Voraus schwarz vor den Augen; es ist doch traurig, daß Einem überall die letzte Zeit, die man grade noch recht voll und friedlich genießen möchte, so verdorben wird.

Um nochmals auf Paulinen zurück zu kommen, so wird mir jetzt doch auch sehr viel Löbliches von ihr geschrieben: »Sie habe zwar allerdings ihre Fehler, namentlich eine starke Überschätzung ihrer selbst, und sei sehr unpraktisch &c., übrigens aber doch ein gutes unschuldiges Kind, umgänglich und sanft, schließe sich leicht an und zeige kindlichen Frohsinn, wenn man ihr freundlich entgegenkomme, sei auch, wenn sie die Sentimentalität bei Seite setze, oft recht gescheut und angenehm in der Unterhaltung; ihr Gesicht sei jetzt, wo sie unbefangen und heiter geworden, oft zu hübsch, wie für ihr Alleinreisen gut und gefahrlos scheine &c.« Soll ich mich, wenn ich wieder zu Hause bin, nach Reisegesellschaft für Augsburg oder bis zur möglichsten Nähe erkundigen? Auch in Cöln könnte ich dies – und wann? Auf den Herbst oder Frühling?

NB. Wenn der Druck meiner Gedichte vielleicht eher vollendet sein sollte, als wir es jetzt denken, und man Ihnen die Freiexemplare sendet, so schicken Sie dieselben nicht, bevor Sie mir geschrieben. Die meisten sollen ja doch versendet werden, und es wäre unnützes Porto, sie erst nach Rüschhaus gehn zu lassen; es wäre mir also viel lieber, wenn Sie, Levin, so gütig wären, sie direct zu befördern, – die zu verschenkenden unfrankirt, – die für die kritischen Bureaux müssen freilich wohl frankirt werden. Wenn Sie mir ungefähr angeben könnten, was es machen wird, so schickte ich Ihnen das Nöthige gern gleich; sonst müßten Sie freilich so freundlich sein, diese Auslage für mich zu machen und sie nachher vom Honorar abzuziehn. Das Honorar wünschte ich übrigens an meine Schwester nach Meersburg geschickt. Für die Erzählung und früheren Gedichte im Morgenblatte habe ich übrigens, wie ich meine, das Honorar erhalten; Sie müssen es ja wissen, Levin, es muß durch Ihre Hände gegangen sein; in die meinigen ist es zwar nicht gekommen, weil ich schon fort von Meersburg war und, wie mich dünkt, einige Auslagen damit habe decken lassen. Sollte es aber dennoch wirklich nicht eingekommen sein, so überlasse ich Ihrem eigenen Ermessen, ob ich es nachfordern kann oder nicht; ich fürchte dann, Cotta hat es seit zwei Jahren als geschenkt angesehn und mir deshalb als Entschädigung die Nibelungen geschickt, – oder meinen Sie nicht? Und nun Adieu, meine theuren Kinder, schreibt mir bald und gedenkt meiner mit Liebe; der kleine Junge ist gut und die Louise auch, alle Beide sehr lieb, und Levins Mütterchen ist sehr beruhigt und glücklich, ihn mit ihren eignen Augen so glücklich gesehn zu haben, und mit so begründeter Aussicht, es immer zu bleiben. Adieu. Gott segne Euch alle Tage Eures Lebens.

Eure Annette.

Der Barbier hat seinen Gulden erhalten. Gloggers haben vor einigen Tagen ihr jüngstes vierzehntägiges Kind an Convulsionen verloren, schon das vierte in gleichem Alter und am gleichen Übel; der Vater ist sehr angegriffen.

Daß Sie mir die Schnur selbst geklöppelt haben, ist mir fast noch lieber als die Lorgnette selbst, und ich möchte Ihnen über den See meine Hand dafür reichen, – meine alte gute Louise! Mama läßt freundlichst grüßen. Wir vermissen Euch Alle, und Ihr kommt täglich im Gespräch vor.

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