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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 17ten April 1844.

Ich bin krank gewesen, Levin, schon vor der Charwoche piano angefangen, und die Charwoche hat mich ganz kaput gemacht, seit Ostermontag im Bette, mit zugeschwollenem Halse und Fieber, vorgestern zum erstenmal aufgestanden, gestern die Gedichte abgeschrieben, und heute noch geschwind ein Appendix und dann zur Post! Wozu viel schreiben, da es mich noch sehr angreift, und Gottlob, Gottlob wir uns in vierzehn Tagen Alles mündlich tausendmal besser sagen können? Ein Quartier habe ich, klein, aber reinlich und billig, und immer See und Alpen vor Augen. Die Sache war schwieriger, als ich gedacht: Niemand wollte anders wie halbjährig vermiethen; zudem überall Zimmer genug, im Schussenriether Hof &c., aber leere Wände, blank und baar, und auch anderwärts fast nirgends Möbel, und gar nirgends Betten und Weißzeug, außer in der Traube, was, wie Sie wissen, früher ein Wirthshaus war. So hatte ich eigentlich gar keine Wahl und habe nun dort das Quartier für Sie genommen, was früher nacheinander Stiele, Hannea und die Räthin Waldmann bewohnten: zwei Zimmer, gar nicht zu klein, wenn sie nicht an der hier unvermeidlichen Niedrigkeit litten, das kleinere mit zwei sehr guten neuen Betten, in beiden kein Sopha, aber das Nöthige an Tischen, Stühlen, Kommode, Kleiderschrank &c., und Weißzeug dazu, das Ganze wöchentlich für zwei und einen halben Gulden – das scheint mir doch nicht theuer! und das ganz gleiche Quartier unter Ihnen hat eine sehr elegante Frau von Friedrichs aus Constanz, die Seebäder brauchen will, gemiethet und ist froh, es zu haben. Man hat mir hier für um nichts bessere, unmöblirte und lange nicht so reinlich gehaltene mitunter mehr abgefordert, was ich freilich auch unverschämt gefunden habe. Frühstück können Sie im Hause bekommen, so oft Sie wollen, Mittagsessen aber nicht, haben aber ganz nahe zum Löwen. Die Tochter vom Hause – der Traube – wird sich gewiß besonderer Aufmerksamkeit befleißigen, da sie hier im Schlosse das Kochen gelernt hat; kurz, ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte, und meine, es gehe auch schon recht gut so.

Von den GedichtenDieser Brief ist von Annette auf zwei Dritteile der zweiten Seite eines einzelnen Blattes niedergeschrieben, dessen erste Seite mitsamt dem ersten Drittel der zweiten durch die letzten Zeilen des Gedichtes »Silvesterabend,« die Gedichte »Einer wie Viele und Viele wie Einer« (in den »Letzten Gaben« als »Stille Größe« erschienen), und »Der Nachtwandler« ausgefüllt sind. nehmen Sie, was Ihnen ansteht. Sie sehn, an Varianten habe ich's nicht fehlen lassen, bald darüber, bald daneben geschrieben, wie es der Raum mit sich brachte. Sie müssen hierbei immer die vorhergehende und folgende Strophe berücksichtigen und können – vielleicht – nicht alle Ihnen besser scheinenden Lesarten zugleich benutzen, sonst könnte es Wiederholungen geben, – Endreime oder einzelne Ausdrücke, die an beiden Stellen offenbar bezeichnender wären, aber der Nachbarschaft wegen einmal geopfert werden müssen, und es fragt sich nur wo? Kurz, brechen Sie die Sache nicht gar zu arg übers Knie; es sind ja nur sechs Gedichte, die können Sie mir zu Gefallen wohl ein paarmal überlesen. Wenn ich von einem Dutzend geschrieben habe, so war dies halbwege nur in spe; ich habe zu sechs oder achten noch die Ideen und die eine oder andere Strophe fertig und wollte nach Ihrem letzten Briefe gleich Alles klar und nett machen, um nicht wie ein Prahlhans dazustehn; das ist aber Alles in Haferschleim untergegangen, und ich habe, wie gesagt, statt Poesie Trübsal blasen müssen. Ich mache übrigens die Dinger doch noch fertig, da sie mir mal im Kopfe rumoren; aber dann ists zu spät für Ihren Almanach. NB. Die überschickten müssen Sie in dieser Reihenfolge lassen; ich habe sie oft genug anders probirt. wo sie dann immer zu heterogen oder zu ähnlich zusammen kamen. Der »sterbende General« z. B. nimmt sich nach jedem der andern – durchgängig etwas sentimentalen – plump aus, steht vornan aber recht gut. Der »Nachtwandler« macht sich auch nirgends als am Ende, am Wenigsten neben dem »General«, wohin er sonst seiner Balladennatur nach gehörte, und »Gemüth« und »Einer aus Vielen« haben zu große Ähnlichkeit, sogar in einzelnen Ausdrücken, um neben einander zu stehen. Auch macht sich, wie ich es geordnet, die Abwechslung des Versmaßes bei Weitem am Besten. Sollten Sie aber das eine oder andere Gedicht ganz ausmustern, so entstehen freilich wieder verbotene Annäherungen, und ich muß mich dann auf Ihren Geschmack verlassen, da ich nicht weiß, wen die schwarze Kugel trifft.

Aber mit meinen andern Gedichten geht der Cotta mal artig um! Das ist mal saubres Papier! und auch nicht viele Druckfehler. Ich will Ihnen die gefundenen hersetzen, obwohl ich meine, Niemand sieht die Liste nach, wenn ihm nicht grade etwas Sinnentstellendes aufgefallen ist, weshalb sie Ihnen auch entgehn mußten, da Sie das Manuscript nicht zur Hand haben. Also: S. 7 Z. 15 statt »trugst« lies »trügst«. – S. 10 Z. 3 st. »Zinnenhang« l. »Zinnenhag« (dies haben Sie auch angestrichen). – S. 16 Z. 10 st. »ein Geist im echten Gleise« l. »ein Christ im echten Gleise« (ein fataler Druckfehler, da das Gedicht dadurch einen eben so modern philosophischen Anstrich bekömmt, als ich es grade orthodox christlich zu halten wünschte). – S. 20 Z. 24 st. »Singt, aber zitternd wie vor'm Weih die Tauben« l. »wie vom Weih« und auf derselben Seite Z. 26 st. »Ihr ward die Zeugen« l. »wart die Zeugen.« – S. 48 Z. 10 ist eigentlich kein Druckfehler, sondern eine in der Feder gebliebene, mir besser scheinende Variante, die ich auf diese Weise einschmuggeln möchte. Es heißt nämlich: »Fundus! Bei Gott, ein Fund das Backwerk drin!« da hat mich das holprige »Backwerk« immer gestoßen; wärs nicht fließender: »die Brezel«? oder lasse ich's beim Alten? – S. 51 Z. 16 st. »Ufergrün, hab gute Wacht« l. »halt gute Wacht.« – S. 64 Z. 8 (die Krähen) st. »Mich dünkt, man müßt' es hören, wenn nur ein Kranker schlich« l. »ein Kanker« (die langbeinigen Spinnen im Haidekraut). – S. 73 Z. 7 st. »Haideweisen« l. »Haideweise« (sonst reimt sichs nicht). Das ist Alles, aber freilich habe ich auch nur ein kleines Stück vom Ganzen unter Händen gehabt. Lachen Sie nicht, daß ich immer die ganzen Stellen anführe; das ist nur für Sie, zu Ihrer Beruhigung, damit Sie nicht denken, ich corrigire Fatalitäten hinein. Übrigens ist im »Prediger« eine ganze Strophe weggeblieben, offenbar, weil ich selbst sie ausgelassen habe, ob absichtlich oder aus Versehen, weiß ich nicht. Ich erinnere mich, daß ich einmal Lust hatte, sie zu streichen, und sie mir dann wieder sehr gut schien. Wenn Sie hier kommen, will ich sie Ihnen vorsagen; jetzt ist doch nichts mehr daran zu machen. Ich will sie Ihnen doch zum Spaß hersetzen; es war die vorvorletzte: »Enthüllt hat er der Rechnung Moderschimmel, Mit der wir abgeschlossen für den Himmel, Die feige Güte, halbe Rechtlichkeit. Es waren Worte wie der Lava Gluten, Man hörte seines Herzens Adern bluten, Wie ein Prophet stand er der alten Zeit.« Das »Blutenhören« gefiel mir nicht, weil man schon früher »seines Heilands Blut tröpfeln« hört; sonst wärs schon gut. Aber Gott im Himmel, das Papier ist zu Ende, Postschluß vor der Thür, und ich habe Ihnen noch nichts über Ihren Günther gesagt. Mit ein paar Worten geht das jetzt nicht mehr; denn er hat keine fehlerhaften Stellen, ist überhaupt unvergleichlich besser als Ihre früheren Proben in diesem Fache, und doch möchte ich, daß Sie ihm noch im Ganzen etwas nachhülfen. Das läßt sich aber eigentlich nur mündlich, das Buch zur Hand, bereden, wenn Sie erst hier sind. Ach, Levin, ich freue mich viel zu arg auf unser Beisammensein, sodaß es mir oft vorkömmt, als könnte deshalb nichts daraus werden, und dann scheints mir doch wieder so nah vor der Hand, daß ich gar nicht schreiben mag. Hätte es nicht mit den Almanachsgedichten und vor Allem den Correcturen auf den Nagel gebrannt, ich hätte wahrhaftig nicht mehr geschrieben oder höchstens: Guten Tag, Levin, kommen Sie, kommen Sie! Wenn ich nur wüßte, um welche Stunde am ersten Mai Sie ankommen, ob per Post oder Dampf! Tausend Liebes an Louise; Alles freut sich hier auf Sie – auf alle Beide. Adieu, Adieu, mein Kind. Gottes Segen über Euch.

Wenn Sie per Dampf kommen, denken Sie doch an die Zollgeschichten, daß man nichts Neues einführen darf und Alles durcheinander geworfen wird. Laßberg, Mama, Jenny, Alle grüßen viel tausendmal.

Das Journal mit der brillanten Recension schließe ich nicht bei; Sie kommen ja!

NB. »Mondesaufgang« und »Gemüth« haben auch etwas zu viel Ähnliches; was meinen Sie, wenn das Letzte (Gemüth) und »Einer aus Vielen« die Plätze wechselten? Sehn Sie mal selbst nach.

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