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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 37
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 29sten Februar 1844.

(An Louise Schücking.)

Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des Andern nichts sagen kann. Sie habens darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer voraus, was ich denken werde, und erräth vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irre führt. Nur Eins steht fest, liebe Louise, daß ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältniß unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch, – was wollen wir mehr für den Anfang? Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, daß jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? Sagen Sie Levin doch, daß ich wegen Uhlands mit Laßberg gesprochen habe; dieser meint aber, so wie er Uhland kennt, würde es weit sicherer zum Ziele führen, wenn ihm Levin selbst darum schrieb. Fürs Erste sei Uhland viel zu bescheiden und zu wenig von der Anerkennung der modernen Litteraten überzeugt, anderseits zu bekannt mit Laßbergs alter Vorliebe für ihn, als daß er nicht leicht glauben sollte, Laßberg habe Levinen zu diesem Ansuchen stimulirt oder es ihm gar halbwege in den Mund gelegt; dann erleichtre ihm Levin durch die Vermittlung eines Dritten gar sehr die abschlägige Antwort, zu der er sonst auf directem Wege zu schüchtern und freundlicher Natur sei, um so mehr, da er Levinen persönlich kenne. Ich glaube, Laßberg hat Recht, und Levin wird dies wahrscheinlich auch finden, wenn er sichs recht überlegt.

Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachtheile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: »Ziehen Sie aber vor, den Contract ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst« sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vortheile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, daß Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des »Günthers« steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor Allem nicht verwöhnen muß. Wie mache ichs nur wieder gut? Ich denke, am Besten ists, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins Morgenblatt und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muß, um es los zu werden, und dann doch nichts Anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch Schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen. Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuscript –»Kaiser Otto mit dem Barte« in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kanns ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar Wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage. Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzurathen, so möchte ichs sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor Allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Acquisition. Wachen Sie etwas über unsern guten Jungen, liebes Frauchen, wenn er seine generösen Anfälle bekömmt, sonst opfert er den Rock vom Leibe und geht selbst in Hemdärmeln. Ein Philister ist er freilich wohl, wer zweifelt daran! – aber eben deshalb ein um so besserer Ehemann, und je weniger sich seine westphälische Natur lange in den Wolken halten kann, ohne seekrank zu werden, um so fester wurzelt sie in Allem, was ihr einmal heimisch und eigen geworden ist. Bei ihm liegen sich der Poet und der Philister immer in den Haaren; der Erste trägt, wie billig, den Sieg davon, läßt aber doch vom Andern noch genug übrig, um das Leben zu würzen, ohne es zu versalzen oder verpfeffern. Er hat mich oft miserabel en bagatelle behandelt, und doch hat der Schlingel anderseits etwas Herzliches an sich, weshalb man schon anderthalb Augen zudrückt. Wir wollen einander unser Leid klagen, da trägt sichs leichter, und hinter seinem Rücken rathschlagen, da rathen oder schlagen wir vielleicht einige Besserung heraus. In unsre Briefe wird er seine indiscrete Nase stecken, das kann ich mir ganz klärlich vorbilden; aber wenn wir erst mal beisammen sind, dann gnade ihm Gott! Wären wir erst beisammen! Der Frühling scheint so langsam zu kommen, und ich fürchte, Sie treffen die Gegend noch im halben Negligé, was mich doch ärgern würde, denn sie kann süperbe Toilette machen, das kann ich Sie versichern! Doch spürt man auch den Winter hier weniger als anderwärts; das immer lebendige, rollende Gewässer und die immer gleich grau durchklüfteten Alpen ersetzen Vieles. Mein Thurm ist köstlich, d. h. meinem Geschmacke nach: einsam, graulich, – heimliche Stiegen in den Mauern, – Fensterscheiben mit Sprüchen von Gefangenen eingeschnitten, – eine eiserne Thür, die zu Gewölben führt, wo es Nachts klirrt und rasselt, – und nun drinnen mein lieber, warmer Ofen, – mein guter, großer Tisch mit Allem darauf, was mein Herz verlangt, Bücher, Schreibereien, Mineralien, – und als Hospitant mein klein Kanarienvögelchen, das mir aus der Hand frißt und die Federn verschleppt. O es ist ein prächtiges Ding, der runde Thurm; ich sitze darin wie ein Vogel im Ei, und mit viel weniger Lust herauszukommen. Mein Wachtelhündchen habe ich abgeben müssen; Laßberg meinte, es würde endlich Flöhe bringen, obwohl es noch so rein und seiden war wie eine Boa von petit-gris. Es ist mir leid gewesen, aber mein Vögelchen ist auch gut und singt unendlich besser als Ali, so oft die Glocken läuteten. Sie sehen, ich thue dick mit meinen Schätzen, aber das muß man reichen Leuten schon übersehn.

Meersburg fängt übrigens seit Kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Local ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne, – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber, – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agiren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. Der Direktor, Herr Wurschbauer, ein Schauspieler von Ruf, früher verhätscheltes Mitglied eines bedeutenden Theaters – ich meine in Dresden – dem's aber wie der Geis »zu wohl im Stalle« geworden ist, und der jetzt mit seiner Familie und einigen andern gleich freiheitsdürstenden Freunden zur Abwechslung mal eine Art Vagabundenleben versucht. Ich denke, es wird nicht lange währen, so haben sie es satt; die Besseren kriechen wieder bei ordentlichen Theatern unter, und die Andern kommen auch schon fort; denn entschieden schlecht spielt Keiner. Gestern gaben sie den »Heurathsantrag auf Helgoland«, ganz vortrefflich. Ihre Garderobe ist noch gut, die Decorationen nicht störend, und sie beschränken sich auf kleine Stücke. So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passiren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt.

Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passionirt für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüber verlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinan fahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von »ganz ungenirt, ganz für sich, soviel man will, sein« auf sich hat, – man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch. Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Canton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangcomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthousiasten, in alle Geheimnisse des Contrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, daß es Einem wohlthut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessirt. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet fürs Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenns beim Letzten bleiben müßte! Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen, – vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachirt, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten bethurmten Ritterburg – Wartensee –, sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm!

Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vortheilhaft aus; aber ich glaube, damit ists auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Thurme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reducirt. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. Wir sind jetzt grade sehr besorgt wegen Mangel an Nachrichten von Hause. Meine Mutter hatte ihrer Kammerjungfer, die sie Kränklichkeit halber zurück lassen mußte, Schreibtermine gesetzt, die bis jetzt pünktlich eingehalten wurden; Fastnacht war nun wieder einer gewesen, und der Brief bleibt aus; entweder ist das arme Ding selbst viel kränker geworden, oder sonst etwas passirt, vielleicht meiner AltenAnnettens Amme, eine alte Bauernfrau, die seit dem Jahre 1834 ständige Hausgenossin in Rüschhaus war und dort im Februar 1845 starb. Ihr ist die vorletzte Strophe der »Grüße« und die letzte des Gedichtes »Was bleibt« gewidmet. – Levin wird Ihnen sagen, wer diese Person ist, und wie vielen Grund ich hätte, mir ihren Verlust sehr nahe zu nehmen –; ich will mich indessen nicht vielleicht unnöthig abängsten und schlage es mir aus dem Sinn, so gut ich kann.

Zu etwas Anderem! Den 4ten März. Wir haben Damenbesuch gehabt, keinen der Rede werthen, aber um desto zeitraubenderen, da ich natürlich um so mehr muß ziehen helfen, je schwerer die Unterhaltung rutscht; so komme ich erst heute wieder zum Schreiben. Wir hatten die ganze Woche durch ein Mordwetter; meine Fenster klirrten und krachten Tag und Nacht wie Vogelscheuchen, und ich hörte sogar durch die fünf Fuß dicke Mauer hinter meinem Bette den Schneeregen anschlagen, als wenn Mäuse im Stroh knisterten. Gestern, Sonntag, nun vollends schneite es ganze Wolkenfetzen und regnete Ziegel, so daß ich gar nicht auf meine gute Salm rechnete, und doch kam sie, aber halbtodt vor Kälte und Angst. Sie ist eine gute, freundliche Seele, und ich habe ihr nun auch versprochen, auf einige Tage zu ihr zu kommen, wenns erst sonnig und grün draußen ist, obwohl ich meine Zeit sehr nöthig habe. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muß ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen vertheilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis.

Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wunderts mich, daß ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin gerathen und hat den Contract aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt.

Mit den beiden Veränderungen in »Stadt und Dom« bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiß zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag »Weltensinn« statt »Weltsinn« (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schiens selbst halbwege so, und der »irdische Sinn« hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Consorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der »Weltsinn« sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn Jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ichs gut und lasse es jetzt besser sein. Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als »wie ein gewaltger Wogenschwall« gegeben. Die Zeit ist soeben ein »Strom« genannt, und nun gleich darauf: »wie ein Wogenschwall«, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: »Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich« sagen wollte: »Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich«. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: »Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall«; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden. – Zweitens kann das achte Haidebild nicht »Die Raben« heißen, sondern muß wieder zu dem Früheren »Krähen« degradirt werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden, – nämlich ein Schwarm Haidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift »Raben« ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach. – Drittens. Im »Traum«, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: »Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen«; was meinen Sie, könnte man sagen: »Sie über ihre Spalte gehen«? Gleich nachher kömmt: »Mit leisem Schlage dich zu strafen«; das »sacht« und »leise« so schnell nach einander macht sich nicht gut. – Viertens. Im »zu früh gebornen Dichter« darf vor Allem die Variante: »Doch ließ man dies als krankes Blut &c.« nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal »Muth« als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, daß ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: »Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) MuthIm Manuskripte der Gedichte: »Zwar dünkt ihn oft bei trütem Muth &c.«  &c.«, und zuletzt: »So mußt er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Thoren schelten.« Oder nicht? Aber das »kranke Blut« kann jedenfalls nicht bleiben. – Fünftens. Im »Spiritus familiaris«, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißts: »Ein irres Leben . . [ nescio] . . und klingelt.« Habe ich dort vielleicht »zieht« gesetzt? Dann muß es fort; »zieht« kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: »Ein irres Leben schwirrt und klingelt«; weil aber gleich nachher das »Glöckchen schwirrt«, wollte ich es ändern; mich dünkt »streift« oder»streicht« wär schon gut, »zieht« darf aber nicht bleiben, wenns da steht. – Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urtheil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am Liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urtheil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber »Der Graue« darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme.

Sie denken wohl, ich packe Ihnen da eine Last auf, ohne Sie nur zu fragen: ja, lieb Herz, Levins Frau steht mir viel zu nahe, als daß ichs auch nur einen Brief lang in halbweg ceremoniösem Tone mit ihr aushalten könnte; packen Sie mir wieder aus, wo ich irgend kann tragen helfen, und Sie sollen sehn, wie freudig ich es thun werde. Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Muthe geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, daß ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, daß Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ists doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiß nicht ausbleiben wird. Levin weiß das Alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist. Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann rathen, nur wöchentlich zu miethen, und werde Ihnen Alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir Gottlob endlich mal beisammen sind. Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen Musenalmanach wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so daß mein Antrag sich lediglich auf die Frage reducirt, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingts ihm, so viele Celebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen, – ob später, muß die Zeit lehren; vielleicht fehlts ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vortheil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, daß mich seine Bemühungen für mich so rühren, daß ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, daß es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau! Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an Zweie, die nur Eins sind. Adieu,

Ihre treue Annette.

O die Stolterfoth! So habe ich sie mir nicht gedacht. Mama, Jenny, Laßberg, Alle grüßen tausendmal.

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